Hermann Sudermann
Heimat
Hermann Sudermann

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Siebente Szene

Die Vorigen. Magda. Schwartze. Frau Schwartze.

Magda (in glänzendem Gesellschaftskostüm, einen weiten Mantel darüber – einen spanischen Schleier über das Haar geworfen – stürzt mit einem Aufschrei auf Marie los). Meine Mieze! Mein Kleines! Ach, wie ist mein Kleines groß geworden! – Mein Schoßkind – mein – ach! (Sie stürmisch küssend.) Aber was ist das? Du taumelst ja! Komm, setz dich! Nein, nein, bitte, setzen! Auf der Stelle! Ich will! (Führt Marie zu einem Sessel) Die lieben Hände! Die lieben Hände! (Kniet vor ihr nieder, küßt und streichelt die Hände.) Und so hart! Und so zerstochen! Und blaß ist mein Liebling! Hat Ringe um die Augen!

Schwartze (ihr leise die Hand auf die Schulter legend). Magda, wir andern sind auch da.

Magda. Ja so – ich bin ganz (Aufstehend, innig.) Mein lieber alter Papa! Ach Gott, wie bist du weiß geworden! Mein lieber Papa! (Seine Hand erfassend.) Mein lieber – Aber was hast du mit deiner Hand? Die zittert ja!

Schwartze. Nichts, mein Kind. Frag nicht danach.

Magda. Hm! – Und schön geworden bist du auf deine alten Tage. Ich kann mich gar nicht satt sehn! Ich werde ganz übermütig werden mit einem so schönen Papa. (Auf Marie weisend.) Die müßt ihr aber besser pflegen... Sie sieht ja aus wie Milchglas... Du, nimmst du Eisen? Was? Nein, du solltest Eisen nehmen! Oder aber – (zärtlich) na, wir reden ja noch! – Kinder, denkt euch, ich bin zu Hause! Das ist ja wie ein Märchen. Ja, das war eine herrliche Idee von dir, mich heraufzuholen ohne Aussprache – senza complimenti; denn über die Kindereien von damals sind wir doch alle lang hinausgewachsen. – Was, Papachen?

Schwartze. Hm, Kindereien?

Magda. Ich wär' auch wahrhaftig von dannen gefahren. So schlecht kann man sein. – Aber das müßt ihr mir doch zugestehn: Gekratzt hab ich an der Schwelle – ganz leise – ganz bescheiden, wie unsre Lady, wenn sie sich 'rumgetrieben hatte. Ja, was macht denn Lady? – Ihr Platz ist ja leer! Wo steckt sie? (Lockt.)

Frau Schwartze. Ach, die ist seit sieben Jahren tot!

Magda. Ah, povera bestia... Ja, ja, ich vergaß! Und Mama! Ja, mammina! Dich hab ich ja noch gar nicht angesehn... Wie nett du geworden bist! Damals war noch ein bißchen verspätete Jugend an dir hängengeblieben... die kleidete dich nicht. Aber jetzt bist du ein liebes altes Frauchen. Man bekommt Lust, den Kopf ganz still in deinen Schoß zu legen. Das werd ich auch. Das wird mir sehr gut tun... Du, damals haben wir uns manches schöne Mal gezankt. Ach, was war ich für ein widerborstiges kleines Vieh! Na, und du standst auch deinen Mann. Aber nun wollen wir eine Friedenspfeife miteinander rauchen – hä?

Frau Schwartze. Geh, du scherzest mit mir, Magda.

Magda. Soll ich nicht? Darf ich nicht? Doch, doch, doch! Es ist ja lauter Liebe, lauter Liebe! Wollen nichts als uns lieb haben. Wollen gut Freund sein – was?

Franziska (die schon lange versucht hat, sich bemerkbar zu machen). Und wir auch, nicht wahr, meine teure Magda?

Magda. Tiens, tiens! (Beäugelt sie prüfend durch ihre Lorgnette.) Da sind wir ja auch noch... Immer mobil? Immer noch Mittelpunkt der Familie?

Franziska. O das –

Magda. Na, reichen wir uns mal flott die Hände! So! – Zwar ausstehn hab ich dich nie können. Werd's auch nicht lernen. Das liegt uns so im Blute – hä?

Franziska. Und ich hatte dir schon alles verziehn.

Magda. Ah? Diese Seelengröße hätt' ich – Und gleich alles verzeihst du – in Bausch und Bogen?... Auch daß du die Mutter gegen mich aufhetztest, noch eh' sie ins Haus getreten war? Daß du dem Vater – (Sich mit der Faust auf den Mund klopfend.) Meglio tacere! meglio tacere!

Marie (die ihr ins Wort fällt). Um Gottes willen, Magda!

Magda. Nein, mein Liebling – nichts, kein Wort!

Franziska. Sie hat ein Auftreten!

Magda. Und nun laß mich mal Umschau halten! Mein Gott, alles, wie es war! Kein Stäubchen hat sich gerührt!

Frau Schwartze. Ich muß sehr bitten, Magda, du wirst kein Stäubchen finden.

Magda. Das glaub ich, mammina. So war's auch nicht gemeint. Zwölf Jahre! Ohne Spur... Ja, hab ich denn das alles inzwischen bloß geträumt?

