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XVIII.
Von Neu-Guinea nach den Palau.

Als Knud Rasmussen mit der literarischen dänischen Grönland-Expedition Mylius-Erichsens bei den Nachbarn des Nordpols weilte und der kurze, kalte Sommer jener armseligen Menschen zu Ende ging, um dem furchtbaren Dunkel und der Eiseskälte des neun Monate langen Winters Platz zu machen, trat eines Abends am Strande die alte Eingeborene Arnaluk zu dem Forscher und deutete hinaus auf das Meer. »Siehst du das schwarze Gewölk am Horizont?« sagte sie. »Ich sehe es wohl!« Und Freude zitterte in der Stimme der Alten, als sie erwiderte: »Ja, das ist das große Dunkel, das jetzt naht!«

So freut sich der Mensch noch in den unwirtlichsten Gegenden auf den Wechsel der Jahreszeiten, selbst da noch, wo der Sommer schlimm, der Winter schlimmer ist.

Denn unsere Seelen sind so beschaffen, daß das Einerlei ein schleichendes, entnervendes Gift für uns ist, während der Wechsel uns mit neuer Tatkraft und frisch blühender Hoffnung erfüllt. In der heiß-feuchten Aequatorialzone Neu-Guineas entwickeln sich unsere Mitkreaturen aus dem Pflanzenreich, die ihren Ursprung aus einer früheren, auf Wasser und Hitze eingestellten Weltepoche herleiten, zu einer unbeschreiblichen Ueppigkeit; der eingeborene Mensch ist auf einer tiefen Entwicklungsstufe stehengeblieben und lebt noch heute in reiner ethnologischer Steinzeit; der nordische, späteren und höheren Raffen angehörende Mensch aber, der hier dauernd zu leben gezwungen ist, verfällt – falls ihn das Fieber nicht aufzehrt – einem Zustand, den ich die Tropen-Melancholie nennen möchte.

Ein Wechsel in den Jahreszeiten ist kaum noch bemerkbar; das überall tief eindringende und rings umgebende Meer bedingt eine immerwährende große Luftfeuchtigkeit, eine eigentliche Trockenperiode gibt es nicht; heiß und feucht ist es, während im »Winter« der Südost-Passat weht, und feucht und heiß im Nordwest-Monsun, der den »Sommer« auf der südlichen Erdhalbkugel begleitet. Immer und ewig brennt die Sonne mit gleicher sengender Kraft hernieder auf Meer und Land, jeden Morgen um die gleiche Stunde weckt das grelle Licht den dumpfen Schläfer aus schwerem Schweiß, jeden Abend um die gleiche Zeit wendet sich die müde Erde vom strahlenden Sonnenauge hinweg ins Dunkel.

Es ist, als ob sich schon im Aeußeren dieser Länder, gewissermaßen in ihrem Angesicht, in ihren Zügen, eine profunde Traurigkeit ob der ewigen Anspannung ausdrücke. Die Wildheit und das Düster der Küsten im Bismarck-Archipel steigern sich in Neu-Guinea zu einer erschütternden Melancholie.

Seitdem im Anfang des sechszehnten Jahrhunderts der Portugiese Jorge de Meneses an die Nordküste Neu-Guineas verschlagen wurde und die große Insel für einen Kontinent hielt, haben nur wenige Menschen die Küste vom Meere aus frei von Nebeln und Dünsten, im goldenen Schein der Tropensonne daliegen sehen. Regennebel kriechen fast immer an der Küste hin, die gewaltigen Gebirge im Landinnern hüllen sich in Mäntel aus bläulichem Duft. Mir war das Schicksal hold. Ich habe das zyklopische Land so kristallklar bis an den fernsten Horizont daliegen sehen, als feiere die Natur irgendein geheimnisvolles, seltenes Fest. Friedrich-Wilhelms-Hafen in der Astrolabe-Bucht war das Ziel. Noch war es Nacht, als wir an der Küste entlangfuhren. Der Morgen kommt in diesen Breiten wie mit einem Zauberschlage. Ganz steil und schnell steigt die Sonne empor und aus Nacht wandelt sich in wenigen Minuten der strahlende Tag. Wie durch Zaubermächte enthüllt, glänzte da auch plötzlich das Kaiser-Wilhelm-Land herüber – so groß, so gewaltig, trotz der Lichtflut so ernst und abwehrend, daß der Anblick auf immer im Gedächtnis haften bleiben wird. Türmend, immer eine gezackte Kette hinter der andern, steigen die Berge im Innern empor und erglänzen in allen Schattierungen, vom Weiß bis zum düsteren Schwarz, vom sanften Grau bis zum intensiven Blau und Grün. Es sind die Ketten, Kegel, Schroffen und Querläufer des Finisterre-Gebirges, das sich hinter der Astrolabe-Bai hinzieht. Hinter den letzten bläulich schimmernden Spitzen am Horizont steigt es noch einmal, schwach herüberblinkend, in unabschätzbarer Entfernung wie schneeige Gipfel empor. Sind es die Alpen des fernen Bismarck-Gebirges mit ihren bis zu 4300 Metern aufsteigenden Kuppen? Sind es Dunstformationen, von der Sonne beleuchtet? …

