Ludwig Bechstein
Deutsches Sagenbuch
Ludwig Bechstein

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617. Die beiden Kröten

Zu Leisnig, einem Städtlein zwischen Lucka und Meißen, das, so klein es ist, eine Schmalzgrube des Meißnerlandes hieß, war lange an der Stadtkirche ein Steingebild zu sehen, ein Mann, der, die Arme in die Seite gestemmt, gegen zwei Knaben gewendet erschien. Davon geht diese Sage. Es war ein Vater, der hatte zwei sehr ungeratene Buben zu Söhnen, das kam all daher, daß er ihnen nicht genug Schillinger und Plätzer aufgezählt hatte, wenn sie ungezogen und trotzig waren, wie es sich gehört, denn das Sprüchwort sagt: Wer seinen Kindern die Rute gibt, spart dem lieben Gott eine Mühe. Da ist es denn geschehen, daß eines Tages, als der Vater die beiden Knaben schalt, weil sie wieder böse Dinge getrieben hatten, sie wieder schalten und widerbellten, recht wie die Klaffhunde; damit ließen sie es aber nicht einmal bewenden, sondern sie trieben ihre verruchte Auflehnung so weit, daß sie, was kaum zu denken und niederzuschreiben ist, ihrem Vater ins Angesicht spuckten. Da schrie der alte Mann zu Gott im Himmel hinein, daß der solche Untat rächen wolle, und verfluchte seine Söhne mit einem entsetzlichen Fluche. Und da wollten die Nichtsnutzen Jungen ihren Vater auch wieder verfluchen, aber plötzlich stammelten sie, und es quoll und schwoll ihnen im Munde so dick, so dick, und so eiskalt, und biß entsetzlich wie ätzendes Gift, und kroch aus dem Mund hervor lebendig, und war eines jeden Junge ihm im Munde zu einer scheußlichen lebendigen Kröte geworden; konnten fortan weder spucken noch schlucken, weder gellen noch widerbellen – mußten verstummen und verzweifeln und im grausen Elend zur Hölle fahren. Des zum Wahrzeichen hat man hernach die drei an der Kirche in Stein abgebildet und die Kröten aus der Knaben Maul hervorgucken lassen, als welches anzusehen sehr schrecklich.

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