Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

 << zurück weiter >> 

8.

Mit seinem blonden Vollbart, dem narbengezierten Antlitz, das dem alten Korpsstudenten hier in Afrika das Aussehen eines furchtbaren Kriegers gab, und dem funkelnden Kneifer die Menge der um ihn gescharten Mauren und Juden weit überragend, stand Albrecht Steffen auf dem Marktplatz da und handelte. Mit der Kaltblütigkeit des vielerfahrenen Geschäftsmannes, den der ehrwürdige arabische Kaufherr sowenig übers Ohr haut wie Israel in all seinen Schattierungen, vom alttestamentarischen Patriarchen in Käppchen und Kaftan bis zu dem bleichen spanischen Elegant in dem abgelegten Zivil irgendeines britischen Leutnants aus Gibraltar.

Das eigentliche Geschäft war beendet. Es galt jetzt nur noch, die Kaufsumme zu zählen und das dazwischen verteilte falsche Geld auszuscheiden. Zu diesem Zweck hatte sich die ganze Gesellschaft um einen aus dem Schlamm des Bodens aufragenden und von der Morgensonne bereits getrockneten Feldstein gruppiert. Auf diesem ließ der Handlungsreisende mit geübter Hand eines der großen silbernen Fünfpesetastücke nach dem anderen aufspringen, um dann je nach dem Klang des Metalls die Münzen, die ein Berberjunge aus dem Kot auffischte und blank rieb, seinem leinenen Geldbeutel einzuverleiben oder ohne ein weiteres Wort dem Käufer wieder zuzustellen.

»Die Welt wird ehrlich, meine Damen!« lachte er und lüftete, zu der herankommenden kleinen Maultierkarawane gewendet, den Schlapphut. »Kaum ein Fünftel falsches Geld! Es ist geradezu unheimlich!«

Hilda reichte ihm vom Sattel herab die Hand. »Was werfen Sie denn um Gottes willen das Geld in den Schmutz, Herr Steffen?«

»Ich sondere die Spreu vom Weizen!« Er wies auf das zurückgeschobene Silberhäufchen, in das sich ein weißbärtiger, düster schöner Araber mit einem jungen jüdischen Stutzer schweigend teilte. »Das ist alles falsches Geld. Dessen Anfertigung ist, wie Sie wissen, außer dem Stierkampf und dem Bürgerkrieg die einzige Arbeit, die das spanische Volk als seiner würdig betrachtet. Und man muß es ihm lassen: darin ist es unermüdlich. Ich war übrigens auch nicht faul. Ich habe heute schon Leder gekauft, Pesetas gewechselt, einen vorteilhaften Abschluß in Blutegeln gemacht und eine Hausse in Honig hervorgerufen – ich komme mir vor wie Rothschild auf der Londoner Börse!«

»Und was haben Sie jetzt vor?«

»Nichts!«

»Dann begleiten Sie uns doch!« bat die Kleine. »Wir haben solche Angst. Tetuan ist eine schreckliche Stadt. Zu Fuß können wir uns auf der Straße schon gar nicht sehen lassen, nur auf diesen abscheulichen Maultieren. Dabei kann Klara natürlich nirgends zeichnen. Jetzt haben wir uns den Schlüssel zur Festung holen lassen. Da kommt niemand anderes hinein, und wir sind vielleicht eine Weile ungestört!«

»Hoffen wir's! Ich glaub' es nicht! Der Schlüssel ist doch nur dazu da, um von den Fremden Bakschisch zu erlangen. Das Volk klettert, wo es will, über die Mauern. Wie war denn die Nacht?«

»Fragen Sie nicht!« sagte die Kleine melancholisch. »Ich mache ja eine Erholungsreise. An die Erholung werd' ich denken!«

Sie klommen, die Stadt im Rücken lassend, zu der Kasbah, dem hochragenden maurischen Kastell Tetuans, empor. Die Gassen hörten auf. Schuttplätze, grasbewachsene Hänge umgaben den Weg bis in das Innere des zerfallenen Werks. Eine wüste Trümmerwelt, wie überall in dem verrotteten Lande, in dem selbst die Erinnerung an die einstige maurische Herrlichkeit von Granada, an Cordovas Kunstblüte, an den Glanz der Wissenschaft am Hof der Omaijaden völlig geschwunden, in der Roheit eines unwissenden, fanatischen Hirtenvolkes versunken zu sein scheint.

Verfall ringsumher in den bröckligen Mauern, den verrosteten Kanonen auf fauligen Lafetten, den aus den Angeln hängenden Toren. Nur eins war von der Zeit unversehrt geblieben: der Blick von dem Wartturm herab auf das weiße, im Frühlicht leuchtende Häusermeer von Tetuan, die ringsum saftgrün prangende Ebene, von fahler, zerrissener Bergwildnis umrahmt, und in der Ferne der silbergraue Schimmer des Mittelmeers.

