Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

 << zurück weiter >> 

9.

Weit in der Ferne, vom blauen Himmel überwölbt, lag auf dem Rücken der Berge eine weiße Häusermasse, die mit ihren sich terrassenförmig abstufenden Dächern bis zu dem unsichtbaren Meere hinabstieg, Tanger, der Berührungspunkt Marokkos mit abendländischer Kultur.

Davor das breit gewellte Steppental des nach Tingis rinnenden Flusses, mageres, sonnenverbranntes Weideland, das Gebrüll grasender Rinder, das leichte Rauschen des Windes in zitterndem Gras, das Wehen der Einsamkeit und Öde.

Und doch lebte und wimmelte es an einer Stelle dieser kahlen Fläche und schob sich als ein Gewirr von Hunderten von braunen Gestalten durcheinander, die in ihren fahlen Gewändern, ihrer Massenhaftigkeit der Erde selbst entsprossen zu sein schienen. Denn nirgends war eines der von kleinen Saatstücken und Baumgruppen umgebenen Berberdörfer, nirgends eine Hütte oder auch nur ein Zelt oder sonstiges Obdach zu sehen. Das Geplätscher des zur Seite zwischen Weidenbüschen hinrauschenden Baches schien allein die Eingeborenen veranlaßt zu haben, gerade hier, inmitten der Wüste, jeden Donnerstag ihren großen Markt abzuhalten.

Ein seltsames Bild! Unter dem brennenden Himmel die zerlumpten, wildblickenden Nomaden, die lange Steinschloßflinte in der Hand, die Hammel- und Ziegenherden um sich, unverschleierte, in braune Mäntel gewickelte Berberfrauen daneben mit ihren Körben voll Eier, ihren Hühnern und den Haufen halbnackter Kinder, selten einmal ein bunter Turban in dem Gewoge kahlgeschorener, bezopfter und mit Ohrbüscheln geschmückter Schädel – das Ganze farblos und düster in seinem Durcheinanderraunen und Zischeln, dem Huschen bloßer Füße, dem unvermittelten Getriebe von Mensch und Tier inmitten der weiten Heide.

Die drei Damen ritten beklommen hindurch, von finster-neugierigen Augen verfolgt, und atmeten erst freier auf, als der Wüstenmarkt in ihrem Rücken lag und nur noch der Wind zuweilen einen Hahnenschrei, ein paar zornige Worte oder das Gewieher eines Rosses herübertrug. Es war still zwischen ihnen, seit sie am Tage vorher Tetuan verlassen und, diesmal unter ihrem Zelt, eine leidliche Sommernacht in El-Fondak zugebracht hatten. Auf jeder lastete etwas in anderer Weise und hieß sie schweigen.

Am Wege stand, mit langem Seile festgepflöckt, ein prachtvoller arabischer Schimmelhengst und starrte mit gespitzten Ohren und feurigen Auges die Europäer an, daß die Soldaten wohlgefällig lächelten und der Hotelkurier sich grinsend zu Klara umwandte, um sie auf das schöne Tier als »eine Mohrenkuriosität« aufmerksam zu machen.

Aber heute sah die blonde Malerin nicht rechts noch links. Sie ritt dahin, als ob sie all diese Dinge gar nichts mehr angingen, und wenn auch ihr Gesicht ruhig und hübsch war wie immer, so entging doch ihre Blässe und Schweigsamkeit selbst dem Mauren nicht. Kein Wunder freilich nach der anstrengenden Reise, bei schlechtem Wetter und noch schlechteren Quartieren; die britischen Offiziere selbst, die von Gibraltar kamen, nannten diesen Ritt ein »rauhes Werk«. Und nun gar erst für Damen! Da hatte die Lady wohl recht, so sehnsüchtig in die Ferne zu schauen, als hoffe sie, da jeden Augenblick die wieder hinter den Hügeln verschwundene weiße Stadt Tanger in nächster Nähe auftauchen zu sehen.

