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XIV.
Reisegefährten.

(Ein Zwischenspiel.)

Geschrieben auf See an einem langweiligen Regentage.

Darüber sind wir uns einig: der Tiergarten des lieben Gottes ist groß. Eine offene Frage ist es dagegen, ob wir uns, als Insassen dieses Zoologischen Gartens, über unsere mitausgestellten Nebenkreaturen lustig machen dürfen. Ich habe mir die Frage dahin beantwortet, daß es jedem erlaubt sein muß, an seinem Nächsten herumzumäkeln, so viel ihm beliebt, wenn er sich nur dessen bewußt bleibt, wie viele Angriffspunkte er selbst bietet. Sollte also eines der Originale zu meinen Porträtskizzen ungehalten sein, dann mag es ruhig auch mein Porträt mit allen Lächerlichkeiten, die ihm anhaften, entwerfen und meinetwegen als Massenpublikation verbreiten lassen.

Mr. Tishler aus Alameda.

Ich traf ihn auf dem Stillen Ozean. Schon zum dritten Male unternahm er eine Reise um die Erde. Ei, welch ein wissensdurstiger, vielerfahrener Mann muß dieser Mr. Tishler aus Alameda sein! Allerdings ein etwas komischer Herr. Deutsch konnte er nicht mehr ordentlich sprechen, weil er gar so lange in Amerika gewesen war, Englisch sprechen hatte er nie richtig gelernt, deshalb redete er in einem schreckenerregenden deutschamerikanischen Jargon. Seiner Aussage nach war er einige fünfzig Jahre alt, sah aber aus wie siebzig. Warum reist Mr. Tishler? Gehen mag er nicht, denn er hat schwache Füße; Hitze kann er nicht vertragen, kühle Luft auch nicht – deshalb sitzt er meistens in der Rauchkabine und liest amerikanische Novellen. »Ist das Buch interessant, Mr. Tishler?« »Ich weiß nicht,« ist die rätselhafte Antwort. »Ich lese nämlich nur zum Zeitvertreib.« Mit einem kleinen Handkoffer voll Wäsche reist er um die ganze Welt. Immer trägt er denselben dicken grauen Anzug. In den Tropen nimmt er den Rock über den Arm, das ist dann sein Tropenkostüm. Richtig, er führt auch einen Regenschirm mit sich, ohne den er nie ausgeht, selbst in Gegenden, wo monatelang nie ein Tropfen Regen fällt. Er hat die Gewohnheit, jeden Menschen ohne Unterschied anzuquasseln. Ein Eingeborener steht an einen Baum gelehnt. Mr. Tishler bleibt stehen. »Was ist das für ein Baum? Wozu braucht man sein Holz? Wie alt kann er sein?« – Fragt man dann, ob er sich für Bäume interessiere, dann lächelt er ganz verwundert. »Nee, nich im geringsten, es ist nur, daß man talke tut.« Seine Geschichte erfährt man in der ersten Stunde der Bekanntschaft. »Ich bin, wisse Sie, als Boy riebergekomme in die Schtäts und hab', Gott sei Dank, gut getan. Nun reis' ich als e bissel herum, war in de ganze Welt. Diesmal will ich auch nach Sélon (Ceylon).« Aber Mr. Tishler bekommt so gut wie nichts zu sehen. Am Lande sitzt er in den Hotels herum – Völker, Bauwerke, Sitten, Kunst interessieren ihn nicht. »Ich gleiche diese Sachen nicht,« sagt er. »Was ist die use davon, so viel 'erumzulaufe?« Wenn während der Seereisen alles an Land geht, um irgendeinen Hafenplatz durchzuspionieren, Mr. Tishler bleibt an Bord und freut sich auf die nächste Mahlzeit. Er sieht effektiv nichts, schreibt aber fortwährend nach Hause: »Ich war auf Tahiti, ich bin in Neuseeland gewesen, ich reise durch Neusüdwales!« Mit großem Ausdruck pflegt er zu sagen: »Yes, ich habe Einiges gesehen!« (»Anything« – soll heißen »Alles«.) Mit einem Wort, die ganze Persönlichkeit spitzt sich zu der Preisfrage zu: »Weshalb reist dieser fröhliche Idiot eigentlich?«

Der furchtsame Zwerg.

