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Drittes Kapitel. Der Verdacht

Während der Eisenbahnfahrt befand sich Asbjörn Krag in einer Unruhe, wie er sie selten verspürt hatte. Ein ums andere Mal überdachte er das Telegramm mit der Nachricht von dem rätselhaften Unglücksfall.

Der alte Oberst war also halbtot in der Nähe seines Hofes aufgefunden worden. Unter verdächtigen Umständen. Es kam Krag sonderbar vor, daß ihm sein Freund Rye davon keine Mitteilung gemacht hatte.

Verdächtige Umstände! Diese Worte klangen sehr bedenklich. Es mußte ihnen etwas sehr Ernstes zugrunde liegen, sonst hätte das Telegramm kaum so gelautet. Diese Depesche war von einem Berichterstatter ans Telegraphenbüro gerichtet worden. Wahrscheinlich hatten also die Zeitungen Oslos bereits das Publikum in Bewegung gesetzt, und das war dem Detektiv kein angenehmer Gedanke. Es war ihm immer am liebsten, wenn er seine Arbeit in der Stille tun konnte. Er ging durch alle Wagen des Zuges, entdeckte aber zu seiner Freude keinen Journalisten. Nun hatte er also jedenfalls einen halben Tag Vorsprung.

Einer der Reisenden fing ein Gespräch mit ihm an. Es war ein älterer Herr mit einem gutmütigen Gesicht, ein Versicherungsagent. Während des Gesprächs erwähnte Asbjörn Krag auch den Unglücksfall, der den alten Oberst getroffen hatte, und das interessierte den Versicherungsagenten sehr lebhaft. Es zeigte sich, daß er den Oberst seit mehreren Jahren kannte.

»Ich hielt viel von dem alten Herrn«, sagte der Agent. »Er war ein Soldat von altem Schrot und Korn, hartköpfig, aber im Grunde herzensgut. Seine Gastfreiheit war großartig.«

»Da ist er wohl sehr reich?« fragte Krag.

»Er hatte etwas von seinem Vater geerbt, aber er selbst hat sein Vermögen vervielfacht, denn er hatte einen ausgeprägten Geschäftssinn. An mehreren Fabriken war er beteiligt, trocknete Moore aus und ließ Land urbar machen. Ich glaube, daß sein Vermögen jetzt nach unsern Verhältnissen wohl groß genannt werden darf.«

Der gesprächige Versicherungsagent erzählte noch allerlei von dem alten Oberst, und Asbjörn Krag lauschte begierig. Die kleinste Kleinigkeit war ihm wichtig, wenn er mit einer derartigen Untersuchung beschäftigt war; alles, was er erfahren konnte, stapelte er in seinem Gehirn auf. Da lag alles gewissermaßen in Schubfächern geordnet, und er konnte nach Bedarf das betreffende Fach aufziehen und durchsuchen.

Im Laufe des Nachmittags langte der Zug an der kleinen Station an. Krag hatte seinem Freunde Rye keine Ankunft nicht angezeigt und wurde deshalb auch nicht am Bahnhof abgeholt. Es war eine milde und warme Witterung, und Asbjörn Krag freute sich behaglich auf die Wagenfahrt, die er bis zu Ivar Ryes Gutshof zurückzulegen hatte. Er trat in den Kaufladen, um sich einen Wagen zu bestellen.

»So. Sie wollen also zu Herrn Rittmeister Rye«, sagte der Kaufmann ruhig und sah ihn aufmerksam an.

Asbjörn bemerkte den Blick und wunderte sich darüber.

»Meinen Sie, er sei nicht zu Hause?« fragte er.

Der Kaufmann lachte.

»Doch, ich glaube schon. Ich glaube nicht, daß er jetzt so bald auf Reisen gehen wird. Jedenfalls nicht weit fort.«

Als Asbjörn Krag diese ernst gesprochenen und verdächtig klingenden Worte hörte, fühlte er wieder eine sonderbare Unruhe in seinem ganzen Körper.

»Sie sprechen von einem meiner besten Freunde«, sagte er zu dem Kaufmann.

»Ach so!« beeilte sich dieser zu sagen. »Na ja, der Herr Rittmeister ist gewiß ein bedeutender Mann. Und große Reisen hat er gemacht. Ist er nicht rund um die ganze Erde gekommen?«

»Doch, das ist er. Er ist in vielen Ländern gewesen.«

»Ja. in der Fremde draußen nimmt man's nicht so genau«, sagte der Kaufmann und ging dann hin, um den Kutscher zu rufen.

Asbjörn Krag merkte wohl die Vorsicht, die aus diesen Worten sprach. Also hatte sich das Gerede der Leute bereits dieser Sache bemächtigt. Krag merkte, daß man Ivar Rye nicht wohlwollte.

Als Kutscher erhielt Asbjörn einen alten graubärtigen Bauern. Während des ersten Teils der Fahrt zeigte sich der Bauer still und verschlossen, aber durch Krags Freundlichkeit und die Gabe eines Priemchens Tabak taute er auf. Endlich fragte er zögernd:

»Sind Sie aus der Nachbarstadt?«

»Behüte, ich bin aus Oslo.«

»Und Sie wollen zu Herrn Rittmeister Ivar Rye?«

»Gewiß.«

»Kennen Sie ihn denn?«

»Nein«, behauptete Krag, einer plötzlichen Eingebung folgend.