Aber die Lady schaute mit ihren inneren Augen etwas anderes in der Ferne, etwas, das ihr seit gestern fortwährend vor den Sinnen stand, so greifbar, so körperlich, daß sie es da förmlich vor sich zu erblicken glaubte, wie es langsam über die Steppe hinritt, in der trotzigen Gestalt eines europäischen Forschungsreisenden, mit dessen dunklen Schnurrbartenden der Wind spielte – hinter ihm, braun und schweigsam, mit brennendrotem Fez, sein marokkanischer Diener.

Sie erschrak, so deutlich sah sie das alles auf der von der Sonnenglut überzitterten Heide. Es war wie eine Vision. Sie schloß die Augen, um das Bild loszuwerden.

Aber fast zugleich brach Hilda hinter ihr das trübe Schweigen, in dem die Gedanken der Kleinen wehmütig nach Tetuan zurück und voll Wiedersehenshoffnung nach Gibraltar und in krausem Durcheinander vom Blutegelexport zum Pesetakurs wanderten und über das Ganze hin gebieterisch ein blonder Vollbart mit altvernarbten Schmissen darunter wehte.

»Jetzt hört doch alles auf!« sagte sie verdutzt. »Ich muß mir wahrhaftig die Augen reiben, ob das wahr ist!«

»Was siehst du denn?« Die Malerin hielt die Wimpern gesenkt. Ein plötzlicher freudiger Schrecken zog ihr Herz zusammen.

»Na, ihn seh' ich!«

»Wen denn?«

»Ihn! Deinen Afrikaner! Weiß Gott ... da reitet er. Es ist gar kein Zweifel: er ist's. Jetzt hat er unsere Stimmen gehört. Er dreht sich um! Siehst du wohl ...«

»Aber ein Mensch kann doch nicht an zwei Orten zugleich sein!« tönte vom Ende des Zuges der Baß der Gouvernante. »Liebe Kinder ... das ist unheimlich. Am Ende gibt's hier Wüstengespenster!«

In Marokko war freilich vieles möglich! Die Damen bekamen etwas Angst. In banger Neugier ließen sie sich von den Maultieren vorwärts tragen, dem Fremden zu, der ihnen jetzt in kurzem Galopp entgegenkam. Der Leib seines Pferdes war glänzend naß von Schweiß.

»Guten Morgen!« sagte er gleichmütig und lüftete die Kappe. »Darf ich fragen, warum Sie mich so erwartungsvoll anschauen?«

»Ja, sind Sie es denn wirklich?« Die hübsche Malerin reichte ihm zögernd, aber mit sonnigem Lächeln die Hand. »Wie kommen Sie denn um Gottes willen hierher?«

»Eigentlich sind Sie doch noch in Tetuan!« fügte die Kleine schüchtern hinzu.

Er lachte. »Ich war in Tetuan und fühlte mich, seit Sie gestern fort waren und auch sonst kein Mensch mehr da, dort höchst überflüssig. Mit meinem Befinden ging es immer besser. Da ließ ich mir heute bei Sonnenaufgang mein Pferd satteln und ritt los, im Galopp; der bringt einen vorwärts. Man braucht weniger als die halbe Zeit wie mit dem Maultier!«

»Aber da müßten Sie doch an uns vorbeigeritten sein!«

»Es führen drei Wege von Tetuan nach Tanger. Ich habe einen anderen, näheren eingeschlagen. Aber den Rest legen wir, wenn es Ihnen recht ist, gemeinsam zurück!«

Den Damen war es freilich recht. Sie waren so überrascht durch das plötzliche Wiedersehen, daß sie kaum ein Wort fanden, um das Gespräch in Fluß zu erhalten. Und zudem erforderte eben hier der schlechte Weg volle Aufmerksamkeit und darum Schweigen. Er bestand, wie auch an den meisten anderen Stellen, nicht aus einer Straße im europäischen Sinn, sondern aus einer Anzahl ausgetretener schmal und tief in den Kiesboden gebetteter Rinnen, die sich in wirren, planlosen Schlangenlinien durcheinanderwanden, einigten und teilten. Dichtes Gebüsch und Zwergpalmenkraut wuchs darüberhin und riß dem Unachtsamen jeden Augenblick den Fuß aus dem Bügel oder ließ das Knie unversehens an einer der sonderbaren, kegelförmig bis zu Mannshöhe aus dem Boden wachsenden Kiespyramiden anprallen.

