Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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4.

Durchdringender Knoblauchsgeruch mit kaltem Zigarettenqualm vermischt, zwei von den drei vorhandenen Betten des nie gelüfteten Zimmers von einem blonden europäischen Kaufmann und einem schnarchenden Spanier besetzt, dessen pechschwarzes Haupt- und Barthaar undeutlich aus gelblichbrauner Wäsche sich abhob, kahle Dielen, schmutzige Wände mit einem Muttergottesbild als einzigem Schmuck, lose in den Angeln klappernde Fenster und chaotische Unordnung von nassen Kleidern, kotüberzogenen Schuhen, Leder- und Wollproben überall – sehr einladend war die Unterkunft nicht, welche die »Fonda d'España« dem spätabends gekommenen Fremden zu bieten vermochte.

Der stand nachdenklich vor dem Bett, einem gichtbrüchigen Holzgestell.

Der Wirt, ein schläfriger Spanier, sah das Zaudern des Gastes vor dem zweifelhaften Lager und entschloß sich, mit der krankhaften Vorliebe der »Inglès«, der Fremden, für reine Wäsche vertraut, ein übriges zu tun. Er ging und kam mit einem sauberen, kleinen, spitzenbesetzten Kopfkissen wieder, das er mit einer gewissen Feierlichkeit auf dem Bett niederlegte. Nun war nach seiner Ansicht den äußersten Ansprüchen an Komfort Genüge getan. Verlangte der Fremde noch mehr, so war ihm nicht zu helfen!

Aber der Fremde hatte genug. Er schickte den Wirt fort, warf sich, in seinen Mantel gewickelt, mit allen Kleidern auf das Bett und blies das Licht aus.

Der Regen rauschte, eintönig klapperte das zerfallene Fenster in den Angeln, der Spanier und der blonde Kaufmann sägten und schnarchten im Schlaf um die Wette, und über den müden Gast, der mit offenen Augen wach in das Dunkel hineinsah, kam trotz des eklen Lagers allmählich die Ruhe. Er war zu erschöpft. Leichte Fieberschauer durchrieselten ihn und webten um seinen unstet arbeitenden Kopf ihre Dämmerschleier, bis das Bewußtsein darin versank und einige Stunden traumlosen Schlafes ihn umfingen.

*

»Allah ist Allah! Mohammed ist sein Prophet!« Durch das Dämmern des Regenmorgens klang klagend feierlich der Ruf der Muezzin, und von fernen Minaretten tönte es wie ein Echo im Frühlicht wieder: »Beten ist besser denn Schlaf!« – »Eine Stunde bis zum Tode!« und wieder, mit der dröhnenden Wucht tiefer, kräftiger Männerstimmen: »Allah ist Allah! Mohammed ist sein Prophet!«

Der Baß der Gebetrufer weckt die Gläubigen. Daß der ungläubige Christ die fünfte Stunde nicht verschläft, dafür sorgen die Flöhe von Tetuan. Ist die erste bleierne Ermattung vorüber, so findet er vor dem Andrang der Quälgeister keine Ruhe mehr und gibt, das Lager räumend, den hoffnungslosen Kleinkrieg verloren.

Unten, in dem viereckigen Mittelraum der Fonda herrschte schon Leben, als der Afrikaner ärgerlich, in seinen Mantel gewickelt, die Treppe herabstieg. Die Wirtin, eine dicke Spanierin, und ihre leidlich hübschen Töchter gingen in saloppen Morgenjacken, die Haare flüchtig aufgesteckt, hin und her, ein paar barfüßige Mägde räumten auf und schürten das offene Herdfeuer, dessen prasselnde Reisigglut ihren Flackerschein über einige halbschlafend davor kauernde, in abenteuerliche Fetzen gewickelte braune Gesellen warf. Ein kleiner verschmitzter Berberjunge, der die Kapuze seines regentriefenden Mäntelchens hoch über den Kopf gezogen hatte und von hinten wie ein verirrter Gnom aussah, stand, sich die Pfötchen am Feuer wärmend, fröstelnd neben ihnen. Auf der anderen Seite winkte aus einem Nebenraum ein ganz einladend gedeckter Tisch.

Wenn es dem Señor gefällig sei, möge er dort Platz nehmen und sich nur noch eine Viertelstunde gedulden, dann sei der Kaffee fertig.

