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V.
»Der große Ueberländer«.

Da steht er; ich will für diesmal nur über ihn schreiben, den großen Ueberländer, der den fürstlichen Namen führt: » The Imperial Limited «. Im nächsten Abschnitt werde ich mit höchst ernsthaften Gebärden über Land, Leute und Zukunft von Kanada orakeln, aber heute schreibe ich nur über ihn, den großen Ueberlandzug, mit dem ich in sieben Tagen und sieben Nächten quer durch Kanada, durch British Columbia, Oregon und Kalifornien, vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean gerädert – worden bin. Da steht er also, der große Ueberländer, der von Meer zu Meer braust. Majestätisch und gewaltig steht er da, auf dem Bahnhof der Canadian Pazific-Linie in Montreal nämlich, mit seinen fünfzehn gigantischen Pullman-Wagen, jeder auf zwölf Achsen, und mit seiner Mammut-Lokomotive, die mit ihrem weit ausholenden Cow-catcher wie ein Tier der Vorwelt aussieht. Diese Maschinerie ruht auf einem so hohen Gestell, daß bequem ein Mann unter dem Dampfkessel stehen kann. Um in die Wagen gelangen zu können, bedient man sich einer kleinen Trittleiter. Jede dieser Riesencars hat einen Namen, wie der Zug selbst, die eine heißt »Gopher« (Präriehund), die andere »Kalamazoo« (Name einer Stadt), die dritte »Adirondack« (Name einer Gebirgskette).

An der Spitze des Zuges steht stolz Seine Hoheit der Herr Conductor, in einem dunkelblauen Anzug von elegantem Schnitt, mit Goldlitzen; eine Inschrift am Mützenschild verrät seinen hohen Stand. Am Eingang jedes Wagens stehen, nicht weniger elegant, die sogenannten Porter, lauter Neger, die zugleich Schaffner und Schlafwagenbeamte sind. Im Innern des großen Ueberländers findet man noch Seine Ehrwürden den Schlafwagen-Conductor, Seine Gnaden den Speisewagen-Conductor, den Assistenten des eigentlichen Conductors oder in gewöhnlichem Deutsch »Zugführers« und eine Reihe anderer hoher Funktionäre. Alle sehen aus wie bessere Dorfschulmeister. Sie tragen ganz glattrasierte, wohlwollende und doch ungeheuer selbstbewußte Gesichter und mächtige Brillen – die meisten sind ununterbrochen am Kauen (worin sie allerdings von unseren Dorfschulmeistern abweichen, die nichts zum Kauen haben).

Der »Imperial Limited«, der von Montreal nach Vancouver bestimmt ist, verläßt um 10 Uhr 30 Minuten p. m. die Hauptstadt Quebecks. Es ist also Abend. Nachdem man sich ein Herz gefaßt hat, tritt man, schwer belastet mit Handgepäck für eine Woche, auf den Herrn Conductor zu und präsentiert die papierne Seeschlange, die hierzulande das Eisenbahnbillett darstellt. Das sind nämlich eine ganze Reihe aneinanderhängender Zettel, denn das Billettmonstrum lautet nicht etwa: »Montreal – San Francisco«, sondern »Montreal – Ottawa« – »Ottawa – Sudbury« – »Sudbury – Fort William« – »Fort William – Winipeg« – »Winipeg – Moose Jaw« – »Moose Jaw – Calgary« – usw. usw. bis ganz hinüber auf die andere Seite der Welt. Die Pullman-, resp. Schlafwagenbillette bestehen aus einer ähnlichen Seeschlange. Mit diesen Ausweisen nähert man sich dem stolzen Conductor, der die sämtlichen Zettel einfach konfisziert und einem dafür eine Quittung gibt, die – wie hundert andere Dinge – »Check« genannt wird. Dabei macht der hohe Herr ein Gesicht, als wollte er sagen: »So, mit Ihnen bin ich für ewige Zeiten fertig – Mensch, Sie!«

Der Schwarze, der den Reisenden nunmehr in Empfang nimmt, ist menschenfreundlicher – von wegen des Trinkgeldes am Ende der Reise. Voll Herablassung nimmt er das Handgepäck an sich und weist den Platz an, nachdem man ihm die Nummer des Bettes genannt hat. Ein Unterschied in der Behandlung wird in diesem Lande nicht gemacht, der schwarze Bediente behandelt jeden, sei er Farmer oder Staatsmann, armer Schlucker oder Millionär, als seinesgleichen.

