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Sechzehntes Kapitel. Der zweite Mord

Ohne sich um des Mädchens steigende Angst und Ungeduld zu kümmern, fuhr der Detektiv fort, indem er den Ring einsteckte:

»Als ich vorhin, nachdem ich diesen kleinen Ring im Zimmer des Rechtsanwalts gefunden hatte, die Kaufmannsfrau fragte, ob gestern abend jemand den Rechtsanwalt habe sprechen wollen, nachdem er um halb acht Uhr anscheinend auf sein Zimmer gegangen, tatsächlich aber ausgegangen war, zögerte sie mit der Antwort. Da merkte ich, daß sie jemand decken wollte. Und wer hätte das anders sein können, als das Kind, das sie früher gewartet hatte, wer anders hätte diesen Ring droben verloren haben können, als das elegante Fräulein Dagny Holger? Ich ging nicht näher darauf ein, ich unterließ es, die Frau zu bedrängen, sie brauchte also ihren Schützling nicht zu verraten. Sie sehen, Fräulein Holger, daß ich in der Tat sehr diskret bin.

Jetzt war es mir leicht, klar darüber zu werden, was geschehen war.

Sie und der Rechtsanwalt hatten einander also verfehlt, und als Sie, von jedermann ungesehen, am Hause angelangt sind, treffen Sie da die Frau des Kaufmanns und überreden sie zu dem Versprechen, nichts zu verraten, was ich ganz verständlich finde. Dann fragen Sie nach dem Rechtsanwalt, und sie antwortet – denn sie weiß es ja nicht anders, – er sei auf seinem Zimmer. Sie gehen allein hinauf, denn bei der Unterredung, die Sie jetzt mit ihm haben werden, wünschen Sie keine Zeugen.

Sie klopfen an, keine Antwort. Sie klopfen stärker, immer noch keine Antwort.

Liebes Fräulein Holger, was regte sich da in Ihrem Hirn, das in den letzten Tagen von Leid und Kummer und Sorgen erfüllt gewesen war? Sie begriffen, daß der Mann nicht zu Hause war, und Sie dachten: Wenn ich jetzt nur einen Augenblick in sein Zimmer gelangen, nur einen einzigen kleinen Augenblick, seine Schubladen durchsuchen könnte! Und da bemerkten Sie, daß die Türe, die Sie von der Stätte Ihrer Hoffnung schied, eine von den altmodischen Türen mit einem schlechten Schloß war. Sie brauchten nur ein wenig stark zu drücken, um das Schloß zu sprengen. Und in diesem Augenblick fühlten Sie sich am Rande der Verzweiflung. Sie drückten, und die Türe sprang auf. Nun fingen Sie an, die Schubladen zu durchsuchen und warfen seine Papiere herum. Sie glaubten, Sie hätten nur wenig Zeit, und für Sie galt es, ein einziges kleines Ding zu finden. Ich irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß es ein Papier war, ein Dokument, was Sie suchten. Bleiben Sie ganz ruhig, Fräulein Holger, Sie wagten nicht, noch länger im Zimmer zu bleiben, und liefen davon, erfüllt von Schreck und Verzweiflung.«

Dagny Holger hatte sich erhoben. Sie war entsetzlich blaß und zitterte am ganzen Körper.

»Haben Sie das Dokument gefunden?« fragte Krag scharf.

Schwankend schritt Dagny Holger der Türe zu.

»Nein!« flüsterte sie vor sich hin. »Ich habe das Papier nicht gefunden und ich bin noch ebenso unglücklich wie vorher.«

Nun stand sie schon an der Türe, aber Asbjörn Krags Stimme rief sie noch einmal zurück.

»So werde ich das Schriftstück für Sie finden, Fräulein Holger, verlassen Sie sich darauf«, sagte er. Aber nun war es, als ob sie plötzlich zum Bewußtsein erwache. Sie hob den Kopf.

»Von welchem Schriftstück reden Sie?« fragte Dagny Holger. »Jetzt kann ich nicht mehr bleiben. Ich habe andere Pflichten.« Damit verließ sie das Zimmer.

Asbjörn Krag blieb allein zurück. Er war wirklich bewegt und begriff, daß es ein entsetzliches Geheimnis sein mußte, das dieses arme Mädchen zwang, so unverbrüchlich zu schweigen.

Dann ging auch er. Als er ins Freie kam, läutete auf den Höfen ringsum die Mittagsglocke.

Krag dachte über seine Stellung in dieser Sache nach und kam zu dem Schluß, daß er noch niemals so viele Schwierigkeiten gehabt habe wie hier. Es lagen hier ungewöhnliche Umstände vor; selbst die Personen, die ihm hätten helfen sollen, banden ihm die Hände, weil sie ihre Karten nicht offen auf den Tisch legen wollten. Sie behaupteten, was sie verschweigen müßten, habe nichts mit der Sache zu tun, aber er selbst war überzeugt, daß gerade das Gegenteil der Fall war. Wenn nur der Rechtsanwalt aufzutreiben gewesen wäre!

Plötzlich wurde Krag auf einen Menschen aufmerksam, der ihm in höchster Eile entgegengelaufen kam. Er sah gleich, daß es der stellvertretende Amtsrichter war.

Als der Amtsrichter näher kam, bemerkte der Detektiv, daß der junge Mann blaß und verstört aussah. Da mußte etwas geschehen sein.

