Hermann Sudermann
Heimat
Hermann Sudermann

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Sechste Szene

Magda. Der Pfarrer.

Pfarrer. Lieber Gott, wie sie strahlt!

Magda. Hat auch Ursache dazu!

Pfarrer. Ist Ihr Herr Vater nicht da?

Magda. Nein.

Pfarrer. Geht's ihm nicht gut?

Magda. Ich danke. Hab ihn noch nicht gesehen. Gestern saßen wir noch lange beisammen. Was man so erzählen kann, erzählt' ich. Aber ich glaube, er quält sich sehr. Seine Augen forschen immer und lauern. Oh, ich fürchte, Ihr Versprechen erfüllt sich schlecht.

Pfarrer. Das klingt wie ein Vorwurf für mich. – Ich hoffe, Sie bereuen nicht, daß –

Magda. Nein, mein Freund, ich bereue nicht. Aber es geht merkwürdig zu in mir. Ich sitze wie in einem lauen Bade, so weich und warm ist mir. Das sogenannte deutsche Gemüt, das spukt wieder, und ich hatt's mir schon so schön abgewöhnt. Mein Herz, das sieht aus wie eine Weihnachtsnummer der Gartenlaube. – Mondschein, Verlobung, Leutnants und was weiß ich! Aber das Schöne dabei ist: Ich weiß, ich spiele nur mit mir. Ich kann es wegwerfen, wie ein Kind seine Puppen wegwirft, und bin wieder die Alte.

Pfarrer. Das wär' nicht gut für uns.

Magda. Ach, ich bitte Sie, quälen Sie mich nicht. Es ist ja alles wund und aufgewühlt in mir. Und dann hab ich eine Angst –

Pfarrer. Wovor?

Magda. Ich durfte nicht... Gar nicht herkommen durft' ich. Ich bin eine Einbrecherin. (Leise, angstvoll.) Es braucht nur ein Gespenst von da draußen hier aufzutauchen, und dies Idyll geht in Flammen auf.

Pfarrer (unterdrückt ein Zusammenzucken des Erschreckens).

Magda. Und eng ist mir – eng – eng. – Ich fange an, Feigheiten zu begehn. Denn ich muß mich künstlich kleiner machen, als ich bin, je mehr ich diese Gefühle großziehe.

Pfarrer. Schämen Sie sich ihrer, Fräulein Magda? Der Kindesliebe kann man sich doch nicht schämen, denk ich.

Magda. Kindesliebe? Ich möchte diesen eisgrauen Kopf am liebsten in meinen Schoß nehmen und sagen: Du altes Kind du. Und trotzdem muß ich mich ducken... Ich mich ducken! Das bin ich nicht gewohnt. Denn in mir steckt ein Hang zum Morden – zum Niedersingen. – Ich singe so, oder ich lebe so, denn beides ist ein und dasselbe – daß jeder Mensch wollen muß wie ich. Ich zwing ihn, ich kneble ihn, daß er liebt und leidet und jauchzt und schluchzt wie ich. Und wehe dem, der sich da wehren will! Niedersingen – in Grund und Boden singen, bis er ein Sklave, ein Spielzeug wird in meiner Hand. Ich weiß, das ist dumm, aber Sie verstehn schon, was ich meine.

Pfarrer. Das Aufprägen der eigenen Persönlichkeit, das meinen Sie – nicht wahr?

Magda. Si, si, si, si! Ach, Ihnen möcht ich alles sagen. Sie tun es nicht für sich. Ja, Sie wissen vielleicht gar nicht, wie mächtig Sie sind. Und das ist schön, das ist tröstlich... Die Männer da draußen sind Bestien, gleichviel, ob man sie liebt oder haßt. Aber Sie sind ein Mensch. Und man fühlt sich als Mensch in Ihrer Nähe. Sehn Sie, als Sie gestern hereinkamen, da schienen Sie mir so klein. – Aber es wächst etwas aus Ihnen heraus und wird immer größer, beinahe zu groß für mich.

Pfarrer. Du lieber Gott, was könnte das wohl sein?

Magda. Wie soll ich's nennen – Selbsthingabe – Selbstentäußerung. Es ist etwas mit Selbst – oder vielmehr das Gegenteil davon. – Das imponiert mir. Und darum könnten Sie viel aus mir machen.

Pfarrer. Wie das seltsam ist!

Magda. Was?

Pfarrer. Ich will's Ihnen gestehn... Es ist – es ist ja Unsinn... Aber seit ich Sie gestern abend wiedersah, da ist eine Art von Neid in mir erwacht, zu sein wie Sie!

Magda. Hahaha! Sie Mustermensch! Zu sein wie ich.

Pfarrer. Ja – ich – habe – vieles – abtöten müssen in mir – in meiner Seele. Mein Frieden, der ist wie der eines Leichnams. Und wie Sie gestern vor mir standen in Ihrer Ursprünglichkeit, Ihrer naiven Kraft, Ihrer – Ihrer Größe, da sagt' ich zu mir: Das ist das, was du vielleicht hättest werden können, wenn zur rechten Zeit die Freude in dein Leben getreten wäre.

Magda (flüsternd). Und noch eins, mein Freund: die Schuld. Schuldig müssen wir werden, wenn wir wachsen wollen. Größer werden als unsre Sünde, das ist mehr wert als die Reinheit, die ihr predigt.

Pfarrer (betroffen). Das wäre Ihr –

(Draußen Stimmen.)

Magda (zuckt zusammen, lauscht.) Scht!

Pfarrer. Was haben Sie?

Magda. Ach, es ist bloß die dumme Angst! – Nicht um meinetwillen, das glauben Sie mir – nur aus Mitleid für diese da. (Seine Hand umklammernd.) Aber Freunde bleiben wir?

Pfarrer. Solang Sie mich brauchen können.

Magda. Und wenn ich Sie nicht mehr brauche?

Pfarrer. Für mich ändert das nichts, Fräulein Magda. (Will gehen, trifft in der Tür mit Schwartze zusammen.)


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