In Auckland ist eine ganze Gesellschaft von Zwergen an Bord der »Maheno« gekommen. Das Unternehmen nennt sich »Zeynards Tiny Town« und klappert Ozeanien und Australien ab, um dann nach Afrika zu gehen. Zehn Liliputaner kommen aus Deutsch-Oesterreich, einer aus der Türkei und einer aus Australien. Alle miteinander sind reizende, wohlgebildete Persönchen, besonders die Damen, die nicht höher sind als 25-30 Zoll. Wenn sie zum Speisen an ihrem Tisch sitzen, glaubt man in eine Puppenstube zu blicken. Zwei der jungen Damen, etwa zwanzig Jahre alt, haben direkt süße Gesichter. Alle sind Künstler, sie singen, tanzen, jonglieren, reiten. Einer der Herren ist Pony-Dresseur. Ein anderer ist Akrobat, er hebt dreimal sein eigenes Gewicht.

Dieser Kraftmensch von 35 Zoll Höhe wurde mein Freund, wir pflegten unseren Abendspaziergang um das Verdeck miteinander zu machen, und in einer hingebenden Stunde machte er mich zu seinem Vertrauten. »Wann i amol heirat', dann mueß a Große sein, i mag mit dene lächerlich klane Weibsleut' nix zu tun haben. Wann mir nur erst Afrika hinter uns hätten!«

»Warum?« fragte ich.

»Da soll's noch wilde Viecher geben,« meinte er besorgt, »und so a kleinen Mensch wie i, den schnappen's leicht weg.« »Sei'n Sie ganz ruhig,« wollte ich trösten, »die wilden Tiere sind im Busch und nicht in den Städten, wohin Sie kommen.« Der Kleine ließ sich nicht beruhigen. »Na, na, die haben's gar a feinen Geruch! Die riechen es, wann mir do sein, und dann kommen's aus dem Busch.« Nach einer Pause sagte er sinnend: »Wissen's, i hob geheert, wann die Viecher satt san, dann greifen's den Menschen net an. Man müßt also die wilden Viecher Futter hinschmeißen – dann könnt' ma sicher nach Afrika reisen.« – – –

Man sieht, aus dem kleinen Kopf eines Zwerges kann eine große Idee entspringen. Sämtliche Löwen, Leoparden, Jaguare, Hyänen in den Wildnissen Afrikas sollen abgefüttert werden, damit der Däumling sicher ist.

Ein Gemütsmensch.

Im Hotel zu Taupo, wo ich mich nur zwei Tage aufhielt, bekam ich das Zimmer Nr. 14. Als ich aber nach einem Rekognoszierungs-Spaziergang von einer Stunde in das Gasthaus zurückkehrte, fand ich in meinem Zimmer fremdes Gepäck und einen großen, schweren, dicken mittelalterlichen Engländer.

»Ich meine doch, dies war mein Zimmer,« sagte ich.

» O yes,« antwortete er etwas verlegen, » Ihnen wird es egal sein, aber Ihre Sachen stehen jetzt nebenan – das Zimmer ist genau so groß und hell wie dieses.«

Nachdem ich mich von der Richtigkeit dieser Auskunft überzeugt hatte, ging ich noch einmal zurück und öffnete die Tür meines Nachbarn.

»Darf ich fragen, warum Sie ohne meine Einwilligung den Tausch vorgenommen haben?«

Er stand auf und über sein Gesicht verbreitete sich ein feindseliges, kampfbereites Lächeln.

»Wissen Sie,« sagte er kühl, »im Hotel sind nur noch die beiden Zimmer frei – und das Zimmer nebenan hat die Nummer 13. Unter dieser Nummer wohne ich nicht, die bringt Unglück. Gewöhnlich sterben die Leute, auf die die Zimmernummer 13 fällt.«

»Und das sagen Sie mir, nachdem Sie ohne jedes Recht die Zimmer vertauscht haben?«

»Kleben Sie einen Zettel über die Nummer, wenn Sie auch abergläubisch sind,« schrie er und schlug mir die Tür vor der Nase zu.