»Endlich finde ich Sie!« rief der Stellvertretende atemlos. »Ich habe Sie überall gesucht.«

»So? Was ist denn geschehen? Sie sehen ja aus, als ob Sie ein Erdbeben oder sonst was Entsetzliches erlebt hätten.«

»Es ist auch etwas Fürchterliches geschehen!« rief der Amtsrichter. »Wir haben den Rechtsanwalt Bomann gefunden.«

»Das ist ja schön. So haben wir doch endlich Hoffnung, der Sache auf den Grund zukommen.«

»Rechtsanwalt Bomann ist tot!« sagte der Amtsrichter.

Asbjörn Krag blickte ihn scharf an.

»Von eigener Hand?« fragte er.

Das war Krags erster Gedanke, und er wartete gespannt auf die Antwort. Der Stellvertretende war so bestürzt, daß er kaum reden konnte.

»Nein«, stammelte er endlich.

»Also eines natürlichen Todes gestorben?«

»Nein.«

Der Detektiv faßte ihn hart am Arm.

»Was wollen Sie damit sagen. Herr Amtsrichter? Ist er –«

»Rechtsanwalt Bomann ist ermordet worden. Wir haben seine Leiche gefunden.«

Der Detektiv fuhr heftig zusammen; er wurde sonst nicht leicht durch etwas verblüfft, aber diese unheimliche Kunde überraschte ihn doch. Nun erinnerte er sich auch mit einem Male an Dagny Holgers sonderbare und ängstliche Fragen, und ein drückendes Gefühl, daß die Sache, wenn sie vor das Schwurgericht kam, noch entsetzlicher sein könnte, als er seither angenommen hatte, überkam ihn.

»Führen Sie mich hin!« rief er und machte sich hastig auf den Weg.

Der Stellvertretende erklärte in unzusammenhängenden Sätzen, was geschehen war.

Der Verwalter des Rittmeisters hatte die Leiche gefunden und hatte sofort den Amtsvorsteher benachrichtigt, der sich eben in der Gesellschaft des stellvertretenden Amtsrichters befand. Sie waren zusammen hingeeilt. Die Nachricht von dem unheimlichen Fund hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet, und von allen Seiten kamen die Menschen herbeigelaufen.

Man hatte den Rechtsanwalt am Rande des Gehölzes in der Nähe vom Hofe des Rittmeisters gefunden. Offenbar war es seine Absicht gewesen, über die Felder zum Hause des Rittmeisters zu gehen, und da war er überfallen worden.

»Ist er erschossen worden?« fragte Krag.

»Nein, der Mörder hat ihm einen gewaltigen Schlag mit irgendeinem stumpfen Instrument beigebracht. Er muß auf der Stelle tot gewesen sein, die Verletzung ist fürchterlich.«

»Ist irgendeine Spur zu finden?«

»Nein, nicht die mindeste. Das Ganze ist vollkommen rätselhaft. Es scheint, als ob der Rechtsanwalt genau auf dieselbe Weise zu Boden geschlagen worden sein müsse, wie der alte Oberst Holger.«

Krag fuhr zusammen.

»Und um welche Zeit?« fragte er.

»Gestern abend muß er ermordet worden sein.«

Der Detektiv erinnerte sich nun an den unheimlichen Schrei, den er auf dem Heimweg nach seiner Unterredung mit dem Kaufmann gehört hatte. Das mußte ein Hilferuf des Rechtsanwalts gewesen sein; es hatte wie der Schrei eines Menschen in Todesnot geklungen.

Endlich langten der Detektiv und der stellvertretende Amtsrichter am Tatort an. Eine Menge Menschen standen umher. Krag fühlte sich davon höchst unangenehm berührt, denn er wußte, daß nun alle Spuren zusammengetrampelt waren.

Der alte Amtsvorsteher, der ganz außer sich war vor Entsetzen, hatte die Leute nicht vom Tatort fernzuhalten vermocht. Einige beugten sich über den Toten, andere liefen herum und traten das Gras nieder, einige weinten auch vor Schrecken und Aufregung. Sobald man den Detektiv kommen sah, wichen die Menschen scheu zur Seite. Der Detektiv stutzte unwillkürlich, als er den Toten erblickte.

»Ist die Leiche angerührt worden?« fragte er.

»Nein«, erwiderte der Verwalter, der ebenfalls anwesend war. »So, wie er daliegt, habe ich ihn gefunden.«

Der Tote lag unter einem Baume, halb auf dem Gesicht, genau so, wie der alte Oberst aufgefunden worden war. Er hatte eine fürchterliche Verletzung an der linken Seite des Hinterkopfes. Die gleiche Verletzung hatte auch der Oberst gehabt. Krag blickte eine Weile über das freie Feld hin. Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

Auch der Oberst war unter einem Baum am Rande des Waldes gefunden worden. Der Rechtsanwalt war unzweifelhaft auf dem Weg über das Feld gewesen, gleichwie der Oberst über die Holtewiese hatte gehen wollen.

Da war der geheimnisvolle Feind erschienen, und beide hatten sich in den Wald zu flüchten versucht. Aber keiner von beiden war bis dahin gelangt. Asbjörn Krag sah ein, daß seine ganze sinnreich aufgebaute Hypothese im Begriff war, zusammenzustürzen. Er hatte während der letzten vierundzwanzig Stunden sicher geglaubt, daß es der Rechtsanwalt gewesen sein müsse, der den Schlag gegen den alten Obersten geführt hatte. Aber dieser neue Ueberfall warf seine Annahme vollständig über den Haufen.

Die Leute, die bisher schweigend den Detektiv betrachtet hatten, fingen nun an, die Köpfe zusammenzustecken. Krag blickte auf.

Dort sah man eine Gestalt langsam übers Feld daherkommen.

Es war Rittmeister Ivar Rye.


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