Allein der Señor zog es vor, dem zweifelhaften Dunst der spanischen Häuslichkeit zu entfliehen. Er stieß die Tür auf und trat auf die Gasse hinaus. Eine Seitengasse, von Kot und Wasserlachen strotzend, vielfach von Hausbögen überwölbt, so daß sie halb einem schmalen Schacht, halb einem Tunnel glich. Auch auf ihr regte sich unter dem Ruf der Muezzin schon der neue Tag. Verschleierte Berberfrauen gingen, lautlos mit ihren bräunlichen Beinen den Schlamm durchmessend, vorbei; von halbwüchsigen Burschen getrieben, liefen bepackte Saumtiere und Esel geduldig ihren Weg; aus irgendeinem Spalt in einem gegenüberliegenden Hause schob sich, schwarz, unförmlich dick und scheußlich wie eine Kröte, eine alte Negersklavin, hob prüfend den wolligen Grauschädel zum Himmel empor und kroch kopfschüttelnd wieder in ihre Höhle zurück.

Dann wieder trappelten Roßhufe um die Ecke. Ein vornehmer Marokkaner ritt, fest in seinen weißen Burnus gewickelt, daher. Sein beinahe schwarzes, auf Blutmischung mit der Negerrasse deutendes, von krausem Vollbart umrahmtes Gesicht hatte einen finsteren, grausamen Ausdruck. Er würdigte den Fremden, den die Weiber und Leute aus dem Volk mit unverhohlener Neugier angestarrt, keines Blickes und zog langsam weiter in den Regen hinaus.

Regen, trostloser Landregen über einer morgenländischen Stadt, die, wie nichts anderes auf der Welt, blauen Himmel und Sonnenglut verlangt, um ihre bestrickend bunte Eigenart zu zeigen. Jetzt war das alles wie weggespült von den rastlos niederströmenden Fluten. Die streng nach außen abgeschlossenen, kaum mit ein paar vergitterten Fenstern versehenen Häuser, der breiige Morast zwischen ihnen, die triefende Himmelswölbung darüber – wie traurig war das alles, wie öde! Ein Gähnreiz lag über allen Dingen. Man konnte am Leben verzweifeln.

Und doch fühlte sich der Forschungsreisende heute viel besser als am Tag zuvor. Das Fieber war gewichen. Auch die Schmerzen von dem Sturz hatten aufgehört, und in der herbstlichen Kühle des Morgens empfand er einen lange in dem Wüstenbrand entbehrten Hunger. Er frühstückte nun mit allem Ernst, von den hübschen, schlampigen Töchtern des Hauses bedient. Aber kaum war er mit den mächtigen, dickschaligen Orangen am Ende der Mahlzeit angelangt, so trieb es ihn wieder hinaus in die frische Luft. Für ihn, der nun so viele hundert Nächte im Zelt unter freiem Himmel, in Negerhütten oder den Häusern der Araber zugebracht, war diese schmutzige und übelriechende Karikatur eines europäischen Hotels ein Greuel.

Wieder stand er draußen auf der Gasse, deren Überwölbung ihn vor dem Regen schützte, und schaute in die graue Welt hinaus, Stunde um Stunde, die Zigarette zwischen den Zähnen. Afrika hatte ihn Geduld gelehrt.

Immer stärker brandete jetzt um ihn her das Leben der erwachenden Stadt. Aber es war immer dasselbe Bild, die Einförmigkeit des Orients, der keine Sonderart kennt. Immer die gleichen braunen Gestalten im weißen Mantel, gelben Schlappschuhen und hohen Kapuzen, die gleichen verschleierten Frauen mit den neugierig herumrollenden Augen, die Lastesel, die Ziegen- und Schafherden, die kaum bekleideten Negersklaven, halb Affen, halb grinsende Menschen, die in Lederschläuchen das Trinkwasser schleppten, dazwischen einmal ein Mekkapilger in weißem Turban, ein Schwarm Juden in langem schwarzen Kaftan, schwarzem Käppchen und roter Leibbinde – als wären es immer ein und dieselben Menschen, so kamen die Gestalten, verschwanden und kehrten wieder im Rieseln des Regens.

Aber jetzt tauchten zwei neue Erscheinungen auf, die, wenn auch in Tetuan nicht ungewohnt, doch allgemeines Aufsehen erregten: zwei Europäer! Nicht von der nach Tausenden zählenden spanischen Judengemeinde, deren fortgeschrittenste Glieder auch schon europäische Tracht trugen, ohne doch voll gerechnet zu werden – nein, zwei richtige »Inglès«, im Reitanzug, den Spazierstock in der Hand, die Stummelpfeife zwischen den Lippen.

