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XVII.
Momentbilder aus dem Bismarck-Archipel.

Im Morgengrauen hat der Dampfer seinen Ankerplatz in der Mitte der Bucht verlassen und am Pier festgemacht. Er liegt jetzt unmittelbar vor Rabaul, dessen rotbedachte Häuser sich bis an den Strand hinabziehen.

Vor mir, der ich eben aus der Unterwelt des Schiffes emporgetaucht bin in die Treibhausluft der inneren Blanche-Bucht, steht ein sonderbares Etwas von einem Menschen und hält einen Brief in der Hand. Dieses Etwas ist offenbar ein Jüngling, der so gut wie nackedig ist. Brust, Arme, Leib, bis auf die muskulösen Beine und bloßen Füße, glänzen schwarz und ölig. In einem Perlenarmband am Oberarm steckt eine Stummelpfeife, die stark erweiterten Ohrläppchen tragen große schwere Ohrringe aus Muscheln, das glänzende Gesicht mit den großen schwarzen Augen ist mit dicken roten und weißen Strichen bemalt. Aber was ist das? So nebensächlich wirkt die Hauptsache, daß ich sie zuletzt bemerke. Der Mensch hat eine Khakimütze auf dem Wollkopf, ein kleines rotes Tuch um die Lenden und über dem nackten Bauch einen richtigen Infanteriegürtel. Auf dem Schloß, gerade vor dem Nabel, steht: »Gott mit uns«, und an der Seite hängt ein kurzer Säbel. Alle guten Geister – dieser wilde Landsmann ist ein deutscher Soldat!

»Guten Morgen, Heinrich,« sage ich. Flugs öffnet die unwahrscheinliche Figur den Mund, zeigt zwei Reihen spitzgefeilter Zähne und sagt mit einem breiten Grinsen laut und deutlich: »Guten Morgen, Master!«

Da habe ich mich umgedreht und bin, total überwältigt, in die Unterwelt zurückgetaucht, um mich im stillen Kämmerlein durch innere Sammlung auf weitere Ueberraschungen vorzubereiten.

*

Ein drückend heißer, schwüler, tropischer Tag voll Sonnenglut und Glast hüllt alles ein und gießt flüssiges Gold auf die berückend schöne Landschaft. Denn so finster sich diese Länder an ihren zerrissenen, gebirgsumsäumten Küsten zeigen, so lockend und faszinierend sind sie in ihrem Innern. Rabaul liegt tief in einem Meereskessel eingebettet, in einem gewaltigen Naturhafen, der so geräumig ist, daß eine ganze Kriegsflotte Platz finden könnte – gesichert vor Stürmen und vor feindlichen Angriffen. Dieser Hafen ist die Ursache, daß der Regierungssitz vor drei Jahren von Herbertshöhe mit seiner offenen Reede nach Rabaul verlegt worden ist. Der ganze ungeheure, in die Länge gezogene Halbkreis des Meereskessels ist eingesäumt von hohen, scharf ausgezackten, vulkanischen Bergen, alle bis an die Gipfel und höchsten Hänge mit leuchtendem Grün übersponnen. Aus der Mitte der Bucht steigen aus den Fluten zwei reich bewachsene Felsen empor, die Bienenkörbe genannt, und der ganze sichtbare, viele Meilen lange Ufersaum ist eingefaßt mit wehenden Kokospalmen, zwischen denen die Hütten der Eingeborenen und hier und da die Stationen der Weißen schimmern. Ueberschaut man die ganze entzückende Landschaft, dann drängt sich einem ohne weiteres die Gewißheit auf, daß dieser ganze weite Kessel nichts sein kann als ein alter ungeheurer versunkener Krater, in den das Meer eingedrungen ist. Noch ist die ganze Gegend in vulkanischer Tätigkeit, und Erschütterungen finden beinahe täglich statt. Die große Vulkaninsel mitten in der äußeren Blanche-Bucht ist vor zwölf Jahren in der Spanne einer Nacht aus der Tiefe emporgehoben worden.

Ueber die zackige Horizontlinie der Berge erheben sich auf der Gazelle-Halbinsel im Angesichte Rabauls und des unfernen Herberts-Höhe die drei Vulkane, denen man die Namen der »Mutter« mit der »Süd«- und »Nordtochter« gegeben hat, heiße Schwefelquellen neben den häufigen Erdbeben geben Kunde von dem unerloschenen Leben dieser Vulkanreihe; ihr entspricht im Norden der Insel der 1200 Meter hohe »Vater« mit »Süd-« und »Nordsohn«, und unter den übrigen zahlreichen Feuerbergen der Richthofen-Vulkan, der 1500 Meter hohe Schrader-Berg sowie im Westen die Hunstein- und Below-Vulkane, so genannt zum Andenken an zwei Deutsche, die bei einem Ausbruch im Jahre 1888 umkamen.

