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XV.
Die australische Weltstadt.

Sie gehen doch zum Melbourne-Cup?« – »Wann fahren Sie nach Melbourne?« – »Bestellen Sie rechtzeitig Schlafwagenplatz zum Cup!« – »Sie werden doch den Melbourne-Cup nicht versäumen?«

Schon auf der Ueberfahrt von Neuseeland nach Australien durch die stürmische Tasmanische See schwirrten unaufhörlich diese Fragen hin und her, und einige ganz und gar vom australischen Rennfieber Ergriffene nahmen sogar ganz naiv an, man käme extra von Europa herüber, um den berühmten Melbourne-Cup zu sehen. Kaum in Sydney gelandet, drangen die Fragen wegen des Cups mit verstärkter Gewalt heran. Auf der Straße, in Hotels, in Klubs, bei der Einführung in fremde Häuser. »Darf ich Herrn B. aus Hamburg vorstellen?« – » Very pleased. How do you do? Will you see the Melbourne-Cup?«

Das Sportfieber ist in Australien ein dauernder Zustand, bestehen doch die Zeitungen aus fünf Seiten Sportnachrichten, zwei Seiten Handelsnotizen und lokalen Artikeln und einer Seite Politik; einmal im Jahre aber, und zwar für lange Wochen, steigert sich das Fieber zu einer Art Wahnsinn, von dem der ganze Erdteil ergriffen wird. Für den Melbourne-Cup wird gespart und gearbeitet, viele Tausende kommen aus den entferntesten Gegenden angereist, die Züge laufen in der letzten Woche vor dem Cup in sechs, acht und mehr Sektionen, in Melbourne selbst sind die Nachzügler froh, auf Fußböden und Billards schlafen zu dürfen, denn alle Gasthäuser sind schon Wochen vor dem großen Rennen ausverkauft. Auf dem Grunde dieser wilden Sportfexerei blüht nicht etwa die Liebe zum edlen Pferd oder das Gefallen an einem glanzvollen gesellschaftlichen Ereignis, sondern die nackte Spekulation, die das ganze australische Leben beherrscht. Die Beträge, die in den europäischen sporttreibenden Ländern auf Pferde verwettet werden, sind Kindereien gegen die Unsummen, die allein über den Melbourne-Cup roulieren und in die unergründlichen Taschen der Buchmacher fließen.

Soll ichs gestehen? Ich bin nicht nach Melbourne gereist, sondern an dem großen Cup-Tage zu einem Rennen in der Nähe Sydneys gefahren, um das berühmte Ereignis von hier aus per Distanz mitzuerleben. Denn auf allen Rennplätzen des Landes wird der Cup theoretisch mitgelaufen. Große Tafeln zeigen die fortschreitenden Geschehnisse in Melbourne an, Starterlisten erscheinen vor jedem Rennen, und die Buchmacher brüllen ebenso laut, als ob sie sich am Orte der großen Schlacht befänden.

Gewaltige Hitze und noch gewaltigerer Staub. Ein paar verstreute Eukalypten werfen ganz unzureichenden Schatten. Im Sonnenbrand vor der Restauration sitzen Hunderte und schlürfen kalte Austern, die hier so gut wie nichts kosten. Ein Dutzend für einen Schilling. Die Tausende, die auf den weiten Plätzen umherwandern, gewähren einen merkwürdigen Anblick. Die linke Hand hält Programm und Bleistift, die rechte aber ein entfaltetes Taschentuch, das unaufhörlich in der Luft auf und abzuckt. Denn viel schlimmer noch als Hitze und Staub ist die furchtbare Fliegenplage, eine wahre Pest, von der Sydney und das teils sandige, teils gebirgige Hinterland heimgesucht ist. Auch nicht eine Minute findet man an windstillen Tagen vor diesen Quälgeistern Ruhe, die sich mit Vorliebe auf Lippen und Augenlider niederlassen und, kaum verscheucht, schon mit Hilfsvölkern zurückkehren. Die vierte der Plagen ist die edle Buchmacherzunft, die alle Plätze mit einem Geschrei füllt, das jede Würde und Wohlanständigkeit ausschließt. Australien ist das Paradies der Buchmacher. Diese Leute nehmen nur Siegwetten an, beobachten sorgfältiges Schweigen über den Favoriten, den sie nicht ausbieten und meistens gar nicht verkaufen, so daß die Gewinnchancen des Publikums gleich Null sind. Der Ausländer hat noch eine andere Schwierigkeit zu überwinden – so gut er auch die englische Sprache beherrschen mag, er muß umlernen, denn die Australier sprechen eine Art von kolonialem Cockney, das geradezu grotesk wirkt. Das englische a (deutsch e) beispielsweise wird wie ei ausgesprochen.

