Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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5.

Gegen Abend hatte sich das Wetter geklärt. Vom Mittelmeer herüber wehte eine Brise durch das rauhe Land und scheuchte die Wolkenfluten in ihre Schlupfwinkel in der zerrissenen Wildnis des Atlas zurück. Bald brach die Sonne durch, mit stechenden Abendstrahlen, in deren Glut alles von Feuchtigkeit dampfte und die weiten Heidestrecken, die mit Agavenhecken umsäumten Gärten, die grünen Saatfelder am Habeschfluß sich in eine weiße Rauchdecke hüllten.

Weiter nach dem Meere zu, jenseit des Kap Negro, verlor sich diese Üppigkeit des Pflanzenwuchses. Als da die Sonne am nächsten Morgen in langen feuerroten Streifen sich aus den blauen Wellen des Ostens hob, übergoß ihr Licht eine jener eigentümlichen Sumpflandschaften, wie sie der Kampf zwischen Ebbe und Flut an flachen Küstenstreifen erzeugt, ein Gewirr von Sanddünen, brackigen, reglosen Morästen, Seewasserpfützen und schlammerfülltem Buschwald, das niedere Höhenzüge nach dem Land zu, muschelbedecktes buntes Kieselgeröll auf der Seeseite abschlossen.

Hart an der Flutgrenze des Mittelmeeres, neben einigen phantastisch aufgerichteten Felszacken stand ein Zelt. Maultiere und Pferde wälzten sich träge daneben am Boden und zwischen ihren angepflöckten Pflegebefohlenen lagen reglos, die Sättel als Kopfkissen unterm Haupt, in verschossene braune Mäntel gewickelt, die Gestalten der Treiber.

Nur zwei Männer waren an diesem frühen Morgen schon wach, dessen bläßliche Wölbung sich klar und kühl über Länder und Meere spannte, und gingen schweigsam, die Zigarre im Mund, die Hände in den Hosentaschen, auf dem knirschenden Kies mit leisem Sporenklirren auf und nieder.

»Hören Sie mal, Franklin!« sagte der Hüne nach einer Weile und blieb stehen. »Ich muß Sie mal was fragen.«

» Well. Fragen Sie!«

»Ich meine ... wann gedenken Sie denn eigentlich so ungefähr nach Johannesburg zurückzukehren?«

»Nach Johannesburg? Gar nicht!«

»Na, oder nach Amerika. Oder sonstwohin? Irgendwo muß der Mensch doch hin!«

»Das weiß ich nicht. Es gefällt mir hier ganz gut!«

»Wo denn?«

»In Ihrer Gesellschaft, Durchlaucht!« sagte der kleine Yankee und lächelte leicht. »Ich wüßte keine bessere.«

Der Prinz drehte ärgerlich seinen roten buschigen Schnurrbart und begann wieder mit seinen langen Beinen den Sand der Dünen zu messen. »Sie sind mir ja auch verdammt sympathisch!« murmelte er, mit der Reitpeitsche die Disteln am Boden köpfend. » ... Aber ... schließlich ... na, kurz gesagt ... Einer von uns kann sie ja doch nur heiraten!«

Sein Begleiter lächelte tiefsinnig. »Ich werde Sie zur Hochzeit einladen, Prinz! Seien Sie unbesorgt!«

»Oder ich Sie!«

»Oder keiner von uns den anderen!« ergänzte der Kleine. »Das kann niemand wissen!«

»Nein. Ich wollte auch nur wissen, ob Sie nicht die Sache aufgeben?«

»Ich denke nicht daran!«

»Ich auch nicht!«

» All right!« Und einträchtig kehrten die beiden zum Lager zurück. Der Lange schraubte gähnend ein Fernrohr aus und musterte den Strand. »Dort ganz in der Ferne reitet sie«, brummte er. »Ich sehe so einen weißen Punkt und so ein Gewimmel drum herum. Das ist sie.«

Er reichte das Glas dem Yankee, der bestätigend nickte. »Das ist Angela«, sagte er und sah auf die Uhr. »Und die zwei Stunden, die sie uns nach ihrem Abmarsch zu warten befohlen hat, sind um. Wir können aufbrechen! Hallo, ihr Kerle!« Er klatschte in die Hände. »Auf! An die Pferde!«

