Hermann Sudermann
Heimat
Hermann Sudermann

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Erster Akt

Szenerie: Wohnzimmer im Hause des Oberstleutnant Schwartze. – Bürgerlich altmodische Ausstattung: Im Hintergrunde links eine mit weißen Gardinen verhängte Glasschiebetür, durch die man ins Speisezimmer blickt, daneben die Korridortür, hinter der die Treppe sichtbar ist, die zum oberen Stockwerk emporführt. – In der rechten abgeschrägten Ecke ein weißverhangenes Fenster, von einer Efeulaube umgeben. Links Tür zum Zimmer des Oberstleutnants, Stahlstiche biblischen und patriotischen Inhalts in schmalen, rostigen Goldrahmen, Photographien, militärische Gruppen darstellend, und Schmetterlingskästen an den Wänden. Rechts über dem Sofa zwischen andern Bildern das Porträt der ersten Frau Schwartzes – jung, reizvoll, in der Tracht der siebziger Jahre. Hinter dem Sofa ein altmodisches Zylinderbureau, vor dem Fenster ein Tischchen mit Nähzeug und Handnähmaschine. Zwischen den Türen des Hintergrundes eine altmodische Standuhr. In der linken Ecke eine Säule mit Makartbukett, davor ein Tischchen mit einem kleinen Aquarium. – Links vorne ein Ecksofa mit einem Pfeifenschränkchen dahinter, dann Ofen mit einem ausgestopften Vogel darauf, hinter dem Ofen ein Bücherschrank mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm.

Erste Szene

Marie. Therese.

Therese (geheimnisvoll zur Tür hereinrufend). Gnädiges Fräuleinchen.

Marie (an der Nähmaschine beschäftigt). Was gibt's?

Therese. Halten die alten Herrschaften noch Mittagsruh?

Marie. Ist Besuch da?

Therese. Nein – es ist wieder – kucken Sie mal da! (Trägt ein prächtiges Blumenarrangement herein.)

Marie (erschreckend). O Gott! Tun Sie's rasch in mein Zimmer, damit Papa nichts – Aber es ist Ihnen doch gestern, als das erste kam, verboten worden, dergleichen anzunehmen?

Therese. Ich hab auch den Gärtnerburschen fortschicken wollen, aber ich war grad auf die Leiter geklettert von wegen die Fahne, und da hat er's hingestellt und – weg war er... Ach, es ist doch eine gottgesegnete Pracht, und wenn ich mir eine Meinung erlauben dürfte, so hat der Herr Leutnant –

Marie. Sie dürfen sich aber keine Meinung erlauben.

Therese. Ach so!... Ja, was ich fragen wollte: Hängt die Fahne so gut?

Marie (hinausschauend – nickt).

Therese. Und die ganze Stadt ist voll von so 'ne Fahnen und Tannenjirlanden... Und die teuersten Teppiche hängen man so aus die Fenster... Doller wie bei Königs Geburtstag... Und alles wegen das dumme Musikfest... Gnädiges Fräuleinchen, was ist das eigentlich: ein Musikfest? Ist das was anders wie ein Sängerfest?

Marie. Jawohl.

Therese. Ist es feiner?

Marie. Ja, es ist feiner.

Therese (respektvoll). So – ah! – wenn es feiner ist!

(Es klopft.)

Marie. Herein!

(Max tritt ein).

Therese. Nu darf ich die Blumen wohl drinne lassen. (In sich hineinlachend ab.)


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