Im Innern der Car ist bereits alles zum Schlafen fertig. Lange Portieren wallen vom Plafond des Wagens, und hinter ihnen sind die breiten Betten, jedes mit zwei Kissen, verborgen – eins oben und eins unten. In das obere steigt man vermittels einer Leiter. Als Ehrengast der großen Canadian Pacific-Gesellschaft habe ich glücklicherweise ein unteres. Aber auch hier hat das Schlafen, eigentlich mehr das An- und Ausziehen, seine Schwierigkeiten. Damen und Herren logieren in diesen » Sleepers« durcheinander, und deshalb ist die höchste Diskretion am Platze. Seinen Koffer öffnen und ihm die Pyjamas entnehmen, das kann man noch vor aller Augen tun, dann aber verbirgt man sich hinter dem Vorhang – und die Leiden beginnen.

Auf dem Bettrand kann man nur mit stark geneigtem Kopf sitzen, sonst stößt man sich den Schädel eklig an der niedrigen harten Mahagonidecke des oberen Bettes. Nun sitzt man also auf dem Bettrand und versucht sich erst die Stiefel und dann die Unaussprechlichen auszuziehen, wobei einem die in dem Gang Vorübergehenden fortwährend auf die Füße treten. » Excuse me«, sagt der Unsichtbare hinter dem Vorhang, wodurch der Schmerz indes nicht gemildert wird. Es bleibt nichts übrig, als aufs Bett zu kriechen und sich halb sitzend, halb liegend auszuziehen. Endlich sind die Hosen herunter und auf einem kleinen Bort am Fußende des Bettes untergebracht. Die Sache wird noch schwieriger, denn nun kommt – verzeihen Sie, meine Damen, das Hemd. Man sitzt im Halbdunkel mit vorsichtig gesenktem Kopf und zupft und zupft, es geht nicht.

»Entschuldigen Sie, lieber Herr,« sagt man höflich zu sich selbst, um bei guter Laune zu bleiben, »aber Sie sitzen auf meinem Hemd.« – – Das ist richtig. Man kann sich das Hemd nicht über den Kopf ziehen, wenn man darauf sitzt. Noch einmal, meine Damen, verzeihen Sie, daß ich meine Umstände so genau schildere, allein ich folge hierin einem großen Vorbild, dem unsterblichen Swift, der mit Recht die Reisenden mißachtete, die in ihren Schilderungen aus Prüderie das Rein- und Klein-Menschliche übergingen.

Man beginnt also, auf dem Bett mit ausgestreckten Beinen sitzend, zu hüpfen wie ein Kaninchen, bis man zu hoch hüpft und sich oben an der Mahagonidecke des Pullman ganz verteufelt den Kopf stößt.

»Jetzt haben Sie sich den Schädel gestoßen, werter Herr,« sagt man begütigend zu sich selbst, aber die Geduld ist hin, es kann passieren, daß man sich selber antwortet: »Halten Sie den Rand, es ist mir schon aufgefallen, daß ich einen gehörigen Bums weg habe.«

Kurz, das Ausziehen im Pullmanwagen ist eine schwierige Kunst, aber schließlich ist die Toilette doch vollendet und man liegt, sanft gewiegt, denn der Zug ist inzwischen abgefahren, vor dem zum Teil offenen, unschließbaren, nur vergitterten Fenster – umwogt von Zugluft, Staub, Flugsand und wilden Träumen von Zugräubern, Cowboys, Präriebränden und Eisenbahnunfällen.

*

Am nächsten Morgen beginnt man den großen Ueberländer durch Entdeckungstouren in seinem Innern erst richtig kennen zu lernen.