Jeder suchte sich hier seinen eigenen Pfad, auf den er sein Tier trieb. Aber da diese Spuren immer wieder ineinander- und auseinanderliefen, stieß man doch häufig genug auf demselben Weg zusammen. Das erstemal, als sich Klara und der Forscher begegneten, lachten sie nur und lenkten die Zügel nach rechts und links, aber ihre beiden Wege näherten sich rasch wieder in weitem Bogen, und wieder sahen Roß und Maultier einander freundschaftlich in die Augen. Diesmal wurde die Malerin unwillig und bog beinahe querfeldein, einem großen Busch zu. Hier auf dem äußersten Randweg war ein ungestörtes Reiten möglich, in diesem dichten Strauchwerk, das sie bis über das Haupt umfing und plötzlich, inmitten der Hecken, ihr wieder die Wahl zwischen drei oder vier strahlenförmig sich teilenden Einschnitten freistellte. Sie ließ ihr Saumtier gehen, wie es wollte. Das geduldige Geschöpf spitzte die Ohren und schritt so rasch aus, daß es gerade am Ende des Busches wieder mit Roß und Reiter, die von der anderen Seite kamen, zusammentraf.

Der Afrikaner lachte. »Sie sehen ... wir entgehen uns nicht. Unsere Wege führen uns immer wieder zusammen.«

»Ich kann wirklich nichts dafür. Das Maultier ist schuld!«

»Warum fassen Sie das so prosaisch auf! Das arme Maultier ist doch nur ein blindes Werkzeug!«

»Ein Werkzeug wofür?«

»Für das, was die ganze Welt lenkt. Frivole Menschen wie ich nennen es Zufall. Fromme Gemüter Vorsehung. In der Sache ist's dasselbe: was geschehen soll, das geschieht! Und es ist offenbar im Rate des Schicksals beschlossen, daß wir heute nachmittag zusammen durch dieses Tal pilgern sollen!«

»Sie sind also richtiger Fatalist!«

»Das wird jeder, der sich viel in der Welt herumgetrieben hat. Je mehr er erfährt und erlebt, desto deutlicher sieht er, daß nicht das geschieht, was er will oder meint oder fürchtet, sondern daß eine ganz fremde Gewalt ihn aufhebt und da- und dorthin stellt, wie die Schachfigur auf dem Brett. Uns stellt diese Hand heute eben nebeneinander. Da müssen wir uns schon darein finden.«

Die Malerin lächelte. »Wenn mir nichts Schlimmeres passiert,« sagte sie, »als hier in Afrika ein paar Stunden von Ihnen beschützt zu werden ...«

»Zwei Stunden höchstens noch. Dann sind wir in Tanger und Sie der Freiheit zurückgegeben. Bis dahin müssen Sie mir schon erlauben, daß ich vor Ihnen reite. Dann geht es besser!«

»Ja, zeigen Sie mir nur den Weg!« Ein glückliches Lächeln verklärte, sowie er den Rücken wandte, ihr Gesicht. »Ich folge Ihnen gern.«

Viel sprechen konnte man auf diese Weise nicht mehr, und wieder ritten sie stumm und gedankenvoll dahin durch die glühende Steppe, deren würziger, herber Hauch sie im Wehen des Windes umfing und emporstieg zu dem sonnenwarmen, unergründlich blauen Weltraum über ihnen. Ringsum die lachende Reife des vollen Sommers, Stille und Größe um die beiden, die, da das Maultier mit dem rascheren Hufschlag des Pferdes gleichen Schritt hielt, bald weit vor den anderen voraus waren.

