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XIII.
Maoriland aus der Vogelschau.

Te ika a maui«, die Nordinsel Neuseelands, habe ich in Begleitung eines stolzen, des Englischen kundigen Maorijünglings zu Wagen, zu Schiff und am Wanderstabe nach verschiedenen Richtungen durchquert, und die schönen, sonnigen Frühlingstage reihten sich aneinander zu einem einzigen langen Feiertag. Die Natur ist es, die auf Neuseeland, und besonders auf der halbtropischen Nordinsel, ein buntes, reiches Festgewand trägt. Nicht größer als Italien und Sizilien zusammen, schließt Neuseeland alle Naturherrlichkeiten und alle Naturwunder der übrigen Welt in sich – ohne die Plagen, die der Mensch in anderen heißen Weltgegenden mit in den Kauf nehmen muß.

Ein wirkliches See-Land, ist es dreimal vom Ozean durchschnitten. Fjorde von romantischer Großartigkeit schneiden tief in die Küste ein, Szenerien wie die an und zwischen ihren Ufern bietet die Welt nicht zum zweiten Male; die Alpen im Süden mit ihren in ewigen Schnee gehüllten Berggipfeln und ihren gewaltigen Gletschern, die fast bis nach den Sunden hinabreichen, locken den Bergsteiger mit ihren tausend unerforschten Höhen und Tälern; zahlreiche lebhafte Flüsse, Wasserfälle und grünumrankte Seen sind in steile Senkungen eingebettet, denn die Inseln bieten wenig Tafelland, alles ist gebirgig und hügelig. Ueber die Nordinsel zieht sich ein vulkanischer Gürtel, aus dem in einer Höhe von über 2500 Metern der Schneekegel des Tasnaki emporragt, eines erloschenen Vulkans. Aber ist er wirklich erloschen oder ruht er sich nur aus? Auch den riesigen Tarawera hielt man für ausgebrannt, bis er das Schweigen im Jahre 1886 durch einen furchtbaren Ausbruch unterbrach. Alles um ihn und den ebenfalls schlummernden Ruapehu ist ja ohne Unterbrechung in leidenschaftlicher vulkanischer Bewegung; die beiden Bergriesen Ngauruhoe und Tongariro senden donnernde schwarze Wolken und nachts einen Feuerschein aus ihren weißen Schneepyramiden himmelwärts, zu ihren Füßen bis auf weite Entfernungen kochen die Seen und Flüsse, Schlammvulkane sprudeln, Geiser speien und unzählige Fumarolen und Solfataren, wie in Taupo und Rotorua, erfüllen die Luft mit Dampf und Schwefelduft.

Und alle diese Naturwunder, alle diese Berge, Flüsse, Seen, Fjorde, Urwälder, die sich zu den prächtigsten Szenerien der Erde formen, werden eingehüllt von einem halbtropischen, aber maritimen, feuchten Klima ohne eigentlichen Winter, aber mit einem heißen Frühling und heißeren Sommer, der das Pflanzenleben der Wälder mit Ueppigkeit ausstattet und den Grund mit einem geradezu tropischen Dschungel bedeckt.

Seltsam unterscheiden sich Fauna und Flora von dem Tier- und Pflanzenbestand der übrigen Welt – selbst in Australien kehren die neuseeländischen Arten nicht wieder, es ist, als ob die Kreaturen dieses Archipels, bis auf den spät eingewanderten Menschen, einer anderen Welt angehören. Da gibt es einen Papagei ( Nestor notabilis), der lebende Schafe anfrißt; einen anderen Papagei, der nicht fliegen kann, sondern wie ein Huhn auf dem Waldboden lebt; den bekannten Kiwi, der statt der Federn eine Art von hängendem grauen Haarkleid hat. Bis zu den Reptilien und Meertieren hinab hat die gesamte Fauna einen eigentümlichen, sehr altertümlichen Zug. Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen, selbst das Wild in den Bergen mit Einschluß des zur Landplage gewordenen Kaninchens, sind ohne Ausnahme eingeführte Tiere; die ersten Weißen fanden nur drei Säugetierarten vor: Ratten, Hunde und Fledermäuse. Der Riesenvogel Moa, der bis vier Meter hoch wurde und in mehreren Arten vorkam, war von den Maori bereits ausgerottet.

