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XXIV.
Japanische Gegensätze.

Der Rickschaläufer vor dem zweirädrigen Karren holt tüchtig aus, denn es ist kalt. Seine Beine sind nackt, unter den Füßen trägt er Strohsandalen, um die Lenden ist eine Art Handtuch gewunden und über den Rücken eine zerschlissene Khakijacke gehängt. Unermüdlich, in immer gleichem Fußfall eilt er dahin. In Japan muß man im Rickscha durchs Land ziehen; es ist das Gefährt, das sich der Umgebung harmonisch anschließt und die Gewähr des Genießens bietet. Im Lande der aufgehenden Sonne gibt es keine großen Bauwerke, kein gesellschaftliches Leben, wie wir es verstehen, da die Frauen ausgeschlossen sind, es gibt keine Genüsse, die dem westländischen Geschmack entsprechen – und doch übt Japan auf alle Reisenden einen geradezu bezaubernden Einfluß aus. Die Fremdartigkeit der Anschauungen, die Anmut der Sitten, die sanfte Liebenswürdigkeit der Frauen, die Einfachheit, Naivität und Innigkeit der Gottesverehrung, die liebliche Natur und vor allem das bunte Volksleben – sie sind es, die den Fremden gefangennehmen und in einem magischen Kreis einschließen.

Jetzt rollt die Kuruma am Strande entlang. In zarten Tinten des Nachmittags liegen Meer und Himmel, von kleinen Inseln grüßen die dunklen Fähnchen der verkrüppelten Pinien – wie in einen wundervollen altjapanischen Kakemono scheint die Natur eingeschlossen. Es ist die Sagami-Bucht, die ihre Wellen an den weiten, flachen, sandigen Strand sendet. Dann geht es landeinwärts zwischen den niedrigen Häuserzeilen Kamakuras hin, einst die stolze Osthauptstadt des Kaiserreiches, jetzt ein stilles Dorf, an dessen breiter Hauptstraße offene Kaufläden der Fremden harren. Aber die Fremdenindustrie mit ihren Bronzen, Lackarbeiten und Porzellanen hört auf, je näher wir den Tempeln und dem weltberühmten Daibutsu, der großen, sitzenden Buddha-Statue, kommen – denn alle die Läden und Verkaufsstände, die sich im Umkreise der Tempel befinden, dienen dem einheimischen Verkehr. Hier gibt es Opfergaben für die Geister der Seligen und für die Götter, Süßigkeiten, bunten Tand, Tee und Gebäck für die Beter und Kinderscharen.

Und plötzlich verändert sich die Szenerie. Der bunte Markt bleibt zurück. Es ist, als ob, unsichtbar und unfaßbar, überirdische Ruhe und Weltenferne uns entgegenwandelten. Ehrwürdige Kampferbäume und dunkle Kiefern schauen aus hundertjährigen Kronen unbewegt aus der Höhe. Zwischen ihnen stehen auf weitem Platz ragende Bambusgebüsche und träumende Kirschbäume. Die Hunderte von Kindern, in ihren reizenden bunten Kimonos, sind nur wie Schmetterlinge, die hin und her über den Platz huschen. Sie stören die erhabene Ruhe nicht, sie gehören zum Bilde. Ernste Beter, Männer und Frauen in kleinen Gruppen, machen schon vor dem äußeren hohen Tore halt, neigen das Haupt und legen die erhobenen Hände zusammen. Und hier halten auch wir, verlassen das Gefährt und verweilen einen Augenblick in stiller Andacht, denn am Tore stehen – in chinesischen Ideogrammen und in englischer Sprache – die schönen, eindringlichen Worte:

 

»Fremder, der du die Schwelle dieses Heiligtums überschreitest, wer du auch seist und weß' Glaubens, werde dir bewußt, daß deine Füße eine Stätte betreten, geweiht durch die Heilighaltung und den Kult von Zeitaltern. Dies ist der Tempel Buddhas und das Tor zur Ewigkeit – durch das du in Andacht schreiten solltest.«

 