Hilda blickte ihnen sehnsüchtig, beinahe neidisch nach, Ihre Schwestern hatten es wahrhaftig besser als sie! Die eine hatte da vorne schon einen Freund und Begleiter gefunden, die andere, die älteste, ritt mit einem seltsamen, düsteren und siegesgewissen Lächeln den Dingen entgegen, die sich in Tanger bei der Ankunft der Cookschen Reisegesellschaft entwickeln sollten – aber sie? Sie war einsam und verlassen, und ihre ganze Hoffnung ruhte jetzt auf Gibraltar ...

Ein kräftigerer, kälterer Wind fegte über das Land, die Hügel verloren ihre bisherige Gestalt und verwandelten sich mehr und mehr zu kahlen, nur von spärlichen Grasbüscheln durchsetzten und von Kaninchen belebten Sanddünen, ganze Haufen wilder Hunde von jeder Farbe, Größe und Rasse saßen, schläfrig sich sonnend, vor ihren Erdlöchern, oder schleppten, an den Hängen hinstreichend, allerhand genießbare und ungenießbare Stoffe, die angeschwemmte Beute des Meeres, mit sich fort, und da hob sich plötzlich, ein tief azurblauer Streifen, der Atlantische Ozean über den zitternden Riedgräsern der nächsten Düne empor. Bald breitete er sich unermeßlich zur Linken aus und geradeaus, jenseit der schmalen, in weißen Wogenkämmen an der andalusischen Küste brandenden Wasserstraße, grüßte, ein Nebelgebilde, das Kap Trafalgar hinüber zu der kaum sichtbar dämmernden anderen Stätte englischer Größe, dem trotzigen Felsen von Gibraltar.

Blau ringsumher. Das tiefe satte Blau des Himmels und der Wellen. Und, scharf, beinahe blendend sich von ihm abhebend, die weiße, hoch am Berge aufgetürmte Stadt. Auf dem weichen Strand, am Rande des Meeres ritten sie auf Tanger zu. Ringsum war volles Leben. Vorbeigaloppierende Europäer auf mutigen Rossen, im Sonnenschein faulenzende Spanier, in Ziegenschläuchen das Trinkwasser schleppende Negersklaven, welche mehr mächtigen schwarzen Halbaffen als etwas anderem ähnelten, berberische Bauern mit ihren Weibern auf der Rückkehr aus der Stadt, die ledigen Esel vor sich her treibend, und, näher zu den Kaimauern hin, die üblichen Hafenbummler aller Nationen, Viehhändler, Agenten, maurische Kaufleute, bebrillte, würdevolle Turbanträger als Steuerbeamte, jüdische Geldwechsler und Briefmarkenhändler, Angestellte der drei europäischen Postämter, die ganze bunte menschliche Mustersammlung einer orientalischen Seestadt.

Auf der stark besetzten Reede, aus der jetzt bei Ebbe sich die Trümmer der von den Engländern bei ihrem Abzug im siebzehnten Jahrhundert zerstörten steinernen Mole erhoben, schwankte ein Dampfer auf und ab. Ein Schwarm nußschalengroß erscheinender Boote umgab ihn wie die Küchlein die Henne oder fuhr zwischen dem Schiff und dem Landungsplatz hin und her.

Die Gouvernante warf einen befriedigten Blick auf dies Schauspiel. »Cook und Sohn sind da!« verkündete sie. »Sie sind schon an Land!«

»Und das freut Sie auch noch?« Der Forscher, der mit Klara am Eingang der steil aufsteigenden Straße auf die anderen gewartet hatte, sah sie erstaunt an. »Cook und Sohn sind ja ein wahres Unglück für andere Reisende! Der reine Heuschreckenschwarm. Wer kann, ergreift die Flucht!«

»Der Geschmack ist verschieden!« Die schwarz gekleidete Dame lächelte streng. »Ich für meine Person fürchte mich vor Cook und Sohn nicht. Im Gegenteil ... ich hoffe sogar, daß wenigstens ein Teil der Gesellschaft in unserem Hotel abgestiegen ist. Das wird mir eine angenehme Gelegenheit geben, mein Englisch wieder einmal zu üben!«


 << zurück weiter >>