Nicht weniger fremdartig ist die einheimische Pflanzenwelt Neuseelands – 61 Prozent aller Art gehören ihr an, die nicht einmal in Australien vorkommen. In ungeheuren, ganz unbeschreiblich ausgedehnten und verwachsenen Dickichten wuchert der immergrüne Manuka-Busch, hier ist das Handbeil wirkungslos, man muß diese Wälder von Unterholz oft meilenweit umgehen. Nur der Maori-Hund, unser Begleiter auf der Wanderschaft, windet sich, geduckt am Boden kriechend, durch das Gestrüpp und kehrt im Laufe eines Tages wohl ein dutzendmal stolz, mit einem erbeuteten Kaninchen in den Fängen, zu seinem Herrn zurück. Ein Fremdling in Neuseeland ist der aus Australien verpflanzte Eukalyptus – die Art, die auf den Inseln am häufigsten angetroffen wird, hat die seltsame Gewohnheit, die Rinde alljährlich abzuwerfen, sich also zu häuten wie Schlangen und Eidechsen, während die lederartigen Blätter ununterbrochen nachwachsen. Auffallend reich sind in den Wäldern die Farne, die in allen denkbaren Formen zu sehen sind, vom Moos bis zum Baum, und an den Bäumen wieder als Schmarotzer. Majestätisch erhebt sich über das grüne wogende Blättermeer die herrliche, bis zu hundert Fuß emporstrebende Kaurifichte mit weit ausgebreitetem, in allen Schattierungen der grünen Farbe erstrahlendem Laubdach. Mit ihr wetteifern Rimu, die Rotfichte, Miro, die Schwarzkiefer, die einzige auf den Inseln vorkommende Palme Nitau, die riesigen Podocarpusarten, die Birken einheimischer Abkunft und eine große Fülle anderer Waldbäume. Wenn irgendwo in der Welt, so befindet sich der Reisende inmitten dieser halbtropischen und antarktischen Flora eigentümlichster Art in der »Fremde«. Und wenn noch etwas fehlen könnte, seinen Enthusiasmus zu steigern, so wäre es in der glücklichen Tatsache gegeben, daß in dieser Inselwelt, trotz ihrer Wärme, ihres halbtropischen Charakters, ihres üppigen Pflanzenwuchses in Wald und Gebirge, die Plage der Insekten und giftigen Reptilien so gut wie ganz fehlt. – –

Einsam, weltenfern, schwimmt dies Paradies im Meere. Das nächste Festland, Australien, liegt in nordöstlicher Richtung doch über 1200 Meilen entfernt; südlich gibt es nur einige unbewohnte Felseneilande, auf denen sich Robben tummeln, den Hintergrund bildet das antarktische Meer; im Norden, fern, schwimmen ein paar Koralleninseln und ostwärts, hinter einer 4000 Meilen breiten Wasserwüste erst, taucht die Küste Südamerikas aus den Fluten. – – –

Im Anfang war das Weltmeer auch auf der Stelle, wo jetzt Neuseeland liegt, leer und öde. Maui, der Vater und Gebieter der Götter, der allmächtige Weltenfischer, sah es und schüttelte sein Haupt. Flugs holte er die große Zauberangel und fischte zuerst die Nordinsel aus dem Grunde des Meeres. » Te Ika a maui«, heißt sie deshalb. »Der Fisch des Maui«.

Also spricht lächelnd mein lieber brauner Gefährte, dann fügt er sinnend hinzu: »Das Gleichnis scheint mir richtiger zu sein, als eure Schöpfungsgeschichte, denn aus dem Meere sind diese vulkanischen Inseln doch sicher aufgetaucht.«

*

Als wir im freundlichen Hausboot den herrlichen Wanganui-Fluß hinabfuhren, verwandelte sich mein Gefährte, der Graduierte einer höheren Schule in Auckland, der sich im Wald – gewiß ein Erbteil seiner Vorfahren – wie zu Hause betragen hatte, in einen Salonmenschen. Vom Scheitel bis zur Sohle ein englischer Gentleman, bewegte er sich in der australischen, amerikanischen und englischen Reisegesellschaft, die wir im Hausboot antrafen, und ich hätte von ihm lernen können. Die Gesellschaftssitten sind von den unseren verschieden. Der Engländer kennt keine kollektive Höflichkeit und erscheint uns Deutschen deshalb manchmal rücksichtslos; er besitzt dagegen eine große persönliche Höflichkeit. Immer wieder mußte ich meinen anglisierten Maori-Freund verstohlen beobachten, besonders an der gemeinschaftlichen Tafel. Der Großvater des jungen Herrn, der so zierlich seinen Fisch zerlegt, war noch ein wilder Menschenfresser. Seine Schwestern sind noch tätowiert worden, er selbst trägt an der Uhrkette das aus Nephrit geschnitzte fratzenhafte Amulett, das »Tiki«, der Maori. Mit Recht ist er stolz auf die kriegerische Rasse seiner Ahnen.