Zunächst bewegen sich wieder alle Vorhänge, hinter denen sich Männlein und Weiblein anzuziehen versuchen. D. h. man zieht sich nur zum Teil an, dann nimmt man den Handkoffer und geht in den Waschraum, wo schon diverse Gentlemen schäumen und spritzen, sich einseifen, rasieren und waschen. Nur muß man beim Verlassen des Bettes vorsichtig sein. Mir gegenüber im unteren Bett logiert eine gebirgige Amerikanerin von einigen vierzig Lenzen. Sie ist sehr scheu und hüllt sich, Gott sei Dank, in die Toga strengster Unnahbarkeit. Schon am ersten Morgen hatte ich das Pech, gerade aus den Falten meines Vorhanges aufzutauchen, als auch sie, leider sehr unangezogen und mit weiten Blicken auf verborgene Landschaften, den schützenden Schleier verlassen wollte. Ich hörte nur ein ersticktes » Oh shocking!« und der Vorhang schloß sich. Nachher haben wir einander nur noch verschiedene Male beim An- und Ausziehen bösartig auf die Füße getreten und uns, jeder hinter seiner Gardine, entschuldigt – weiter hatte die Nachbarschaft keine Folgen. – –

Täglich dreimal wandelt ein Angestellter des Speisewagens durch den Zug und fordert zu den Mahlzeiten auf. » First call for breakfast!« Man speist à la carte. Sehr gut und sehr teuer. Schon das Frühstück ist bei zivilisierten Ansprüchen nicht unter vier bis sechs Mark zu haben. Die Amerikaner, wozu natürlich immer auch die Kanadier gerechnet sind, fangen bekanntlich mit Obst zum ersten Frühstück schon an. Beliebt ist eine halbe Cantaloupe, die man mit Streuzucker auslöffelt. Eigentlich ist das nichts anderes als eine kleine Melonenart, aber Cantaloupe schmeckt eben viel teurer. Lunch wird um 12, Diner um 6 Uhr serviert.

Während des Frühstücks und schon während die Gäste des großen Ueberländers sich waschen und ankleiden, geht mit allen Wagen eine durchgreifende Verwandlung vor. Der Neger, der jetzt in blendendes Weiß gekleidet ist, klappt alle Betten zusammen, aus den unteren werden richtige Polstersitze, die oberen verschwinden und wandeln sich in blankpolierte Seitenwände um – kurz, nach einer Stunde sieht man nur noch das Innere eines Salonwagens mit geschweifter Mahagonidecke, mit Spiegeln und schwellenden Polstern. Bloß das sämtliche Handgepäck liegt wild auf dem Boden und auf den Sitzen umher, denn besondere Netze und Behälter für Gepäck sind nicht vorhanden. Der letzte Wagen des Zuges ist die sogenannte Observation-Car, der Aussichtswagen, er hat große Spiegelscheiben, bequeme Ledersessel und am Ende eine offene Balustrade. Hier sitzt man nun und beobachtet die vorüberziehende Landschaft, oder man geht ins Rauchzimmer und raucht, oder man sucht seinen Sitz auf und liest oder träumt vor sich hin.

Die amerikanische Gesellschaft macht, selbst in diesem teuren Elitezug, einen nach europäischen Begriffen sehr unkultivierten Eindruck. Die Männer stochern sich nach dem Essen stundenlang in den Zähnen herum, auch die Damen; der Kaugummi entstellt selbst die hübschesten Gesichter durch die Bewegung des ewigen Wiederkäuens; Damen holen ihre Manicure-Kästchen hervor, um sich ganz ungeniert die Nägel zu reinigen und zu polieren.

Und der große Ueberländer rollt und rollt, und aus Morgen und Abend wird der erste Tag. Der Zug rollt und rollt durch felsige Landschaften, durch Prärie, durch Korn- und Weideland und durch Gebirge – und rollt und rollt. Zuweilen gibt es einen kurzen Aufenthalt, dann stürzt alles hinaus, um sich die Füße zu vertreten, jeder dabei auf seiner Hut, – denn nach einem kurzen Kommando, mehr einem Schrei: » All aboard« setzt sich der Zug ohne weiteres wieder in Bewegung. Dutzende von Menschen stürzen hinterher und erklimmen noch die Wagen – darum kümmert sich niemand, die persönliche Freiheit gestattet jedem, zu tun, was ihm beliebt.