Schwartze. Du wirst uns viel zu erzählen haben, Magda.

Magda (auffahrend). Wie? Na, wollen ja sehn... Wollen ja sehn. Jetzt möcht ich gern – ja, was möcht ich gern?... Einen Augenblick still sitzen möcht ich... Das ist alles so über mich gekommen... Wenn ich bedenke... Von jenem Fenster bis zu dieser Tür, von diesem Tisch da bis zum Kleiderwinkel oben – das war einstmals meine Welt.

Schwartze. Eine Welt, mein Kind, über die man nie hinauswächst, nie hinauswachsen darf – das hast du dir doch immer gegenwärtig gehalten?

Magda. Wie meinst du das? – Und was für ein – Gesicht machst du dazu? Ja so – ja. Das war eine Frage zur rechten Zeit! War ich ein Dummkopf! Ach, war ich ein Dummkopf! Mein guter, alter Papa, das wird leider eine kurze Freude werden.

Frau Schwartze. Warum?

Magda. Ja, was denkt ihr von mir? Glaubt ihr, ich bin so frei, wie ich aussehe? Eine ganz müde, abgehetzte Magd bin ich, die nur glücklich ist, wenn ihr die Peitsche im Nacken sitzt.

Schwartze. Wessen Magd? Welche Peitsche?

Magda. Das läßt sich nicht so sagen, lieber Vater. Ihr kennt meine Art zu leben nicht... Ihr würdet sie wahrscheinlich auch nicht verstehn. Kurz, jeder Tag, jede Stunde hat ihre Bestimmung weit voraus... Ja... und – jetzt muß ich ins Hotel zurück.

Marie. Nein, Magda, nein.

Magda. Ja, Mieze, ja... da sitzen schon lange sechs, sieben Menschen und wollen Audienz. Aber weißt du was, Mi, ich pumpe dich mir aus für diese Nacht... Nicht wahr, sie darf doch bei mir schlafen?

Schwartze. Natürlich! Oder wie meinst du – wo schlafen?

Magda. Im Hotel!

Schwartze. Was? Du willst nicht bei uns wohnen? Die Schande willst du uns machen?...

Magda. Wo denkt ihr hin? Ich habe ja einen ganzen Hofstaat bei mir.

Schwartze. Für diesen Hofstaat, wie du sagst, wird in deinem Elternhause wohl auch noch Platz sein.

Magda. Wer weiß? Denn er ist etwas bunt... Da ist erstens Bobo, mein Papagei, ein süßes Vieh – der wär' nicht schlimm... dann meine Kammerkatze Giulietta, ein kleiner Satan – kann aber gar nicht ohne sie leben... dann mein Kurier – das ist ein Tyrann und der Schrecken aller Hotelwirte... Na, und dann nicht zu vergessen der gestrenge Herr, mein Gesangsmeister.

Franziska. Das ist hoffentlich ein ganz alter Mann.

Magda. Nein, aber ein ganz junger Mann.

Schwartze (nach einem Schweigen). Dann hast du noch eins – deine dame d'honneur – vergessen.

Magda. Welche dame d'honneur?

Schwartze. Du kannst doch nicht mit einem jungen Manne von Land zu Land reisen, ohne –

Magda. Ah, das beunruhigt euch? – Ich kann, seid unbesorgt, ich kann. In meiner Welt schert man sich um solche Dinge nicht.

Schwartze. Was ist das für eine Welt?

Magda. Die Welt, die ich beherrsche, lieber Vater. – Eine andre kann ich nicht brauchen. Was ich tue, schickt sich dort, weil ich es tue.

Schwartze. Das ist freilich eine beneidenswerte Stellung. Aber du bist noch jung. Es wird Lagen geben, wo du eine Autorität – kurz, wessen Rate folgst du bei deinen Handlungen?

Magda. Es hat niemand das Recht, mir zu raten, lieber Papa.

Schwartze. Nun, mein Kind, von heute ab nimmt dein alter Vater dies Recht wieder für sich in Anspruch! (Hinausrufend.) Therese!

(Theresens Stimme: Ja, Herr Oberstleutnant.)

Gehn Sie ins Deutsche Haus und tragen Sie die Sachen des Fräulein –

Magda (bittend). Verzeih, lieber Vater, du vergißt, daß dazu ja meine Befehle nötig sind.

Schwartze. Wie?... Ja, es scheint mir, das vergaß ich... Zieh also in Frieden, meine Tochter.

Marie. Magda! – ach, Magda!

Magda (ihren Mantel nehmend). Hab Geduld, mein Liebling, wir reden noch unter vier Augen. Und morgen kommt ihr zu mir zum Frühstück – gelt? Da schwatzen wir noch mal und haben uns lieb.

Frau Schwartze. Wir sollen zu dir?

Magda. Es ist mir lieber, ich hab euch in meinen vier Wänden.

Schwartze. Die vier Wände eines Hotels.

Magda. Ja, lieber Papa, eine andre Heimat hab ich nicht.

Schwartze. Und dieses hier?

Marie. Siehst du nicht, wie er gekränkt ist?


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