Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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25.

Der da oben wandelte schon im Licht. Die dämmernden Sonnenwellen grüßten ihn mit ihrem schmeichelnd warmen Gold, und allgemach hob sich rings um ihn Europa aus der Nacht des Schlafes, aus Nebel und Grauen empor zum Morgenglanz. Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Montblanc ...

Schon waren die Sterne oben am Firmament erloschen, dessen Aschfarbe immer mehr in einem unergründlichen schmelzenden Blaßblau verschwamm. Nur der Morgenstern funkelte noch trotzig nieder, ein goldenes Juwel, aus dessen Rändern in unruhigem Spiel die Lichtzacken schossen und zurückzuckten. Aber bald erstarb auch er, der Tag war Sieger.

Noch stand die Sonne tief im Osten, hinter dem Engadin. Aber es wurde hell von Österreich her, von Deutschland und der Schweiz. Hell wie in dem Chaos, von dem das Bibelwort spricht: »Und die Erde war wüst und leer!« Ein unermeßliches Nebelmeer, so weit das Auge reichte – eine graue leblose Sintflut, wie wenn auf hoher See Windstille ein Schiff umfängt und die Nußschale still daliegt, über sich den Himmel, ringsum die ungeheure Weite.

Aber hier waren Inseln ringsumher! In trotzigen Zacken schoß es überall in der Runde aus dem wesenlosen Schweigen zum Licht empor, in wildgeformten, schneegeströmten Klippen und firnüberpuderten Wellenlinien, deren reines Weiß sich allmählich, der grauen Grämlichkeit der Täler spottend, mit einem heiter lächelnden Rosenrot übergoß.

Die Sonne war nah! Auf den höchsten Gipfeln Europas entzündete sie ihr Licht, auflodernde Strahlenbüschel, die der Hochwelt das Kommen der Gebieterin meldeten. Überall blitzte es auf. Es legte sich in glühenden Leisten von geschmolzenem Gold um die Schneekämme, es funkelte in grimmem Glanz von den Schultern der Eisriesen und krönte ihr ehrwürdiges weißes Haupt mit einem flammenden Diadem von Morgenrot, das majestätisch von dem rasch in tieferes Blau sich färbenden Himmel abgehoben, seine Lichtströme hinab zu den Gletschern und Tälern rieseln ließ.

Ein Bergkoloß entzündete sich am andern. Zu Hunderten und aber Hunderten loderten rings in der Runde die Riesenfackeln des neuen Tages und schauten, über dem Nebelheim der Tiefen aufgereckt, das man Europa nennt, andächtig zu der in Feuerfluten vom Osten heranschwimmenden Gebieterin der Welt empor. Trotzig aufrecht, starre Gewaltige, selbstbewußte Giganten, begrüßten die Berge das einzige, was über ihnen ist, den Urquell alles Irdischen, den Born des Lichts und Lebens in ehrfurchtsvollem Schweigen. Der Sturm allein sprach für sie. Wie Donner wandelte sein Morgengebet über die ewigen Höhen, ein Preis des Himmels und der Erde, ein Loblied der Schöpfung am sechsten Tage, da es noch keine Menschen gab.

Jahrtausendelang war die Sonne über jenen Höhen aufgegangen und gesunken, ohne daß ein Menschenauge sie sah. Nun hatten sich dem einsamen Mann da oben die jungfräulichen Wunder enthüllt. Das Leben schritt mit ihm durch die wilde Einsamkeit über den Wolken, das warme, menschliche Leben – höher, immer höher, dem letzten Ziele zu.