In dem Getümmel der sich erhebenden Berber und ihrer Tiere blickte der Prinz sauertöpfisch drein. »Sagen Sie um Gottes willen, Franklin,« fragte er endlich, »ich zerbreche mir schon die ganze Zeit den Kopf: was ist denn heute eigentlich in Angela gefahren, daß sie allein mit ihren Leuten vor Tag und Tau vorausreitet und wir ihr erst in zwei Stunden Abstand folgen dürfen?«

Der Kleine suchte lächelnd den weißen Punkt an der Küste. »Sehr einfach«, meinte er. »Es ist jemand in Tetuan, den sie nicht sehen will! Sie wissen, wer dieser Jemand ist!«

»Ja.«

»Gleich nach seinem Brief ist sie fort. Wir natürlich mit. Es wäre aber möglich, daß dieser Jemand hinter unserer Karawane herreitet. Dann trifft er bloß uns. Und was er sucht, ist verflogen wie der Wind. Das blinkt nur noch ganz ferne dort übern Strand. Wenn er es nicht weiß, kann er es auch mit dem Fernrohr nicht erkennen!«

»Aber was sagen Sie ihm, wenn er nach Angela fragt?«

»Was sie mir aufgetragen hat: Sie sei schon gestern abend an der Mündung des Tetuanflusses an Bord der dort kreuzenden Jacht ›Liberty‹ gegangen. In den Ozean kann er nicht hineingaloppieren. Also kehrt er um!«

»Ach so!« Der Prinz stieg tiefsinnig in den Sattel und trieb das Pferd an. »Aber er kommt überhaupt nicht. Er sah sehr schlecht aus. Ich glaube, er wird krank!«

»Ich glaube es auch!« meinte der Yankee gleichmütig, und die beiden trabten los.

*

»Ah!« sagte der Riese nach einer Weile ärgerlich. »Wie die Gäule im Sand versinken! Wir kommen nicht von der Stelle! Ich habe dies Herumstrolchen in Afrika satt. Ich sehne mich nach meinen Bergen!«

»In ein paar Wochen sind wir in Chamonix«, tröstete ihn Franklin. »Sie haben doch unsere Wette mit den Herren vom Londoner Alpine-Klub nicht vergessen?«

»Aiguille du diable und Gipfel des Montblanc an zwei Tagen hintereinander zu machen? Das werde ich nicht vergessen!«

»Und glauben Sie, daß wir's zwingen werden?«

»Natürlich! Auf den Montblanc wollte ich mich noch verpflichten, Angela führerlos mitzunehmen! Das wäre eigentlich eine Idee! Das gibt dem Ganzen noch so einen ... wie nennt man das ... so einen ästhetischen Anstrich!«

»Schlagen Sie es ihr doch vor! Die kommt gleich mit!«

»Das werde ich auch!« sagte der Prinz vergnügt und deutete nach vorn: »Jetzt werden wir naß, Franklin! Naß bis zum Sattel! Jetzt geht's in die Sümpfe!«

Das Meer hing an dieser Stelle weithin mit den in das Innere des Landes sich erstreckenden Morästen auch bei der Ebbe zusammen. Es gab keinen Weg als quer durch den Wasserspiegel, dessen Ausdehnung die rings darin verstreuten Gebüschgruppen kaum erraten ließen.

Zuerst lenkte der Araber, den sie gestern in Tetuan als Führer angenommen, sein Roß hinab in die Flut, die dem geduldig vorwärts schreitenden Tier bald bis an den halben Leib reichte. Wie ein großer bunter Wasservogel schwamm sein Reiter in seinem weißen Burnus und dem roten Turban auf der blauen Flut und gab durch ein Schwenken der hoch über den Kopf gehaltenen Flinte das Zeichen, ihm zu folgen.

Das Wasser, das kristallklar über den seinen Sandgrund hin dem Meere zurann, umspülte unangenehm kalt die Steigbügel und stieg rasch bis zum Knie der Reiter empor. Die fröstelten anfangs etwas unbehaglich. Aber bald gewöhnte man sich an die feuchte Straße, auf der man, vor sich nur den Pferdehals, rechts und links und überall weithin unter sich nur das strömende Wasser, beim Niederblicken fast schwindlig wurde.

Dann tauchten die triefenden Pferdeleiber wieder an das Sonnenlicht empor. Durch gurgelnden gras- und buschbewachsenen Schlamm ging es nun, das Haff, das hier zu tief wurde, zur Rechten lassend, landeinwärts in die Wirrnis von Sumpf und Sand. Wieder stiegen die Rosse plätschernd von dem Ufer hiernieder, aber diesmal war es lauwarmer Morast, der sie umgab, eine trübe, reglose Flut, über deren Schilf und schmutzig schillerndem Spiegel zu Tausenden die Stechmücken summten.