Hier ließ sich Klara nieder und begann ihr Malgerät zu ordnen. Die Gouvernante setzte sich steif abseits, und Hilda ging mit dem jungen Kaufmann plaudernd zwischen den behaglich im Grase sich wälzenden Maultieren auf und ab.

Es war Steffen, als sei zwischen den Schwestern etwas vorgefallen. Und in der Tat konnte ihm die Kleine ihr überströmendes Herz nicht lange verschließen.

»Denken Sie nur«, sagte sie bekümmert und beklommen und blieb stehen. »Wir haben uns heute morgen gezankt ... wir drei! Das passiert sonst nie! Wir haben uns ja so gerne. Aber wir sind schon alle so nervös und weinerlich, von dem abscheulichen Land ... zwei Nächte haben wir jetzt kein Auge zugemacht, sondern auf den Stühlen gesessen und Licht gebrannt – Sie können sich schon denken, weshalb – und den Tag über immer im Regen auf dem bösen Maultier und die Treiber mit ihrem ›Ärra, Ärra‹ hinterher, und nichts zu essen und zu trinken. Wir haben nur noch eine Flasche. Auf der steht › Old Scotch Wkisky‹ und innen schwimmen ein paar Pfropfen, eine Menge Fliegen und ein bißchen Rotwein, schwarz wie Tinte ... nein ... ich halt' es nicht aus; ich hab' es Klara gesagt: Ich will nach Tanger zurück! Meine älteste Schwester auch!«

»Eine solche Weltumseglerin! Das nimmt mich wunder!«

»Ja, das hat seine Gründe.« Die Kleine lächelte verstohlen. »Sehen Sie nur, wie grimmig sie dasitzt! Sie möchte um ihr Leben gern in Tanger sein, wenn die Cooksche Reisegesellschaft dort ankommt. Wir haben sie vor vier Wochen in San Sebastian getroffen. Unterdes sind die Cooksleute überall in Spanien gewesen.«

»Und nun kommen Sie von Kadiz nach Tanger?«

»Ja, und von da nach Gibraltar. Und da ist jemand darunter ... ein verwitweter Major außer Diensten. Lachen Sie, bitte, nicht! Wenn Sie meine Schwester ansehen, werden Sie merken, daß das noch ganz gut ginge! Der Major ist auch nicht mehr der Jüngste. Und daß er gerade schön ist, kann man nicht behaupten. Er hat das alles mehr innerlich und ist ein sehr guter Mensch. Trotz seinem Fluchen und Krakeelen.«

»Soso!« sagte der Kaufmann nachdenklich und blickte auf die schwarz und reglos dasitzende Gouvernante. »So spinnt sich derlei über Länder und Meere!«

»Ja, wenn man ein bißchen was dazu tut!« beharrte die Kleine eifrig. »Sehen muß man sich doch vor allem, und dann ist es noch zweifelhaft, ob etwas daraus wird. Aber Klara will ja nicht. Sie will nicht fort von hier.«

»... Ja, wenn sie doch hier malen muß!«

»Sie kann ja nicht. Sehen Sie, Sie haben recht gehabt. Da kommen diese schrecklichen braunen Kerle und Kinder und alles schon über die Mauer geklettert und stellen sich um sie herum. Und wenn der Soldat sie wegtreibt, gibt es erst recht ein Geschrei und Gezanke, daß man jeden Augenblick glaubt, es bleibt einer tot. Vorhin haben sie schon um die Ecke herum mit Steinen nach uns geworfen. Nein, hier ist nichts zu holen!«

»Aber warum bleibt Ihre Schwester denn hier?«

»Ich weiß es schon!« meinte Hilda. »Aber ich werd' mich hüten, es zu sagen! Und was sie will, das geschieht! Denn sie verdient ja doch alles Geld. Ich verdanke es doch auch nur Klara, daß ich hab' mein Lehrerinnenexamen machen können.«

»Und jetzt wollen Sie eine Stellung annehmen?«

»Ich hab' schon eine. In Genf. Die Familie eines Seidenfabrikanten, wo die Kinder Deutsch lernen sollen. In vierzehn Tagen muß ich dort sein. Meine Schwestern laden mich auf der Rückreise dort ab. Das sind jetzt die letzten Tage meiner goldenen Freiheit. Aber einen rechten Genuß habe ich eigentlich nicht davon!«

»In Genf.« Der Handlungsreisende strich nachdenklich den langen blonden Vollbart. »Schade! So weit weg.«

»Ja, ich habe auch Angst vor dem fremden Land und den fremden Menschen!« seufzte die Kleine. »Aber was hilft's? Wir sind Waisen. Geld haben wir keins; also müssen wir auf eigenen Füßen stehen. Das hat mir Klara so oft gepredigt und vor allem durch ihr Beispiel bewiesen, daß ich mich damit vertraut gemacht hab' ... Sehen Sie ... da kommt sie herunter, all ihre Sachen unter dem Arm. Es geht nicht mit dem Malen!«

Auf dem Gesicht der jungen Künstlerin lag ein unverhohlener Ärger, während sie die zerfallenen Steinstufen mehr herabsprang als ging, ein Haufen neugierig gaffenden und gurgelnden braunen Volkes im Trab hinterher.