Auf dem weiten Vorland hinter weiß brandendem Korallenriff grünt und blüht es von Palmen, Brotfruchtbäumen, Kasuarinen, einem wahren Dickicht von Bäumen und baumhohen Gebüschen. Die sanft ansteigenden Hügel bedeckt dichter Tropenwald. Da, wo die Berge höher emporsteilen, glänzt der dunklere Regenwald wie eine dichte grüne Gardine. Dunklere Koniferengehölze schauen aus noch größeren Höhen, und über ihnen wieder ragen die Matten des Hochgebirges mit ihrer für das Auge zu bloßer Farbe verschwimmenden alpinen Flora.

Der Küste vorgelagert ist eine reiche, bizarr gegliederte, bunte korallinische Inselwelt – so lieblich und herzerfreuend wie die ungeheuren Gebirgsmassen ernst und bedrückend.

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Friedrich-Wilhelms-Hafen, der Hauptort des Kaiser-Wilhelm-Landes, liegt in der Astrolabe-Bai an der Mündung des Gogolflusses, inmitten einer reizenden Kleininselwelt, die das Meer draußen abschließt. Ausgedehnte Stationsgebäude der Regierung, Lagerhäuser der Neu-Guinea-Kompanie, einige freundliche Wohnungen am grünen Wasser der Lagunen machen den Ort aus. Im Hafen liegen die Jacht »Delphin« und das Kanonenboot »Kondor«, das eben im Begriffe ist, nach Ruk abzudampfen, um die Eingeborenen, die eine ganze Expedition bis auf den letzten Mann niedergemacht haben, zu bestrafen.

Die Leute, die uns in und um Friedrich-Wilhelms-Hafen begegnen, sind ausnahmslos Papua, die bis auf das Lava-Lava nackt gehen. Sie sind schwarz, schlank, mittelgroß, mit breiten, zuweilen gebogenen Nasen und braunen, ausdrucksvollen Augen. Die Nasenscheidewand ist durchbohrt und mit einem Knochenstäbchen verziert. Die Ohrlappen sind erweitert und dienen zur Aufnahme von Papierrollen und Grasbüscheln. Armbänder aus Muscheln, Halsketten aus Hunde- und Schweinezähnen, Federn in den krausen Haaren sind allgemein, ebenso ein Bastkörbchen mit Pfeife, Betel zum Kauen usw., das jeder unter dem Arm oder in der Hand trägt. Alle diese Leute gehören zur Küstenbevölkerung, das Innere des Landes ist noch wenig erforscht.

Tätowierung ist auch in Neu-Guinea nicht gebräuchlich, dagegen aber Bemalung und Einschmieren des Körpers mit Fett und Ocker. Außerordentlich ausgebildet ist eine primitive Kunst, die sich im Bau der Häuser und im Schmuck der Waffen äußert. Die Hütten stehen meistens auf Pfählen, in einigen Gegenden gibt es luftige Baumhäuser hoch oben in den Zweigen, in anderen Pfahldörfer über dem Wasser; die Waffen zeigen reiche Schnitzerei und Bemalung. Haustiere sind Hunde, Hühner und Schweine. Das Tierleben Neu-Guineas ist ja sehr ärmlich an Säugetieren und beschränkt sich auf Fledermäuse, Schnabeligel und einige Beuteltiere – neben den früher eingeführten Schweinen und Hunden. Reicher ist die Welt der Vögel, Insekten und Reptilien vertreten.

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Mit fünf Neuguinea-Jungen als unermüdlichen Ruderern in einem von der Neuguinea-Kompanie freundlichst gestellten Boot geht es quer durch die Bucht und den Majumba, einen engen Waldfluß, aufwärts. Wer nie einen tropischen Urwald betreten hat, kann sich keine Vorstellung von der Ueppigkeit der Flora machen. Mit ihren knorrigen Luftwurzeln stelzen Mangrovengebüsche ins Wasser hinein, wie Netzwerk hängen die Lianen zwischen dem Baumdickicht, bunte, leuchtende Orchideen schauen wie die Augen des Waldes dem Boote gleichsam nach, wilde Gummibäume haben aus Luftwurzeln gebildete Säulen um sich herum aufgebaut, so dick wie der Mutterstamm selbst. Ein betäubender Geruch aus Blumenaroma und Moder erfüllt die Luft. Papageien fliegen kreischend aus dem Dschungel auf, große Eidechsen rascheln durchs Gebüsch, prachtvolle Schmetterlinge wiegen sich von Zweig zu Zweig wie schwebende Blumen. Und über all dem brennt und sengt die mörderische Sonne Neu-Guineas.