Im Kampf mit diesen kleinen Blutsaugern schlug man sich langsam vorwärts, durch Buschwerk und Dünen von dem freien Hauch des Meeres geschieden, unter sich das faulig dünstende Schlammwasser, durch das die Steigbügel und die Beine darin plätschernd schleiften. Eine Rinderherde belebte allein die ausgestorbene Gegend. Mitten aus dem Sumpf hoben sich die gehörnten Schädel stumpfsinnig empor.

Am anderen Ende der Tümpel konnte man endlich auf leidlichem Geröllpfad galoppieren. Blitzschnell flog die Landschaft vorbei, rechts die tiefe Bläue des Meeres, links das stumpfe Braun der Klippen. Die Gegend belebte sich allmählich. Düster blickende bezopfte Rifkabylen schlichen, die Flinte in der Hand, den bepackten Esel vor sich, lautlos an den Hängen dahin; vom Markte kommende Berberhirten, beritten und von frei laufenden Maultieren umgeben, halbnackte braune Fischer am Strande wurden immer häufiger, und in der Ferne stieg, eine malerisch über die Klippen hingegossene Masse von alten Mauern, flachen Dächern und vereinzelt nickenden Palmen, die Feste Ceuta empor.

Sie rückte rasch näher, denn der Weg verbesserte sich zusehends. Da war schon der erste spanische Soldat, als Vorposten der Kultur, dann ein Holzschuppen mit Bänken, auf denen ein ganzer Haufen von Rothosen sich träge sonnte, rings von den Höhen ragten die Wachttürme, die Bollwerke Spaniens im Marokkanerkrieg und jetzt noch ein Schutzgürtel gegen den unabhängigen und selbst dem Kaiser von Marokko nicht unterworfenen Stamm der Adorrakabylen, der in den Schluchten des hochaufgetürmten Dschib-El-Musagebirges als Nachkomme der alten Rifpiraten haust.

Aber die wilden braunen Kerle am Wege begannen sich zu verlieren. Statt ihrer knieten da und dort spanische Soldatenweiber an den Rinnsalen und klopften auf Steinen ihre Wäsche, weiße Kinder stimmten, neben den Pferden mit erhobenen Händen laufend, ihr » cinque centimos, Señor!« die unerträgliche spanische Bettlerweise an, und der holperige Saumpfad verwandelte sich plötzlich in eine breite, baumbepflanzte Chaussee, die in vielen Windungen hinab zu den Festungswerken führte.

Dort wurden von der Wache die Pässe abgenommen. Scheinbar endlos ging es dahin über Zugbrücken und durch Tunnels, in denen die Hufe der Rosse widerhallten, längs der Wallgräben und über weite, mit Pyramiden von rostigen Kanonenkugeln geschmückte Kasernenhöfe bis in die eigentliche Stadt.

Die europäischen Straßen und Läden, die europäisch gekleidete Menschheit, der Trommelwirbel des Militärs, der Anblick der massenhaften, an der Festung bauenden Strafgefangenen mit ihrem Völkergemisch von Weißhäuten, Chinesen und vielen Negern erschreckte die aus dem Innern kommenden Pferde. Zitternd und scheuend tanzten sie über das Pflaster, bald auf die Spiegelscheiben einer Kramhandlung zu, bald gegen einen Laternenpfahl und andere unbekannte Dinge, bis endlich das Gasthaus am Hafen erreicht war.

Einige Dampfer, ein paar spanische Torpedoboote, ein englisches Kohlenschiff und das Kurierfahrzeug der Regierung schaukelten auf der offenen, stark bewegten Reede. Stundenweit rauschten weiter hinaus die Wellen. Dahinter aber stieg im Mittagsglanz ein unwahrscheinlicher, düster ragender Bergkoloß gebieterisch am Horizont empor. In violetten, verschwommenen Tönen von dem tiefblauen Himmel abgegrenzt, stand der Felsen von Gibraltar wie die Verkörperung der Macht an dieser Grenzscheide zweier Welten, an der Pforte zweier Meere da. Die beiden Abenteurer sahen ihn sich an, gähnten und traten in die Fonda.


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