Hermann Sudermann
Heimat
Hermann Sudermann

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Dreizehnte Szene

Die Vorigen. Keller mit einem Blumensträußchen. Max.

Max (ihm entgegengehend). Lieber Regierungsrat – hier ist meine Cousine, die sich sehr freut. – Mich entschuldigen Sie wohl! – (Mit zwei Verbeugungen ab.)

 
Vierzehnte Szene

Magda. Keller.

(Keller bleibt an der Tür stehn. Magda geht erregt umher. Schweigen.)

Magda (vor sich hin). Da hätt' ich ja mein Gespenst.

(Weist auf einen Stuhl am Tische links und setzt sich gegenüber.)

Keller. Vorerst gestatten Sie mir, Ihnen meinen wärmsten und – allerinnigsten Glückwunsch auszusprechen. Das ist ja eine Überraschung, wie sie freudiger nicht geahnt werden kann. – Und als Zeichen meiner Teilnahme gestatten Sie mir, teuerste Freundin, Ihnen diese bescheidenen Blüten zu überreichen.

Magda. Oh, wie sinnig! (Nimmt lachend die Rosen und wirft sie auf den Tisch.)

Keller (betreten). Ah – ich sehe mit Bedauern, daß Sie diese Annäherung meinerseits durchaus mißverstehn. – Habe ich es etwa an der nötigen Delikatesse fehlen lassen? Und außerdem wäre in diesen engen Verhältnissen ein Wiedersehn auch gar nicht zu vermeiden gewesen. Ich meine, es ist doch besser, meine teuerste Freundin, man spricht sich aus, man verabredet der Außenwelt gegenüber ein – ein –

Magda (aufstehend). Sie haben recht, mein Lieber. – Ich stand nicht auf der Höhe – der Höhe meiner selbst... Wär' das so weitergegangen in mir, ich hätte Ihnen am Ende noch das verführte und verlassene Gretchen vorgespielt... Es scheint, die Heimatsmoral färbt ab... Aber ich hab mich schon wieder. Geben wir uns mal brav die Hand!... Haben Sie keine Bange, ich tu Ihnen nichts. So – ganz fest – so!

Keller. Sie machen mich glücklich.

Magda. Ich habe mir dieses Zusammentreffen tausendfach ausgemalt und bin seit Jahren darauf präpariert. Auch ahnte mir wohl so was, als ich die Reise in die Heimat antrat... Freilich, daß ich gerade hier das Vergnügen haben würde – ja, wie kommt es, daß Sie nach dem, was zwischen uns vorgefallen ist, die Schwelle dieses Hauses übertreten haben? – – – Mir scheint das ein wenig –

Keller. Oh, ich habe es bis vor kurzem zu vermeiden gesucht. Aber da wir denselben Kreisen angehören und da ich zudem den Anschauungen dieses Hauses nahestehe – (entschuldigend) wenigstens im Prinzip –

Magda. Hm! Ja so! Laß dich mal anschaun, mein armer Freund. Also das ist aus dir geworden!

Keller (verlegen lächelnd). Mir scheint, ich habe den Vorzug, in Ihren Augen so etwas wie eine komische Figur zu bilden.

Magda. Nein, nein – o nein. – Das bringen die Dinge so mit sich. Die Absicht, Amtswürde zu beobachten in einer so amtswidrigen Situation – – dann etwas beengt von wegen des schlechten Gewissens. Du siehst wohl von der Höhe deines gereinigten Wandels sehr erhaben auf deine sündige Jugend herab, denn man nennt dich ja eine Leuchte, mein Freund.

Keller (nach der Tür sehend). Verzeihung! ich kann mich an das trauliche »Du« noch nicht wieder gewöhnen. – Und wenn man uns hörte – wär' es nicht besser –

Magda (schmerzlich). So hört man uns.

Keller (nach der Tür hin). Um Gottes willen! – ach! (Sich wieder setzend.) Ja, was ich sagen wollte: Wenn Sie eine Ahnung hätten, mit welcher wahrhaften Sehnsucht ich aus diesem Nest heraus an meine genial verlebte Jugend zurückdenke...

Magda (halb für sich). Sehr genial – ja – sehr genial.