Aber auch ohne diese Mahnung nimmt tiefe Andacht den Besucher – wer er auch sei und weß' Glaubens – gefangen, denn nach Durchschreitung des Tores steht er alsbald vor dem großen Buddha, von dem eine wundersame Ruhe ausstrahlt. Die gewaltige Bronzefigur, im dreizehnten Jahrhundert aufgerichtet, als der Buddhismus in Japan blühte und Staatsreligion war, ist fünfzehn Meter hoch. Die Finger sind über einen Meter lang, das Gesicht zwei Meter. Die Augen sind von den Lidern bedeckt, das Antlitz von Seelenfrieden und Weltenferne tief durchstrahlt. Ungeheuer wirkt die Figur, deren Kopf in die Baumwipfel emporragt, während die Gestalten der Pilger zu ihren Füßen noch nicht einmal bis zu den Händen der Statue hinaufreichen. Wie viele Tausende und aber Tausende von Menschen haben sich im Laufe der Jahrhunderte mit ihren Sorgen und Zweifeln, mit ihrem Kummer und Leid, die keinem erspart bleiben, hierher geflüchtet in den Schatten des großen Menschheitslehrers, dessen Geist diese Stätte umschwebt und mit sichtbarem, körperlichen Strahl aus dem erhabenen Antlitz bricht! »Tor!« scheint dieses große, herrliche Antlitz zu sagen, »was sorgst und quälst du dich?! Die ungestillten Wünsche und der Lebensdrang unzähliger Geister, deiner Vorfahren, sind in deiner Seele lebendig und machen sie zu einem Vulkan von Leidenschaften. Aber begreife doch, daß dies alles, wie das ganze Sein, Illusionen sind, Träume, du selbst ein Traum, vom Geist des Universums geträumt; begreife, daß alle Leiden, die aus Wünschen entspringen, nur in deiner Einbildung wirklich sind, und daß sie verschwinden wie der Hauch, der durch den Bambus raschelt, sobald du dich von den Wünschen und Leidenschaften deiner Sinne abkehrst. Viele Leben hast du durchlebt in immer neu erwachendem Daseinsdrange, unzählige Leiden hast du durchkostet in immer neuen Versuchen, den Marmorblock des Lebens bergan zu wälzen zum Gipfel des Genusses. Und stets entrollte der tückische Marmor. Bitterkeit blieb zurück. Begreife es endlich, o Tor, es gibt keine Freude, keinen Schmerz, keinen Genuß, kein Leid – Illusion ist alles und in dir selbst ist alles beschlossen. Darum laß endlich ab und gib den Geistern, deren Haus und Tummelplatz du bist, Ruhe. Kehre dich ab von den Lockungen der Welt, versenke dich in dich selbst, werde eins mit der Allseele, laß den Strom deines Seins still hinüberfließen in die große, selige Ruhe, aus der es keine Wiederkehr gibt, ins Nirwana.« – –

Also steht es in dem sonnigen Antlitz des Fürstensohnes geschrieben, der in tiefem Mitleid auszog, um die Welt vom Joche des Lebensleides zu befreien, und dessen Verkörperung hier im stillen Kamakura seit sieben Jahrhunderten in tiefer Selbstversenkung dasitzt. Ungezählte Tausende hat die Statue mit neuem Trost, mit neuen Hoffnungen, gereinigt und geläutert, heimziehen sehen in ihre Dörfer und Städte, woher sie gekommen waren.

Auch heute treten an den großen Daibutsu Beter aus allen Ständen heran und verrichten ihre Andacht. Es sind durchaus nicht immer Buddhisten, im Gegenteil, die überwiegende Mehrzahl besteht gewiß aus Shintoisten, aber vor den großen berühmten Schreinen verrichten alle ohne Unterschied ihre Gebete. Es ist schön und erhebend, ein Volk in so schlichter Innigkeit und ohne Grübeleien den unbekannten Mächten über uns huldigen zu sehen.

Nicht immer stand die große Figur ganz frei, zweimal ist ein Tempelumbau durch Erdbeben zerstört und dann nicht mehr erneuert worden. In Kamakura gibt es, was man eine ganze Tempelflur nennen könnte.

