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XXII.
Chinesische Impressionen.

Die Morgensonne scheint zum Fenster herein und beleuchtet ein großes typisches Hotelzimmer, dessen Bett von einem dichtmaschigen Moskitonetz umgeben ist. Sonst nichts Auffälliges. Freilich ist es Januar und durch die weitgeöffnete Flügeltür, die zum geräumigen Balkon führt, strömt trotzdem feuchtheiße Luft herein. Unter dem Balkon liegt die Straße. Aber kein Laut dringt herauf, nicht das charakteristische Wagengerassel unserer Großstädte, kein Klappern von Pferdehufen, weder die Rufe der Lastkutscher noch das Tuten von Automobilen, noch auch das Scharren von Stiefeln auf Stein und Asphalt. Bin ich wirklich in der Weltstadt Hong Kong?

Mit wenigen Schritten gelange ich an die Brüstung des Balkons und schaue hinab in ein so seltsames, überraschendes Bild, so verschieden von allem, was vorher auf der anderen Seite der Erde am Auge vorüberzog, daß der erste, im Fluge sich Bahn brechende Gedanke der ist: hier beginnt eine neue, freilich uralte Kulturwelt, die ostasiatische. Wie ein bewegtes, kinematographisches Bild liegt die Straße da – voll von flutendem, wimmelndem Leben, aber ohne Geräusch. Olivengelbe, schlitzäugige Männer gehen in langen seidenen Röcken und auf weichbesohlten Schuhen vorüber, die Frauen und Mädchen aber in artigen Höschen und Jacketts; im rabenschwarzen Haar goldene Nadeln. Auch in der Europäerstadt hat man sich noch nicht daran gewöhnt, die Trottoirs zu benutzen; wie in den Chinesenvierteln, wo es keine gibt, spielt sich der ganze wühlende Verkehr mitten auf der Fahrstraße ab. Vor dem zweirädrigen Karren, dem »Rickscha« (eigentlich »Jin-ricki-scha« – Mann-Kraft-Wagen), läuft schweißtriefend und halbnackt das allgemeine Zugtier Ostasiens und Indiens, der Kuli. Von der einen Hand hängt ein Tuch herab, mit dem er sich ab und zu den Schweiß abwischt. Auf Gummireifen fliegen die Hunderte von Rickschas lautlos straßauf und -ab. Dazwischen bewegen sich die würdigeren Sänften; Tragstühle, die von zwei oder vier Kulis an langen Bambusstäben auf den Schultern getragen werden. Wie das Auftauchen einer versunkenen Epoche aus unserer eigenen alten Zeit mutet dieser Verkehr durch Sänften an. Kein Pferd ist weit und breit zu sehen. Alle Lasten, auch die schwersten, werden von Kulis an Bambusstäben geschleppt. Stämmige braune Weiber in Kniehosen, einen ungeheuren Strohdeckel auf dem Kopfe, eilen mit schweren Körben voll Grünzeug nach dem Markt. Weiße Damen und Herren kommen in Tragstühlen von den Bergen herab und blicken, während die Tragkulis eilig durch das Straßengewühl schreiten, gleichgültig auf die Menge herab. Und immer wieder, je mehr man schaut, vermißt das Ohr die Geräusche, die doch aus diesem Weltstadttreiben aufsteigen müßten, – nichts, gleich Lichtbildern ziehen die bewegten Szenen vorüber. Der Anti-Lärmverein hätte hier nichts zu suchen.

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In Südchina gehört der Januar zu den schönsten Monaten des Jahres. Es ist »Winter«, aber ein Winter ohne Kälte und Schnee, ein Winter, der dem milden Frühsommer nördlicherer Zonen gleicht. Jetzt atmen die Menschen auf, denn der Sommer ist unerträglich heiß und feucht, malariaschwanger, Frühjahr und Herbst von stickigen Nebeln begleitet. Jetzt aber sind die Tage angenehm warm, selten heiß, die Nächte mäßig kühl. Die weiten Meeresarme, die die lebensprühende englische Kolonie Hong-Kong umspülen, spiegeln sich in dem magischen Glanz dieser frühlingshaften Wintertage. Schöneres als den Hafen von Hong Kong kann man auf Erden nicht sehen; Sydney verblaßt dagegen, San Franzisko kann sich im Vergleich nur schwer behaupten, und einzig der Hafen von Rio de Janeiro soll ein noch glanzvolleres Bild darbieten.