Die Maori, wohl ohne Zweifel die schönsten und intelligentesten Polynesier, sind der überlieferten Stammesgeschichte zufolge vor fünf Jahrhunderten in das damals unbewohnte Neuseeland eingewandert. Sie kamen aus ihrer Urheimat Hawaiki, dem Savaii der Samoa-Inseln, und sollen in Rarotonga Station gemacht haben. Gleich dem Argonautenzuge unter den Griechen, so ist der Zug des berühmten Helden Ugahne mit seinen zwölf Schiffen unter den Maori in unzähligen Gesängen und Dichtungen verewigt. In einem großen Festspiel zu Rotorua, von Maori-Männern und -Frauen dargestellt, wurde während meines Aufenthalts die Besitzergreifung der Plenty-Bai auf der Nordinsel dramatisch vorgeführt. Maori-Kunst ist aber ein etwas zweifelhaftes Vergnügen. Ihre Tänze, ihre mimischen Darstellungen, ihre Gesänge gehen nie ohne Fratzenschneiden ab – selbst ihre Götter schneiden Fratzen, wie man unter anderm an dem erwähnten, weitverbreiteten Grünstein-Amulett und an ihren, im übrigen sehr geschickten Holzschnitzereien sehen kann.

Cook traf die Maori vor 150 Jahren noch im Stein-Zeitalter, ihre Keulen, Aexte und Messer waren aus dem eisenharten Nephrit hergestellt. Aber auch ohne Metall verstanden die Maori sich auf den Krieg, der fürchterlich unter ihnen wütete. Die Gefangenen wurden aufgefressen. Bis 1840, als die Annexion durch England erfolgte, blieb Neuseeland der Tummelplatz von entlaufenen Matrosen und Abenteurern. Missionare hatten schon 1814 ihr furchtloses Werk unter diesen kriegerischsten aller Polynesier begonnen, aber erst von 1840 ab begannen die Maori, den Kannibalismus aufzugeben. Elf Jahre lang, von 1860 bis 1871, führten sie Krieg mit den Pakeha, den weißen Eindringlingen, dann trat Beruhigung, wenn auch nicht im eigentlichen Sinne Unterwerfung ein. Die Maori sind, wenn auch nicht die Herren des Landes, doch Herren geblieben. Sie besitzen große Länderstrecken, halten Vieh und treiben Ackerbau, sind zum größten Teil christianisiert, senden ihre Kinder in die Schule und nehmen teil an der Regierung. Der Minister Ngata ist ein Vollblut-Maori.

Trotz des großen Erfolges, den die Zivilisation über dieses intelligente Volk errungen hat, scheint es unter den neuen Göttern dahinzuschwinden. Im Anfang des verflossenen Jahrhunderts, als die ersten Missionare landeten, schätzte man die Maori-Bevölkerung auf 200 000 Seelen – jetzt ist sie auf 40 000 zusammengeschmolzen. Eine geradezu nationale Disposition zur Phthisis hat sich entwickelt und lichtet die Reihen.

Maori-Land! Diese so oft gebrauchte Bezeichnung ist nur noch eine romantische Phrase. Den Weißen gehört schon die Gegenwart und ganz die Zukunft.

*

Wer aus den alten Kulturländern Europas – mit Ausschluß des konservativen Englands – nach Amerika kommt, sehnt sich bald zurück, da seinem verfeinerten Geschmack die rohen Genüsse des Dollarlandes nicht behagen; wer aber aus Amerika dann etwa in die englischen Kolonialländer jenseit des Pazifik geht, fühlt heftiges Verlangen, in die lebhaften, vorgeschrittenen und freiheitsfreundlichen Vereinigten Staaten zurückzukehren.

