Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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22.

Valere aude!« Wage es, gesund zu sein! – Werde, was du bist – oder vergehe! – Die Worte lagen stumm auf seinen Lippen, als der Afrikaner am selben Morgen vor das Hotel trat. Noch glitzerten überall nebelfrei die Sterne über und zwischen den in dämmerndem Weiß vom Himmel sich abhebenden Schneeflächen. Während sie im Morgengrauen erloschen, dampften alle Täler von würzigkaltem, feinem Rauch, langgezogene weiße Dunststreifen schwebten wie ausgespannte Schleier an den Flanken der Berge und vergingen langsam vor dem Hauch der Sonne, die in wolkenlosem Blaßblau über den goldig blitzenden Firnkämmen aufstieg.

Da stand der Montblanc, ein strenger Gebieter, ein Monarch, wie man früher seine Spitze nannte, als freier Herrscher der Alpenwelt. Sein weißes Haupt ragte über die Menge der Gipfel, von seinen mächtigen Schultern wallte im Faltenwurf des ewigen Schnees, von azurnem Gletschergefunkel gestirnt, der hermelinreine Krönungsmantel bis zum Fuß, dem die Täler unten in schwarzer Tannenwildnis und mit lichtgrünen Matten als Schemel dienten. Alles umher war sein Reich. Was da war, kam von ihm: die Eisströme, die in erstarrten, hochaufgebäumten Wellen in die Tiefe flossen, die Meere von Steingeröll und Bergtrümmern, die ihrem Zuge sich voranwälzten, die schäumenden grauen Wildbäche, die von den Gletschertoren durch breite, von der Verwüstung geschaffene Kieselbetten waldabwärts brausten! Manch eingestürztes Haus, manches beharrlich neu aufgebaute Menschenwerk wies dort unten ihren verderblichen Weg, auf dem der weiße König da oben, achtlos, wie der Fuß des Wanderers das Leben unter sich zertritt, über die Ameisenhaufen im Tal hinweggeschritten war.

Aber heute hätte man das dem Gewaltigen kaum zugetraut! Er zeigte im Sommersonnenschein sein freundlichstes Gesicht, jene heitere, kraftgetragene Ruhe, die den Wanderer unwiderstehlich zu ihm emporzog.

Das Denkmal am Ausgang des Städtchens wies dem Afrikaner den Weg. Die Augen erhoben, blickte die Gestalt Saussures nach dem Berg, neben ihm, tollkühn lachend, mit dem ausgestreckten Finger auf die höchste Spitze des Montblanc weisend, sein Führer Jacques Balmat. »Balmat de Montblanc«, wie der König von Sardinien auf Lebenszeit den verwegenen Savoyarden nannte, der, als der erste Mensch und allein, in dieser Höhenluft von fast fünftausend Metern geatmet.

Der Afrikaner sah ihn nachdenklich an. Er kannte wohl sein Schicksal. Immer wieder hatte es den trotzigen Gesellen hinaufgelockt in die weiße Märchenwelt. Einsam, menschenscheu strich er dort umher und suchte und suchte ... Gold, sagten die einen, neue Wege zum Gipfel, die anderen. Schließlich war er nicht wiedergekommen ... der Montblanc hatte seinen ersten Bezwinger bei sich behalten. Er bettete den gealterten Mann da, wo unterirdisch die Gletscherwasser sprudeln und von oben her ein schmaler himmelblauer Spalt, der Sonnenschein, in azurne Finsternis leuchtet. Die Stelle weiß man nicht, und die Gebeine bleiben verschwunden. Der Montblanc hat sich gerächt.

Aber andere folgen nach. Die treibt auch die Sehnsucht nach oben, dem Himmel zu. Die suchen auch dort oben Schätze, verlorenes, geheimnisvolles Gut, und finden statt der Erkenntnis den Tod. Und damit wenigstens die Befreiung von allen Zweifeln!

