Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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7.

In einer leeren Whiskyflasche flackerte ein Kerzenstumpf und warf sein helles Licht auf die gegenüberliegende schmutzige Wand mit dem Öldruck der Madonna. Der übrige Teil des Zimmers lag im Dämmerschein, namentlich das Bett in der Ecke, auf dem der Fremde von gestern gestiefelt und gespornt, in seinen Plaid gewickelt und eine Zigarette zwischen den Zähnen, ruhte.

»Guten Abend!« klang seine Stimme aus der Gegend, wo das Feuerpünktchen glühte. »Ich danke Ihnen sehr, daß Sie gekommen sind.«

Klara trat näher. »Sind Sie denn wirklich krank?« forschte sie besorgt.

»Ich bin zusammengeklappt. Und da ich nicht weiß, wie es ausgeht, möchte ich Sie um eine Gefälligkeit bitten.«

Die blonde Malerin rückte einen Stuhl heran. »Also ich soll Ihnen etwas nach Deutschland mitnehmen?«

»Ja. Selber kann ich nicht hin. Sowie ich mich aufrichte, geht mir der Atem aus, und es sind da so Stiche ...na, einerlei ... ich bin in der Lage, wo man einen vernünftigen Menschen braucht. Also wollen Sie es tun?«

»Gern!« Sie stand auf, holte das Licht in der Flasche heran und setzte sich erwartungsvoll wieder vor ihn hin.

Er hatte die Augen geschlossen, wie um zu überlegen. Im Kerzenschein sah sie jetzt zum erstenmal sein Gesicht. Gestern hatte sie die Gestalt nur im Dämmern geschaut, und doch war ihr ein ganz bestimmter Eindruck, eine Erinnerung geblieben. Jetzt plötzlich wußte sie es: Defregger! Das waren die deutschen Alpen, wie sie sich auf harten, kühnen Gesichtern widerspiegeln. Etwas Adlerartiges in Blick und Schnitt des Antlitzes, Kraft, Trotz und unsteter Freiheitsdrang, Vollmenschen der Lebenszähigkeit und Körperkraft, bis an die Grenzen der Wildheit. In diesen Köpfen verliert sich der germanisch blonde Typus. Etwas Welsches kündet sich in dem dunklen Schnurrbart, dem gelblichen Ton der Wangen, der sehnigen Magerkeit des Körpers an, mag auch die Sprache deutsch sein und echt deutsch die kecke Lust an Abenteuern und Gefahren.

»Es ist ja nur eine Kleinigkeit, um die ich Sie bitten möchte«, sagte er plötzlich. »Verzeihen Sie, daß ich Sie als eine beinahe ganz Fremde damit belästige. Aber sonst kenne ich überhaupt niemand in Tetuan.«

Sie sah ihn erstaunt an. »Sie suchten doch Ihre Freunde hier, wie Sie gestern sagten?«

»Freunde? Was ist das? Wie sieht so ein Ding aus?«

»Mein Gott!« Sie lachte etwas ungeduldig. »Sie wissen wohl besser als ich, wie Ihre Freundin aussieht!«

»Ach so! Ja, die ist fort! Weithin über alle Berge!«

»Und hat Sie allein hier zurückgelassen?«

»Sie weiß ja nicht, daß ich krank bin.« Er starrte vor sich hin. »Übrigens wäre das auch kein Grund für sie. Sie läßt sich nicht halten, durch nichts. Sie kommt und geht, wie sie will.«

»Nun, und womit kann ich Ihnen in Deutschland behilflich sein?«

»Ach so!« Er wandte den Kopf ihr zu. »Nur dies Päckchen hier. Ich wage nicht, es der französischen Postagentur anzuvertrauen. Es enthält den Auszug aller meiner Beobachtungen und Forschungen in den letzten Jahren.«

Sie wog es andächtig in der Hand und blickte ihn erwartungsvoll an.

»Ach so ...«, sagte er. »Sie wissen ja gar nicht, wer ich bin! Also um mich vorzustellen ...«

»O doch!« Sie ließ ihn nicht ausreden und schaute ihm ins Gesicht. »Jetzt, wo ich Sie im Licht sehe, erkenne ich Sie wohl! Nach einem Lenbachschen Bilde. Im Münchener Glaspalast! Ich weiß, wer Sie sind!«

»Um so besser! Und Sie kehren, wenn ich fragen darf, in nächster Zeit nach Deutschland zurück?«

»Sehr bald! Dies ist unsere letzte Etappe. Und hier wird es, fürchte ich, mit dem Malen nicht viel werden!«

»Schön! Das Paket ist für die Geographische Gesellschaft in Berlin bestimmt. Ich selbst werde kaum mehr in der Lage sein, es zu übergeben, sondern muß Sie darum bitten ...«

Sie stand auf und sah ihn mit Angst und Erstaunen.

