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Vierzehntes Kapitel. Im Zimmer des Rechtsanwalts

Der Amtsvorsteher wurde von allen Anwesenden umringt; Asbjörn Krag eilte auf ihn zu.

»Hören Sie, wir haben mit Ihnen zu reden«, sagte er.

Er winkte dem Vorsitzenden, und die drei Herren gingen zusammen hinaus. Die Journalisten wollten mitkommen, aber auf ein Wort Krags blieben sie zurück.

Als der Detektiv mit dem stellvertretenden Amtsrichter und dem Amtsvorsteher vor der Tür war, fragte er diesen:

»Wo sind Sie gewesen?«

»Ich war beim Kaufmann.«

»Haben Sie den Rechtsanwalt angetroffen?«

»Nein.«

»Sie müssen aber doch etwas erlebt haben. Sie sehen ja ganz verstört aus.«

»So etwas habe ich noch nie gesehen!«

»Sie hatten Befehl, in das Zimmer des Rechtsanwalts einzudringen, nicht wahr?«

»Ja.«

»War die Türe geschlossen?«

»Nein, sie war eingedrückt.«

»Gut. So wollen wir machen, daß wir hinkommen. Meinen Sie nicht auch, Herr Amtsrichter?«

Dieser nickte und ging ins Zimmer, um die Sitzung zu vertagen. Dann machten sich die drei auf den Weg.

Asbjörn Krag ging eilends voran. Er ging so schnell, daß der Amtsvorsteher, der ein älterer und etwas beleibter Mann war, ihm kaum folgen konnte. Der stellvertretende Amtsrichter war sehr gespannt.

Als sie am Hause des Kaufmanns angelangt waren, wurden sie von der Kaufmannsfrau in den zweiten Stock gewiesen, in dem der Rechtsanwalt sein Zimmer hatte. Die Frau kam selbst mit hinauf. Sie sah bekümmert aus und war wortkarg. Augenscheinlich hatte das, was geschehen war, einen starken Eindruck aus sie gemacht.

Asbjörn Krag ging ihr voran und entdeckte gleich die aufgesprengte Tür, durch die er sofort ins Zimmer des Rechtsanwalts eintrat. Und nun verstand er auch mit einem Male, warum der arme Amtsvorsteher so erschrocken ausgesehen hatte.

Das Zimmer zeigte deutliche Spuren, daß hier allerlei Gewalttätigkeiten verübt worden waren. Die Schublade der Kommode und des großen Schreibtischs, der in der Mitte des Zimmers stand, waren herausgezogen, und eine Menge Papiere lagen über den Teppich verstreut. Einige Stühle waren umgeworfen.

»Hier sieht es aus, als ob ein Kampf stattgefunden hätte«, sagte der Stellvertretende, indem er auf das Durcheinander deutete.

Der Detektiv ging im Zimmer umher und spürte überall nach. Er bückte sich, nahm eifrig verschiedene Papiere vom Boden auf und las sie durch. Es waren lauter Schriftstücke, die für den vorliegenden Fall nicht das mindeste Interesse boten, Kaufkontrakte, Abschriften von Geschäftsbriefen, alte Rechnungen und derartiges. Krag untersuchte auch den Bodenteppich, und diese Untersuchung nahm mehrere Minuten in Anspruch. Sie schloß damit, daß er plötzlich aufstand. Ein scharfer Beobachter hätte bemerken können, daß er etwas vom Boden aufhob, aber das war sowohl dem Amtsvorsteher wie dem stellvertretenden Amtsrichter entgangen.

Als Asbjörn Krag mit seiner Untersuchung zu Ende war, sah er sehr ernsthaft aus.

»Der Rechtsanwalt muß gefunden werden, so viel steht fest«, sagte er.

Dann fragte er, ob er nicht die Frau des Kaufmanns sprechen könne, und die kleine und unansehnliche, etwas schüchterne Frau kam sofort herein.

»Sie sehen, was hier vorgegangen ist«, fing Krag an.

»Ich weiß von gar nichts«, behauptete die Frau.

»Haben Sie keinen Lärm gehört?«

»Gestern abend kam es mir einmal vor, als ob ich einige starke Stöße gegen den Fußboden hörte, aber ich kümmerte mich nicht darum. Ich meinte, der Herr Rechtsanwalt sei droben in seinem Zimmer.«

Krag deutete auf die Stühle.

»Sie werden gehört haben, wie diese Stühle umgefallen sind«, sagte er.

Nun mischte sich der Amtsrichter in die Unterhaltung.

»Vielleicht ist auf den Rechtsanwalt ein Ueberfall verübt worden«, meinte er.

»Das glaube ich nicht«, sagte Krag. »In diesem Fall hätte er sehr leicht Hilfe herbeirufen können. Nein, das ist ein Einbruch, nichts anderes.«

»Der Herr Rechtsanwalt hat stets größere Summen in seiner Brieftasche bei sich gehabt«, warf die Frau ein.

»Dem Dieb war es nicht um Geld zu tun, der suchte etwas ganz anderes. Er suchte nach einem Papier. Um wie viel Uhr haben Sie den Rechtsanwalt zum letztenmal gesehen?«

»Gestern abend um halb acht Uhr.«

»Befand er sich da in seinem Zimmer?«

»Nein, er saß unten in unserer Stube und schrieb einen Brief.«

Krag dachte an den unvollendeten Brief, der sich in seiner Tasche befand. An diesem Brief mußte er da geschrieben haben. Aber warum hatte er sein Schreiben so rasch abgebrochen?

