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Zehntes Kapitel. Der Schrei

Asbjörn Krag ging durch die Felder und näherte sich dem großen Besitztum des Kaufmanns. Die Fenster des Hauses waren erleuchtet und schimmerten durch die zunehmende Dunkelheit.

An einer Biegung des Weges blieb er plötzlich verwundert stehen. Eine Dame kam ihm entgegen. Es war Dagny.

Krag grüßte, und Dagny Holger nickte ihm zu.

Dagny wollte erst schweigend an ihm vorbeigehen, aber dann war es, als bedächte sie sich.

Sie tat Asbjörn Krag herzlich leid, denn sie sah verstört und totenblaß aus.

»Wie sonderbar, daß wir uns hier treffen« sagte er.

»Das war von mir auch nicht beabsichtigt« erwiderte sie. »Ich nahm an, Sie seien bei ihm – bei dem Herrn Rittmeister.«

»Ich komme eben von ihm her. Darf ich mir die Frage erlauben, wo Sie herkommen, gnädiges Fräulein?«

»Ich bin ein wenig spazierengegangen.«

Asbjörn Krag betrachtete das Mädchen forschend.

»Haben Sie wirklich Lust, jetzt zu dieser Zeit spazierenzugehen, wo Sie doch leicht einer peinlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt sein könnten?«

»Nein, ich habe keine große Lust dazu.«

»Dann sind Sie also an einen bestimmten Ort gewesen?«

»Ja.«

»Haben Sie einen Feind oder einen Freund ausgesucht?«

Dagny Holger schwieg längere Zeit Es war deutlich zu merken, daß sie nach Fassung rang. Endlich stieß sie die Worte hervor:

»Ich hoffte ich würde keinem Menschen begegnen. Nun ich aber doch mit Ihnen zusammengetroffen bin, habe ich eine Bitte an Sie.«

»Nur heraus damit, liebes Fräulein Holger.«

»Versprechen Sie mir, dem Rittmeister nicht zu erzählen, daß Sie mich hier getroffen haben.«

»Das verspreche ich Ihnen. Haben Sie sonst noch eine Bitte?«

»Nein« antwortete sie und machte Anstalten weiterzugehen.

»Dann möchte ich Ihnen etwas sagen. Sollten Sie sich in den nächsten Tagen einer großen Gefahr ausgesetzt sehen, lassen Sie mich rufen.«

Dagny nickte nur und gab mit Worten keine Antwort. Aber als sie eine kleine Strecke gegangen war, wandte sie sich, um zu sehen, ob der Detektiv ihr folge. –

Krag war stehengeblieben und starrte dem jungen Mädchen nach, bis es hinter einer Wegkrümmung verschwunden war. Dann schüttelte er den Kopf und ging in der entgegengesetzten Richtung weiter.

Er fühlte sich sehr erregt von der unerwarteten Begegnung, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß dieses Drama noch nicht zu Ende gespielt sei, daß sich im Gegenteil jede Stunde etwas Neues ereignen könnte.

Zu welchem Zweck war die junge Dame zu dieser Tageszeit unterwegs? Was hatte diese Geheimnistuerei zu bedeuten, mit der sie sich umgab? Der Detektiv fing an zu vermuten, daß er sich noch weit vom Kern der Sache befinde. Wenn er ihr weiter nachspürte, würde er vielleicht auf noch größere Rätsel stoßen. Und wenn er sich die verweinten Augen der jungen Dame vorstellte, dann überkam ihn eine Ahnung, daß etwas neues Schreckliches ihrer warte oder vielleicht schon eingetroffen sei. Unter solchen Gedanken war Asbjörn Krag beim Hause des Kaufmanns angelangt. Er trat ein und verlangte den Kaufmann zu sprechen. Dieser erschien auch sofort. Krag merkte ihm gleich eine gewisse Zurückhaltung an. Der Mann sprach ausweichend, in langsamen Sätzen, und suchte die Sache möglichst zu umgehen. Dem Detektiv wurde schnell klar, daß die Leute der Gegend mißtrauisch gegen ihn geworden waren, weil sie meinten, er habe die Partei des Schuldigen ergriffen, der in ihren Augen niemand anders sein konnte als der Rittmeister. Es wurde ihm unheimlich zumute, wenn er an den unendlichen Schaden dachte, den solch eine vorgefaßte Volksmeinung in einem bedeutenden, schwierigen Fall anrichten kann. Gewiß würde er aus Gesprächen mit den Nachbarn seines Freundes, wie er jetzt eines anzuknüpfen versucht hatte, nicht viel herauszubringen vermögen.

Aber der Zufall, der Asbjörn Krag schon mehrfach in wunderbarer Weise zu Hilfe gekommen war, tat dies auch jetzt.

Er unterhielt sich mit dem Kaufmann in dessen Stube. Auf dem Tisch befanden sich Schreibsachen, Feder und Tintenfaß sowie mehrere Papiere, darunter auch ein angefangener Brief. Dieser Brief fiel Asbjörn Krag in die Augen, und als er die Handschrift sah, war er so verblüfft, daß er seine Bewegung kaum zu verbergen vermochte.

Diesen Brief mußte er haben! Und er mußte ihn womöglich so in seinen Besitz bringen, daß der Kaufmann nichts davon merkte.

Nun hörte Krag anscheinend auf, den Kaufmann über den vorliegenden Fall und die darin verwickelten Personen auszufragen und betrachtete sich statt dessen die Photographien an den Wänden mit großer Aufmerksamkeit.

Und siehe da, es währte nicht lange, da befand sich der Brief in der Tasche des Detektivs. Der Kaufmann hatte nichts gemerkt.

Nun ging Krag nach Hause. Es war inzwischen neun Uhr geworden und bereits recht dunkel. Dennoch zog der Detektiv den Brief aus der Tasche und las, was da geschrieben stand. Es war ein ganz gewöhnlicher, noch unvollendeter Geschäftsbrief, der sich um den Verkauf eines Waldes drehte. Aus dem Inhalt ging deutlich hervor, wer den Brief geschrieben haben mußte.

Außer diesem letzten Punkt bot der Inhalt für Asbjörn Krag nicht das mindeste Interesse. Die Handschrift war es allein, die sein Interesse gefangen hielt, und er zitterte vor Freude über seine Entdeckung. Das war der erste Lichtstrahl in diesem geheimnisvollen Dunkel.

Als nun Krag langsam über die Felder ging, hörte er plötzlich aus der Richtung, wo des Rittmeisters Haus stand, einen Schrei des Entsetzens.

Asbjörn Krag blieb erstarrt stehen und lauschte in die Dunkelheit hinein.

Dieser Schrei war ihm durch Mark und Bein gegangen; er kam ihm vor wie der Hilfeschrei eines Menschen in höchster Not.

Anscheinend war der Schrei von der andern Seite des Gehölzes hergekommen, wo das offene Feld war, das an den Hof des Rittmeisters grenzte.

Asbjörn Krag blieb längere Zeit stehen und lauschte, ob sich der Schrei wiederholen werde. Er wartete mehrere Minuten, da aber alles still blieb, ging er entschlossen weiter und beeilte seine Schritte. Er hatte ein unbehagliches Gefühl, daß in der Nähe von des Rittmeisters Haus etwas vorgefallen sein müsse.

Krag erwartete halb und halb, das ganze Haus in Aufregung zu finden; als er aber hinkam, war alles ruhig, und die Fenster leuchteten friedlich in die Nacht hinein.


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