*

Empor über den Zickzackweg ewigen Tannenforstes, stunden- und stundenweit empor über kahler werdende Berghalden, über quelldurchsprudelte, blumenbesäte Grashänge, über Felsblöcke und Geröll – da schon über das erste kleine Schneefeld und unter einem neugierig von hoher Felswand herablugenden Gletscherwall hindurch bis zur Grenze des toten Reiches!

Da begann es: eine weite Ebene von graukörnigem Eis, durch klaffende, riesige Risse in Trümmer- und Bruchwerk, in haushohe Würfel, in lange chausseeartige Rücken geschieden.

Anfangs zahm und eben, gewann der Gletscher, wo er an der »Jonction« mit seinem Nachbar zusammenstieß, das wilde, bizarre Angesicht der Hochwelt.

Wie durch die Gassen einer aus Firn und Eis erbauten und im Erdbeben wieder eingestürzten Stadt wandelte der Eindringling dahin. Ein Pompeji im ewigen Schnee. Steil ragende Glaswände und zerschellte, glitzernde Scherben, eingerutschte Hügel, schiefgeneigte oder abgebrochen am Boden schmelzende Kristallsäulen, Zacken und Zähne, Türme und Mauerreste überall, und als Bewohner des weißen Kirchhofs, da und dort aufstarrend, wunderliche, in der Sonnenglut triefende und schwitzende Eismänner; wie ein Koboldkönig unter ihnen ragend ein bogenförmig nach hinten in Art eines Walroßhauers gekrümmtes Firnhorn – das alles säumte den Weg ein, der sich durch lange, stille Gletschergassen, auf freiem Schnee, in Mulden hinab, über spröde Glasstufen zu schmalen Firndächern empor, die Séracs aufwärts schlängelte.

Gleich den Spuren eines Erdbebens klafften überall zwischen den Trümmern die in unbekannte Tiefen führenden Spalten, die einen tückisch mit Schnee verklebt, der beim ersten Stich des Pickels in Brocken in den Abgrund fiel, die anderen mit offenen schwarzen Rachen zum blauen Himmel aufgähnend. Die größten von ihnen zu überspringen war unmöglich. Sie klafften wohl fünfzehn, zwanzig Fuß, und schmale Leitern führten, den scheußlichen Abgrund überbrückend, von dem Talhang eines solchen Gletscherrisses zu dem ihn weit überhöhenden Bergrand empor.

Den Afrikaner durchfröstelte ein eigenes wollüstiges Grausen, während er, auf die Hände und Knie gestützt, über die Leiter kroch und durch deren Sprossen unter sich, wo sich der bläuliche Metallglanz der Gletscherspalten in unergründliche Nacht und Tiefe verlor, die unterirdischen Ströme brausen hörte. Der alte Reiz kam wieder über ihn, dies Necken mit dem dumpf glotzenden und schwerfällig nach seiner Beute tappenden Tode. Der letzte dieser Übergänge war bequemer: eine Art großer Laufbrücke mit Geländer, dahinter steil aufsteigend der schneebedeckte Gletscherhang, an dem hoch oben ein rot gestrichenes Haus mit zwei niedrigen Stockwerken aus dem Eise aufwuchs und sich an eine Reihe Felsklippen lehnte. Unter dem neuen »Hotel des Grands Mulets« stand wie ein Nebelstrich die grauverwitterte, halbzerstörte alte Steinhütte.

Auf der Galerie bewegten sich Punkte. Rufe und Juchzer tönten durch die dünne Luft und empfingen den vom Gletscher aufsteigenden Wanderer.

Einer der grauköpfigen Engländer vom »Alpine Club« bog sich mit jungenhafter Behendigkeit über das Geländer. » En avant, monsieur!« schrie er aufmunternd. » Le diable est presque morti«

Die Führer hinter ihm lachten rauh wie die Bären, und auch der Afrikaner lachte, während er, am Ziele angekommen, die Schneebrille abnahm.

