Hermann Sudermann
Heimat
Hermann Sudermann

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Elfte Szene

Magda. Der Pfarrer.

Pfarrer. Fräulein Magda, Sie haben keine Heimat mehr? – Haben Sie gehört – die alte Frau bettelt und lockt mit dem Besten, was sie hat, wenn's auch nur ein Stück Fleisch ist?... Haben Sie gehört, wie Mariens Stimme in Tränen zitterte aus Furcht, daß es mir doch vielleicht nicht glücken würde? Die trauen mir viel zu, die glauben, ich brauche nur ein paar Worte zu sprechen. Die ahnen ja nicht, wie machtlos ich hier vor Ihnen steh. Sehn Sie – hinter jener Tür da sitzen drei Menschen, die fiebern in Angst und in Liebe... Wenn Sie diese Schwelle überschreiten, so werden Sie damit jedem ein Stück Leben aus dem Leibe reißen... Und Sie wollen behaupten, Sie hätten keine Heimat mehr?

Magda. Wenn' ich eine habe, so ist sie nicht hier.

Pfarrer (betreten). Mag sein... Und trotzdem dürfen Sie nicht fort. Ein paar Tage nur! Bloß um ihnen den Wahn nicht zu rauben, daß Sie hierher gehören. Das sind Sie ihnen doch schuldig!

Magda (schmerzvoll). Ich bin hier niemandem mehr etwas schuldig.

Pfarrer. Nein? Wirklich nicht... Ja, da muß ich Ihnen von einer Stunde erzählen... Das sind nun elf Jahre her... Da wurde ich eines Tages eilig in dieses Haus gerufen, denn der Herr Oberstleutnant wäre im Sterben. Als ich kam, da lag er ganz steif und starr – und das Gesicht blau und verzerrt – ein Auge war ihm schon gebrochen – in dem andern flackerte noch ein bißchen Leben. Er wollte reden – aber seine Lippen, die klatschten bloß noch aufeinander und lallten.

Magda. Gott im Himmel, was war geschehen?

Pfarrer. Ja, was geschehn war?... Das werd ich Ihnen sagen: Er hatte eben einen Brief bekommen, in dem seine älteste Tochter sich loslöste von ihm.

Magda. Oh, mein Gott!

Pfarrer. Es hat lange gedauert bis sein Körper sich von dem Schlaganfall erholte. Nur ein Zittern im rechten Arm, das Sie vielleicht bemerkt haben, blieb davon zurück.

Magda. Also meine Schuld.

Pfarrer. Ach, wenn das alles wäre, Fräulein Magda! – Verzeihung, ich nannte Sie, wie ich Sie früher genannt habe... Es kam mir so in den Mund.

Magda. Nennen Sie mich, wie Sie wollen. Aber weiter!

Pfarrer. Die notwendige Folge blieb nicht aus. Als er den Abschied erhielt – er will den Grund nicht wahrhaben – reden Sie ihm ja nicht davon! – da brach er auch geistig zusammen.

Magda. Ja, ja, ja. Das ist alles meine Schuld!

Pfarrer. Sehn Sie, Fräulein Magda, da begann mein Werk. Wenn ich davon rede, so müssen Sie nicht denken, daß ich vor Ihnen prahlen will... Was würd' es mir auch nützen? Langsam hab ich ihn geheilt und seine Seele wieder empor – (mit Geste) gehoben... Erst ließ ich ihn auf den Rosenstöcken die Raupen sammeln –

Magda (entsetzt). Ah!

Pfarrer. Ja, so weit war er – dann gab ich ihm Gelder zu verwalten, und dann machte ich ihn zum Mitarbeiter an den Anstalten, deren Leitung mir anvertraut ist... Da ist ein Hospital und Suppenanstalten und ein Siechenhaus, und es gibt da immer viel zu tun. – So wurd' er denn wieder zum Menschen... Auch auf Ihre Stiefmutter hab ich einzuwirken versucht – nicht weil ich nach Einfluß begierig war. Das glauben Sie mir vielleicht... Kurz, die alte Spannung zwischen ihr und Marien ist allmählich gewichen, Liebe und Vertrauen sind im Hause eingekehrt.

Magda (ihn anstarrend). Und warum taten Sie das alles?

Pfarrer. Nun, erstens ist es ja mein Beruf, dann tat ich es um seinetwillen, denn ich hab den alten Mann lieb, vor allem – aber – um – Ihretwillen.

Magda (weist in erschrockener Frage auf sich).

Pfarrer. Ja, um Ihretwillen, mein Fräulein. Denn ich überlegte mir: Es wird der Tag kommen, daß sie heimkehren wird. Vielleicht als Siegerin – – vielleicht aber auch als Besiegte, zerbrochen, geschändet an Leib und Seele... Verzeihen Sie mir diesen Gedanken, aber ich wußte ja nichts von Ihnen... In einem wie im andern Fall sollten Sie die Heimat für sich bereitet finden. – Das war mein Werk, das Werk langer Jahre... Und nun fleh ich Sie an: zerstören Sie es nicht – Tun Sie's nicht!

Magda (schmerzgequält). Wenn Sie wüßten, was hinter mir liegt, Sie würden mich nicht zu halten suchen.

Pfarrer. Das liegt da draußen. Und hier ist die Heimat. Lassen Sie es. Vergessen Sie es.

Magda. Wie kann ich vergessen? Wie darf ich?

Pfarrer. Warum wehren Sie sich noch, während alles jubelnd die Hände nach Ihnen ausstreckt?... Es ist ja nichts Schlimmes dabei. Haben Sie doch das bißchen Mut zur Liebe, da alles ringsum von Liebe für Sie überströmt!

Magda (weinend). Sie machen mich wieder zum Kinde!

(Pause.)

Pfarrer. Und nicht wahr, Sie bleiben?

Magda (aufspringend). Aber man soll mich nicht fragen.

Pfarrer. Was soll man nicht fragen?

Magda (angstvoll). Was ich da draußen erlebt habe. Man würde es nicht verstehn. Niemand. Auch Sie nicht.

Pfarrer. Gut – also auch ich nicht.

Magda. Und Sie versprechen es mir – für sich – und für jene da drin?

Pfarrer. Ob ich für jene – ja, ich kann's versprechen.

Magda (tonlos). Rufen Sie sie.


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