Keller. Auch ich fühlte mich zu höheren Dingen berufen, auch ich hatte – glaubte – – – Nun, ich will meine Stellung nicht unterschätzen... Man ist ja schließlich Regierungsrat und das in verhältnismäßig jungen Jahren. Eine gewöhnliche Eitelkeit könnte sich darin wohl sonnen... Aber da sitzt man und sitzt – und der wird ins Ministerium berufen – und der wird ins Ministerium berufen. Und dieses Dasein hier! Das Konventionelle und die Enge der Begriffe – alles grau in grau! Na, und die Frauen hier – – wer ein bißchen für Eleganz ist – – – Nein, ich versichere Sie, wie es in mir aufjauchzte, als ich heute früh die Nachricht las, Sie wären die berühmte Sängerin, Sie, an die sich für mich so liebe Erinnerungen knüpfen, und – –

Magda. Und da dachten Sie, ob man es mit Hilfe dieser lieben Erinnerungen nicht wagen könnte, wieder etwas Farbe in sein graues Dasein zu bringen?

Keller (lächelnd). Ah – aber ich bitte Sie!

Magda. Gott – unter alten Freunden.

Keller. Aufrichtig – sind wir das wirklich?

Magda. Wirklich! Sans rancune! – Ja, wenn ich auf dem andern Standpunkte stehen wollte, dann müßte ich jetzt das ganze Register herunterbeten: Lügner, Feigling, Verräter! – Aber wie ich die Dinge nehme, bin ich dir nichts wie Dank schuldig, mein Freund.

Keller (erfreut und verblüfft). Das ist eine Auffassung, die –

Magda. Die sehr bequem für dich ist. Aber warum soll ich es dir nicht bequem machen? Nach der Art, wie wir uns dort begegnet waren, hattest du gar keine Verpflichtung gegen mich. Mit der Heimat hatte ich gebrochen – war ein junges, unschuldiges Ding, heißblütig und aufsichtslos und lebte, wie ich die andern leben sah. Ich gab mich dir hin, weil ich dich liebte. Ich hätte vielleicht jeden andern auch geliebt, der mir in die Quere gekommen wäre... Es scheint, das muß durchgemacht werden. Und wir waren ja auch so fidel – was?

Keller. Ach, wenn ich daran denke! Das Herz geht einem auf.

Magda. Tja, in der alten Bude – fünf Stock hoch – in der Steinmetzstraße, da hausten wir drei Mädels so glücklich mit unserm bißchen Armut. Zwei gepumpte Klaviere und abends Brot und Zwiebelfett... Das schmolz uns Emmy eigenhändig auf ihrem Petroleumkocher.

Keller. Und Käthe, mit ihren Couplets – ach Gott! – Was ist aus den beiden geworden?

Magda. Chi lo sà? Vielleicht geben sie Gesangsstunden, vielleicht mimen sie. Ja, ja, wir waren schon eine feine Kompanie! Und als der Scherz ein halbes Jahr gedauert hatte, da war mein Herr Liebster eines Tages verschwunden.

Keller. Ein unglückseliger Zufall – ich kann's Ihnen beschwören. Mein Vater war erkrankt. Ich mußte verreisen. Ich schrieb dir ja das alles.

Magda. Hm! Ich mache dir ja keinen Vorwurf... Und nun will ich dir auch sagen, weswegen ich dir Dank schuldig bin. – Ein dummes, ahnungsloses Ding war ich, das seine Freiheit genoß wie ein losgelassener Affe... Durch dich aber wurd' ich zum Weibe. Was ich in meiner Kunst erreicht habe, was meine Persönlichkeit vermag, alles verdank ich dir... Meine Seele war wie – ja, hier unten im Keller lag früher immer eine alte Windharfe, die man dort vermodern ließ, weil mein Vater sie nicht leiden konnte. So eine Windharfe im Keller, das war meine Seele... Und durch dich wurde sie dem Sturme preisgegeben' – Und er hat darauf gespielt bis zum Zerreißen... Die ganze Skala der Empfindungen, die uns Weiber erst zu Vollmenschen machen. – Liebe und Haß und Rachedurst und Ehrgeiz (aufspringend) und Not, Not, Not, – dreimal Not – und das Höchste, das Heißeste, das Heiligste von allem – die Mutterliebe verdank ich dir.