An dem seltsamen Unterschied ihrer Körperlänge erkannte der Forschungsreisende schon von weitem die beiden Gentlemen von gestern abend, die Freunde Angelas. Der knochige Hüne rechts mit dem langen, fuchsroten Schnurrbart war der Prinz, von dem sie gesprochen, sein Begleiter, eine kleine, sehnig gedrungene Figur, auf der ein glattrasierter, ausdrucksvoller Napoleonskopf saß, der Goldmensch aus Transvaal! Sie standen beide zu Mitte der Dreißig.

» Well, Sir!« Der Yankee trat, lässig den Hut lüftend, heran. »Ich bin erfreut, einem so prominenten Mann die Hand zu schütteln. Mein Name ist Franklin Moore.«

»Ysselstein!« sagte sein langer Begleiter düster und lakonisch, und dem Afrikaner fiel bei dem Klang des Namens ein, daß dieser gefürstete Nachkomme eines alten Raubrittergeschlechts auch einen Ruf in der Wissenschaft genoß. Allerdings in seiner Weise. Prinz Eitelwulf von Ysselstein war ein Mann, dessen Stumpfsinn alle stubenforschenden Gelehrten zur Verzweiflung brachte! Er führte die schwierigsten Hochgebirgstouren in Europa, in Südamerika und Neuseeland aus, ohne auch nur daran zu denken, daß man durch Höhenmessungen und physikalische Beobachtungen das Herz seiner Mitmenschen erfreuen konnte! Ihm genügte es, daß er oben gewesen war. Alles andere war ja Unsinn! Und ebenso brachte er von seinen tollkühnen Ritten durch Zentralasien, seinen Jagdausflügen an der Goldküste und in der Kalahariwüste nicht eine Notiz, nicht eine Tatsache von geographischem Wert aus den vielfach noch unerforschten Ländern mit. Ein Verzeichnis der geschossenen Elefanten und Büffel war das einzige, was man ihm bestenfalls entlockte. Um sonstige Kleinigkeiten hatte er sich nicht gekümmert und wußte keine Auskunft zu geben. Schließlich hatte man daran verzweifelt, den Kraftmenschen zu den Pflichten des neunzehnten Jahrhunderts zu bekehren und ließ ihn seine abenteuerlichen Wege wandern, die ihn, wie einst seine Vorfahren, über mondbeschienene Heiden und Waldgestrüpp, ziel- und zwecklos über Wasserstraßen und Karawanenpfade von einem Weltteil zum anderen führten.

»Wie befinden Sie sich, Herr?« fuhr indessen der Kleine heiter lächelnd fort. »Leidlich? Freut mich zu hören! Wir beide sind schon seit Morgengrauen auf! Unter uns gesagt ... es ist etwas Eigentümliches um dies ... dies Nachtleben in Tetuan. Ich schätze die Zahl der Flöhe hier bedeutend höher als an irgendeinem anderen Platz der Welt, den ich kenne!«

»Das Land ist schwach bevölkert«, bestätigte der düstere Prinz. »Aber die Einwohner sind es desto mehr! Ein Glück, daß wir wenigstens noch für Angela ein sauberes Quartier bekamen.«

»Und wie geht es Frau Angela sonst?« fragte der Afrikaner. »Kann man sie schon sehen?«

Der Kleine schüttelte den Kopf. »Sie ist noch unsichtbar. Zu ermüdet von dem gestrigen Ritt. Hat sich gleich, wie wir in die Herberge kamen, in ihrem Zimmer ihr Feldbett aufschlagen lassen und erklärt, sie käme heute nicht vor zwölf zum Vorschein.«

»Dann werde ich um zwölf Uhr meinen Besuch machen und mich inzwischen durch ein paar Zeilen anmelden!«

»Tun Sie das, Herr!« Der Yankee lächelte höflich, während sein reckenhafter Begleiter schweigsam und düster in die Ferne sah. »Auf Wiedersehen! Wir müssen jetzt zum spanischen Konsul!«

»Ich hätte Lust, diesen Konsul, den dicken Lümmel, mit seiner eigenen Schlafrockschnur zu erdrosseln!« brummte der Prinz. »Aber nachher gibt er uns, fürchte ich, keine Pässe nach Ceuta. Kommen Sie, Franklin!«

Er grüßte, und das ungleiche Paar wanderte die Straße weiter. Der Afrikaner schaute ihnen eine Weile nach, dann kehrte er in sein Zimmer zurück, holte sein Taschenbuch heraus und schrieb mit Bleistift einen Brief.