Ein fast unabsehbares, funkelndes Becken des südchinesischen Meeres, auf allen Seiten von sanft geschwungenen Hügeln und Bergen umschlossen. Im Hintergrunde des Hafens steht wie eine überirdische Kulisse der malerische Victoria-Peak, ein 551 Meter hoher Berg, den die Europäer sich zum Wohnhügel ausersehen haben. Ganz unten, am Wasser, leuchten die Geschäftshäuser, Banken und Klubpaläste in europäischem Stil, links und rechts schließen sich unendlich lange Zeilen von Chinesen-Wohnhäusern an, charakteristisch und eigenartig durch die dunklen Rillen, die durch eingebaute Balkone gebildet werden. Dahinter aber steigt der Peak empor, aus seinem Grün blinken und winken herrliche Paläste, immer höher und höher steigen sie hinan, bis sie ganz oben an der Peripherie des Berges nur noch wie bunte Zacken, Türme und Basteien aussehen.

Rings umher auf der Flut ein erstaunlich lebhaftes Treiben. An den Ufern, mitten im Strom, überall ankernde Handelsschiffe, die Schiffe des Norddeutschen Lloyd drüben an der Werft von Kowloon, dazu Kriegsschiffe aller Nationen – der Kanonensalut dröhnt an jedem Morgen über die Berge hin. Mitten im Strom ein russisches Kanonenboot und daneben ein japanisches – das früher auch einmal unter der russischen Kriegsflagge fuhr. In der Seeschlacht von Matsushima wurde es genommen. Wie große gelbe Vögel flattern die Sampans mit ihren geflickten Mattensegeln vor dem Winde dahin; robuste Frauen in dunklen Hosen stehen am Ruder, auf dem Verdeck tummeln sich Kinder, Hunde, Schweine und Hühner bunt durcheinander. Wie Rickscha und Tragstuhl zu Lande, so vermitteln diese Sampans den ganzen Kleinverkehr, auch das Laden und Löschen von Gütern, auf dem Wasser. Oben, in den blauen Lüften, wiegen sich viele Hunderte von Fischadlern, die mit spähenden Augen auf das funkelnde Wasser hinabschauen.

Das Bild, das sich am Abend bietet, nachdem die Sonne untergegangen und das Dunkel heraufgezogen ist, läßt sich nur empfinden, nicht beschreiben. Ringsum liegen die Berge als schwarze Silhouetten, die sich scharf vom helleren Nachthimmel abheben. Der gewaltige Peak aber erstrahlt im Glanze einer wundersamen Illumination – wie flimmernde Lichtbänder zeichnen sich die gewundenen Zeilen der Straßen ab, leuchtende Flecke bilden die Häuser, und ganz oben am Rande stehen die Paläste wie lichte Märchenburgen vor dem dunklen Himmelsraume.