»Ja, ja!« Er lachte vor sich hin. »Einmal nimmt alles ein Ende. Ich habe viel ungestraft durchgemacht. Aber gestern hatte ich ein schlimmes Abenteuer – es ist mir was aufs Herz gefallen, und heute ein noch schlimmeres, ganz ähnliches. Das hat mir den Rest gegeben. Ich glaube nicht mehr, daß ich aus diesem Neste hier herauskomme!«

Sie schwieg immer noch, aber ein ungläubiges Lächeln spielte immer stärker um ihren Mund.

»Und wenn Sie dann lesen, mein Fräulein,« fuhr er gelassen fort, »daß ein weltbekannter Forschungsreisender, Bergkletterer, Gelehrter etc. in der Fonda d'España zu Tetuan durch ein seliges Ende Europa, dem Deutschen Reich und seinem engeren Heimatlande Bayern entrissen worden ist, dann ...«

Sie beugte sich nieder und nahm sein Handgelenk zwischen die Finger. »Ich weiß wirklich nicht, was Sie da reden!« sagte sie nach einer Weile ganz ruhig. »Sie haben ja nicht einmal Fieber.«

»Fieber soll ich auch noch haben? Es ist genug, daß ich dalieg' und mich nicht rühren kann. Wissen Sie, was das heißt, wenn ein Mann wie ich auf einmal zusammenklappt?«

»Das heißt gar nichts! Gerade bei einem Manne wie Sie!« Eine Röte des Unmuts übergoß ihr hübsches Gesicht, und sie sprach ganz laut und energisch: »Wenn man das hinter sich hat, was Sie durchgemacht haben, ist es denn da ein Wunder, wenn plötzlich die Konstitution nachgibt? Aber das geht doch auch wieder vorüber!«

Er sah sie lächelnd an. »Das ist so echt weiblich. Es soll immer wieder alles gut werden!«

»Das muß es auch! Man muß nur ordentlich hoffen und den Kopf oben behalten. Glauben Sie denn, Sie sind der einzige, dem das passiert? Es haben andere auch schon dagelegen und Stiche im Herzen gehabt – bildlich gesprochen – und gemeint, sie müßten sterben, und sind doch wieder gesund geworden und fröhlich. So wird's Ihnen auch gehen!«

»Woher wissen Sie denn das so genau?«

»Nun, das kommt doch wirklich überall auf der Welt vor!« sagte sie ruhig. »Dazu braucht man wahrhaftig nicht erst nach Afrika zu gehen. Die Hauptsache ist nur, daß man nicht so daliegt und klagt.«

»Aber ich bin nun einmal krank!«

»Krank find Sie freilich. Aber wer so kräftig und rüstig ist wie Sie, der wird auch wieder gesund. Er muß nur ordentlich wollen! Sie haben doch gewiß Energie genug dazu!«

»Ich hab' gar keine Energie mehr. Es ist alles fort, die Nerven ... die Spannkraft ... alles ...«

»Das bilden Sie sich ein!« Sie wurde beinahe zornig. »Natürlich ... wenn man den ganzen Tag in diesem greulichen Zimmer daliegt, zur Decke starrt und Zigaretten raucht, dann muß man ja in eine aschgraue Stimmung kommen. Darum müssen Sie vor allem von hier weg. So bald wie möglich.«

»Ich kann doch nicht!«

»Sie müssen können! Sie haben gewiß schon Schwereres in Ihrem Leben durchgemacht! Wenn Sie sich da mitten in Afrika plötzlich in Ihre Decke gewickelt und steif und still auf den Boden gelegt hätten, da hätten die Wilden Sie längst gefressen. Es ist wirklich schrecklich! Nun haben Sie alles hinter sich, sind am Ziele, wenige Tage von Europa, und da liegen Sie und reden vom Sterben! Ein Mann wie Sie! Wenn ich nicht genau wüßte, daß Sie's sind, ich würd' es nicht glauben!«

»Also eine regelrechte Gardinenpredigt!« sagte der Afrikaner melancholisch und richtete sich doch dabei halb auf dem Ellbogen auf. »Nicht einmal ein alter kranker Junggeselle in der Wildnis ist davor sicher!«

Sie errötete. »Ich habe natürlich kein Recht, Ihnen irgendwelche Vorwürfe zu machen!« sprach sie stockend und wandte sich ab. »Es ist nur ... man kann sich wirklich ärgern! Sie haben vorhin gemeint, was ich sagte, sei so echt weiblich. Nun sehen Sie – echt weiblich ist es auch, daß man die Männer gerne kräftig und energisch, so recht voll Mut und Schneid sieht. Und gar einen Mann wie Sie! Gestern, wie Sie so im Galopp in die Nacht hineinritten, da haben Sie mir imponiert. Aber heute ... es tut mir geradezu weh, Sie so schwach und mutlos zu sehen. Das können andere auch. Dazu braucht man nicht Ihren Namen zu tragen!«