Jetzt erst sah er die volle Pracht der Umgebung. Blendendes, leuchtendes Weiß überall und strahlendes Tiefblau darüber. Es gab keinen Übergang, keine anderen Farben. Nur an dem stumpfen Braun der Hüttenfelsen konnte sich das Auge ausruhen.

Diese Felsstufen waren mannigfach geschmückt. Die nassen Lappen der Flanell- und Seidenhemden hingen da mit beschwörend aufgereckten Ärmeln zum Trocknen, die Unterkleider flatterten, durch Steine beschwert und festgehalten, im Winde, die Bergstiefel standen gereinigt und frisch eingefettet auf den warmen Steinplatten, und dazwischen saßen, die mit Pantoffeln und Halbschuhen bekleideten Füße herabbaumeln lassend, die Briten und rauchten ihr Pfeifchen.

Die Führer trieben sich um sie her. Sie fühlten sich zu den erfahrenen Gletschermeistern des Londoner Alpenklubs vertraulich hingezogen und gingen erfreut auf deren trockene Witze und Späße ein, ohne doch die Ehrerbietung außer acht zu lassen. Besonders bewunderten sie den Matador der Gesellschaft, einen hageren Graukopf, um den seit Jahrzehnten sich der Nimbus alpiner Heldentaten wob. Er kannte alle Führer bei Namen. Mit den älteren Männern, die unter den struppigen Bärten schmunzelnd ihm zuhörten, verkehrte er auf dem Fuß derber Kameradschaft. Die jungen Leute, die unter seinen Augen im Hochgebirge aufgewachsen waren, begönnerte er mehr väterlich, und als er dem einen einmal ein anerkennendes Scherzwort hinwarf, verklärte sich das magere Eulengesicht des Burschen förmlich vor Wonne.

Die beiden anderen Engländer – Vater und Sohn – schienen von einem merkwürdigen Tatendrang belebt, zu dessen Dämpfung die Überwindung von zweitausend Metern Höhe zwischen Chamonix und den Grands Mulets offenbar nur wenig beigetragen hatte. Fortwährend waren sie unterwegs, auf Expeditionen, deren Zweck und Ziel keinem anderen einleuchtete. Bald erklommen sie mit Hilfe der mit den Schultern sie stützenden Führer irgendeine steile Felsplatte, um sich dort gähnend und zum Himmel aufblinzelnd zu sonnen, bald wieder übten sie, von oben herabgeglitten, keuchend ihre Kraft im Emporheben schwerer, am Boden verstreuter Steinblöcke. Dann wieder waren sie wie Indianer auf dem Kriegspfad hinter die Hütte geschlichen, und wer ihnen dort folgte, konnte Vater und Sohn lautlos, nach allen Regeln der Kunst und finsteren Gesichts mit markierten Schlägen aufeinander losboxen sehen. Zurückgekehrt, schlugen sie einen Gesang vor. Erst trällerte der junge Bursche einen Niggertanz und bemühte sich zugleich, halb in der Zerstreuung, das Holzgeländer der Galerie zwischen seinen Eisenfäusten entzweizuknacken, dann brüllte, als er sich enttäuscht abwendete, einer der Führer, ein baumlanger Zyklop, ein melancholisches Lied.

» Amis! Partons à la conquête
du fier sommet!
Prenons pour grimper jusq'au faite
Corde et piolet!
«

Seine Stimme klang melodisch wie der Baß eines Kettenhundes. Aber er ließ sich nicht stören.

» Adieu Cabane!
L'alpe diaphane
l'Azur qui luit
Tout nous séduit!
«

Die Engländer stimmten andächtig in den Kehrreim ein. Dann wurden sie nachdenklich. Man sah, wie sie über einen neuen Zeitvertreib grübelten, während sie ihre Pfeifen ausklopften und dem scherzenden Ringkampf zweier Führer folgten, die sich fluchend mit Bärengriffen umklammert hielten und wie Betrunkene hin und her taumelten.