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Sinnend blickt das Auge aus der Tiefe des Hafens empor und »viele Gedanken bewegen des Schauenden Seele«. Dort hinten liegt das gewaltige Reich der Chinesen, das Reich der Mitte (der Mitte des Universums), dessen Herrscher bis vor kurzem noch glaubten, alle anderen Völker der Erde seien ihnen tributpflichtig, das Reich von einer halben Milliarde Menschen, das nach tausendjährigem Schlafe erwacht, sich reckt und streckt und einst vielleicht der Schrecken der übrigen Völker sein wird. Stürmend möchten die Chinesen alles von sich abwerfen, was ihrem Anschluß an den Fortschritt hinderlich ist, und aus dem Gemisch einer alten, halb barbarischen Zivilisation und all des Neuen aus dem Westen steigen brodelnd seltsame Blasen empor. Die Leprakranken einer ganzen Provinz werden auf Befehl des Gouverneurs an einer großen Grube zusammengetrieben, von Soldaten massakriert, verscharrt, mit Petroleum übergossen und verbrannt – Greise, Frauen, Kinder. Das heißt gründlich sanieren. Opiumhändler werden in Narrenkleidern durch die Gassen getrieben und öffentlich gepeitscht. Opiumrauchern wird eine kurze Frist zur Entwöhnung gegeben, Rückfälligen schlägt man den Kopf ab. Der große Staatsmann Juanschikai steht zwischen vier Feuern. Die kaiserliche Familie ist noch da und wartet ab; Sunyatsen, allgemein als käuflicher Ehrenmann bezeichnet, durchkreuzt seine Pläne mit Phantasmagorien; die Völker des Südens und des Nordens sind in zwei Lager – für und gegen die Republik – gespalten, und aus den Staatskassen grinst die gefährliche Ebbe. Und doch spielt sich alles das nur in kleinen Zirkeln ab, langsam nur verbreitet sich der aus dem Westen gekommene Wellenschlag durch das Völkermeer – nach einem kleinen Vorstoß schon ist man ganz im alten, konservativen, unberührten China.

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Nur solange man den Osten nicht kennen gelernt hat, kann man glauben, in dem großen wühlenden Neuyork spiele sich ein wirklich internationales Leben ab – eine Bemerkung, die sich in den meisten Reiseschriften findet. Aber Hong Kong überbietet Neuyork so sehr, daß sogar jeder Vergleich ausgeschlossen ist.

Wer nach Westen um die Erde gereist ist – übrigens der einzig richtige Weg, um die Eindrücke sich steigern zu lassen –, sieht sich schon in Hong Kong in einer ganz fremden Welt. In den Straßen bewegen sich außer den Europäern und Chinesen in ihren bunten Trachten beturbante Inder, Parsen mit steifen Kopfbedeckungen in Grau und Schwarz, Japaner, Philippiner, Hindus, Singhalesen, Klings neben Unmengen von Soldaten und Konstablern. Die letzteren sieht man in drei Abarten: riesige Inder mit buntem Turban, Chinesen mit einem spitzen Strohdeckel auf dem Kopfe und Engländer mit Tropenhelm. Aber das Seltsamste ist und bleibt die Chinesenstadt, diese merkwürdigen Gassen, in denen sich das ganze Geschäftsleben im Freien abspielt, diese engen Häuserzeilen mit ihrem Gewühl, ihrem Schmutz und ihren Gerüchen. Ganze Straßen sehen nicht anders aus als gigantische Trödlerbuden, sämtliche Waren liegen an der Straße, Handwerker sitzen vor den Türen, an den Straßenecken Geldwechsler, im Rinnstein Näherinnen, überschattet von all den Tausenden von Fahnenschildern mit chinesischen Ideogrammen. Der Zopf ist total verschwunden, wenigstens in Südchina, und mit ihm auch die seidene Kappe, – bis auf wenige ganz Konservative tragen alle den europäischen Filzhut, der allerdings sehr schlecht zu der malerischen Tracht paßt. Die Frauen haben indes die Revolution nicht mitgemacht – Frauen in europäischen Kleidern gibt es nicht. Die Mädchen gehen ganz allerliebst in blauen, braunen oder hellgrauen Höschen, farbigen Strümpfen und Schuhen und einem hoch am Halse geschlossenen Jackett. Das schwarze Haar wird allgemein in langem Zopf getragen, während verheiratete Frauen das Haar zu einem Knoten aufbinden. Kopfbedeckung ist unbekannt. Etwas Dezenteres in Kleidung und Benehmen als ein chinesisches junges Mädchen kann man nicht sehen. Die Kleidung ist niedlich, ohne eine einzige Körperlinie zu verraten – von den Beinen abgesehen. Zuerst glaubt man, die jungen Mädel, die sehr gut und schlank gewachsen sind, leiden sämtlich an einer schlechten Körperhaltung; alle gehen nämlich mit nach vorn geneigtem Oberkörper und scheinen auf dem Boden etwas zu suchen. Allein so will es die Etikette, die einem jungen Mädchen verbietet, nach rechts und links zu sehen. Vornehme Damen gehen nicht, sondern fahren. Die Erfindung des Flirtens scheint in China noch nicht gemacht zu sein.