Wenn der Blick an den Bergen oberhalb Rabauls emporschweift, winken und blinken aus dem Grün anmutige, weißleuchtende Südseeheime, zur Linken hoch oben, fast ganz versteckt, die Residenz des Gouverneurs, zur Rechten, etwas tiefer, mit Turm und wehender deutscher Flagge, das »Haus Nakaia«, in dem der Vertreter des Norddeutschen Lloyd sein Heim aufgeschlagen hat. Die Insel Matupi mit dem Sitz der Vertretung des Südseehauses Hernsheim, liegt hinter einem Landvorsprung buchtauswärts. Unten, auf dem Vorland, wimmelt es zwischen Palmen von freundlichen Häusern mit weiten, offenen Veranden an breiten, schön ausgelegten Straßenzügen.

*

In Rabaul könnte man eine wundervolle Musterkarte schwarzer Landsleute zusammenstellen, denn die Straßen, der Strand, der Busch sind voll von Eingeborenen aus den verschiedensten Gegenden des Bismarck-Archipels und Neu-Guineas. Da finden sich Leute aus Neu-Pommern und Neu-Mecklenburg mit den vorgelagerten Inseln; als Arbeiter geschätzte Buka-Leute aus den Salomonen, schlanke Ponapesen, die sich seit dem letzten blutigen Aufstand im Exil befinden, verbannte Siar-Leute aus Neu-Guinea, Spitzköpfe von den Manus-Inseln – ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen von Arbeitern und Soldaten, zu allermeist schwarze Melanesen und nur ein ganz geringer Einschlag der helleren und schöneren Mikronesier. Auf Neu-Pommern selbst, wo wir uns befinden, unterscheidet man zwei ganz getrennte Völkerschaften, die in den Bergen sitzenden Baining, wahrscheinlich reine Papua, wie die Einwohner von Neu-Guinea, und die gemischtrassige melanesische Küstenbevölkerung.

Und wie sehen die Jungen aus! Daß unsere Landsleute im Bismarck-Archipel ein schöner Menschenschlag sind, kann man mit der größten Nachsicht kaum behaupten. Untersetzt bis mittelgroß, schwarz, mit langen Armen und kurzen Beinen, alten, ausgeprägten Gesichtern mit hervorstehenden, gebogenen Nasen. Die Züge sind für den, der sich an sie noch nicht gewöhnt hat, wenig vertrauenerweckend, zuweilen beunruhigend. Alle Männer und Jünglinge sind nackt, bis auf den kleinen Lendenschurz, das Lava-Lava, aber im übrigen sind alle herrlich geschmückt. Hüte und Mützen sind unbekannt, die glühende Sonne, die unsereinen trotz allen künstlichen Schutzes mit dem gefürchteten Sonnenstich bedroht, kann diesen Dickschädeln mit ihren natürlichen Wollmützen nichts anhaben. Einer der Jünglinge, der mich nach einem befreundeten Haus am Strande führen soll, ist ein wahrer Dandy. Das krause Haar, das wie ein Turban vom Kopfe absteht, ist mit Korallenkalk rotbraun gefärbt, in der Nasenscheidewand steckt ein zierliches, poliertes Knochenstäbchen, beide Oberarme zieren Muschel- und Perlarmbänder, in denen rechts eine Pfeife, links ein Zinnlöffel steckt, um den Hals liegt eine Kette aus Hundezähnen und das Gesicht ist greulich mit knallroten Ornamenten bemalt. Die Augen liegen in zwei roten Ringen, quer über die Nase laufen zwei dicke weiße Striche.

Aehnlich sehen alle aus. Tätowierung sieht man nicht, statt dessen die krasseste Bemalung. Die Färbung der von Natur schwarzen Haare geht vom Knallrot bis Dunkelbraun durch alle Nuancen und Schattierungen. Armbänder und Halsketten sind allgemein, ebenso die Gesichtsbemalung. Die Ohrläppchen sind häufig dermaßen erweitert, daß sie bis auf die Schultern herabhängen und beim Gehen hin- und herschwenken. Die Frauen, keineswegs schöner als die Männer, tragen innerhalb der Ansiedlung das bekannte scheußliche sackartige Gewand der Missionare. Die Weiber bemalen sich nicht, doch sieht man Neu-Mecklenburgerinnen mit tiefen Narben auf der Stirn – nicht etwa Ziernarben, sondern Ueberbleibsel von Wunden, die den Mädchen aus irgendwelchen, vermeintlich sanitären Gründen beigebracht werden.