Im großen Tempel der Schicksalsgöttin Kwannon führt der Oberpriester den Besucher in einen stockdunklen, geheimnisvollen Raum, dann folgen Tempeldiener mit Fackeln, und in ihrem Scheine erst wird die goldene Riesenfigur der Göttin sichtbar. Der tausendjährige Tempel des Kriegsgottes Hachiman steht auf dem Hügel Tsuru-ga-oka, und eine breite alte Steintreppe mit drei mächtigen Torii führt nach seinem Schrein. Diese und alle die kleineren Tempel gehören dem Shinto-Kult an. Aber hier wie dort, überall dasselbe schlichte Bild herantretender Beter, die eine Münze in die Opferschale werfen, den Glockenstrang ziehen und still beten.

Wenn Basil Chamberlain die Japaner von Natur irreligiös nennt, so meint er damit, daß sie sich auf keinen bestimmten Glauben und auf keine Dogmen versteifen. Sie sind vielmehr, besonders das breite Volk, gläubig. Kein Haus ohne Familienaltar zur Verehrung der Ahnen. Kein Dorf ohne Tempel. Shintoismus und Buddhismus scheinen die gleiche Achtung zu genießen. Sie sind bis zu einem gewissen Grade ineinander verschmolzen. Die dunklen Schicksalsmächte sind es, die unter all den verschiedenen Namen von Göttern, Göttinnen und Helden verehrt werden. Wissen wir mehr?

Wer das japanische Volk vor seinen heiligen Schreinen beobachtet, erhält den Eindruck eines schönen, schlichten und innigen Empfindens.

*

Seltsam und anmutig sind japanische Städte zur Abendzeit. Ringsum italienische Nacht! Die Häuser sind aus Holz, die Fenster aus Papier – und aus allen dringt Lichterschein. Vor allen Häusern und vor den offenen Läden hängen bunte Papierlaternen – das ist die nationale Beleuchtungsart. Von den Händen der Rickschaläufer hängen weiße Lampions mit ihrer Wagennummer. Vor Teehäusern, Theatern und Restaurationen sind ganze Zeilen farbiger Lampions aufgehängt.

An eine Ladentür gelehnt, in der Straße Motomachi zu Hyogo, durch die ich mit einem japanischen Bekannten schritt, stand ein junger Mann und jammerte herzbrechend vor sich hin. Entweder litt er an heftigen Schmerzen oder ein großes Leid mußte ihm begegnet sein. »Warum jammert der Mann so?« fragte ich. Da sah mich mein Bekannter befremdet und beleidigt an und sagte: »Wieso denn jammern? Der singt doch

Hier ist die entsetzliche, gräuliche, ohrenzerreißende japanische Musik in einer Nußschale. Ich sollte bald mehr davon zu hören bekommen. Es ist seltsam, daß dieses Volk, das den erlesensten Geschmack in der bildenden Kleinkunst besitzt, keinen Sinn für die Harmonie der Töne hat. Besser noch als das Gequieke und die Dissonanzen, die mit den landesüblichen Instrumenten hervorgebracht werden, ist unter diesen Umständen die höchst merkwürdige Einrichtung der » stillen Konzerte«, die man in Tokio hören oder vielmehr nicht hören kann. Bei diesen Konzerten, die einen religiösen, mysteriösen Charakter besitzen, werden von einer großen Kapelle vor andächtigen »Hörern« alle Bewegungen des Spielens ausgeführt, aber kein einziger Laut wird hervorgebracht.

Da das Theater seit Ausbau des Kinodramas zu den überwundenen Standpunkten gehört und nach und nach ganz verschwinden wird, wenn erst unsere Klassiker kinematographisiert worden sind, geht man heutzutage, um die Darstellungskunst eines fremden Volkes zu studieren, nicht ins Theater, sondern ins Kino.

