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Höchste Gefahr

In der Nähe eines Dorfes, das die Eingeborenen Kufagogo nannten, wäre es zweimal beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Das erstemal saßen wir gerade in unserem Zelt bei einer Mahlzeit, als plötzlich ein Schuß fiel und gleich darauf alarmierende Schreie und Rufe der Eingeborenen ertönten. Das Klatschen laufender Füße klang an unser Ohr, und wir stürzten hinaus: dem Posten, der vor dem Zelt Wache hielt, war durch Unvorsichtigkeit das Gewehr losgegangen. Wie durch ein Wunder war keiner der unser Lager umstehenden Eingeborenen getroffen worden. Doch der Knall hatte sie so sehr erschreckt, daß sie sich sofort zum Angriff rüsteten. Wir hatten vollauf zu tun, um die aufgeregten Gemüter wieder zu beruhigen.

Ein andermal war es die Unfähigkeit des Europäers, sich in die Mentalität der Eingeborenen zu versetzen, die, wie schon so oft, die »grausamen Wilden« verletzte und aufbrachte. Die Szene spielte sich ebenfalls in Kufagogo ab. Ich war im Dorfe mit der Untersuchung einiger Häuser beschäftigt gewesen und kehrte ins Lager zurück, in dem der Patrouilleoffizier zurückgeblieben war. Da fand ich ein totes Schwein vor unserem Zelte liegen. Der junge Engländer hatte es im Tausch gegen eine Axt erstanden und von einem unserer Burschen erschlagen lassen. Mir ahnte nichts Gutes. Denn meinen Erfahrungen nach mußte man einen Kauf mit Eingeborenen auf andere Art abschließen. Wenn ich ein Schwein kaufe, so frage ich vorerst den Eingeborenen, was er dafür haben will. Wählt er zum Beispiel eine Axt, so lasse ich das Schwein an einen Baum binden und gebe dem Mann das Verlangte. Meist dauert es nicht lange, und der Mann kommt wieder und verlangt sein Schwein zurück. Ohne zu zögern erfülle ich seinen Wunsch. Doch bald ist er wieder da und bietet das Schwein nochmals an. Nun verlangt er aber statt der Axt einige Messer. Das gleiche wiederholt sich mehrmals, und schließlich ist er hochbeglückt, wenn er eine Handvoll Glasperlen erhält, also einen Bruchteil des Wertes, den ich ihm anfänglich dafür bot. Der Handel kann sich auf solche Weise tagelang hinziehen.

Uns Europäern scheint diese Handlungsweise absurd, doch ist sie psychologisch erklärlich: der Eingeborene wägt nicht in Gedanken das Für und Wider ab, wie wir es tun, sondern er führt seine Überlegungen tatsächlich aus. Hindert man ihn daran, so fühlt er sich geradezu überrumpelt wie ein Europäer, dem man es nicht gestattet, eine wichtige Sache zu Ende zu denken, sondern vor eine gegebene Tatsache stellt.

Noch etwas anderes ist bei einem Schweinekauf zu bedenken. Bei manchen Stämmen gilt das Schwein als heiliges Opfertier, das nur in einer ganz bestimmten Weise geschlachtet werden darf. Bei einem Volksstamm zum Beispiel muß man es erdrosseln, beim andern erschlagen. – Verstößt man gegen dieses Gesetz, so kann, nach der Meinung der Eingeborenen, das Schwein nicht in den Himmel kommen. Was aber machen die Klangenossen im Himmel ohne Schweine? Sie haben ja nicht die Möglichkeit, Feste zu feiern, wenn der Festbraten fehlt. Und ein Paradies ohne Feste? Wer das verschuldet, dem gebührt eine schmerzhafte Strafe! Aus diesen Gründen sorge ich stets dafür, daß der Schweineverkäufer sein Schwein eigenhändig umbringt.