»Eibettleidimohlstaar eituwonn, eituwonn, eituwonn!« brüllt ein Buchmacher. Erst durch Nachsinnen und mit Hilfe des Programms lassen sich die Worte übersetzen. » I bet Lady Molster eight to one.« (»Ich lege Lady Molster acht zu ein!«)

Da die Lady, die gerade in den Ring geführt wurde, ein so allerliebstes Dämchen war, wie nur je eins auf vier Hufen umherlief, erwachte für einen Moment auch in mir das Rennfieber. Nachdem ich hinter einen Busch gegangen war, um darüber abstimmen zu lassen, ob ich ein Pfund von meinem Reisegeld verwetten dürfe, und nachdem ich mit meinem Antrag durchgedrungen war, da keine Seele gegen ihn stimmte, überantwortete ich dem Bookie mein Pfund. Die reizende Lady Molster, obwohl eine krasse Außenseiterin, gewann und der edle Buchmacher spuckte mit wehem Herzen neun Pfund aus.

Wer war wieder der Schlaue?

*

Wenn der gestrenge Winter über die Nordhalbkugel der Erde schreitet, feiert die Südhälfte ihren Sommer, der sich in der Nähe des Aequators, in den tropischen und halbtropischen Gegenden, nur dadurch vom Winter unterscheidet, daß er noch heißer ist. In Sydney, der Hauptstadt von Neusüdwales und dem Gehirn des ganzen Staatenbundes auf dem kleinsten Erdteil der Welt, ist es Frühsommer. Die heißeste Zeit hat noch nicht begonnen, aber es ist trotzdem für bescheidene Ansprüche schon heiß genug; 100 Grad Fahrenheit ist nichts seltenes bei einer Luftfeuchtigkeit, die den Wanderer wie mit einem warmen nassen Tuch umhüllt. Kommt der Wind aus nördlichen Richtungen, dann ist er so heiß, als wehte er direkt aus einem Backofen. Trotzdem gehen die Sydneyer – auf den ersten Blick höchst unpraktisch – in verhältnismäßig dicken Kleidern, nicht einmal die Weste wird abgelegt, wie in Neuyork; von Tropenanzügen und Tropenhüten, die nur ganz vereinzelt auftauchen, gar nicht zu reden. Die Erklärung liegt indes auf der Hand, den weißen Anzug verbietet der fürchterliche Staub Sydneys und den ganz dünnen Anzug überhaupt der mit großen Temperaturstürzen einhergehende, oft ganz plötzlich einsetzende Südwind. Das Bevölkerungsbild läßt also nicht erkennen, daß man sich in der Nähe des 30. Breitengrades befindet, der auf der nördlichen Erdhälfte durch Arabien, Tripolis, Marokko geht. Auch das Stadtbild zeigt, mit einer einzigen Ausnahme, keine Spiegelung der Weltgegend. Man könnte sich in Alt-England glauben – winklige, verbaute Straßen, nüchterne Häuser, alte Kirchen mit Glockenspielgebimmel, nur die Trottoirs sind des brennenden Sonnenscheins wegen überdacht. Und auf diesen Trottoirs drängt und schiebt sich in den Hauptstraßen ein wimmelndes Leben. Frauen und Mädchen bilden in diesen Teilen der Stadt, in Georgestreet, Pittstreet, Castlereaghstreet, das Hauptkontingent des Verkehrs.

Wie in den Vereinigten Staaten, so ist auch im australischen »Commonwealth« eine neue Rassen-Unterart entstanden, die Colonials, die sich körperlich vom Engländer schon durchaus unterscheiden. Die Frauen und Mädchen dieser Australier sind außerordentlich schön und leichtblütig, altern aber unter der heißen Sonne sehr früh. Ungebundene Lebensart, Vergnügungssucht, Lust an Putz und Tand sind allgemein. Jedenfalls gehören die schönen Australierinnen zu den kostbarsten Gütern der Welt. Auf der Straße sehen die Damen alle aus, als seien sie direkt dem Wasser entstiegen, so eng haben sie sich die Kleider um den Körper gewickelt – auch nicht die leiseste Schwellung kann verborgen bleiben. Leider kann die Zerstreuungssucht sich nirgends vergeistigen, wie in den großen Kulturzentren Europas und Nordamerikas, der vornehmste Genuß ist das alberne und flache englische Melodrama, darauf folgen gleich das Kino, die Restauration, die zum Suff verleitende Stehbierhalle. Das berühmte Sydney ist eine der Weltzentralen des geistigen Stumpfsinns – der ja ein flottes Geschäftsleben keineswegs ausschließt. Wer sich die australische Presse ansieht, hat schon genug – es ist die am schlechtesten unterrichtete der Welt. Die kleine politische Rubrik mit einem Dutzend gleichgültiger Telegramme aus England gefällt sich in einer permanenten Deutschenhetze. Das Deutschtum in Australien ist nun allerdings auch danach, nichts von dem Nationalstolz der Deutsch-Amerikaner ist hier zu finden, selbst in ihren Klubs, unter sich, bedienen sich die meisten Deutschen in Australien des Englischen und lassen die Wolkenbrüche des Deutschenhasses in der Presse ohne Protest über sich ergehen. Alles das ist auf einen einzigen Punkt zurückzuführen – die geistigen Interessen schlafen in Australien, zumal in Sydney, ein – Wolle heißt die Parole, oder Metalle, oder gefrorenes Fleisch, oder was sonst der Erdteil produziert, der Rest ist Langeweile und billiges, den Geist noch mehr einlullendes Amüsement.

