Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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16.

Der Arzt, ein alle Sprachen beherrschender Schweizer, war nur durch Zufall aus Kissingen, wo er den Sommer über praktizierte, auf ein paar Tage in Geschäften nach Nizza gekommen, und der Besuch eines Patienten war ihm unerwartet. Doch verweigerte er die Konsultation nicht, sondern vollzog gründlicher vielleicht noch als sonst, wenn ihn der Schwarm der Wartenden im Vorzimmer zur Eile drängte, die Untersuchung. Ihr Ergebnis aus dem unbeweglich ruhigen, bebrillten Gesicht zu lesen, war unmöglich. »Sie haben unregelmäßig gelebt?« fragte er, während der Patient sich Rock und Weste wieder zuknöpfte.

Der mußte über die Frage lachen. »Wie man in Afrika und sonstwo unter den Wilden lebt!« sagte er. »Viel Sinn für Pünktlichkeit und Ordnung hat die Gesellschaft nicht.«

»Viel Anstrengungen und Entbehrungen haben Sie auch durchgemacht?«

»Jedenfalls mehr, als in Europa üblich ist!«

»Und geistige Getränke genossen?«

»Wenn ich sie hatte, mit großem Vergnügen.«

»Nun ja.« Der Arzt nahm seine Brille ab und polierte sie sorgfältig blank, während er in der dadurch entstandenen Pause nach Worten suchte. »Und dazu kam nun, wie Sie angeben, dieser Sturz als äußerer Anlaß ...« »Ja, die Affäre mit dem Stier. Es ist kaum glaublich, daß das erst acht Tage her ist ...«

»Nun sagen Sie, bitte ...« – der Sanitätsrat sprach langsam und bedächtig, als wollte er jede Silbe auf die Goldwage legen – »was sind, wenn ich danach fragen darf, Ihre Zukunftspläne? Ich meine, Sie sind ja ein stark bewegtes, an Abenteuern reiches Leben gewohnt. Beabsichtigen Sie, dies Leben auch in Zukunft fortzusetzen – ich meine, wieder nach Afrika zu gehen, oder ähnlichen Gegenden – oder haben Sie vielleicht mehr im Sinn, sich künftig der Ruhe und Erholung, wissenschaftlichen Studien und dergleichen zu widmen?«

Der Angeredete schaute ihn erstaunt an. Wie kam der Arzt zu der Frage? Er konnte doch unmöglich wissen, vor welcher Entscheidung sein Patient stand, und trotzdem trafen seine Worte gerade diesen Punkt, um den sich alles für ihn drehte.

»Gehört das eigentlich hierher?« fragte er etwas brüsk.

»Ja. Ich möchte meine weiteren Mitteilungen bis zu Ihrer Antwort verschieben.«

»Nun.« Der Afrikaner sah gedankenvoll vor sich hin. »Eigentlich ... ehrlich gesagt ... habe ich augenblicklich keinen besonderen Drang zu neuen Erlebnissen. Ich möchte lieber wenigstens eine Zeitlang irgendwo unterschlüpfen und mich pflegen lassen.«

Der Arzt lächelte befriedigt. »Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde. Eben dasselbe muß ich Ihnen raten, dringend raten. Sie brauchen vollkommene Schonung.«

»Ach, Schonung!« Der Forscher stand ärgerlich auf und trat zum Fenster. Wenn ich mich geschont hätte, wäre ich schon lange tot.«

»Und wenn Sie sich jetzt nicht schonen, werden Sie's sein!« Die Stimme des Arztes klang plötzlich fester und bestimmter als bisher. »Ich muß es Ihnen sagen, es ist meine Pflicht!«

»Ja, was soll ich denn tun?«

»Ein möglichst ruhiges, eingezogenes Leben führen ... auf dem Lande, in frischer, guter Luft ... ohne viel Lärm und Zerstreuung ... in einem kleinen Kreise sympathischer Menschen ... – Darf ich mir die Frage gestatten, ob Sie verheiratet sind?«

»Nein!«

»Nein? Hm ... ja, wie ich sagte, in kleinem harmonischen Kreise. Geistige Tätigkeit mit Maß und Ziel. Hingegen, was körperliche Anstrengungen und Exzesse aller Art betrifft ... die sind unbedingt schädlich und müssen vermieden werden. Ein kleiner Spaziergang täglich, besser noch eine Spazierfahrt ... keine Erhitzung, kein Treppensteigen ... kein Alkohol und Tabak ... abends zeitig zu Bett ... leichte Diät ... keine Sorgen und Affekte ...«

»Nun hören Sie aber, bitte, mal auf!« sagte der am Fenster trocken. »Was bleibt denn da noch vom Dasein übrig? Glauben Sie, daß ich solch eine Existenz auch nur vier Wochen lang aushalte?«