Eines der größten Kinos in Hyogo kündigte einen Film »von 2800 Fuß Länge« an, »nicht einen Zoll davon langweilig«. Dahin lenkten wir unsere Schritte. Vor dem großen Holzbau standen viele Hunderte von Sandalen – es wird mir bis zu meinem Ende ein Rätsel bleiben, wie die Besitzer und Besitzerinnen ihre Pantinen wiedererkennen. Auch ich zog die Stiefel aus und begab mich auf Strümpfen ins Allerheiligste des Kinotempels. Er war voll. Aber das ist zu wenig gesagt. Der ganze Raum war eine einzige gigantische Sardinenbüchse. Man macht sich in Europa keinen Begriff von dieser Packung. Der ganze große Bau mit seinen Terrassen war in Kästen abgeteilt, in denen dichtgedrängt ganze Familien sich niedergelassen hatten. Die Japaner nehmen ihre Kinder, auch die kleinsten, mit ins Theater. Daneben Holzkästen mit Reis und Zukost, Rauchzeuge, Kissen. Es war ein höchst befremdlicher Anblick. Als geehrter Europäer hatte man mir einen alten, wackligen Stuhl gebracht, alle andern saßen auf dem Boden, und wie von einem erhabenen Thron vermochte ich die kunstbegeisterte Schar zu übersehen. In der Loge zu meiner Rechten krabbelten fünf bunt umwickelte Kinder durcheinander, während die Mama ihre kleine silberne Pfeife geräuschvoll ausklopfte, sie dann wieder füllte, ansteckte und lospaffte. Zur Linken gab eine junge, rundgesichtige und rundbusige Dame ihrem Baby die Brust und lächelte mich ob meines gedankenverlorenen Zuschauens verstohlen an. Zu meinen Füßen war eine siebenköpfige Familie mit vierzehn Eßstäbchen zugange, aus Holzschachteln Reis zu schlecken. Ein Gekribbel und Gekrabbel, wohin man sah.

Der japanische moderne Film aber, der sich alsbald abzurollen begann, stellte das ganze befremdliche Bild des Zuschauerraums weit, weit in den Schatten. Zwei Tamtamschläge. Es wird dunkel, die Sardinenbüchse verschwindet. Nur die Leinwand auf der Bühne ist erleuchtet und zwei Kästen, die unseren Proszeniumslogen entsprechen. Hier sitzen links die Sprecher, rechts die Kapelle.

In einer Hinsicht ist das Lichtbildtheater dem unsrigen überlegen: es ist kein Theater für Taubstumme; keine Zettel mit Briefen, Telegrammen und anderen verbindenden Texten gehen über die Leinwand. Vielmehr wird mit verteilten Rollen gesprochen wie im wirklichen Drama; wichtige Stellen unterstreichen Chor und Kapelle. Der Chor besteht aus einer in einem Holzkasten sitzenden Person, die mit einem unnatürlichen, im höchsten Diskant ausgestoßenen Gequiek bald aufmunternde, bald bedauernde Kommentare losläßt, begleitet von der Kapelle, die ebenfalls aus nur einem Mann besteht, der dem Koto, einer Art Harfe, furchtbare Töne entlockt. Die eigentlichen Sprecher, die sich im Tempo genau den Schattengestalten auf der Leinwand anpassen, sprechen in einer ganz unnatürlichen, geschraubten, stilisierten Manier, die vom Theater übernommen ist. Die Männer sprechen alle tief, die Frauen alle ganz hoch in Jammertönen und ohne jede Variation oder Veränderung der Klangfarbe.

Man gibt ein modernes Ehedrama von abscheulichem, furchtbarem, zornerregendem Inhalt. Brutalität folgt auf Brutalität, ein Mord reiht sich an den andern, das Blut spritzt und strömt über die Bühne, man watet in Grausamkeit – und im Theater Männer und Frauen, junge Mädchen und Kinder, die sich amüsieren. Ist das dasselbe Volk, das vor all den Tempeln und Schreinen da draußen so sittig und schlicht seine Andachten bezeugt?