Tief war ringsum schon der Kranz der Berge gesunken. Von oben herab überschaute sein Blick jene vom Tale so gigantisch ragenden Gipfel, auf denen allen er selbst schon schwer atmend und sturmgeschüttelt gestanden hatte. Der schmale Eiskamm der Jungfrau, der gedoppelte Firngrat des Matterhorns, des Doms schneeüberrieselte Felsenzacken, die tückisch überhangenden Firnrücken des Lyskamms, der eisglatte Zuckerhut der Dent Blanche, ja selbst das mächtig aus weißen Halden aufschießende, siebenfach gegipfelte Steingewölbe des Monte Rosa hatten sich vor dem Montblanc gebeugt. Und leichter als die mühsame Bezwingung dieser Riesen durch glitschrige Schneerinnnen, schmale Gesteinkanten und senkrechte Felskamine gestaltete sich diese luftige letzte Höhenwanderung über den Kamm des Montblanc. – Weiß ringsumher – ein blendendes, die Sonnenstrahlen zurückschleuderndes Weiß, das die Augen kaum zu ertragen vermögen – und über dem unbefleckten Hermelingewand des Bergkönigs die dräuend stahlblaue, beinahe blauschwarze Himmelswölbung, deren Verfinsterung auch das des Hochgebirgs gewohnte Auge immer wieder mit leisem Grauen schaut.

Von unten her tönte unsichtbarer Donner – langsam anschwellend und in undeutlichem Gemurmel verklingend. Die ersten Lawinen fielen vor dem Strahl der Morgensonne. In senkrecht die Bergwände durchfurchenden schnurgeraden Rillen glitten die Schneebäche in den Abgrund, der sie brüllend empfing.

Unter dem Kuß der Sonne erwachte tief da unten das Reich des Todes zu einem lärmenden Scheinleben. Immer häufiger tönte im Tal wie von einer fernen Schlacht das Knattern der Lawinen, das Panzerkleid der Gletscher löste sich in munter durch das abenteuerliche Wirrwarr ihrer Eisschründe plätschernde Bäche, vor deren Rieseln da und dort einer der fratzenhaften Frostkegel lautlos in sich zusammenknickte und verschwand, ringsum das alte ewige Spiel der Elemente, ein Sichfliehen und Wiederfinden und abermals in immer neuen Formen Sichscheiden und Haschen und Ineinanderfließen in die gleiche Urwelt von Wolkenflug und Sonnenglut, von Windeswehen und Wasserrauschen im wechselnden Firngewand, endlos und zwecklos, ein unruhiger Traum, wie vielleicht alles um uns auf der Welt und unser eigenes Dasein dazu.

Dies sterbende Dasein, dem die Hochwelt ihre weißen Schleierarme öffnet – unnahbar sonst in der donnernden Finsternis ihrer Winternächte, dem milliardenfachen Gewimmel des sommerlichen Schneesturms oben, den strömenden Regenschleiern im Tal und majestätisch erhaben selbst in dem seltenen Feierkleid wolkenloser Sommertage, in jener heiteren Sonntagsstimmung, in der ein göttliches Lächeln die düstere Hochlandspracht verklärt.

Tiefe Ruhe überall. Nur zuweilen ferner Lawinendonner und Gletscherlärm von den Flanken unten, deren kurzes Sonnenleben nicht bis zu dem reglosen Firn empordringt, mit dem die höchste Höhe des Berges sich umpanzert. Auch der Sturm war erstorben. Ein leises Eislüftchen nur wirbelte da und dort noch spielend dahin und empfing mit einem Wirbelschleier von prickelnden Nadeln den schwer atmenden Mann, dem trotz der sengenden Sonnenglut jedes Huschen der Luftwellen fröstelnd durch die dicken Hüllen drang. Einerlei – nur weiter – immer weiter! dem weißen Schneekäppchen zu, das hoch dort oben auf der Spitze des endlos gestreckten Grates sitzt. Das ist die Calotte, das Endziel der Wanderung über allen Gipfeln.