»Wir wollen in die Fonda zurück!« sagte sie heftig. »Man kommt sich hier ganz dumm vor. Am Ende tun uns die Leute noch was! Auf die Soldaten ist doch kein Verlaß!«

Die Gouvernante stand auf. »Am besten wär' es,« sprach sie knapp und düster, »wir ließen die Maultiere gesattelt und ritten gleich nach Tanger weiter. Jetzt ist das Wetter schön. Morgen abend können wir dort sein!«

»Ach ja, nach Tanger! Bitte, bitte!« wiederholte die Kleine und hob flehend die Hände.

Ihre hübsche Schwester stand unschlüssig da und blickte zu Boden. »Ja, sollen wir denn etwa den Kranken allein lassen?« fragte sie, ohne die beiden anderen anzuschauen, in ungewohnt heftigem Ton. »Das wäre doch wirklich unverantwortlich!«

»Ach. Er ist gar nicht mehr so krank. Heute morgen war ihm doch schon viel besser!«

»Er wollte ja aufstehen!« setzte die Gouvernante in ihrem Baß dazu. »Fieber hat er ja auch keines. Da ist doch keine Gefahr. Aber freilich ... du mußt es ja besser wissen. Du pflegst ihn ja. Das geht allem anderen vor.«

»Ich habe nur eine Menschenpflicht erfüllt!« sagte Klara heftig und schaute auf. »Also wenn es ihm wirklich besser geht und er außer Gefahr ist – aber auch nur dann – wollen wir gleich aufbrechen!«

»Hurra!« rief Hilda und wollte die Malerin in ihrer überströmenden Freude umarmen. Aber zugleich fast hielt sie erschrocken inne. Sie hatte den traurigen Blick aufgefangen, mit dem der verschlagene Korpsstudent sie musterte.

»Nun müssen wir uns adieu sagen, Herr Steffen!« sprach sie und wandte, während sie ihm die Hand reichte, halb den Kopf zur Seite. »So geht's auf der Welt. Kaum kennt man sich, so muß man auseinander.«

»Ich hoffe, wir sehen uns doch noch in nächster Zeit einmal!« Der Handlungsreisende hatte seinen Zwicker abgenommen und polierte ihn umständlich mit seinem Taschentuch. »In Gibraltar.«

»Ach, kommen Sie hinüber?«

»Es wird dieser Tage hier ein Schiff erwartet, das hinüber fährt. Der ›Piélago‹. Solch eine Gelegenheit muß man ausnutzen!«

»Natürlich!« sagte Hilda eifrig. »Sie haben doch gewiß dringende Geschäfte drüben!«

»Und wie! ... das Leder ... und dann vor allem meine Blutegel ... und überhaupt ...«

»Und der Pesetakurs!«

»Richtig. An den Pesetakurs habe ich gar nicht gedacht. Also Sie sehen: es ist viel zu tun! Ich muß hin!«

Die Kleine nickte ernsthaft. »Das glaub' ich! Übrigens, damit Sie das in Ihren Geschäften nicht vergessen: wir wohnen im ›Hotel Bristol‹.«

»Das trifft sich gut. Ich steige nicht weit davon im ›Grand Hotel‹ ab.«

»Und da werden Sie uns besuchen?«

»Ich hoffe bestimmt, daß meine Zeit es mir ermöglicht«, sprach der abenteuernde Kaufmann und drückte zum Abschied ihre Hand.

*

Vor der Fonda d'España stand, als sich die Damen näherten, der Afrikaner, von Zigarettendunst umweht und auf einen Stock gestützt. Bei seinem Anblick hellten sich Marthas und Hildas Mienen auf. Gottlob – der Fremde hatte sich wirklich erhoben und brauchte keine Hilfe mehr! Der Weg nach Tanger war frei.