Die bösen Deutschen.

In der Rauchkajüte des großen Steamers hielt er lange Ansprachen. Er war ein Neuyorker Geschäftsreisender und sein Feld war die ganze Welt. Sein Gesicht war glatt rasiert, ein Auge etwas kleiner als das andere, wodurch ein Ausdruck der Schläue entstand. Ewig ritt er sein Steckenpferd, die Furcht vor den Deutschen im geschäftlichen Konkurrenzkampf. Seine Geschichten waren zahllos wie Sand am Meer. Da er aber prinzipiell nur ganze Feuilletons von 500 Zeilen Länge sprach, kann ich einen der Beweise für die Ueberlegenheit der Deutschen auf dem Weltmarkt nur in kurzem Auszug wiedergeben:

»Einmal verkaufte ich einem Mexikaner für 5000 Dollars Ware. Der Mann war all right, zahlte cash nach Empfang und machte nur zur Bedingung, daß alle Kisten – beiläufig fünfzig – mit einem gut sichtbaren Ring in roter Farbe gezeichnet sein müßten. Ich gab die Order meinen Leuten in Neuyork weiter, aber die waren natürlich viel zu überklug, zu stolz und zu faul, um die Kisten mit dem roten Ring zu zeichnen. Sie zeichneten die Kisten, wie sie es gewohnt waren, und kümmerten sich nicht um die Order des »verrückten« Mexikaners. Der Kunde nahm die Kisten nicht ab, stellte die ganze Sendung zur Verfügung, ließ sich nicht auf einen Briefwechsel ein – und da bei Prozessen in Mexiko nichts herauskommt, mußte die ganze Order mit großem Verlust verauktioniert werden. Der Mexikaner gab seinen Auftrag einem deutschen Reisenden, dessen Haus selbstverständlich jede Bedingung aufs peinlichste erfüllte – und ich war den Kunden los. Als ich ihn später besuchte und ihm Vorwürfe machte, lachte er mich aus.

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Bild vom Peak in Hong Kong

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Chinesische Soldaten

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Dschunken im Perlfluß zu Canton

»Hält Ihr Haus mich für einen Idioten?« fragte er. »Und glauben Sie, daß ich die roten Ringe zu meinem Privatvergnügen auf alle Kisten malen lasse? Look Here! Mein Bruder ist hier im Hafen Zoll-Inspektor und läßt alle Sendungen mit dem roten Ring an die Seite schaffen. Auf diese Weise spare ich den hohen Zoll und kann billiger verkaufen als die gesamte Konkurrenz!«

Die schöne Miß Molly.

» Is'nt he cute, is'nt he nice, is'nt he too comical for anything?«

Also sprach lachend die schöne Miß Molly, nachdem Mr. Tishler den Rücken gewendet hatte. Sie machte sich über ihn lustig und hatte recht. Mr. Tishler, dieser Wackelgreis, machte ihr den Hof. Das war komisch. Denn Miß Molly war eine reizende und dabei stattliche junge Dame. Alle jungen Leute an Bord waren hinter ihr her, sie schien sich indes mehr für die reiferen Jahrgänge zu interessieren. Uebrigens konnte ihr niemand etwas nachsagen, sie machte den Eindruck einer wohlerzogenen, intelligenten, sogar etwas belesenen jungen Dame. Jung – nun ja, sie war wohl etwa 26 bis 30 Jahre alt, sehr elegant, sehr vornehm – aber durchaus nicht reserviert, sondern von prachtvoller Freimütigkeit. Mich hatte sie schon oft mit ihrer Gesellschaft ausgezeichnet, und da sie sogar von Maeterlincks »Bienenleben« zu schwärmen verstand, waren mir solche Plauderstunden nicht unangenehm.