Der lustige Graukopf schaute indessen durch sein Fernrohr nach dem Montblanc. »Sie sind Deutscher, Herr?« fragte er den neben ihm stehenden Afrikaner. »Eben kommt Ihr Landsmann, ein Offizier, über die ›Bosses du Dromadaire‹ herunter!«

Der andere nahm das Glas und prüfte die drei nachtschwarzen Schattengestalten, die sich riesenhaft, gleich gespenstischen Schornsteinfegern, von dem stahlblauen Himmel abzeichneten und in seltsamen, stelzbeinigen Bewegungen wie Marionetten die steile Eisschneide herabklommen.

Es ärgerte ihn, daß so viel Menschen auf den Bergen waren! Auch der Gletscher unten belebte sich immer mehr. Es war ein förmliches Getümmel von schwarzen Punkten, die, wie Perlen an einen Faden gereiht, langsam aufwärts krochen. Vor den Gletscherspalten stauten sie sich zu Klumpen. Man konnte deutlich die zweifelnden Handbewegungen, die ermunternden Winke der Führer, das ganze Gewirtschafte erkennen, bis endlich einer nach dem anderen sich ein Herz faßte und wie ein Insekt über die Leiter krabbelte.

Bei den Trupps, die juchzend und jodelnd die obere Schneehalde erklommen, unterschieden sich bereits die Montblancbesteiger durch die Eisaxt und das Führerpaar von den zu dritt und viert an zwei Führern angeseilten, bergstockbewehrten Hüttengästen, und bald langten die vordersten Expeditionen schwitzend, aufgeregt und glückselig bei der Felseninsel an.

Die anderen tröpfelten im Laufe der Stunden hinterher, eine wahre Musterkarte aller Nationen. Zuerst ein holländisches Ehepaar, liebenswürdige junge Leute, die beinahe gleichzeitig nach drei Seiten hin Deutsch, Englisch und Französisch plauderten, dann ein Magyare mit bräunlichem Gesicht und dunklem Spitzbart. Das ungewohnte Bergsteigen hatte den Sohn der Pußta mehr als die beiden Niederländer erschöpft. Er setzte sich still und melancholisch in die Ecke.

Die nächsten im Schnee aufwärts stapfenden Gesellschaften verrieten schon von weitem durch ihr keuchendes Geplapper das gallische Blut. Monsieur L'Abbé geleitete mit Hilfe einiger Führer seine Schutzbefohlenen, drei schmächtige, verlebt aussehende junge Pariser, auf der Ferienreise zu dem Hotel des Grands Mulets. Sein glattes, römisches Priestergesicht schaute wunderlich aus dem Bergkostüm, wie der Fuchs aus dem Sack. Im übrigen war er ein liebenswürdiger Weltmann und plauderte in dem engen, gestopft vollen Wirtsstübchen wie im Salon.

Die hinter ihm waren Südfranzosen! Einer jener rundlichen, breitschulterigen Provenzalen, die einen mit ihrem schwarzen Augengefunkel zu erdolchen scheinen und mit den Gesten eines Raubmörders um das Salzfaß bitten. Dieser lebendige Mann in den Vierzigern war eine Leuchte des Touristenvereins der Dauphiné. Morgen früh stand er auf dem Montblanc – »als der erste, Monsieur! Ich schwör' es Ihnen! Es gilt die Ehre Frankreichs gegen Engländer und Preußen!« – und unten von den Grands Mulets würde die ganze Gesellschaft, die mit ihm gekommen, dem kletternden Familienhaupt ihre Grüße zuwinken: die Gattin, eine fröhliche Dame zu Mitte der Dreißig, die beiden Knaben, der Onkel und der Schwager.

Und immer neue Trupps kamen in Sicht und krochen jodelnd auf dem Gletscher herauf. Bis zum Abend war unzweifelhaft das letzte Bett im Hause belegt. Schon jetzt war im Gastzimmer längst kein Raum mehr. In der Küche daneben, in der mit fliegendem Atem die freundliche Wirtschafterin hantierte, drängte sich die Elite der Chamonixführer, und der Platz vor dem Hause wie die Galerie daneben war dicht mit ihnen und ihren gedankenvoll rauchenden, plaudernden und gähnenden Touristen besetzt.