Auch auf dem hübschen Gesicht der Malerin erschien ein Lächeln, das freilich einen beinahe schmerzlichen Zug hatte. »Sehen Sie wohl!« rief sie mit ihrer hellen Stimme, »es kommt, wie ich Ihnen gestern gesagt hab'! Ein bißchen angegriffen schauen Sie ja noch aus ...«

»Es ist mir auch noch recht flau zumute!« sagte der Forschungsreisende. »Aber die Nerven sind wenigstens wieder da. Nach dem kalten Sturzbad Ihrer Gardinenpredigt gestern. Die hat gewirkt!«

»Das wüßt' ich ja!« Klara hob sich an der Hand des Hotelkuriers aus dem Sattel. »Sonst hätte ich es mir wahrhaftig nicht herausgenommen.«

»Zeit und Umstände waren aber auch wirklich günstig!« sagte er, wie um sich zu verteidigen. »Sie können eigentlich stolz sein. Es ist lange her, daß irgendein Mensch auf mich Einfluß gehabt hat! Da draußen in der Wildnis verlernt man's, nach fremdem Rat zu fragen. Da ist das Ich das einzige, was man hat!«

Er sah nachdenklich in die Weite. In herben, kühnen Linien zeichnete sich sein herrisches Profil in der durchsonnten Luft ab.

Von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, nestelte sie an ihrem Malgerät. »Bleiben Sie nur kurze Zeit so stehen!« sprach sie rasch. »Bitte! Mir zuliebe!«

»Was soll es denn, mein Fräulein?«

Sie lachte etwas befangen und klappte ihr Skizzenbuch auf. »Mit meiner Malerei hier ist es nichts geworden! Nun müssen Sie mich entschädigen. Sie stehen gerade so charakteristisch da. Wie beim Photographen!«

»Soll ich auch ein freundliches Gesicht machen?« fragte er, ohne sich zu regen.

»Um Gottes willen ... nein! Das würde alles verderben. Geradeso, wie Sie sind. Und die Umgebung ... die niedrige Mauer ... die Palme darüber. Das stimmt alles. Im Augenblick bin ich fertig. – Wissen Sie, woran Ihr Kopf mich erinnert?« fuhr sie fort, mit ihren prüfenden Blicken zwischen ihm und ihrer Skizze wechselnd »An die Leute, die man bei Partenkirchen sieht. Um die Zugspitze herum und in der Gegend!«

»Da bin ich auch zu Hause.«

»Eben diese Bergführer und Wildschützen und was es alles für Menschen sind – die haben einen verwandten Zug mit Ihnen – namentlich in den Augen. Dieser weite, suchende, unstete Blick. Nur natürlich ist bei Ihnen alles vergeistigt. Der Gelehrte schaut hindurch.«

»Ja, leider!« sagte er, ohne seine halb von ihr abgewandte Stellung zu ändern. »Mein Leben hat der Wissenschaft gehört. So heißt es wenigstens, und halb mit Recht. Denn es gibt wenige Winkel der Erde, wo ich nicht Schädel gemessen und Trigonometrie getrieben und meinen Hypsothermometer ausgepackt hab'. Aber glauben Sie mir: schließlich ist die Wissenschaft doch nur ein Mantel für mich und viele meinesgleichen. Wir werfen ihn um, weil wir uns schämen, uns und der Welt einzugestehen, daß wir eigentlich nur aus reiner, unbezwinglicher Abenteurerlust, aus Freude an einem ganz ungebundenen Dasein uns unser Leben um die Ohren schlagen. Da liegt die Verwandtschaft mit Gemsenjägern, Wildschützen und derlei. Die haben es meist auch nicht nötig. Es ist nur die Lust am Wagnis, an der Gefahr, was sie hinaustreibt. Mich auch. Wie ich Ihnen schon gesagt hab', ich bin eigentlich ein halber Wilder. Und wann darf ich mich denn nun endlich rühren?«

»Jetzt!« sagte sie und reichte ihm das Blatt. »Da sind Sie!«

»Aber geschmeichelt!« Er schüttelte den Kopf. »Daran merkt man die weibliche Hand.«

»Sie sehen ja auch nicht immer so schlecht aus wie jetzt, sondern hoffentlich besser, wenn wir uns einmal im Leben wieder treffen. Denn für jetzt,« sie wies auf die Mauren, die das Gepäck der drei Schwestern aus der Herberge zu den bereitstehenden Maultieren trugen, » ... für jetzt trennen sich unsere Wege. Wir gehen nach Tanger zurück!«

»Oh, wirklich?« sagte er in gleichmütigem Ton. »Und bald?«

»Jetzt gleich! Sie brauchen mich ja nicht mehr und der Aufenthalt hier ...«

»Ich glaube gar, Sie wollen sich noch entschuldigen!« Er sah sie erstaunt an. »An mir ist es, Ihnen zu danken. Für alles. So bald ich kann, reite ich auch nach Tanger. Aber ich fürchte, das dauert noch einige Tage und ich finde Sie nicht mehr dort!«

Sie erwiderte nichts.

»Und das Päckchen für Berlin haben Sie mit sich?«

»Ja.«

»Nun, dann will ich wieder gehen und mich hinlegen. Also nochmals besten Dank und gute Reise!«


 << zurück weiter >>