Jetzt machte sie sich über Mr. Tishler lustig. Plötzlich kam ein ungewisser, gespannter Ausdruck in ihre Miene und sie sah mich forschend an. Das ganze Mädel schien verändert, durch die Züge der Dame von Welt lugte auf einmal ein Schimmer von Frechheit.

»Wenn Sie kein Frosch sind,« sagte sie leise, »könnten wir beide hier ein feines Ding drehen.«

Ich fuhr förmlich zurück, als ich das » slang« der Straße von ihren Lippen hörte. »Wie meinen Sie?« stotterte ich und suchte mich äußerlich zu beherrschen.

»Der alte Narr ist doch reich, nicht wahr?«

»Er ist, wie ich gehört habe, mehrfacher Millionär.«

»Na also,« lachte die schöne Molly, »das dachte ich. Sie haben nichts bei der Sache zu tun, als Ihren Freund zu mir zu bringen. Sie dürfen –« setzte sie schelmisch hinzu, »aber auch allein zu mir kommen …«

Jetzt begann es bei mir zu dämmern. O Menschenkenntnis, wie hast du mich wieder einmal im Stich gelassen!

»Aber weshalb soll ich ihn bringen?« warf ich ein. »Sie brauchen ihn ja nur selbst einzuladen.«

»Geht nicht,« flüsterte sie, »das hab' ich schon heraus, allein geht er nicht in ein fremdes Haus, dazu ist er zu vorsichtig. Aber zu Ihnen hat er Vertrauen, wenn Sie ihm sagen, ich hätte Sie zu einem Besuch eingeladen, dann geht er mit.«

»Sie wohnen in Sydney?«

»Ja! Ich habe jetzt bloß einen Freund nach Neuseeland begleitet, der drei Monate dort bleibt. Wissen Sie, es ist eine Kleinigkeit, dem Alten ein paar tausend Pfund abzuknöpfen. Sie sehen ja, wie er mir die Kur macht.«

»Und mich halten Sie für gut genug, Ihnen den Mann zu liefern?«

» O, you are smart, my boy! Was liegt dir an dem Alten, du hast ihn doch auch bloß auf der Reise getroffen. Bringe du ihn nur, das Uebrige überlaß mir! Na, wie ist es? Gemacht? Halbpart?« – – Sie war sehr beleidigt, als ich ihre Hand zurückstieß, eilte sofort zu Mr. Tishler und erzählte ihm, ich hätte mich über ihn lustig gemacht, was allerdings nicht gelogen war.

Es gelang mir aber, dem guten Mann später die Augen zu öffnen.

Der »Reg-Ass.«

Die Engländer, so selbstbewußt sie auch sind, verzichten im Privatleben und besonders auch auf Reisen auf alle Titulaturen, ausgenommen akademische Grade und militärische Würden. Sie begreifen es gar nicht, wie jemand sich außerhalb seines Amtes Referendar, Rat, Assessor nennen kann.

Der Herr Regierungsassessor v. X., der zum ersten Male im Auslande reiste, wußte das nicht, kümmerte sich auch blitzwenig darum, sondern führte unablässig seine ganze amtliche Würde an Deck und unter Deck spazieren. Das Wort »Regierungsassessor« war viel zu lang und kompliziert, als daß die fast ausnahmslos Englisch sprechende Gesellschaft an Bord es verstanden oder begriffen hätte. Dagegen bemerkten die Tischnachbarn des Deutschen, daß er seine Bestellzettel für Getränke stets »von X., Reg.-Ass.« unterzeichnete. Das ominöse »Reg.-Ass.« fing im geheimen an, die Runde zu machen, bis ein Vertrauensmann sich an einen ihm bekannten Deutschen mit der Anfrage wandte:

» Why, in hell, does that fellow always put the ›regular ass‹ behind his name?« (»Warum, zum Teufel, schreibt der Kerl immer die Worte »regulärer Esel« hinter seinen Namen?«)

Es stimmte. »Reg.-Ass.« kann im Englischen nicht anders gelesen werden als mit »regulärer Esel«.

Am nächsten Tage ließ der bestürzte Regierungsassessor seinen Titel unter den Tisch fallen.


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