»Sie werden wohl müssen!«

»Vier Wochen lang?«

»Nein!« Der Sanitätsrat hatte sich gleichfalls erhoben und war zu seinem Patienten getreten. »Sie sind doch zu mir gekommen, um die volle Wahrheit über Ihr Befinden zu hören?«

»Freilich!«

»Und da Sie ein Mann sind, werden Sie das, was ich Ihnen jetzt sagen muß, auch tragen können. Es handelt sich nicht um vier Wochen, es handelt sich um Ihr ganzes übriges Leben!«

»Was?« Der Afrikaner fuhr herum. Ein gewaltsamer, schmerzhafter Schrecken durchzuckte ihn, und er preßte unwillkürlich die Hand an die Brust.

»Ihr ganzes Leben«, wiederholte der andere ernst. »Sie müssen sich das alles jetzt ganz anders einrichten, und es trifft sich ja noch sehr gut in all dem Unglück, daß Sie ohnedies die Absicht hegen, den Abenteuern Valet zu sagen und sich zur Ruhe zu setzen ... vielleicht auch sich einen häuslichen Herd zu gründen, was natürlich eine derartige Existenz außerordentlich erleichtert ... Verzeihen Sie, wenn ich mir rein vom ärztlichen Standpunkt aus diese Anregung gestatte ...«

Der Afrikaner trat dicht vor ihn. »Was fehlt mir denn eigentlich?« fragte er rauh und gepreßt.

»Wir nennen es Aneurysma. Eine Ruptur, ein leichter Riß in den Blutgefäßen am Herzen, hervorgerufen durch den Sturz mit dem Pferde.«

»Na ... aber das ... das muß doch auch wieder besser werden!«

»Besser wird es nicht. Die einzige Sorge muß sein, zu verhindern, daß es schlimmer wird. Und das wird verhindert, wenn Sie so leben, wie ich Ihnen vorhin sagte. Dann ändert sich Ihr Zustand nicht und bietet zu weiteren Besorgnissen keinen Anlaß.«

»Bloß, daß ich dabei verrückt werde!«

»Ich dachte doch, Sie wollten sich freiwillig zur Ruhe setzen«, sagte der Arzt etwas erstaunt. »Noch ehe Sie das wußten ...«

»Freilich ... ja! Das ist's ja eben. Aber gezwungen..«

»Sie sind dazu gezwungen! Ich beklage es von Herzen, aber ...«

»Aber wenn ich es nun nicht tue?«

Darauf gab der Arzt keine direkte Antwort. »Es wäre doch schade, wenn Sie in so blühendem Alter schon der Wissenschaft und Ihren Freunden entrissen werden sollten!« sagte er. »Glauben Sie mir, der Mensch gewöhnt sich an vieles! Sie werden es schließlich auch gewohnt sein ...«

» ...daß ich ein Spitalbruder bin ... ein unnützer Tagedieb?«

Ein melancholisches Lächeln glitt über das Gesicht des Arztes. »Es ist gewiß traurig, einen Teil seines äußeren Menschen gewissermaßen einzubüßen. Aber das Beste in uns, der innere Mensch, wird davon nicht berührt. Gerade einem geistig bedeutenden Manne, einem Gelehrten öffnen sich doch Daseinsziele und Betätigungen, die gar nichts damit gemein haben, daß Sie nicht mehr imstande sind, eine Flasche Champagner auszustechen oder einen hohen Berg zu ersteigen. Und dazu kommen die Bande von Herz und Gemüt, die uns mit anderen Menschen verknüpfen. Man lernt die Menschen erst kennen, wenn man auf sie angewiesen ist, und dann findet man in manchem mehr, als man hoffte. Sollten wirklich nicht volle Unabhängigkeit, Freundschaft und vielleicht auch Familienglück einem Manne über ein körperliches Gebrechen hinweghelfen können?«

»Jetzt weiß ich es!« Der Afrikaner suchte seinen Hut und lächelte finster. »Sie irren sich einfach. Sie täuschen sich. Solch eine Krankheit gibt es gar nicht.«

Der Arzt blieb ruhig. »Wenn ich darauf überhaupt antworte,« sagte er, »so trage ich Ihrem begreiflicherweise gereizten Zustand Rechnung. Fragen Sie, welchen Arzt Sie wollen, hier oder anderswo. Sie werden den gleichen Bescheid erhalten.«

»Und das ist sicher?«

»Vollkommen sicher!«

»Nun, dann danke ich Ihnen!« sagte der Afrikaner, reichte ihm die Hand, ließ einen Hundertfrankenschein auf der Ecke des Schreibtisches liegen und ging.