Jeden Tag sieht man dieselben Gesichter, man begegnet einander im Aussichtswagen, beim Speisen, beim Zubettgehen und Aufstehen – und der große Ueberländer verwandelt sich schnell in ein Schiff auf Rädern, nein, in eine rollende Stadt mit ihren Gesellschaften, Cliquen, Versammlungen, mit ihrem Flirt und ihren Liebeleien, mit ihren Gerüchten und ihrem Gesellschaftsklatsch. Das Publikum ist bunt zusammengesetzt. Viele » homeseekers« sind dabei. » Homeseeker«, Heimsucher, das ist hier in Kanada das große Wort, das von allen Seiten ertönt. Denn nordwärts vom Zuge liegen Millionen von Ackern unerschlossenen fruchtbaren Landes und warten auf die, die hier eine neue Heimat gründen wollen. Jüngere Söhne adliger englischer Familien birgt der Ueberländer, die ihr kleines Erbteil im Boden Kanadas anlegen wollen; amerikanische Farmer, Raubwirte, die jungfräulichen Boden im Norden suchen; Vergnügungsreisende, die in den herrlichen Rockey mountains, dem Felsengebirge, der Jagd huldigen wollen; kanadische Geschäftsleute, die die ferne pazifische Küste aufsuchen, um Verbindungen anzuknüpfen – und alle sprechen mit Stolz von dem großen Lande, das die Zukunft erschließen soll. Last not least birgt der Zug eine Fülle von Frauen und Mädchen, die sich mit der erstaunlichsten Selbständigkeit mit dem Reisen abfinden. Bis zum späten Abend sitzt es in dichten Gruppen in der Observation Car und lacht, plaudert und flirtet, oder auch in der Rauchkabine, wo die »Boys« Zoten erzählen oder sich über Mitreisende lustig machen. In diesem Lande altern die Männer nicht, sie gehen ewig mit glatten Knabengesichtern und nennen einander noch »Boys«, wenn sie kaum noch mit dem Kopf wackeln können.

Ein unendlich langer englischer Gentleman, so lang, daß ich mirs nicht vorstellen kann, wie er in diesem Zuge zu Bett zu gehen vermag, läuft ewig mit einem gewaltigen Monokel im Auge umher. Wie der berühmte Kapitän Good in einem der Rider-Haggardschen Romane scheint auch dieser Gent mit dem Monokel zu schlafen. Die Fama im großen Ueberländer berichtet, dieser Gentleman sei ein englischer Oberst, der einer bösen Frauenzimmergeschichte wegen einstweilen den Dienst habe quittieren müssen. Jetzt reise er, um Gras über die Geschichte wachsen zu lassen. Sein Monokel und sein Abschluß von der übrigen Gesellschaft waren Gegenstand des Spottes. Aber eines Abends kam ich mit dem Riesen ins Gespräch und er entpuppte sich als ein geradezu herrlicher Mensch, voll ausgebreiteter Kenntnisse und Wissenschaften, der sich mit Recht abschloß. Mit jener knabenhaften Bescheidenheit, die den feineren Exemplaren seiner Rasse eigen ist, sprach er von den Kämpfen, in denen er mitgefochten, von der Tibetischen Expedition Younghusbands, die er mitgemacht hatte. Weisheit, wirkliche Welt- und Menschenkenntnis flossen von seinen Lippen. Die ganze Welt hatte er gesehen, seine Urteile waren klar und scharf und voll Philosophie.

Da ward ich mir tief der Wahrheit des alten Spruches Tonsilios bewußt:

Den Bessern schreckt nicht, was die Menge sagt,
Er bebt, wenn das Gewissen ihn verklagt.

*

Ueber 3000 Meilen weit braust der große Ueberländer westwärts, und dreimal muß man die Uhr um eine Stunde zurückstellen. Herrliche Gegenden voll Abwechslung ziehen unablässig an den Fenstern vorüber, aber nach Tagen und Nächten ununterbrochenen Rollens beginnen die Nerven nachzugeben, man fühlt sich gleichsam ungewaschen, ermüdet, übersättigt. Die Gesellschaft, der ewige Staub, die Enge der Umgebung, der lächelnde Nigger, die Wiederholung der Unbequemlichkeiten während der Nacht, alles wird zum Ueberdruß, und man wünscht schließlich den gesamten großen Ueberländer zum Teufel.

»Sehen Sie da,« sagt ein stolzer Kanadier und deutet hinaus: »Mount William!«

Aus Höflichkeit schaut man hinaus, denkt aber bei sich: »Nu schön – also Mount William! Und wenn schon!!«

Mit einem heiteren, einem nassen Auge verließ ich nach fünf Tagen und fünf Nächten dicht vor Vancouver den 3000-Meilen-Zug und fuhr noch weitere zwei Tage und zwei Nächte südwärts in das Land der Trauben und Apfelsinen – Kalifornien.

Sehen Sie, meine Herrschaften, das war der große Ueberländer!


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