Wo man sich bewegt in der wühlenden Chinesenstadt, gibt es Interessantes zu sehen. Auf den allerdings gräßlich riechenden Märkten findet man die lockendsten Genüsse: Haifische, Oktopusse, Holothurien, getrocknete Enten, Gänse und Schweine, so glatt wie Pappdeckel, schwarzgewordene Eier, die jahrelang in der Erde gelegen haben, Seetang, getrocknete Fische, die wie braune Steine aussehen und auch ebenso hart sind, fremdartige Gemüse und Südfrüchte.

An den Straßenecken werden Tee, Zuckerrohr und gekochter Reis mit allerlei süßen und gesalzenen Zutaten verkauft. Die Chinesen haben sich ihre Nahrungszufuhr von alters her praktischer eingerichtet als wir. Reis ist die Hauptnahrung, alles andere wird nur als Stimulans, als Appetiterreger gegessen. Bei uns bilden alle feineren Genüsse die Hauptnahrung, und Brot, der Reis des Nordens, wird nur anstandshalber dazu gegessen. Ein merkwürdiger Anblick, eine Chinesenfamilie essen zu sehen. Jeder hält einen großen Napf mit Reis in der Linken, die 101 Zutaten sind in der Mitte der Esser auf dem Boden in kleinen Schüsselchen aufgebaut. Alle hocken im Kreise, schaufeln mit den beiden Eßstäbchen den Reis in den Mund und fischen dazu dann und wann geschickt einen Leckerbissen aus den Schüsselchen.

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Durch das Gewühl eines langen engen Gäßchens, in dem kaum zwei Rickschas aneinander vorbei können, bewegt sich ein Zug von Kulis, deren jeder in den Händen oder an einer Bambusstange einen Haushaltungsgegenstand trägt – vom Kleiderschrank bis zur Kleiderbürste, von der Lampe bis zum Kehrbesen ist alles da; zuletzt kommen noch zwölf Kulis mit ganzen Bergen von Kuchen und dampfenden Speisen. Was ist das? Eine Hochzeit. Die ganze Aussteuer, nebst sämtlichen Geschenken, wird zur Bewunderung der Zeitgenossen durch die Straßen getragen.

In einer anderen Straße, noch seltsamer, eine Beerdigung. Die Leiche darf nicht durch die Tür kommen. Man hat also aus dem Allerweltsbaumaterial, Bambus, ein schräges Gerüst bis in den zweiten Stock gebaut. Der Sarg und dahinter die ganze Trauergesellschaft müssen durchs Fenster und über die glatte, gefährliche Schlittenbahn bis auf die Straße hinab. Unten, am Rande der Straße, versammeln sich inzwischen viele Träger mit merkwürdigen Aufbauten – einer großen Puppe, einen Jüngling darstellend, denn die Verstorbene war ein junges Mädchen, und dies ist das Konterfei des Bräutigams, der im Jenseits mit ihr scherzen wird; Spielsachen aus der Kinderzeit; ein ganzes gebratenes Ferkel, zur Speise auf der langen Fahrt ins Totenreich; Spiegel und Schmuck; Bücher zum Lesen; ungezählte Fahnen mit heiligen Inschriften. Am Fuße der improvisierten Treppe steht eine Musikkapelle, die in dem Augenblick, als oben der hellgelbe Sarg erscheint, mit Tam-Tams, Trompeten, Trommeln, Glocken, einen ohrenzerreißenden, unharmonischen Lärm macht, um die bösen Geister und Dämonen zu verscheuchen, die sich bei solchen Gelegenheiten versammeln. Unten kommt der Sarg in einen schreiend bunt geschmückten Kasten. Der Zug setzt sich in Bewegung. Vorsichtig über das Gerüst geleitet, kommen die Leidtragenden, die Männer in gewöhnlicher Tracht, die Frauen schwarz verhüllt. Zuletzt kommen an zwölf Damen mit weiß vermummten Köpfen aus dem Fenster. Alle besteigen Rickschas, und zwar paarweise, und schließen sich dem Zuge an. Diesmal freilich nicht ohne Geräusch. Die weißverhüllten Damen brechen in herzbrechendes Stöhnen, Schreien und Klagen aus, und wiegen dabei den Oberkörper wie verzweifelt hin und her. Diese Damen sind keine Verwandten, es sind bezahlte Berufs-Klageweiber; die Verwandten selbst verhalten sich still und vornehm, die laute Trauer wird von anderen besorgt. Durch das Straßengewühl dringt noch immer das furchtbare Heulen und dumpfe Stöhnen der Klageweiber heran, als der Zug schon dem Auge entschwunden ist.