*

Er war wie betäubt, als er auf die schon dämmernde Straße trat. Ohne nach rechts und links zu schauen, wanderte er in der Richtung, die er wahllos eingeschlagen, weiter, durch die schwatzenden Gruppen italienischen Volkes, unter den hochgespannten Sonnendächern der Läden hin, zwischen den weit auf die Straßen hinausgerückten Tischchen und Stühlen der Cafés durch, bis die schwüle, staubige Stadtluft plötzlich um ihn verschwand und ein herber Hauch den kalten Schweiß von seiner Stirn trocknete.

Da war das Meer. In weißen Schaumkämmen rollte es endlos heran aus der Nacht, die weithin schon über den Wassern graute, daß Himmel und Wellen in eins verschwammen. Und wenn es auch nur das zahme Mittelmeer war, auch von ihm ging, wie es da in unbeschränkter Weite vor dem Blick sich dehnte, das Gefühl der Größe, der befreienden Unendlichkeit des Raumes aus.

Und mit ihm das Gefühl der eigenen Kleinheit. Eines Ameisenbewußtseins unter dieser weiten Himmelswölbung. Was lag daran, ob einer unter diesen Millionen und Hunderten von Millionen achtlos zertreten am Wege lag? In kurzem starben sie ja alle, neue Millionen und Milliarden folgten und wanderten ins Grab, und gleichmäßig, als sei nichts geschehen, lacht die Sonne und grüßen die Sterne und kreiselt dies Sandkorn, auf dem wir leben und leiden, weiter durch den Weltraum.

War es wirklich so lohnend, dieses Sandkorn, diese enge, auf kurze Frist uns angewiesene Behausung von Lehm und Wasser in allen Winkeln zu erforschen? Die kurze Spanne Zeit, die uns angewiesen, darauf zu verwenden, um festzustellen, daß unter dem Polarkreis und dem Äquator, in dem Morgen- und Abendland die Menschen zu Millionen und Milliarden leben und altern und sterben und neue erstehen, daß überall die grünen Blätter sprießen und das welke Herbstlaub fällt, daß überall der Wind braust und die Wolken ziehen und die Wellen wandern?

Nein, das alles war nur Schein! Bunter, schöner Schein! Der Kern der Dinge lag tiefer. Was unbewußt da innen webt und rätselhaft in einer anderen Brust widerklingt, das war das Ahnen der wirklichen Welt, die wir nicht begreifen können, weil unsere Augen blind sind und unsere Ohren taub. Das war das Leben. Darin hatte der Arzt eigentlich recht, wenn er von dem inneren Menschen sprach im Gegensatz zu dem zerbrechlichen Gehäuse.

Und er selbst hatte sich ja nach diesem inneren Glück gesehnt! Er stand ja im Begriff, es aufzusuchen! Es war ja wie ein Almosen des Geschicks, daß es ihm wenige Minuten nach dem verhängnisvollen Sturz vom Pferde in jener regenüberströmten marokkanischen Karawanserei den Menschen zugeführt hatte, der nichts anderes begehrte, als sein Leben, und gewiß auch alles Leid des Lebens, mit ihm zu teilen.

Er war langsam die jetzt in der Sommernacht fast menschenleere Promenade des Anglais hinabgeschritten. Jetzt setzte er sich auf eine Bank und schloß die Augen. Ein unbestimmtes Rauschen war um ihn, ein leise wehender Hauch – sonst kein Laut weit in der Runde.

In seinem ganzen Inneren zitterte etwas nach – weniger der Schrecken als ein ungeheures Erstaunen. Auf alles war er vorbereitet gewesen – auf den Tod in jeder denkbaren Form. Aber auf das Siechtum? Nein. Das kam ihm so unerwartet, so unbegreiflich, daß er immer noch wie aus einem Traum aufzuwachen hoffte und dabei doch wohl wußte, wie nüchtern wirklich das alles war.

Und es war ihm nicht einmal Zeit vergönnt, sich von diesem Blitzschlag zu erholen, sich in Ruhe zu sammeln. Die drei Schwestern blieben nur kurze Frist in Genf. Wollte er die Reise dorthin antreten, so mußte es morgen geschehen.

Wollte er? Er lachte bitter auf. Hatte er denn noch eine Wahl? Vorhin noch, in Monte Carlo, glaubte er sein Geschick in der Hand zu haben und frei am Kreuzweg zu stehen. Jetzt gab es nur noch einen Pfad, und der führte nach Genf, ehe es zu spät war, ehe auch dort das blonde sanfte Glück verschwand und ihn mit leeren Händen allein ließ!