*

Drei Dinge sind es, die den Fremden, der sich sonst totlangweilen würde, in Sydney mit dem Dasein versöhnen: die reizvolle Umgebung, der Botanische Garten und der wegen seiner Schönheit weltberühmte Naturhafen. Die Sydneyer können es dem großen Cook noch immer nicht vergessen, daß er einst an ihrem wunderbaren Hafen vorübergefahren ist, ohne ihn zu entdecken. Wer aber den Spuren des unsterblichen Cook folgt und sich aus der Tasmanischen See der Südküste Australiens nähert, kann den Irrtum Cooks wohl verstehen. Gleich einer völlig geschlossenen, steilen Felsenwand, gegen die das Meer brandet, präsentiert sich die australische Küste, und erst, wenn das Schiff ganz nahe herangekommen ist, öffnet sich ein schmaler, schräger Spalt von kaum einer englischen Meile Breite. Da diese einzige Einfahrt ins Binnenland schräge verläuft, schieben sich die Felswände aus der Entfernung scheinbar ineinander und bilden ein optisch geschlossenes Massiv.

Ein von Sonnengold strahlender Sommermorgen war aus den Fluten gestiegen, als das Schiff sich den braungelben Sandsteinklippen näherte, das »Tor« wird von mächtigen, 300 Fuß hohen Felsen, den äußeren »heads«, flankiert, und über sie hinaus sieht man schon auf hohem Tafelland die ersten Häuserzeilen des Vororts Mosman. Hinter den heads, im Innern von Port Jackson, ist ein australisches Venedig. In Hunderte von Streifen ist das Land zerrissen, wohin man sieht, öffnen sich Buchten und Einschnitte mit funkelndem Wasser, alle Landrücken leuchten in frischem Grün, und alle tragen schimmernde Villen, Straßenzüge oder buntgewürfelte Stadtteile. Die eigentliche Stadt, Sydney, liegt tief eingeschachtelt. Der Hafen ist neun Meilen lang, zieht sich noch eine Strecke weit in den Paramatta-Fluß hinein, und ist so tief, daß bei niedrigem Wasserstand große Schiffe bis 27 Fuß Tiefgang direkt am Lande anzulegen vermögen. Der Hafen Sydneys wird mit Recht den schönsten Häfen der Welt zugezählt.

Rings herum in seinen zerrissenen Buchten liegen die Ausflugs- und Erholungsorte der Sydneyer, vor allem das gepriesene Manly, ein Badeort, den von zwei Seiten die See bespült. Bis an den Hafen heran zieht sich auch der über alle Beschreibung schöne Botanische Garten, der trotz seiner Größe und Reichhaltigkeit an Gewächsen aller Zonen gewissermaßen im verborgenen blüht, denn nach seinem wahren Werte wird er von der Bevölkerung Sydneys nicht geschätzt. Zu den schönsten Punkten der ferneren Umgebung gehören die »Blauen Berge«, so genannt wegen des tatsächlichen, noch unerklärten blauen Schimmers, der sie umgibt, mit den berühmten Jenolan Caves, Felsengrotten mit herrlichen bunten Kristallen und Stalaktiten.

Der Erdteil Australien, der auf der Karte so klein aussieht, ist größer als die gesamten Vereinigten Staaten von Nordamerika, und alle Klimata, vom hochtropischen an der Nordküste in der Nähe des Aequators, bis zu dem kühlen und kalten Tasmaniens, sind in ihm vertreten. Wer das Innere kennen lernen will, bedarf vieler Wochen und einer regelrechten Expedition – die Städte dagegen, bis auf die kleinen Unterschiede des Alters, gleichen einander, und wer Sydney, Melbourne, Brisbane kennen gelernt hat, kennt sie alle.

Was Sydney anbelangt, so möchte ich wohl den Welttouristen kennen lernen, der nicht aufatmend und mit Vergnügen seinen Staub von den Füßen geschüttelt, seine Fliegen und seine Langeweile hinter sich gelassen hätte.


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