Ich war eben dabei, die Sache mit dem Engländer zu besprechen, als auch schon der Schweineverkäufer wieder erschien und sein Schwein zurückverlangte, das seiner Frau gehöre. Als er sah, daß das Tier erschlagen dalag, war er sichtlich bestürzt und verlangte nach einer Weile eine zweite Axt, was aber der rechtliebende Offizier kurzerhand ablehnte. Wortlos schritt der Mann ins Dorf, um nach kurzer Zeit mit seiner Frau zurückzukehren. Kaum hatte diese das tote Schwein erblickt, als sie zu heulen und wie eine Katze zu kreischen begann. Ja, klang das nicht wie eine Totenklage? Eine Totenklage um ein Schwein? So war es. Die Frau hatte das Schwein an ihrer Brust großgezogen und trauerte nun um dasselbe wie um ein verlorenes Kind.

Inzwischen waren einige Krieger herangekommen, die uns mit zusammengezogenen Brauen musterten. Da wurde ich mir der Gefährlichkeit unserer Lage bewußt. Wir waren von den Bewohnern dreier Dörfer umzingelt.

Wieder verlangte der Mann eine zweite Axt, wieder wurde sein Wunsch von dem Offizier abgelehnt. Da sah ich, wie ein Krieger einen Pfeil auflegte und den Bogen gegen uns in Anschlag brachte. Die Gäste aus dem Nachbardorf, die gerade in der Schußrichtung standen, bemerkten ebenfalls die Bewegung und liefen schreiend davon. – Da riß ich dem wachhabenden Polizisten das Gewehr aus der Hand, denn ließ der Eingeborene den Pfeil fliegen, so konnte nur sein augenblicklicher Tod uns retten. Der Krieger hatte meine Bewegung gesehen. Er wußte nicht, was ein Gewehr ist, doch sein Instinkt sagte ihm, daß hier eine unbekannte Gefahr drohe. – Einen Augenblick lang sahen wir uns in die Augen, dann setzte er langsam ab und ging fort. Alle anderen folgten ihm, und wenige Sekunden später waren sämtliche Eingeborene in den Büschen verschwunden. Zum erstenmal seit vielen Tagen umgab uns Totenstille.

Als die Sonne unterging, fiel eine unheimliche Dunkelheit wie ein schwerer Teppich auf uns herab. Es war gerade Neumond. Wir stellten Posten aus und gingen in unser Zelt. Die Polizisten zu kontrollieren war nicht nötig. Sie wußten selbst sehr gut, daß eine Pflichtverletzung auch sie das Leben kosten konnte.

Da erscholl plötzlich ein Warnungsschrei unserer Wache, und wir stürzten ins Freie. Eine Gruppe bis an die Zähne bewaffneter und bemalter Krieger trat in den Schein des Lagerfeuers. Es waren dieselben, die vor kurzem schreiend die Flucht ergriffen hatten. Wir holten unsere »Affen«, die uns die Ursachen des nächtlichen Besuchs verständlich machten. Nach Ansicht der Krieger waren wir auf das schwerste beleidigt worden. Sie hatten sich daher entschlossen, uns zu helfen und wollten mit uns gemeinsam das feindliche Dorf überfallen und niederbrennen.

Wieder eine heikle Lage. Lehnt man ein solches Angebot ab, so beleidigt man die uns wohlgesinnten Eingeborenen, nimmt man es an, setzt man das gute Einvernehmen mit der Kolonialregierung aufs Spiel. So verlegten wir uns aufs Verhandeln, wobei Stunde um Stunde verrann, und schließlich bekam jeder der Krieger eine Handvoll Glasperlen, mit denen sie sich zufrieden auf den Heimweg machten.

Nun blieb es endlich still, und nichts mehr störte unsere Nachtruhe; auch die für einen Überfall der Eingeborenen so beliebten Stunden vor Sonnenaufgang verstrichen ohne Angriff, und ein strahlender Morgen verscheuchte im Nu alle unsere Bedenken. Kaum aber war die Sonne aufgegangen, so erschien zu unserer größten Überraschung wiederum der Schweinehändler mit seiner Frau. Doch wie sah die Frau aus! Sie hatte sich den Kopf rasiert und den Körper über und über mit Lehm beschmiert – dies war die Trauerkleidung um einen Anverwandten. So trauerte die Frau um ihr geliebtes Schweinekind!

Ich glaube, dieser Patrouilleoffizier kauft in seinem ganzen Leben kein Schwein mehr von den Eingeborenen.


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