Denn jetzt kam er mit leeren Händen! Als ein Bettler kam er zu ihr, um Zuflucht zu suchen! Er wählte nicht mehr, er bat! Und wenn sie es zehnmal nicht wußte und nicht merkte, in seinem Innern mußte das weiternagen und immer weiter. Und lange verhehlen ließ sich das auch nicht. Er war von Anfang an der Schwächere. Er gab sich in ihre Hand. Er wurde ein Philister wie andere, schlimmer als andere, die nicht als die Ruine ihres eigenen Selbst herumwandeln und, durch die Gewohnheit abgestumpft, schließlich ganz vergnügt dabei sind. Denn am Ende gewöhnte auch er sich gewiß allmählich an den engen Kreis des Daseins und wurde ein ganz anderer Mensch, der nichts mehr mit dem rauhen Mannestrotz des einstigen Weltumseglers gemein hatte.

Der Trotz gegen das Schicksal bäumte sich wütend in ihm auf, während er gesenkten Hauptes wieder der Stadt zuschritt. Da lief sein Pferd ... da lief der Stier ... warum mußten diese beiden Körper aufeinanderprallen? Wer hatte das angeordnet?

Er blieb plötzlich stehen, warf den Kopf zurück und lachte zornig auf. Wer anders als du selbst, du abenteuernder Tor! Der Stier wandelt jeden Abend diesen Weg zur Tränke. Du kamst ihm in die Quere, blindlings, von deinem eigentlichen Weg nach Tanger abgewichen, irrlichternd auf der Jagd nach einem Schattenbild, jenem Schattenbild mit silberhellem Lachen, das deiner spottet, das dich krank und einsam in Tetuan zurückließ, das wie ein Traum verflogen war, als du es wiederum auf dem weißen Geisterschiff auf der Reede von Gibraltar suchtest.

Und wer war der erste Mensch, der dir nach deinem Unfall begegnete, wer pflegte dich in Tetuan und richtete dich mit heiteren Worten auf, wer stand geduldig, mit tapfer hinuntergeschluckten Tränen deiner wartend da, als du enttäuscht und ärgerlich von dem weißen Schiff zurückkamst?

Immer wieder der treue, blonde, ehrliche Kamerad. Einen besseren findest du nicht. Sieh um dich! Was du in der Ferne suchst, wofür du dort soviel Leid und Ungemach erlitten hast, wofür du zum Krüppel geworden bist, das Glück, das steht da still und schweigend neben dir wie eine Blume am Weg und wartet, daß du es pflückst.

Und wenn du es pflückst, bringt es dir Ruhe. Mag auch in dir die wilde Abenteurerlust hinschwinden, dafür wirst du zufrieden. Das warst du bisher nie, in deinem unsteten Sehnen und Jagen. Vielleicht kommt einmal der Tag, wo du lächelst, wenn du an die Vergangenheit denkst. Du hast es ja neulich schon in Tetuan gedacht: Wir werden alt und grau, Frau Aventiure! Die Zeit schwindet hin. Der Herbst ist nahe. Jetzt war er da! Eine bittere Wehmut beschlich ihn, als er in seinem Hotelzimmer träumend saß und von der Vergangenheit Abschied nahm. Sie war bunt genug, und doch – jetzt schien sie ihm leer und öde. So zwecklos erschien ihm plötzlich alles, was er errungen und erstrebt, so wertlos alle seine wissenschaftlichen Taten, so arm und ohne Inhalt das ganze Menschenleben, daß er sich heiß nach einem neuen sehnte.

Er wußte wohl, warum diese rätselhafte Stimmung über ihn gekommen war. Der Tod hatte bei ihm angepocht – nicht von außen her; da kannte er ihn, und sein Anblick verdoppelte seinen Trotz – nein, da innen saß er und klopfte und mahnte: Es ist Zeit, von dem großen Maskenball nach Hause zu gehen. Bunt genug und lärmend war er ja. Viel Menschen in allen Trachten der Welt. Kaiser und Könige, fratzenhafte Wilde und schöne Frauen, ein ganzer Karneval voll Jubel und Trubel. Aber wenn man den Mantel umschlägt und in den grauen, grämlichen Morgen hinaustritt, da kommt die Ernüchterung. Die Sehnsucht nach Schlaf. Die Sehnsucht nach einem Menschengesicht, das uns freundlich lächelnd im Sonnenschein zu Hause empfängt, nach all den kichernden, wesenlosen Masken der buntscheckigen Nacht, nach dem verräterischen, silberhellen Lachen, das durch das Dunkel klingt und zu immer neuen Abenteuern und zum Tode lockt.

Dort aus der Ferne grüßte es blond und heiter herüber und nickte ihm unbefangen zu wie einem alten Freund. Er stand auf und klingelte. »Ich reise morgen früh nach Marseille«, befahl er dem eintretenden Kellner. »Von da gleich weiter bis Genf. Hier ist die Depesche, in der ich meine Ankunft anzeige.«


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