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Die Chinesenstadt in allerhöchster Potenz ist die nahe gelegene Millionenstadt Canton am Delta des Schukiang, die Hauptstadt der Provinz Kwangtung und von jeher der Sitz von Unruhen, Aufständen, Putschen – ein Symbol des unruhigen Geistes der Südchinesen. Man sagt, wer Canton oder, wie der chinesische Name lautet, Kwang-tschou-fu gesehen habe, könne auf alle anderen chinesischen Städte verzichten, denn nur die Maßstäbe seien verschieden, der Inhalt der gleiche. Das ist nur bedingt richtig und gilt nur für den Süden, denn die Bevölkerung im Norden ist nicht nur äußerlich, sondern auch bezüglich ihrer Denkweise ganz anders geartet als die gefährlichen Cantonesen. Man denke sich die in großen Zügen gekennzeichnete Chinesenstadt Hong Kongs ins Ungeheure vergrößert, ganz ohne Beimischung des fremden Elements, mit einem Straßenleben, noch viel kondensierter und wühlender, mit Gassen, die nie über acht Fuß breit sind, das Ganze mit bunten Tempeln durchsetzt und von einer Stadtmauer umschlossen – das ist Canton. In dieses Wirrsal von einer Stadt, der großen Handelsempore Südchinas, dringt man nicht ohne Führer ein, denn erstens ists gefährlich und zweitens auch unmöglich, sich zurechtzufinden.

Für diesmal erlaube ich mir also, Canton zu umgehen – Juanschikai wird es mir hoffentlich verzeihen – und den Leser lieber zum Abschied auf den Peak von Hong Kong zu führen. Eine Seilbahn mit unheimlich starken Neigungswinkeln bringt uns nach oben. Jetzt sind die Wohnpaläste ganz nahe, aber eine optische Täuschung läßt sie alle schief erscheinen. Auf dem Gipfel des Peaks weht kühle, fast kalte Luft. Tief unten liegt nun der Spiegel der Bucht, der Hafen mit seinen braunen Segeln und Dampferschloten, die engen Gassen der Chinesenstadt und weit umher der Kranz der Berge. Ein Panorama, so herrlich, daß es sich in die Erinnerung eingraben muß.