Der Firnkamm wurde schmaler und schmaler. Sanft ansteigend, ging er aus einem breitgewölbten Rücken allmählich in einen Fußpfad von Schnee über, auf dem man eben noch bequem und auf den Pickel sich stützend, durch die Pausen des Atemholens alle fünf Schritte zum Stehenbleiben gezwungen, emporklimmen konnte. Dann plötzlich wurde er wieder etwas breiter und öffnete sich auf ein beinahe ebenes, durch zum Tale überhängende Schneemassen trügerisch ausgedehntes Plateau, aus dem ein dunkler, schräg im Schnee lastender Fremdkörper, das Bollwerk des Observatoriums Janssen, trotzig emporstarrte.

Tief aufatmend blieb der Wanderer stehen. Er war am Ziel. Vom höchsten Punkt Europas sah er, auf seine Eisaxt gestützt, einsam wie ein kreisender Adler, über die Welt und die Wolken dahin. Zum letztenmal erlebte er, den Tod im Herzen, mit offenen Sinnen all die Herrlichkeit – windstille Luft, feierliches Schweigen, reglosen Morgensonnenglanz auf dem Gipfel des Montblanc, und in ihm regte sich, wie ein Schauer vergangener Zeiten, ein Ding, das ihm, dem modernen Forscher, dem Alleswisser und Götzenzertrümmerer, längst geschwunden war: die Ehrfurcht. Das Gefühl der Unendlichkeit ging in ihm auf. Sein Auge, das in unbegreiflichen, unfaßlichen Fernen sich verlor, zählte nicht mehr das tausendfache Gewimmel der Gipfel im weiten Umkreis von Europa, es sorgte sich nicht mehr um all die Länder und Ländchen zu Füßen – nein, es schaute hinaus in jene äußersten Weiten des Horizonts, wo das unermeßliche Panorama in zarten, violett getönten Dunstschleiern verschwamm, wo aus der geheimnisvollen Trübung der Luft geheimnisvolle Berggestalten grüßten, von denen er nicht mehr wußte, ob sie der Erde entstammten, ob sie die Allmacht des Weltraums aus vergänglichen Wolken schuf.

Zur höchsten Höhe war er gestiegen, um an den Grenzen der Erkenntnis, am Ende seiner Kraft zu stehen. Aber nichts Niederdrückendes lag ihm darin. Im Gegenteil. Es machte ihm die Brust weit. Es stimmte sie ruhig und heiter in dem Gefühl der Ergebung vor dem ewigen Welträtsel. Hier oben fühlte er sich dem Urbild aller Dinge nah, wie seine Vorfahren, die weltwandernden Germanen auf jungfräulich waldumrauschten Berggipfeln, wie die Hellenen auf den sonnigen Höhen des Olympos ihre Götter suchten – Geschöpfe von heiterer Kraft und lachender Größe gleich der Natur selbst und ihren Lieblingen, den Starken unter den Menschen.

Und für den Starken galt ewig das »Exzelsior!« – Das »Empor zur Sonne!«

In unvergänglichem Glänze stand sie, da er ermattet vor ihr niedersank, über seinem Scheitel. Sie vergoldete ihm noch einmal die wohlbekannte Erde und lehrte ihn zugleich die Eitelkeit alles Irdischen, die Nichtigkeit alles menschlichen Strebens und Wähnens in dieser letzten Stunde der Einsamkeit über den Wolken. Und während er fühlte, daß er dahinging, ein verwehtes Sandkorn, ein ersterbendes Pünktchen im Gewimmel des großen Ameisenhaufens, fiel ihr Strahl noch einmal kosend über das krause Getriebe unten im Tal und verklärte es ihm im Spiegel der Ewigkeit. Es ward klein vor ihm. Er mußte seiner lächeln, da er von dannen ging. Und wer lächeln kann, ist Sieger. Er hat die Welt überwunden.

Und ein Lächeln lag noch auf seinem Gesicht, als Frau Aventiure und ihre Freunde heraufstiegen und ihn da fanden, lang auf dem Firn ausgestreckt und aus weit geöffneten Augen starr in die Sonne schauend.


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