»Liebe Freundin!

Das erste, was mir entgegenklang, als ich, aus der Wildnis kommend, gestern wieder am Südrand der Kultur auftauchte – das war Ihr Name.

Das schien mir ein gutes Vorzeichen. Ich habe daraufhin meinen Reiseweg geändert und habe getan, was ich schon so oft seit dreizehn Jahren getan habe: ich bin hinter Ihnen hergeritten!

Sie wissen, es gibt kaum einen Winkel der Welt, wo wir uns nicht schon getroffen haben, in Sheppards Hotel in Kairo, im Yellowstone-Park drüben überm Wasser, auf den ›Inseln‹ in St. Petersburg, auf den Boulevards von Paris – ach, überall!

Und überall habe ich Sie dasselbe gefragt: Wann Sie endlich meine Frau werden wollen?

Und überall haben Sie nur gelacht. Dasselbe Lachen, das ich gestern in der Nacht seit lange wieder zum erstenmal gehört hab'! Denn echt ist Ihr Gesicht doch nur, wenn ein spitzbübisches Lächeln darauf liegt, wie es ja auch Ihr verehrter Herr Vater, der Petroleumkönig, besitzt.

Wann werden Sie endlich meine Frau? Als Sie mich vor zwei Jahren abwiesen, hab' ich die Achseln gezuckt, den Weg in die Wüste eingeschlagen und mir gesagt: Das war das letztemal! Nun vergiß sie wirklich!

Ich habe Sie nicht vergessen, und als ich müde von meinen Abenteuern zurückkam, da traf ich Sie sofort wieder, Frau Aventiure!

So hab' ich Sie damals genannt, dort oben auf dem Montblanc, als wir uns zum erstenmal sahen. Da standen Sie plötzlich hinter mir wie ein Geist in Ihren weißen Schneeschleiern, mit Ihrem Mann und Ihren Führern.

Oben auf dem Montblanc stellt man sich nicht vor. Da waren wir bald wie alte Freunde. Wir saßen beisammen im Schnee und frühstückten und lachten und deuteten mit der Hand unter uns: da unter Ihrer Stiefelspitze die kleine Spielzeugschachtel ist die Schweiz – und da drüben, dies zerknitterte Ding unter den weißen Lämmerherden von Wolken Südfrankreich, und da hinten, wo eben unten im Tal das kleine Gewitter niedergeht, Italien.

In der Stunde wurde mir frei und leicht. Ich hatte die Empfindung: du hast den Menschen gefunden, der zu dir gehört! Fleisch von deinem Fleisch und Geist von deinem Geist!

Ich bin zu wild und rauh für das Philisterglück. Ich habe es mir nie als so ein zärtliches, blondes Etwas am Kaffeetisch mir gegenüber denken können und ein anderes krabbelndes Etwas unten am Boden und ringsherum die gute Stube.

Das mag andere freuen. Ich brauche einen Kameraden oben auf den Höhen. Und als ich wenige Wochen darauf las, Ihr Gatte sei gestorben – da schien mir auch das wie eine Fügung des Schicksals für mich.

Ein Jahr darauf bat ich Sie, meine Frau zu werden. Sie haben gelacht und mich auf später vertröstet. Seitdem sind zwölf Jahre verstrichen. Ich bin über vierzig und habe mein Leben wahrlich doppelt gelebt. An meinen Schläfen färbt sich das Haar schon grau, und als gestern am Tor von Tetuan einen Augenblick das Streichholz aufleuchtete, da war es mir sogar, als läge auch über Ihren dunklen Haaren schon ein leichter silberner Schein.

Das ist natürlich Täuschung. Aber der Herbst ist nah. Wir werden alt und grau, Frau Aventiure, und müssen die Zeit nutzen, ehe alles traurig und öde wird.

Oder vielmehr: in mir ist's schon so! Was hab' ich von diesem ganzen wildbewegten Leben? Nur eine Leere, ein Unbefriedigtsein, ein fortwährendes Warten und Suchen nach dem, was das Leben eigentlich bringen soll.