Nun kam auch noch Zuwachs von oben. Auf den steilen, weißen Hängen, die vor der Hütte sich zum »Petit Plateau« emporzogen, erschien hoch oben der Montblancbesteiger zwischen seinen beiden Führern, drei dunkle sitzende Klumpen, die, rückwärts mit dem Pickel steuernd, blitzschnell über den weichen Schnee herabfuhren. Vor einer Gletscherspalte bremsten sie, standen auf und schritten wie gewöhnliche Menschen weiter. Der Tourist stürzte dabei ein paarmal ohne Veranlassung lang hin und raffte sich mit einer ungeduldigen Bewegung wieder auf.

»Mein Gott, er ist krank!« rief die Französin. Aber ihr Gatte, die Leuchte der Dauphiné, tröstete sie. Das sei nur die Ermüdung. Da setze man den Fuß schief in den Schnee und verliere so das Gleichgewicht.

Nicht lange dauerte es, so klomm der Mann vom Berge den kurzen Geröllpfad längs der Hüttenfelsen empor. Er nahm die Schneebrille ab und klappte die Mütze auf. Ein typisches preußisches Kavalleristengesicht mit scharfen sonnengebräunten Zügen und weißblondem Schnurrbart kam zum Vorschein. »Uff!« sprach er und ging schwer, mit krummen Knien, wie eben aus dem Sattel gestiegen, auf die Tür zu. »Höllisch steile Chose! Spür' den Montblanc förmlich in den Knochen!«

»Sie sind müde!« sagte die holländische Dame. »Man sieht es Ihnen an.« Sie wußte nicht, daß in dem rauhen Bergsport derartige Beobachtungen bei sich und anderen verschwiegen werden. Der Leutnant zuckte denn auch die Achseln: »Gott, müde? ... nee ... das nu nicht! nur so'n bißchen dösig wie nach'm Distanzritt! War übrigens göttlich oben. Blick von Karlsruhe bis Marseille!«

»Das haben Sie wirklich gesehen?«

»Nee ... 's sind Wolken drüber«, lachte der andere. »Sehen tut man bloß die Berge. Na, nu werd' ich mich doch ein Viertelstündchen in die Klappe legen.« Der deutsche Tourist verschwand in einer der Kammern, in die ihm die Wirtin einen großen Krug Selterswasser brachte.

Viel schlafen konnte er wohl nicht! Das ganze Haus zitterte vor Lärm. Die krachenden Tritte der Nägelschuhe auf den dünnen Dielen des Oberstocks, das Gepolter auf den Treppen und Fluren, das Lachen und Schwatzen der Führer in der Küche, die aufgeregten Stimmen der Südfranzosen, das Pfeifen der gelangweilten Engländer, das Juchzen und Jodeln auf der Galerie, das alles klang wirr ineinander und paßte so wenig zu den Bergen umher.

Die schwiegen in ihrer stillen Größe. Und in diesem kleinen Stall, der wie ein verlorenes Sandkorn in der unermeßlichen Gletscherwelt lag, da schrie und wirtschaftete diese Handvoll winziger Menschlein, rannte durcheinander, gestikulierte, beratschlagte und gebärdete sich, als seien sie und ihr Dasein in dieser weißen Ewigkeit von irgendwelcher Bedeutung.

Allmählich war jetzt schon die Dämmerung hereingebrochen. Die Sonne stand als eine blutleere Dunstscheibe zwischen den violetten Schattenrissen der Berge im Westen. Bunte Farbentöne zitterten von dort aus gegen den im Grau ersterbenden Osten. Die Montblancspitze hoch oben und die ragenden Eisnadeln glühten im Gold zu dem blaßblauen, sonnenwärts seegrün leuchtenden Himmel, und ein rosenroter Schein belebte plötzlich weithin die Schneefelder, über denen, noch kaum erkennbar, die Planeten als Vorläufer des Sternenheeres im Flimmerglanze aus dem Weltall traten. Unten, jenseit der Schneegrenze, war schon vollständige Nacht. Nur die Gletscherzungen schimmerten noch matt, wie aus der Tiefe eines schwarzen, langsam steigenden Ozeans herauf, und noch weiter unter ihnen blinkten, gleich einem feurigen am Meeresboden festgekrallten Seestern, die strahlenförmig auslaufenden Laternenadern von Chamonix.