Auf der einen Seite öffnen sich schließlich weite Kulturen von Gummibäumen. Man versteht, daß in diesem Treibhaus der Natur schlechterdings alles mit Gewalt wachsen muß – Kokos, Kautschuk, Kaffee, Tabak. Aber die vielen Tausende von Kokos-, Kautschuk- und Kaffeebäumen, die unter Kultur stehen, nehmen doch nur ein ganz kleines Winkelchen des gewaltigen Landes ein, dessen Erschließung von der Möglichkeit abhängt, die eingeborene Bevölkerung zur Arbeit zu erziehen.

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Als spät am Nachmittag der freundliche Strand mit seinen Mangrovendickichten wieder zurückgewichen ist, sucht der Blick umsonst nach den Gebirgsketten, die der Morgen beleuchtete. Schwere silbrige Regennebel füllen die Einschnitte im Vordergrunde aus, düster und drohend lugen die Vorberge herüber, und dahinter ist alles in Dunst gehüllt. Jetzt könnte der Schiffer vorübersegeln, ohne das ungeheure Bergland auch nur zu ahnen.

Den Abschied gibt uns im sinkenden Licht eine Insel – was sage ich: ein gewaltiger zyklopischer Kegel von furchtbarer Großartigkeit. Glatt und schräg auf allen Seiten, so steigt der Vulkan aus dem Meere. Hinten der gelblich glänzende Abendhimmel, vor ihm die düstere, unheimliche Silhouette des meilenlangen massiven Blocks, das Riesenhaupt verhüllt von einer Wolkenbank, so breit und groß wie das Meer. Aber der Anblick verflüchtigt sich schnell. Mit Siebenmeilenstiefeln rennt das Dunkel über die See und taucht alles: den Berg, das Meer, das Schiff, in schwarze Nacht.

Noch lange liegt die Küste des Kaiser-Wilhelm-Landes zur Linken. Hatzfeldhafen, Potsdamhafen werden passiert, die Mündungen des Ramu und des Kaiserin-Augusta-Flusses, aber über das, was jenseit der Küsten liegt, ist unser Wissen fast noch ebenso dunkel wie die Nacht, die Meer und Land umschlungen hält.

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Wer die Navigation unter den schwierigsten und gefährlichsten Verhältnissen kennen lernen will, muß in diese abgelegenen und verkehrsarmen Gegenden der Welt gehen. Eines Tages tauchen drei kleine Punkte am Horizont auf, die länger und länger werden und sich zu drei hügeligen grünen Eilanden auswachsen. Sie gehören zur Hermit-Gruppe, und die größte der Inseln ist Maron, auf der die »Wahlenburg« steht, eine Südseevilla des Handelshauses Wahlen. Weit, weit vor den Inseln scheinen Baumgruppen direkt aus dem Wasser aufzusteigen, sie mehren sich ins scheinbar Unendliche und entpuppen sich als weit ins Meer vorgeschobene Korallenriffe, die die Wahlenburg gleich einer Festungsmauer umgeben. Auf einem dieser Riffe liegt als Warnungszeichen die eiserne Hülle eines großen Dampfers, des »Johann Albrecht« der Neu-Guinea-Kompanie, der hier vor Jahren gestrandet ist. Nur durch eine einzige Oeffnung vermögen Schiffe in die Lagune zu gelangen und nur durch dieselbe Lücke in der Korallenmauer auch wieder ins freie Meer.

Wieder andere Inseln besitzen überhaupt keinen Hafen, und die Landung wird bei unruhiger See, wenn nicht ganz unmöglich, so doch ein schwieriges Unternehmen. Hierher gehört die langgestreckte, zu den West-Karolinen gehörige Insel Jap. Ehe sie für uns aus dem Meere emportaucht, wird unter stürmischem Regenwetter und nordwestlichen Regenböen der Aequator überschritten. Vor Jap muß das Schiff in hochwallender See treiben, um einige Gäste loszuwerden; es ist keine Möglichkeit, nahe an die Insel heranzugehen, denn einen Hafen hat sie nicht, und die aufgewühlte See umbrandet sie in tosender Wut.

»Also steurten wir fürder hinweg,« – um auf der Nordhalbkugel der Erde emporzuklettern, den unfernen Palau-Inseln entgegen.


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