Das sind also unsere Landsleute, die wilden Deutschen, wie sie in der »Stadt« der Weißen, Rabaul, umherlaufen.

*

Groß ist die Südsee-Gastfreundschaft – – noch ist der Tag jung und schon regnet es Einladungen zum Tiffin, zum Tee, zum Abendessen, zum Uebernachtbleiben. Aber man muß vorsichtig sein, denn über der ganzen exotischen Landschaft mit den ebenso exotischen Menschen (die Europäer eingeschlossen) brütet eine geradezu mörderische Sonne, die dem Neuling zusetzt. Noch ganz anders als in der östlichen Aequatorialzone der Südsee auf den kleinen Vulkaninseln und den noch kleineren Atollen, über die der Wind hinstreicht, glüht hier die Tropensonne. Rabaul liegt nur vier Breitengrade südlich vom Aequator; aber das ist es nicht allein. Rabaul liegt in einem wahren Brutkessel, und während der Zeit des Südwest-Monsuns, wie jetzt, schneiden die Berge in seinem Rücken es förmlich von jedem Lufthauch ab. Auch der Tropenhelm ist unter solchen Umständen kein ganz verläßlicher Schutz, bei der leisesten Anstrengung im Freien legt es sich wie ein eiserner, pressender Ring um Stirn und Hinterkopf.

Doch es harren ja keine Strapazen, sondern Genüsse. Der Herr der stolzen Residenz drüben auf den grünen Hügeln, der Gebieter des Hauses »Nakaia«, was »unter dem Krater« bedeutet, sendet Pferd und Wagen sowie einen schwarzen Diener, und ohne Toilettewechsel, im weißen Tropenanzug, wie es die Glut der Tagesstunden bedingt, besteige ich das Gefährt und nehme die Zügel, um ein deutsches Südseeheim kennen zu lernen. Durch eine ausgedehnte Palmen-Plantage geht der Weg, zur Rechten, fern, zwischen den Stämmen, leuchtet in satter Bläue die sonnenbestrahlte Bai. Der Neu-Pommern-Boy neben mir macht sich bemerkbar. Wir passieren ein langgestrecktes Holzgebäude. »Haus Bullmakau« sagt er. Es ist gut, daß ich schon ein wenig in das Pidgin-Englisch-Deutsch unserer schwarzen Landsleute eingeweiht bin. »Dies ist ein Kuhstall«, will er sagen. Bull und Cow sind von den Eingeborenen einfach zusammengezogen worden und »Bullmakau« bedeutet jetzt Ochse, Bulle, Kuh, Rindfleisch, Ochsenbraten usw. Ein Automobil heißt » Steamer belong bush«, der »Dampfer, der durch den Wald fährt« – wenn's kein weißer Witz ist.

An der Freitreppe des luftigen, auf allen Seiten offenen Schlosses erwartet die stattliche Hausfrau den Fremdling, der alsbald aus seinem Staunen nicht mehr herauskommt. Bei Tische in der lustigen Halle bedienen lautlos drei groteske, nackte Gestalten – nackt bis auf die kleine Lava-Lava. Alle drei tragen Perlenarmbänder; einer hat sich einen großen Kamm in das mit hochgelbem Kalk bestäubte Haar gesteckt, der zweite hat rote Querstriche über beiden Wangen, der dritte große weiße Tupfen unter den Augen. Sie sind nach ihrer Meinung wundervoll geschmückt. Aber geradezu zum Kugeln sind die Kommandos der Hausfrau. » Big fellow bottle makee bum bum he come!« (Wörtlich: »Großer Bursche Flasche machen bum bum, er kommt!«) Was kann das bloß sein? Da kommt der Bengel mit dem Sekt. Aha! Die große Flasche, die bum bum beim Oeffnen macht. – Nachdem diverse Flaschen bum bum gemacht haben, singt die Hausfrau mit herrlicher, geschulter Stimme am Flügel Elisabeths Gruß an die teure Halle. Rings umher unterhalb der Veranda leuchten im schwellenden Grün Mangos, Papayas, Ananas, und die herrlichsten Blumen, die einen betäubenden Duft emporsenden; tief unten glänzt die blaue Bucht mit den grünen »Bienenkörben« und weit drüben die geheimnisvolle Küste, verborgen hinter einer wallenden Gardine von Kokos wedeln – es ist alles wie ein ausschweifender Traum.