Über der lautlos schwellenden Flut der Nacht glühte noch ein Sonnenglanz wie ein Streifen geschmolzenes Erz auf der breiten Schulter des Dome du Gouter. In seinem Schein sah man deutlich die Schneewirbel dort oben stäuben und tanzen und in sturmgeblähten Schleiern zu Tale wehen. Dahinter war der Himmel schmierig und trübe, von blauschwarzen Dunststreifen durchsetzt, von denen, wie riesige Fledermäuse, aschgraue abgerissene Nebelfetzen der Nacht entgegenschwammen.

*

Er stand jetzt ganz allein in der zehnten Abendstunde vor dem Hause. Innen war es allmählich still geworden, und die Fensterläden waren geschlossen. Alles schlief. Nur im Wirtszimmer lärmten noch die Südfranzosen und begrüßten mit Händeklatschen jede neue aus der Küche herbeigebrachte Platte. Dann gingen auch sie zur Ruhe. Ringsum war Abendkühle und Mondschein.

Ein märchenhaftes Schweigen lag über der Hochwelt, in deren verborgensten Schründen und Falten der einsame Wanderer am Himmel oben, der Mond, sein träumerisches Silberlicht sich widerspiegeln ließ. Der einsame Mann da unten auf der Erde schaute zu ihm auf. In ihm war alles feierlich und stumm. Hier war die Ruhe. Das Nichts.

Jenes Nirwana, das freudlos und leidlos den erkaltenden Erdball einst in weiße Gletscherlinnen betten wird, wenn die letzten lebenden Wesen da unten ausgeatmet und Liebe und Haß, Lachen und Weinen, Angst und Hoffnung mit sich ins Grab genommen haben. Dann ist der bunte Traum der Welt ausgeträumt. Tiefer Schlaf – selige Stille, in der Menschenbewußtsein und Menschenerkenntnis stumm versinken.

Aber noch leben die Menschen und lieben und hassen und lachen und weinen. Im Dämmern der Mondnacht trug das ewige Firnreich ihre Spuren; Fußstapfen im Schnee, die sich, als habe eine Riesenschlange des Mittags auf dem Gipfel rasten wollen, in vielfachen Windungen als festgetretener Pfad die Hänge hinaufzogen. Weiter oben wohl noch Stufentritte in blitzblanken Eiswänden und da und dort, in windgeschützten Kesseln, die Eindrücke schwer hingelagerter rastender Körper, leere Flaschen und Papierfetzen, über denen jetzt im Wehen der Nacht leise und unermüdlich die Firnkörner zu einer neuen Decke zusammenstäubten und alles zu verwischen strebten, was an die verhaßten Eindringlinge, an den ewigen Kampf zwischen dem Menschen und dem Berg erinnerte.

Aber ganz gelang es den dahinwirbelnden Schneeschleiern in dieser heiteren Sommernacht doch nicht, den Kehricht des verflossenen Tages mit ihrem reinen Weiß zu überpudern. Es blieben noch, dem geübten Auge wohl kenntlich, Merkmale zurück, die dem einsamen, von keinem Führer und keinem Genossen begleiteten Bergsteiger den rechten Pfad zur Höhe wiesen. Brach er kurz vor Mitternacht auf, ehe da innen wieder das Kerzenlicht durch die Ladenluken flammte und in Gähnen, Seufzen und Fluchen, im Knattern des Küchenfeuers und dem Gepolter der Führerschuhe der neue Tag begann, so hatte er einen ungestörten Aufstieg vor sich und stand in der Morgensonne am Ziel.