Sie sollen mir das Leben bringen. Ich weiß es ganz genau und werde nicht eher froh. Wir beide gehören zusammen.

Erhören Sie mich diesmal. Ich hatte so eine gläubige Hoffnung, als ich Ihnen gestern durch die Nacht und Wüste im Galopp nachritt: diesmal muß es werden!

Um zwölf bin ich bei Ihnen.

Möge meine Hoffnung mich nicht täuschen!«

*

Er versiegelte den Brief und gab ihn dem Berberjungen zur Besorgung nach der nahegelegenen anderen Herberge. Nach kurzem kam der Bengel wieder, lächelte verschmitzt unter seiner Kapuze und meldete, daß der Auftrag ausgerichtet sei.

Der Afrikaner entlohnte ihn mit einem maurischen Silberstück und streckte sich wieder auf dem Lager aus. Er wußte nicht, was ihm fehlte, aber er fühlte sich schwerkrank seit dem Sturze von gestern. Die Beklemmungen im Herzen wollten nicht weichen und wurden stärker und stärker, je mehr der Zeiger seines Chronometers auf Mittag wies.

Die Erregung vor dem entscheidenden Zusammentreffen – weiter war es nichts! Er stand auf und ging im Zimmer hin und her, unermüdlich, eine Stunde um die andere, bis es endlich Zeit war. Der Berberjunge zeigte ihm den Weg. Sie schritten die schmutzige Straße hinab und bogen auf den großen Marktplatz ein. Ganze Hammelherden blökten hier, im Regen zu graugelben Klumpen zusammengedrängt; zu Dutzenden lagen, in der Farbe kaum vom Erdboden zu unterscheiden, die Kamele in dem Schlamme, und endlos wirrte und wogte wie in einem Ameisenhaufen das Gewimmel der braunen Gestalten in braunen Mänteln und hohen Kapuzen schreiend durcheinander. Machten sie auch willig dem Europäer Platz, so kostete es doch Mühe, sich durch all diese unablässig über die engen Gassen hingespülten farblosen Menschen- und Tierwogen den Pfad bis zu der Herberge zu bahnen, die wie die Fonda d'España etwas abseits von dem großen Verkehr zwischen Winkelmauern lag. Am Eingang der Fonda lehnte der Wirt, ein zwerghaft schmächtiger Spanier. Er verstand nur seine Muttersprache und einige berberische und englische Worte. Allen Fragen nach Frau Angela Rey und ihren Begleitern wies er ein lächelndes Kopfschütteln entgegen und deutete mit der Hand die Straße abwärts.

Er mußte schwachsinnig sein, da er so gar nicht begriff, um was es sich handelte! Aber der kleine braune Bengel wußte Rat. Er sprang davon und kam nach kurzem mit einem europäisch gekleideten jungen Juden zurück, der, den Strohhut lüftend, sich auf französisch bereit erklärte, aus Gefälligkeit den Dolmetscher spielen zu wollen.

»Dann bitte, mein Herr,« sagte der Afrikaner gleichfalls auf französisch, »fragen Sie diesen Menschen da, warum er mich nicht bei Frau Angela Rey anmelden will! Sie erwartet mich! Ich habe ihr einen Brief geschrieben.«

Der Jude wandte sich in erregtem spanischen Wortwechsel zu dem Inhaber der Fonda, dann wieder zu dem Fremden: »Der Wirt sagt, die Lady habe freilich einen Brief erhalten. Aber eine Stunde darauf sei sie abgereist!«

»Abgereist?«

»Jawohl. Sowie die Pässe vom spanischen Konsul da waren. Mit den beiden Gentlemen und aller Dienerschaft. In der Richtung nach Ceuta. Unterwegs wollen sie eine Nacht am Meer in Zelten lagern.«

»Und was hat sie mir hinterlassen?«

Erneuter Wortwechsel zwischen dem Wirt und dem Hebräer. Dann zuckte er die Achseln. »Mein Herr, der Wirt sagt, die Lady hat nichts hinterlassen!«

»Gar nichts?«

»Nein. Gar nichts!«

Eine Weile stand der Fremde stumm da. Dann reichte er dem jüdischen Vermittler nach Landesbrauch die Hand. »Ich danke Ihnen«, sagte er kurz und ging langsam wie ein Schwerkranker wieder seiner Herberge zu.


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