»Hat er den Brief zu Ende geschrieben?«

»Das weiß ich nicht. Wir haben uns nie um seine Sachen gekümmert.« Er sah nach der Uhr und ging dann rasch zur Stube hinaus.

»Sagte er, wohin er gehen wolle?«

»Ja, er wolle hinaufgehen in sein Zimmer, sagte er. Etwa eine halbe Stunde nachher hörte ich die Stöße gegen den Fußboden, aber da ich meinte, der Herr sei droben, dachte ich gar nicht weiter darüber nach.«

»Und seither haben Sie ihn nicht mehr gesehen?«

»Nein, weder ich noch mein Mann. Mein Mann ist sehr unruhig. Es gehen ja jetzt so viele unheimliche Dinge hier in der Gegend vor.«

»Ist jemand hier gewesen und hat nach ihm gefragt?«

Die Frau gab keine Antwort. Unsicher sah sie zu dem Detektiv auf. Krag fixierte sie scharf.

»Hier ist nichts mehr zu tun«, sagte er. »Können Sie mir ein Fahrrad verschaffen?«

Es stellte sich heraus, daß der Amtsvorsteher im Besitze eines Rades war. Krag fuhr darauf eilends davon, und die beiden andern starrten ihm erstaunt nach.

Der Detektiv fuhr zum Hause des Obersten; dort schickte er dem Fräulein seine Karte.

Dagny ließ fragen, ob er sie durchaus sprechen müsse, sie sei durch die Pflege ihres Vaters vollständig in Anspruch genommen.

Der Detektiv antwortete kurz und bündig, er müsse sie unbedingt sprechen.

Dagny kam. Die junge Dame war jetzt ganz in Schwarz gekleidet, was ihre bleiche Schönheit besonders hervorhob.

Asbjörn Krag stand auf und ging ihr entgegen.

»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Ihnen unter den gegebenen Umständen lästig fallen muß«, sagte er. »Es ist aber durchaus notwendig, daß Sie mir einige Fragen beantworten. Haben Sie seither irgend etwas über die Sache gehört?«

»Nicht das mindeste.«

»Wissen Sie, daß der Rechtsanwalt Bomann verschwunden ist?«

Die junge Dame fuhr erschrocken zusammen.

»Verschwunden? Das ist ja sonderbar«, sagte sie.

»Ich höre, daß Sie ihn kennen und wissen, wovon ich rede«, erwiderte er. »Seinetwegen bin ich hierher gekommen.«

Dagny Holger war dunkelrot geworden. Sie ging auf die Tür zu.

»Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen diese Falle gestellt habe«, sagte Krag.

»Aber ich habe mir nun einmal vorgenommen, dieser Sache auf den Grund zu kommen. Es ist nicht klug von Ihnen, wenn Sie gehen, Fräulein Holger.«

»Sie sollten sich hüten, Fallen zu stellen«, sagte sie. Aber sie blieb stehen.

Asbjörn Krag saß gelassen da und wippte mit dem einen Bein, das er über das andere geschlagen hatte.

»Erinnern Sie sich, Fräulein Holger, daß ich Ihnen gestern abend etwas nach acht Uhr begegnet bin?«

»Ja, ich erinnere mich daran.«

»Ich fragte Sie, wozu Sie noch so spät unterwegs seien, und Sie wollten mir keine Antwort geben, aber ich sah wohl ein, daß Sie sich nur aus einem sehr triftigen Grunde vom Krankenlager Ihres Vaters entfernt haben konnten.«

»Was geht denn das Sie an?«

»Liebes Fräulein Holger, wenn Sie die Sache so auffassen, dann bedauere ich, jetzt gewisse Rücksichten auf die Seite setzen zu müssen. Wollen Sie mir eine Frage, eine ganz bestimmte Frage gestatten?«

Dagny Holger gab keine Antwort.

»Ich erlaube mir, Sie zu fragen: Haben Sie das Schriftstück gefunden?«

Die junge Dame wurde totenbleich und sank auf den nächsten Stuhl. Asbjörn Krag lief zu ihr hin. Sie war einer Ohnmacht nahe.

»Soll ich die Dienerschaft rufen?« fragte er.

»Nein, nein!« flüsterte sie.

Vorsichtig ergriff er ihre Hand.

»Warum wollen Sie auch alles vor mir verbergen?« fragte er. »Bezweifeln Sie, daß ich Ihr Freund bin?«

Plötzlich stand sie auf.

»Jetzt müssen Sie gehen«, sagte sie.

»Nein, ich gehe nicht, ehe ich eine Antwort auf meine Frage erhalten habe. Haben Sie das Schriftstück gefunden?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«

Asbjörn Krag zog einen kleinen Gegenstand aus der Tasche. Es war das kleine Ding, das er aus dem Fußboden im Zimmer des Rechtsanwalts gefunden hatte. Er legte das Ding auf den Tisch.

»Bitte!« sagte er. »Dies gehört Ihnen.«

Dagny Holger stieß einen lauten Ruf der Ueberraschung aus.


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