Der Held ist ein großer, brutaler japanischer Gentleman, der sich in die Tochter eines armen Mannes verliebt hat. Ehe er sie vom Vater kauft, entledigt er sich seiner Frau. Von einem gedungenen Helfer, der sie durch allerlei Ränke in Schuld verstrickt, wird sie in den Wald gelockt. Hier zerrt man sie an den Haaren aus dem Wagen, der Gatte selbst stößt ihr ein Messer ins Genick und der Helfer schleppt die zappelnde Gestalt durchs Gebüsch an einen Teich, in den man sie versenkt. Nichts geht dem Auge verloren, die Abschlachtung wird kunstgerecht dargestellt, begleitet vom tiefen Gebrüll der Männer und dem weinerlichen Gewinsel der Frau. Im zweiten Akt holt der Held die neue Genossin. Da sie sich versteckt, weil sie einen Jüngling liebt, schleift sie der neue Herr förmlich aus dem Hause des Vaters. Auch ein Kind ist vorhanden, es wird der Schwester zur Hütung übergeben. Aus dem Hause des Mannes entläuft die erzwungene Genossin immer wieder zu ihrem Geliebten und wird an den Haaren (besonders beliebte Behandlungsart) zurückgezerrt.

Nachts sieht man sie leise vom Lager sich erheben und nach einem letzten Blick auf den schlafenden Ruffian von Gatten davoneilen. Bildwechsel. Sie tritt bei dem Geliebten ein. » Ijikini demashita!« wimmert sie in hohen, kindlichen Tönen (»Ich bin meinem Manne weggelaufen!«); » Otto ga kirai! (Ich liebe ihn nicht!); Anata wo taiken suki!! (Du bist es, den ich liebe); Futari shinimasho!«(Laß uns zusammen sterben!).

Da stürmt der Gatte herein und schleudert die Frau in eine Ecke. Dann lassen die Männer sich voreinander auf die Knie nieder und machen viele tiefe Verbeugungen. Nach diesem Austausch von Höflichkeiten gehen sie wie zwei Stiere aufeinander los, der Gatte mit einem Dolch, der Jüngling mit einem kurzen Schwert bewaffnet, und nach einem langen Kampfe fällt der Gatte. Als er am Boden liegt und mit den Beinen zuckt, zieht der Sieger das Schwert aus der Brust des Gefallenen und durchschneidet ihm gelassen die Kehle, dann wischt er sein Schwert sorgfältig ab. Inzwischen strömt das Blut am Boden hin und verbreitet sich zu einer großen dunklen Lache. Was tun nun die Befreiten? Sie nehmen beide Gift und gehen auf einen Hügel, um dort im Angesicht des Mondes, des Freundes der Liebenden, zu sterben. Sie kommen gerade zur rechten Zeit, um zu sehen, wie der Vater wegen des Unglücks der Tochter Harakiri verübt und wie die Schwester sich erdolcht. Vier Leichen zieren den Platz; macht zusammen mit den bereits Hinübergegangenen sechs. – –

Es wird hell. Die Sardinenbüchse kommt wieder zum Vorschein. Die siebenköpfige Familie ißt weiter. Die junge Mama klopft wieder ihr Silberpfeifchen aus und brennt eine neue an. Das Baby ist satt und am runden Busen eingeschlafen. Ueberall Lachen und frohe Gesichter. Alle haben sich trefflich amüsiert und niemand scheint etwas Außergewöhnliches in diesem Gemisch von Blut und Schande, von Roheit und Grausamkeit bemerkt zu haben.

Draußen schimmern wieder die bunten Lampions, Bekannte, die uns begegnen, verbeugen sich lächelnd bis zum Knie, im falben Schimmer der Laternen sieht man Beter an die Tempel am Wege herantreten zu flüchtiger Andacht; alles ist Wohlanständigkeit, gute Sitte, Höflichkeit und Grazie.

Wer zeigt den Weg in das verschlungene Labyrinth der Volksseele, die mysteriös zwischen der edlen Ruhe verfeinerter Lebensform und tiefer Barbarei hin- und herpendelt – vielleicht von beiden im tiefsten Innern gleich unberührt?!


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