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Schon wieder, seit Tagen, auf See – auf der Fahrt nach dem Norden Chinas. Allein stehe ich an der Reling und schaue hinab in die Gewässer des Jangtsekiang, des großen chinesischen Stromungeheuers, das schmutzig-gelb den Riesendampfer umwühlt, und nun für kurze Zeit mein Asyl ist. Weit unten im Süden liegt jetzt das schöne Hongkong mit seinem Frühling im Winter. Schon in der von Tausenden und aber Tausenden von Dschunken belebten Formosa-Straße begannen kühlere Lüfte zu wehen. Jetzt, an der Einfahrt des Huangchuflusses, in der Nähe von Schanghai, bläst ein eisig kalter Wind vom flachen Lande herüber; in den Straßen der kleinen chinesischen Stadt Wusung, die deutlich am Ufer zu erkennen ist, liegt Schnee. So soll ich auf meiner Weltfahrt also auch dem Winter begegnen. Im Hafen von Wusung liegen chinesische Kriegsschunken – seltsame, hölzerne Kähne, vorne flach, hinten hoch, kanonenbewehrt und an beiden Seiten des Vorderstevens mit einem großen Auge bemalt. Die Schiffe der alten Phäaken errieten die Gedanken der Menschen und steuerten ganz von selbst ihrem Ziele zu; die chinesischen Dschunken besitzen wenigstens Augen, damit sie sehen können. Im Kriege haben diese hölzernen Kästen freilich nichts mehr zu suchen.

Weit unten im Fluß, fern von Schanghai, das nur nach halbstündiger Fahrt mit Tender erreicht werden kann, macht der Dampfer an einer Boje fest – und sofort umschwärmen ihn Dutzende schmutziger Wohnkähne mit noch schmutzigeren Menschen. Gibt es in der ganzen Welt ein armseligeres und verschmutzteres Gesindel als das chinesische Bettlertum? Männer, Frauen und Kinder stecken in dicken zerfetzten Lumpen, die Haare hängen in verfilzten Strähnen herab, die von Natur olivenbraunen Gesichter sind mit einer üblen Dreckkruste überzogen. Vom Morgen bis zum Abend ertönt ihr plärrender Ruf: »Tschautschau lä!« (zu essen – bitte!) In den Händen balancieren sie an langer Bambusstange einen Kätscher, einen Netzsack, den halten sie unter das Abflußrohr des Schiffes und fangen Speisereste, die im Spülwasser abfließen, Kartoffelschale, unbrauchbare Gemüseblätter, Knochen und anderen Unrat auf. Alles kommt in eine Pfanne mit schmutzigem Flußwasser, wird heiß gemacht und gefressen.

Ein redseliger Steward schaut voll Abscheu auf die armseligen Menschen und gibt eine in ihrer Art nicht ganz unzutreffende Erklärung ab:

»Das sind Wasser-Chinesen. Die dürfen gar nicht an Land kommen. Die sind noch unterm Vieh. Dadanach missen Se nu bloß nich sämtliche Chinesen beurteilen; es gibt ooch ganz anständige. Was Se hier sähn, sin bloß die niedrigsten Dynastien des Volkes; in de höheren Dynastien sin se besser gekleidet un verdienen ooch Geld – aber nu äbens, Schweine sin se alle. Ibrigens – Schanghai un ooch Hongkong is nich viel vun een Hafen. Da missen Se mal nach Mannheim kommen. Da bin ich mal gewäsen. Da finden Se alle Völkerstämme: Franzosen un Thüringer un Hamburger un Belgier un Holländer un andere Länder.«

Hiermit schloß der gebildete Steward seine Vorlesung über die auf dem Wasser lebenden chinesischen Bettlergilden.

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Das englische Hongkong wirkt durch die unvergleichliche Großartigkeit seiner Lage und durch sein geschäftiges Treiben, aber die wahre internationale Weltstadt Ostasiens ist das chinesische Schanghai. Schwimmt man im Tender den Huangchu aufwärts bis in Sichtweite der Stadt, so glaubt man über den See her nach Zürich zu kommen (nur die Berge fehlen) oder über das innere Alsterbecken nach Hamburg (nur der Alsterpavillon fehlt). Am Bund, der langen Hafenstraße, liegt Palast an Palast aufgereiht – Schiffsagenturen, Banken, Klubhäuser, darunter das deutsche – der imposanteste Klubpalast in Ostasien. Am Bund umfängt den Fremden sogleich ein flutendes Leben und Treiben, fremdartiger, chinesischer, wenn man will, als in Hongkong. Neben dem Rickscha zieht der uralte chinesische, schwerfällige Schubkarren durch die Straßen, das Rad in der Mitte, je ein Sitz auf beiden Seiten. In den engen Chinesenstädten begreift man diese ökonomische Bauart. Die Nordchinesen sind größer, kräftiger und ruhiger als ihre Landsleute im Süden. Die Landestracht herrscht noch vor. Auch läuft im Norden noch alles mit dem Zopf umher bis hinab zum Kuli.

