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Urwald

Am nächsten Morgen kamen einige Männer, leider aber nicht genug, um mein Gepäck weiterzuschaffen; so mußte ich mich denn entschließen, einen Teil zurückzulassen, darunter die Apotheke.

Bald hörten die Pfade auf, und die einzige Verbindung zwischen den Dörfern, die manchmal mehrere Tagereisen auseinander lagen, waren die Bäche, in deren Bett wir uns den ganzen Tag über mühsam vorwärts kämpfen mußten. Die Regenzeit hatte bereits begonnen. Dichte Wolken verhüllten tagsüber die Sonne, und an jedem Abend überraschten uns heftige Gewitter. Den Himmel sah ich jetzt selten, nur wenn das Bachbett, in dem wir wateten, sich verbreiterte, schimmerte ein schmaler Streifen durch. Sonst aber hielt uns der Urwald völlig gefangen und umgab uns wie ein hoher Dom. Totenstille herrschte darin, kein Lüftchen regte sich, und alles stand unbeweglich, wie in Feuchtigkeit erstarrt, konnte doch der stärkste Sturm nur wenige hundert Meter weit den Widerstand der Bäume durchbrechen. Das Blätterdach über uns war so dicht, daß wir stets in einem Dämmerlicht marschierten. Oft hörte man an dem Rauschen des Blätterdaches, daß es zu regnen begonnen hatte, doch die ersten Tropfen erreichten erst eine halbe Stunde später die Erde. Wenn der feuchte Dunst wie ein Nebelschleier über den Boden dahinkroch, bemerkte man kaum, daß der Tag angebrochen war. Wurzelstöcke und niedergebrochene Urwaldriesen nahmen phantastische Formen an, Ungeheuer und Zwerge schienen auch den tropischen Urwald zu beleben. Oder waren es die Geister, denen die Eingeborenen opfern?

An einer Stelle erhob sich ein seltsamer Farnbaum. Als wir an ihm vorbeikamen, stieß mein Führer einen schnalzenden Warnlaut aus, und wie vom Blitz getroffen, fuhren die Träger zurück und umringten den Ort in weitem Bogen. Der Führer näherte sich dem geheimnisvollen Farnbaum und legte sorgfältig zugeschnittene Holzstäbe in der Form eines Doppelkreuzes an die Stelle, an der er fast die überhängenden Blätter gestreift hätte. War es ein Opfer oder waren es nur Zeichen, die die Nachfolgenden warnen sollten? Ich konnte es leider nicht erfahren; jedes Dorf spricht hier eine andere Sprache, und die Zeichensprache reicht für solche Fragen leider nicht aus.

Die Vegetation änderte sich langsam. Die Stechpalmenranken, die an der Küste über den Pfaden wucherten und meine Kleider in Fetzen gerissen hatten, waren bereits verschwunden. Auch die vielgestaltigen Rank- und Schlingpflanzen, deren wunderbare Blattformen mir aufgefallen waren, sah man nicht mehr. Nur niedrige Farne umgaben unseren Weg.

So drang ich denn immer tiefer in das Gebiet der übelberüchtigten Urwaldbewohner ein. Ich hatte das Hügelland, das die Grenze zwischen der sumpfigen Ebene des Vorlandes und der hohen Gebirgskette bildete, überschritten und erstieg nun die hohen Berge. Der Pflanzenwuchs wurde immer spärlicher, die Tierwelt ärmer. An Stelle der Urwaldriesen trat langes, dünnes Stangenholz. Dann begann die Zone der mir wohlbekannten Farnbäume.

Das heisere Gekrächze der vielen Tausenden von Hornraben, die den Urwald an der Küste belebten, war längst verstummt. Die herrlichen Kronentauben polterten nur mehr vereinzelt davon. Doch die schönsten Vögel Neuguineas, die Paradiesvögel, wurden immer häufiger. Von überall her erscholl ihr gellendes, höhnisches Krächzen. Ich konnte aber diese scheuen Tiere fast nie zu Gesicht bekommen. Mit affenartiger Behendigkeit kletterten sie von Ast zu Ast und wußten sich tief in den Baumkronen zu verbergen.

Eines Abends legte ich mich unter einen mächtigen Urwaldriesen auf die Lauer und blickte unverwandt in die vielverzweigte Krone empor. Eine solche Baumkrone ist eine ganze Welt für sich. Lianen, seltsam geformte Schmarotzerpflanzen, geheimnisvolle Orchideen, die von farbenprächtigen Schmetterlingen umgaukelt werden, Käfer und viele andere Insekten beleben diese Welt. Ihnen allen gibt der Stamm Leben und Nahrung, und ein harmonisches Summen, Flattern und Duften erfüllt den schattigen Raum.

Als sich die abendliche Sonne langsam dem Horizont näherte, stellte sich auch richtig unter lautem Geschrei der erste Paradiesvogel ein. Kaum ertönte sein Lockruf, als schon von allen Seiten die prächtigen Vögel herbeiflogen. Zu Dutzenden saßen sie nun in den Zweigen. »Sitzen« ist allerdings nicht das richtige Wort. Denn sie sprangen von Ast zu Ast, zogen sich, wie Papageien es gern tun, mit den Schnäbeln hoch, wiegten und reckten sich, spreizten ihr Gefieder, daß man jede Feder des herrlichen Schwanzschmucks unterscheiden konnte, wippten vor-, dann rückwärts, sie schienen sich voreinander zu verbeugen und zu tanzen – ein ganz wunderbarer Anblick, von dem ich mich nur schwer losreißen konnte. Aber die einbrechende Nacht mahnte mich an den Heimweg. Als ich dem Lager zueilte, war ich in eine Wolke von Moskitos gehüllt, die den sumpfigen Waldboden in dichten Schwaden bedeckten.

Je weiter ich nach Norden kam, um so mehr verschlechterte sich das Wetter. Es regnete ohne Unterlaß, seit vielen Tagen hatte ich die Sonne nicht gesehen. Das Vordringen wurde immer mühsamer, wir mußten Felsen und sehr steile Lehnen überklettern. In jedem Dorfe vermehrten sich die Schwierigkeiten, Träger aufzutreiben, immer wieder mußte ich Gepäck zurücklassen. Meine Kleider hingen mir in Fetzen vom Leibe, meine Schuhe waren zerrissen, die Photoapparate verschimmelten in den Gummisäcken, Zelt und Moskitonetz begannen zu faulen. Ich hatte keinen trockenen Faden mehr an meinem Körper.


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