Keller. Wa- was sagen Sie?

Magda. Ja, mein Freund, nach Emmy und Käthe hast du dich erkundigt, aber nach meinem Kinde nicht.

Keller (aufstehend und sich ängstlich umsehend). Nach meinem Kinde?

Magda. Deinem Kinde? Wer hat das gesagt? Deinem! Hahaha! Du solltest es nur wagen, Anspruch darauf zu erheben. Kaltmachen würd' ich dich mit diesen Händen! Wer bist du? Du bist ein fremder Herr, der seine Lüste spazieren führte und lächelnd weiterging... Ich aber habe mein Kind, meine Sonne, meinen Gott, mein alles – für das ich lebte und hungerte und fror und auf der Straße herumirrte, für das ich in Tingeltangeln sang und tanzte – denn mein Kind, das schrie nach Brot! (Bricht in ein krampfhaftes Lachen aus, das in Weinen übergeht, wirft sich auf einen Sitz rechts.)

Keller (nach einem Schweigen). Sie sehn mich tief erschüttert... Hätte ich ahnen können. Ja, hätte ich ahnen können. Ich will ja alles tun, ich bebe vor keiner Art von Genugtuung zurück. Aber jetzt flehe ich Sie an: Beruhigen Sie sich... Man weiß, daß ich hier bin... Wenn man uns so sähe, ich wäre (sich verbessernd) – Sie wären ja verloren.

Magda. Haben Sie keine Bange – ich werde Sie nicht kompromittieren.

Keller. Oh, von mir ist ja nicht die Rede. Durchaus nicht. Aber bedenken Sie nur – wenn es ruchbar würde – was würde die Stadt und Ihr Vater –

Magda. Der arme, alte Mann! So oder so, sein Friede ist vernichtet.

Keller. Bedenken Sie doch: je glänzender Sie jetzt dastehn, desto mehr richten Sie sich zugrunde.

Magda (sinnlos). Und wenn ich mich zugrunde richten will? Wenn ich –

Keller. Um Gottes willen – hören Sie doch. Man kommt!

Magda (aufspringend). Man soll kommen! Alle sollen sie kommen! Das ist mir egal. Das ist mir ganz egal! Ins Gesicht will ich's ihnen sagen, was ich denke von dir und euch und eurer ganzen bürgerlichen Gesittung... Warum soll ich schlechter sein als ihr, daß ich mein Dasein unter euch nur durch eine Lüge fristen kann? Warum soll dieser Goldplunder auf meinem Leibe und der Glanz, der meinen Namen umgibt, meine Schande noch vergrößern? Hab ich nicht dran gearbeitet früh und spät zehn Jahre lang? (An ihrer Taille zerrend.) Hab ich dieses Kleid nicht gewebt mit dem Schlaf meiner Nächte? Hab ich meine Existenz nicht aufgebaut Ton um Ton wie tausend andre meines Schlages Nadelstich um Nadelstich? Warum soll ich vor irgendwem erröten? Ich bin ich – und durch mich selbst geworden, was ich bin.

Keller. Gut! Sie mögen ja so stolz dastehn, aber dann nehmen Sie wenigstens Rücksicht –

Magda. Auf wen? (Da Keller schweigt.) Auf wen?... Die Leuchte! Hahahaha, die Leuchte hat Angst, ausgepustet zu werden. Sei zufrieden, mein Lieber, ich hege keinen Rachegedanken. Aber wenn ich dich ansehe in deiner ganzen feigen Herrlichkeit – unfähig, auch nur die kleinste Konsequenz deiner Handlungen auf dich zu nehmen, und mich dagegen, die ich zum Pariaweibe herabsank durch deine Liebe und ausgestoßen wurde aus jeder ehrlichen Gemeinschaft – – – Aech! Ich schäme mich deiner! – Pfui!

Keller. Da! – Um Gottes willen! Ihr Vater! Wenn er Sie in diesem Zustande sieht!

Magda (Schmerzgequält). Mein Vater! (Flieht, das Taschentuch vors Gesicht schlagend, durch die Tür des Speisezimmers.)


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