Hermann Sudermann
Heimat
Hermann Sudermann

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Fünfzehnte Szene

Schwartze. Keller.

Schwartze (in freudiger Erregung durch die Flurtür eintretend, gerade als Magda abgeht). Ah, lieber Herr Re- – – war das meine Tochter, die da eben verschwand?

Keller (in großer Verwirrung). Ja, es war –

Schwartze. Was hat denn die vor mir davonzulaufen? (Hinterherrufend.) Magda!

Keller (versucht, ihm in den Weg zu treten). Ach, wollen Sie nicht lieber –? Das gnädige Fräulein wünschte dringend etwas allein zu sein.

Schwartze. Nanu? Warum denn? Wenn man Besuch hat, wünscht man doch nicht – – – Was sind das für –

Keller. Ach – sie fühlte sich ein wenig – erregt.

Schwartze. Erregt?

Keller. Jawohl. – Nichts weiter.

Schwartze. Wer war denn sonst noch hier?

Keller. Niemand – wenigstens nicht, daß ich wüßte.

Schwartze. Na, was sind denn für erregende Dinge zwischen Ihnen verhandelt worden?

Keller. Ach, nichts von Belang – durchaus nichts – ich versichre Sie.

Schwartze. Wie sehn Sie denn aus? Sie halten sich ja kaum auf den Beinen!

Keller. Ich? – Ah! Sie irren sich! – effektiv – Sie irren sich.

Schwartze. Ja, Herr Regierungsrat, eine Frage. Sie sind ja wohl mit meiner Tochter – bitte, nehmen Sie Platz!

Keller. Meine Zeit ist leider –

Schwartze (beinahe drohend). Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.

Keller (der nicht zu widersprechen wagt). Ich danke.

(Setzen sich.)

Schwartze. Sie sind vor einer Reihe von Jahren mit meiner Tochter in Berlin zusammengetroffen?

Keller. Allerdings.

Schwartze. Herr Regierungsrat, ich kenne Sie als einen ebenso strenggesinnten wie diskreten Mann. – Aber es gibt Fälle, wo Schweigen geradezu ein Verbrechen wird. Ich frage Sie – und Ihr jahrelanges Verhalten gegen mich macht mir diese Frage zur Pflicht, ebenso wie das rätselhafte – das, was ich eben – kurz: ich frage Sie: Wissen Sie etwas Ungünstiges über das damalige Leben meiner Tochter?

Keller. Oh – um Gottes willen – wie – wie können Sie –?

Schwartze. Wie und wovon sie lebte, wissen Sie nicht?

Keller. Nein! Ist mir absolut –

Schwartze. Haben Sie sie nie in ihrer Behausung aufgesucht?

Keller (immer verwirrter). Oh, nie, nie! Nein, nie!

Schwartze. Niemals?

Keller. Das heißt, ich habe sie einmal abgeholt, aber –

Schwartze. Ihre Beziehungen waren also freundschaftliche?

Keller (beteuernd). O durchaus freundschaftliche – natürlich nur freundschaftliche.

(Pause.)

Schwartze (faßt sich an die Stirn, fixiert Keller, dann wie abwesend). Hä? Dann freilich – wenn die Dinge vielleicht – wenn Sie – wenn – wenn –

(Steht auf, geht auf Keller zu und setzt sich wieder, bemüht, sich zur Ruhe zu zwingen.)

Herr von Keller, wir leben beide in einer Welt, in welcher Ungeheuerlichkeiten – sich nicht ereignen können. Aber ich bin alt geworden – recht alt. Und das macht, ich kann meine Gedanken nicht so – so dirigieren, wie ich – wohl möchte... Und ich kann mich da – gegen – einen – einen Verdacht nicht wehren, der mir plötzlich – der da herumspukt... Ich habe in diesem Augenblick eine große Freude gehabt... die will ich mir nicht gleich durch so was vergällen lassen... Und einem alten Mann zur Beruhigung bitt ich Sie herzlich – geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß –

Keller (aufstehend). Pardon, das sieht ja fast wie – wie ein Verhör aus.

Schwartze. Wissen Sie denn überhaupt, um was – was ich Sie –?

Keller. Pardon! Ich weiß nichts. Ich will nichts wissen. Ich bin ganz harmlos hergekommen, Ihnen einen freundschaftlichen Besuch abzustatten... Und Sie überfallen mich da... Ich muß Ihnen sagen, ich lasse mich nicht überfallen.

(Nimmt seinen Hut.)

Schwartze. Herr Doktor von Keller, haben Sie sich auch klargemacht, was diese Weigerung bedeutet?

Keller. Pardon! Wenn Sie etwas wissen wollen, so bitte ich Sie freundlichst, Ihr Fräulein Tochter zu befragen. – Die wird Ihnen ja dann schon sagen, was – e, was – e – – Und jetzt bitte ich, mich verabschieden zu dürfen... Meine Wohnung ist Ihnen ja wohl bekannt, ich meine – für den Fall – daß – e – – Ich bedaure, daß das so gekommen ist, aber – e – – Herr Oberstleutnant, ich habe die Ehre! (Ab.)

Sechzehnte Szene

Schwartze allein. Dann Marie.

Schwartze (sitzt eine Weile brütend, in sich zusammengesunken da, dann jäh aufschreiend). Magda!

Marie (ängstlich hereinlaufend). Um Gottes willen – was ist?

Schwartze (würgend). Magda – Magda soll herkommen.

Marie (geht zur Tür, öffnet sie und kehrt hinausschauend um). Sie kommt – schon – die Treppe herunter.

Schwartze. So! (Richtet sich mühsam auf.)

Marie (die Hände faltend). Tu ihr nichts!

(Pause bei offener Tür. Man sieht Magda die Treppe herabkommen.)

 
Siebzehnte Szene

Die Vorigen. Magda.

Magda (im Reisekleide, den Hut in der Hand – sehr bleich, aber mit eiserner Ruhe). Ich hörte dich rufen, Vater.

Schwartze. Ich – habe – mit dir – zu reden.

Magda. Und ich mit dir!

Schwartze. Geh voran – in mein Zimmer.

Magda. Ja, Vater!

(Sie geht zur Tür links. Schwartze folgt ihr. Marie, die sich verschüchtert in die Speisezimmertür zurückgezogen hat, macht eine flehende Bewegung, welche er nicht beachtet.)

(Vorhang.)


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