An Internationalität kann sich wohl kaum eine andere Stadt der Erde mit Schanghai, dem Paris Ostasiens, wie die Vergnügungssucher sagen, messen. Schon im 10. Jahrhundert bedeutender chinesischer Handelshafen, wurde Schanghai in der Mitte des verflossenen Jahrhunderts dem internationalen Verkehr geöffnet. Engländer, Franzosen und Amerikaner erhielten Landgebiete in Erbpacht. Die englische und die amerikanische Niederlassung wurden später zu einem » International Settlement« vereinigt, während die französische Konzession eine eigene Gemeinde blieb. Die Deutschen, die überall zu spät gekommen sind, gingen auch hier leer aus. Viel haben wir gutzumachen und nachzuholen, damit der reiche Handel, der sich im erwachenden Osten entwickeln wird, nicht ganz in englisch-amerikanische Hände übergeht. Dies kann nur auf einem einzigen Wege erreicht werden, auf dem der deutschen Bildung und Kultur. Englischen, amerikanischen und französischen Schulen für Chinesen stehen reiche Mittel zur Verfügung, unsere eigenen Schulen müssen den Kampf mit einer schweren Konkurrenz aufnehmen. Möchte man doch zu Hause in den weitesten Kreisen, besonders in denen der Kaufleute, begreifen, daß Opfer und Stiftungen für deutsche Hochschulen in China dereinst hundertfache Zinsen für unseren Handel, für unsere ganze Stellung auf dem Weltmarkt und in bezug auf die geistige Vorherrschaft unter den Nationen bringen müssen.

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Am Ufer erwartet mich der junge liebenswürdige deutsche Vizekonsul, selbst noch ein Neuling hier draußen, aber eifrig bemüht, den ganz Fremden in den Geist der Stadt einzuweihen. Dieser Geist ist in Wahrheit kosmopolitisch, und wenn auch die Deutschen hier kein Reservat besitzen, so bilden sie durch ihren Handel einen achtunggebietenden Machtfaktor. Unschätzbares zur Befestigung der Stellung des Deutschtums im ganzen Osten hat der in Schanghai erscheinende » Ostasiatische Lloyd« geleistet, sicherlich die bestgeleitete deutsche Zeitung im Auslande. Im internationalen Teil der Stadt wohnen über eine halbe Million Chinesen und etwa 10 000 Japaner. Breite, schattige Alleen führen durch das französische Reservat. Man glaubt sich in Frankreich, alle Straßenschilder sind in französischer Sprache abgefaßt, in den Wagen der Straßenbahn hört man Französisch sprechen. Durch die lebhaften Straßen des englisch-amerikanischen Stadtteils mit großen Kaufläden ziehen überall elektrische Straßenbahnen. Eine entführt uns ins Freie, wo neben gutgehaltenen Landstraßen moderne Villen liegen – man könnte sich in Norddeutschland glauben, würde man nicht durch die chinesische – Schweinerei gestört. Von den vielen übelriechenden Wassergräben, Brutstätten der Moskitos, will ich nicht sprechen – aber von der »Sitte« der ackerbautreibenden Chinesen, überall an den Wegen offene Gruben zu halten, über denen die Passanten, ohne sich im geringsten zu genieren, Kniebeuge machen. Das Resultat gelangt dann auf dem direktesten Wege durch Ausschöpfen auf die Gemüsefelder.