Es entstand eine lange Pause. Dann begann der Bauer wieder zu fragen:

»Dann sind Sie vielleicht einer – so einer von denen – die aus der Stadt erwartet werden?«

»Nein, das bin ich nicht«, erwiderte Asbjörn Krag. »Aber ich bin wegen des Unglücksfalls, der Oberst Holger betroffen hat. hergekommen.«

Der Bauer nickte.

»Na das konnte ich mir ja denken«, sagte er.

»Lebt er noch?«

»Ja, er lebt noch, und vielleicht kommt er auch durch, aber er ist noch nicht zu sich gekommen.«

Nun wurde der Bauer geheimnisvoll und murmelte halblaut vor sich hin:

»Vielleicht ist es für jemand recht gut, daß er noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen ist und eine Anklage erheben kann.«

»Kennen Sie Herrn Rittmeister Rye?« fragte Krag.

»Jawohl ich kenne ihn schon und ich habe auch seinen Vater gekannt. Mit dem ließ sich noch ein Wort reden. Aber der Herr Rittmeister läßt niemand zu nahe kommen.«

Asbjörn Krag sah wohl ein, daß ein Mann wie Ivar Rye mit seinem Starrkopf, seinem abweisenden und verschlossenen Wesen unter dem Volke wenig beliebt sein konnte.

Kurz darauf fragte der Bauer:

»Was haben Sie denn für einen Beruf?«

Krag wußte nicht recht, was er sagen sollte.

»Ich bin Journalist«, sagte er dann.

Das verstand der Bauer nicht.

»Einer, der für die Zeitung schreibt«, erklärte der Detektiv.

Da ging dem Bauer ein Licht auf.

»Also Kolporteur. Ach so«, sagte er.

Asbjörn Krag ließ sich diese Bezeichnung gefallen. Kurze Zeit darauf deutete der Bauer auf einige Baumgruppen und sagte:

»Sehen Sie dort den Glockenturm?«

»Jawohl.«

»Das ist der Turm auf dem Gute des Herrn Obersten.«

»Dann muß das ein großer Hof sein.«

»Ja, es ist das größte Gut hier in der Gegend.«

»Möchten Sie gerne die Stelle sehen?« setzte der Bauer nach einer Weile hinzu.

»Welche Stelle?«

»Die Stelle, wo es geschehen ist. Wo man ihn gefunden hat.«

»Nein, ich danke. Jetzt noch nicht. Wer hat ihn denn gefunden?«

»Der Ingenieur.« Wieder deutete der Bauer mit dem Finger. »Dort auf dem Ziegelwerk. Er kam des Nachmittags über die Wiese und sah ihn am Waldrand unter den Bäumen liegen. Er machte Anzeige beim Gericht. Dann wurde der Oberst nach Hause gebracht. Und nun sind wir da.«

Der Wagen hielt vor einem alten Herrenhaus inmitten eines mit hoher Hecke umgebenen Obstgartens, Krag entlohnte den Kutscher und entließ ihn. Als er in den Garten trat, war nirgends ein Mensch zu sehen, aber ein Hund fing an, mit der Kette zu rasseln und gewaltig zu bellen. Da kam ein Mann in Hemdärmeln heraus.

»Ich möchte Herrn Rittmeister Rye sprechen«, sagte Krag. »Ist er zu Hause?«

Der Mann betrachtete ihn schweigend eine Weile. Dann sagte er:

»Ja, er ist zu Hause. Aber ich weiß nicht, ob er jemand empfangen kann.«

Allein in diesem Augenblick wurde an eines der Fenster geklopft. Asbjörn Krag sah auf und erblickte seines Freundes Gesicht hinter den Scheiben. Ivar Rye sah aus, als ob er viele Nächte nicht mehr geschlafen hätte.

Asbjörn Krag trat in seines Freundes Arbeitszimmer, dessen Wände mit hübsch eingebundenen Büchern fast bedeckt waren. Am Fenster stand ein großer Schreibtisch. Hier hatte Rye gesessen und hatte seinen Freund ankommen sehen.

Die beiden begrüßten einander, als ob sie erst vor einer Stunde beisammen gewesen wären.

»Na, es freut mich, daß du da bist«, sagte Rye. »Eben habe ich mir überlegt, ob ich dir nicht telegraphieren solle.«

»Ich komme wegen des Unglücksfalles«, sagte Krag.

Ein Schatten glitt über des Freundes Gesicht. »Hast du schon mit jemand darüber gesprochen?« fragte er.

»Ich habe mit zwei Leuten aus der Gegend gesprochen.«

»So bist du wohl schon vollständig im Bilde über die Sache?«

»Ja, mir ahnt, daß es dir augenblicklich nicht besonders gut geht.«

»Nicht schlechter als sonst«, gab Ivar Rye zur Antwort. »Es ist nur der einzige Unterschied, daß ich jetzt bei den Leuten im Verdacht stehe, ein Mörder zu sein.«


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