Würde er die Sonne wieder untergehen sehen? Ganz plötzlich hatte er die ruhige Gewißheit: Nein. Heute war sie zum letztenmal vor seinen Augen im Abendgold versunken. Wenn sie morgen wiederkam, nahm sie ihn mit sich fort, in unbekannte Länder, die selbst er, der Weitgereiste, nie geschaut.

Was lag auch an einem Menschen, hier am Montblanc? Hier hatte schon mehr als einer seinen Tod gefunden. Wenn hier, vom Süden her donnernd, der Föhn dem Trotz der Gipfelriesen zu Hilfe kommt und das Chaos des Schneesturms über die erdverlorenen Höhen hinschüttet, daß der Fuß des Wanderers ermattet in den weichen Federn versinkt – nach solchen Tagen hatte das kalte Mondlicht schon ganze Reihen der kleinen schwarzen Insekten still und starr auf dem weißen Tuche liegen sehen. Und mehr noch waren es, die der Berg selbst in Verwahrung nahm, die er, mit einem eisigen Sarg umpanzert, tief in den Schlünden der Gletscher für lange, vielleicht für immer den Menschenaugen entzieht.

Morgen freilich lächelte der Berg. Aber auch das Lächeln der Riesen tötet, wenn der andere schwach ist. Und er fühlte sich matt und klein. Vergänglich gegenüber dieser ewigen Welt, hinschwindend wie ein Feuer, das schließlich in sich selbst erlöschen muß, wo das Todesschweigen des Eises die Jahrtausende überdauert. Verging dieses Lichtpünktchen hier in der Wüste, so flammte unten im Tal ein neues auf. Starb er, so wurde anderswo ein anderer Mensch geboren. Das kam und ging und war nichtig unter der Unermeßlichkeit dieser Himmelswölbung, die in tausendfachem, unruhigem Gefunkel sich über dem sehnenden Auge spannte.

Er wendete den Blick ab und schaute nach unten, auf den Gletscher, dessen frosterstarrte Wogenkämme von drei Seiten die Schutzhütte umbrandeten. Es war ein Bild des Todes, diese weißen, im Mondschein dämmernden Flächen, diese wild geschwungenen, wie aus stürmischer Bewegung heraus mit einem Zauberschlag zu bläulichem Glas versteinerten Wellenlinien des Eismeeres.

Und doch lebte es auf der zum Tal gesenkten Wüste von Firn und Schnee! Er trat zurück und fuhr mit der Hand über die Augen, wie um die Sinnestäuschung zu verscheuchen. Aber das Bild blieb! Da stand es, ganz dicht unter ihm, oder vielmehr, es bewegte sich – drei Gestalten, die, durch ein pendelndes Seil verbunden, langsam in der Nacht emporwanderten.

Ein hagerer, knochiger Riese mit fuchsrotem Schnurrbart vorne, ein glattrasierter, lächelnder Zwerg hinten. Und zwischen ihnen eine mit weißen Schneeschleiern über und über verhüllte, gesenkten Hauptes in die Fußstapfen ihres Vorgängers tretende Erscheinung. Es sah aus, als hätten die beiden, der Riese und der Zwerg, auf einem gemeinsamen Raubzug irgendein seltenes Gletschergespenst gefangen und schleppten es im Triumph mit sich fort. Näher und näher kamen sie heran. Der oben stand gebannt und unbeweglich. Er hörte das Knirschen der Eispickel, das Schlürfen der Schuhe, wie die drei rastlos und stumm zu ihm heraufstiegen, als habe sie der über den Firnspalten brütende Eisdunst zu Nachtgebilden geformt. Jetzt klang schon ihr schweres Atemholen durch die stille Luft, es scharrte auf dem schneefreien Steingeröll unter der Hütte und wuchs gähnend im Mondschein.

Da griff er nach seiner Eisaxt und stieg, ohne sich umzusehen, stumm und rasch die weißen Wände des Montblanc hinauf.


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