In einer solchen landeseigentümlichen Umgebung liegt die Deutsche Medizinschule, die, 1907 gegründet, einst ein Bollwerk der deutschen Kultur in China sein wird. Der Zweck dieser Schule ist, chinesische Schüler in der medizinischen Wissenschaft zu unterrichten. Ehe die Schüler in das zwei Jahre währende Vorklinikum und in das drei Jahre dauernde Klinikum eintreten können, aus dem sie schließlich als Aerzte entlassen werden, müssen sie natürlich eine (auf drei Jahre berechnete) Sprachschule durchmachen, in der neben Chinesisch, Rechnen, Geographie, Geschichte, Physik usw. hauptsächlich Deutsch gelehrt wird. Die Schüler wohnen in der Anstalt, die aus einer ganzen Reihe von Gebäuden besteht. Es war schön, die freundlichen jungen Studenten Deutsch sprechen zu hören. Sie bilden das biegsamste Material der Welt, ihr Glaube an den Lehrer und an die absolute, unumstößliche Wahrheit aller Lehren, die doch wandelbar sind, kennt keine Grenzen. Alle diese jungen Leute werden einst zu Verfechtern der deutschen Kultur in Ostasien werden. Viel könnte noch für diese Schule geschehen – in Zuwendungen an Mitteln, an Lehrmaterial, an Büchern.

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Schnee, vermischt mit Regen, rieselte vom grauen Himmel, als wir mit einem Führer die ummauerte Chinesenstadt betraten. Bei jedem Schritt spritzte der Kot an den Beinen empor, denn der Verkehr ist enorm, die Straßen so eng, daß man einander kaum aus dem Wege gehen kann, und von Straßenreinigung ist nicht die Rede. Am Eingang zur Chinesenstadt begehe ich einen großen Fehler. Einem Kinde, dem beide Hände fehlen, werfe ich eine Münze zu. Sofort heftet sich eine heulende Meute von mindestens fünfzehn Kindern, Frauen, Burschen an meine Fersen, die vorne und hinten und auf beiden Seiten im Straßenschmutz Kotau machen und in allen Tonarten des Jammers das Herz zu rühren suchen. Niemand kümmert sich um die Scharen von Bettlern, die schmierig und zahlreich wie Wanzen überall durch die Chinesenstadt kriechen. Umsonst scheucht man die unwillkommene Begleitung zurück, sie nimmt keine Notiz davon und ist weder mit Gewalt noch durch List abzuschütteln. Endlich flüchten wir in ein uraltes Teehaus voll lauschiger Winkel, schreckenerregender Skulpturen, Grotten und Nischen, als wir aber nach einer halben Stunde durch eine andere Tür den Platz verlassen wollen, hat die Leibwache unsere List schon vorausgesehen und sich vollzählig versammelt. Alle stürzen wieder in den Schmutz, Jammergeschrei erfüllt die Luft – es nützt nichts, wir werden die Begleitung nicht wieder los.

Chinesinnen mit verkrüppelten Füßchen, so klein wie die Hufe eines Rehes, trippeln durch das Straßengewühl, unterstützt von jungen, sittsam zur Erde schauenden Mädchen; in offenen Läden arbeiten Holzschnitzer, Kunstmaler, Ziseleure – vom geforderten Preis handelt man mindestens die Hälfte, häufig mehr, herunter. Der Priester im Tempel besteht darauf, für unsere glückliche Heimkehr zu beten – er haut eifrig an eine große Glocke, verbrennt in einer Pfanne nachgemachtes Silbergeld aus Papier, macht unter vielen Verbeugungen allerlei Hokuspokus und beschwört den Geist des alten Kong fu tse, doch ja dafür zu sorgen, daß ich gesund wieder nach Hamburg komme. Wirklich, ein lieber Herr, dieser Priester – der aber gleich darauf heftig mit mir zu streiten anfängt, weil die Höhe des Trinkgeldes ihm nicht genügt. Rasch lege ich einen Dollar zu, damit der Mann nicht etwa den ollen Kong fu tse gegen mich mobil macht.


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