Schenkt man den nationalökonomischen Skribenten einer gewissen Richtung Glauben, dann erwartet man, in ein soziales Paradies zu kommen! Der Zukunftsstaat in höchster, veredelter Form! Anbruch des goldenen Zeitalters! »Das Land der sozialen Wunder,« wie Herr Manes schreibt. Australasien, die sozial vorgeschrittensten Länder der Erde! Und so weiter! Soziale Gesetzgebung. Soziale Regierung. Acht Stunden Arbeitszeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Zerstreuung, acht Schilling (Mark) Minimallohn; außer dem Sonntag noch zwei halbe Tage in der Woche frei. Das Land der Zufriedenheit. Das Land ohne Streiks. (Manes.) Das Gemeinwesen ohne Reiche und ohne Arme, die Städte ohne Proletariat. – – –

Der Reisende, der sich diese Glückseligkeiten nicht nur auf dem Papier ausrechnet, wie die auf einem Auge blinden Verfechter von Menschheitsbeglückungsideen, erhält ganz andere Eindrücke. Die vier größeren Städte Neuseelands, Wellington und Auckland auf der Nordinsel, Christchurch und Dunedin im Süden, haben alle dasselbe schläfrige, langweilige, stockende und lebensunlustige Gepräge. Fremdenfeindlichkeit und kleinliche Furcht vor dem Wettbewerb neuer Ankömmlinge hat eine chinesische Mauer um die australasiatischen Staaten gezogen und gestaltet sie zu Musterländern des ausgeartetsten Partikularismus um. Besonders ist man deutschfeindlich gesinnt, die Presse läßt keine Gelegenheit entschlüpfen, den Haß gegen die Deutschen zu nähren. Wenn es kein Proletariat gibt, so ist dieser glückliche Zustand keineswegs der Gesetzgebung zu danken, sondern der schwachen Bevölkerung und dem Umstand, daß mangels Zuzuges fremder Arbeiter eben alle Hände gebraucht werden. Der ganze Archipel, wie erwähnt, so groß wie Italien und Sizilien, umfaßt nur eine Million Einwohner, darunter ein Prozent Fremde – alle anderen sind Engländer und Abkömmlinge von Engländern. Der langweilige Zug, der ihre Lebensart auszeichnet, erscheint in Australasien verstärkt, fast auf die Spitze getrieben. Das Fehlen wahrer Konkurrenz, das Einspinnen in Sicherheiten, scheint die vitalen Kräfte zu lähmen – wozu auch sich regen: der Schwache verdient so viel wie der Starke, der Geschickte nicht mehr als der Ungeschickte, es gibt Tarife, nicht nur für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sondern für den Verkäufer in seinem Laden und den Händler auf der Straße. Wozu sich anstrengen? Selbst die Geburten sind in raschem Abnehmen. In Australien hat man jüngst eine Prämie von 20 Pfund für jedes neugeborene Kind ausgesetzt. Nur im Arrangieren von Streiks zeigt sich einige Energie – weit entfernt, das Land ohne Streiks zu sein, wird in Neuseeland neuerdings mehr gestreikt als gearbeitet, und die politisch gleichgestellten Frauen spielen dabei eine große Rolle, indem sie die Hutnadel als Waffe gegen Arbeitswillige gebrauchen. In den »Unions« sind die Zünfte des Mittelalters wieder aufgelebt, aber sie knebeln ihre Leute viel mehr als die alten wohlwollenden Meister, sie werden ganz Australasien knebeln, bis die Konkurrenz mit der Außenwelt unmöglich geworden und der unausbleibliche Rückgang eingetreten ist.

Seltsam kontrastiert mit der angeblich so fortgeschrittenen, freien Arbeitergesetzgebung die ebenfalls gesetzlich festgelegte fürchterliche Bigotterie und Scheinheiligkeit. Der Sonntag ist absolut tot, selbst die Eisenbahnen stellen ihre Fahrten ein. Jede Zerstreuung ist ausgeschlossen. Statt dessen regiert die Heilsarmee, deren Bum-Bum an allen Straßenecken ertönt nebst den Posaunenstößen frumber junger Leute; Kunst und Kunstgenuß auch in der Woche gleich Null. Totalabstinenz-Gesetze sind schon in Sicht. Sie werden nichts nützen, denn gerade am Sonntag sieht man die meisten Betrunkenen, darunter nicht wenige Frauen. Die Langeweile, die in dies irdische Paradies hineingetragen wird, reiht die Menschen langsam jenen Geschöpfen an, die den Hauptausfuhrartikel bilden, den Schafen.


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