»Also eigentlich ist die Sache höllisch einfach!« versetzte der Afrikaner trocken. »Ich soll Ihnen zuliebe in aller Eile wieder gesund werden!«

Sie lachte hellauf. »Freilich sollen Sie das! Und meinetwegen mir zuliebe, wenn es dann rascher geht, obgleich wir beide uns ja gar nicht kennen.«

»Wir kennen uns genau seit vierundzwanzig Stunden. Das ist eine sehr lange Zeit.«

»Wie man's auffaßt. Jedenfalls nehme ich mir, da niemand anders da ist, das Recht, Ihnen ins Gewissen zu reden! Ich weiß, das hilft! Ich kann mich ja natürlich neben Ihnen nicht nennen, aber ich habe auch schon schwere Stunden gehabt im Leben und war ganz mutlos und verzweifelt. Da hab' ich mich gefragt: Wozu bist du auf der Welt? Und geantwortet: Zum Arbeiten! und mich an meine Staffelei gesetzt und Bilder gemalt, wovon ich und meine Schwestern leben. Und so sollten Sie sich fragen, wozu Sie da sind! Da würden Sie finden, daß Sie das Schicksal zu großen Dingen geschaffen hat und nicht, um Trübsal zu blasen. Das steht Ihnen gar nicht zu Gesicht!«

Sie hatte sich in Erregung gesprochen. Eine feine Röte bedeckte ihre Wangen.

»Und nun leben Sie wohl!« sagte sie, sich sammelnd. »Und das Päckchen da will ich also in Gottes Namen mitnehmen.«

»Bleiben Sie doch noch!« bat der Afrikaner lächelnd, »die Gardinenpredigt war noch viel zu kurz. Es muß noch ganz anders kommen. Ich bin ein zu hartgesottener Sünder!«

Sie mußte lachen. »Ich weiß wirklich nicht, wie ich mir hab' erlauben können, Ihnen das alles zu sagen! Es kam so über mich. Die Umgebung ist schuld. Unter all diesen braunen Menschen kommen wir Europäer uns wie alte Bekannte vor, beinahe wie Verwandte, die aufeinander angewiesen sind. Also ... seien Sie nicht böse!«

Sie reichte ihm die Hand. Er hielt sie fest. »Böse?« fragte er. »Ich danke Ihnen! Wenn ich nun doch nicht sterbe, sind Sie daran schuld.«

»Die Schuld will ich gerne tragen. Wenn es nur geholfen hat!«

»Das muß es wohl! Sie sind zu sehr im Vorteil gegen mich. Sie waren gestern die erste europäische Dame, die ich seit zwei Jahren gesprochen hab' – bedenken Sie, wie da jedes Wort einer Gardinenpredigt wirkt – Sie sind jung, gesund, frisch, heiter, mit sich und der Welt zufrieden – schlendern mit Ihrer Skizzenmappe im afrikanischen Regen herum, als ob sich das von selbst verstände – kurz, ein ganzer Kerl – verzeihen Sie das Wort, aber ich muß mich erst wieder an den Verkehr mit Damen gewöhnen – hingegen ich ... Ja, was bin ich denn noch? ...«

»Ich sage Ihnen kein Kompliment!« Sie drückte ihm noch einmal die Hand zum Abschied. »Das täte Ihnen jetzt nicht gut. Sagen Sie sich lieber in Ihrem verschwiegenen Inneren einige Offenherzigkeiten, je deutlicher desto besser, dann wachen Sie morgen als ein ganz anderer Mensch auf! Nun adieu! Ich hör' unten unser hungriges Nesthäkchen rufen, daß das Essen fertig ist. Wir schicken Ihnen was herauf. Nehmen Sie etwas zu sich, lassen Sie Ihren Kognak ungetrunken, Ihre Zigaretten ungeraucht ... und machen Sie sich keine trüben Gedanken mehr. Wollen Sie mir das versprechen?«

Er lächelte seltsam. »Wie Sie wünschen. Es ist zu komisch: ein Mensch, der um einen sorgt! Das bin ich gar nicht gewohnt!«

»Ja, irgend jemand muß Sie doch pflegen!«

»Mich hat kein Mensch gepflegt ... seit Jahren. Draußen in Europa hab' ich für tot gegolten, und da unten, in der schwarzen Welt, da hätten Sie mich am liebsten tot gesehen, da war ich ganz allein. Von Ihnen kommt mir seit langer, langer Zeit die erste wirkliche Teilnahme, aus dem Herzen heraus. Nicht bloß aus Höflichkeit oder weil man dafür zahlt. Das tut so wohl. Geben Sie mir noch einmal die Hand!«

»Meinethalb! Aber nun zum dritten- und letztenmal!«

»Zum letztenmal hoffentlich nicht!« sagte er lachend.

Auch sie lachte. Sie nickten sich zu und schieden.


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