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Das moderne Rabaul existiert erst drei Jahre. Es ist erstaunlich, was während dieser kurzen Zeit geleistet worden ist. Breite Straßen und Alleen sind angelegt, der Busch ist in sich selbst zurückgedrängt worden, ein prächtiger Botanischer Garten ist schon vorhanden, und alles ginge noch schneller vor sich, herrschte nicht, wie überall in der Südsee, trotz großen Menschenmaterials Arbeitermangel. Haben die Eingeborenen nicht eigentlich recht? Weshalb sollen sie für den weißen Eindringling arbeiten, wenn ihnen alle Nahrung gleichsam in den Mund wächst?

Buschwärts befindet sich ein kleines Chinesenviertel. Es macht einen komischen Eindruck, Firmenschilder zu lesen wie dieses: » Ah lung kee, Schneidermeister.« Am Ende der Straße befindet sich auch ein japanisches – na, sagen wir Teehaus, gefüllt mit mehr oder minder jungen Japanerinnen, die sich auf Tee- und andere Zeremonien verstehen.

Außerhalb der »Stadt«, im Busch, in den Dörfern der Eingeborenen, die ich mit behördlichem Fuhrwerk, einem jungen Beamten und eingeborenen Soldaten besuchen kann, hört aller Zwang auf. Das einzige Kleidungsstück ist das Lava-Lava, und das ist klein genug. Die jungen Damen laufen im Schmuck ihrer natürlichen Schönheit umher und paradieren mit allem, was die Natur ihnen verliehen hat. Alte Damen halten es erst recht nicht der Mühe wert, sich zu bedecken. Gut bestellte Pflanzungen von Bananen, Kokos, Mangos, Papayas, Taro, Yams, Ananas, Hirse umgeben die Dörfer mit ihren Wohnhütten aus Mattengeflecht und Bedachung aus Pandanusblättern. Häufig ist der Brotfruchtbaum. Am Strande stößt man auf kunstvoll geflochtene Fischreusen und große Kanus, denn alle diese Strandbewohner sind große Fischer. Aus den Höhen der Berge dröhnt ab und zu ferner dumpfer Trommelklang – und die Leute im Tal horchen auf. Es sind Mitteilungen, Botschaften, die in der Trommelsprache von Dorf zu Dorf klingen. An 35 000 Menschen sollen allein auf der Gazelle-Halbinsel sitzen.

In einem Dorfe begegnete uns eine reizende Schöne, die gewiß das Kind vornehmer Eltern war. Oben war auch sie unverhüllt, und mit größtem Recht, sie war kräftig und wohlgebaut, ihr krauses Haar war gelblich gefärbt, auf dem kleinen roten Tuch, das vorn und hinten herabhing, war vor dem Leibchen ein großer schwarzer Stern und aus der Kehrseite eine – Blume. Hinter sich her zog sie, wie einen Hund, an langem roten Bande ein quiekendes Schweinchen. Als ich darüber lachte, nahm sie das Ferkelchen zärtlich an ihre nackte Brust und ging mit gekränkter Miene schmollend und graziös davon.

*

Nach einer kleinen, aber in der Stickluft anstrengenden Tour in den hinter dem Botanischen Garten beginnenden Urwald war ich am nächsten Nachmittag froh, als unser Schiff wieder hinausschwenkte in die äußere Bucht. Bei herrlichem Wetter geht es nach Herbertshöhe, das mit seiner stattlichen Kathedrale den Eindruck einer größeren Stadt macht, und später ein Stück an der Küste Neu-Mecklenburgs entlang, dessen Gebirge und Täler im Lichte der sinkenden Sonne wie unter Glas daliegen. Am nächsten Morgen sind wir vor Peterhafen auf den Witu-Inseln, und abends, ehe das Schiff querab südwestlich auf Neu-Guinea zusteuert, wird vor der Willaumez-Halbinsel an der Nordküste Neu-Pommerns das letzte Land gesichtet. Es ist die Insel Ruk.

Vor Sonnenuntergang scheint sie finster und dunkel aus dem Meere zu tauchen mit ihren ragenden schwarzen Bergen, gigantischen Abstürzen und Schroffen. Vor wenigen Wochen ist hier eine ganze Expedition von 28 Menschen erschlagen worden: 2 Weiße, 25 schwarze Träger und der chinesische Koch. Eine Strafexpedition ist unterwegs.

Schwarzblau zieht fern ein Unwetter heran und hüllt die Insel ein. Gleich einer dunklen Riesengestalt schreitet der Sturm über die See. Umsonst suche ich Ruk am Horizont. Endlich, die Sonne taucht schon ins Meer, entdecke ich es an einer ganz anderen Stelle. Mit dem Glase war ich dem fortschreitenden Unwetter gefolgt, während die Insel natürlich auf ihrem Platz geblieben war.

»Mit diesem Fehler,« sagt der Kapitän, »würden Sie glatt durch das Seemannsexamen rasseln.«


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