Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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15.

Ein seltsamer Gegensatz: In acht Tagen von Marokko nach Monako, aus der weiten Wüste in die Fäulnis der Kultur, aus der Gesellschaft bezopfter, wildblickender afrikanischer Barbaren mit langen Entenflinten in der Hand und braunen Fetzen um die dürren Leiber in den Kreis stöckchenschwingender und sonnenschirmbewehrter, artig lächelnder und töricht plaudernder europäischer Menschheit ...

In Genua gelandet, hatte der Afrikaforscher gerade an der Station Monte Carlo der Mittelmeerbahn seinen nach Marseille führenden Wagen verlassen. Warum, wußte er eigentlich selbst nicht. Es schwebte ihm ein unbestimmter Eindruck der Spielerstadt als eines Ortes vor, wo man ungestört war, weil hier überhaupt niemand auffiel, und mit sich und seinen Gedanken ins reine kommen konnte. Hinter einer dicken alten Dame am Roulettetisch stehend, warf er mechanisch ab und zu ein paar Fünffrankenstücke auf das grüne Tuch, wohin sie eben fielen, und sah teilnahmlos zu, wie die Harke des Croupiers sie einheimste oder verdoppelte. Eigentlich war das Ganze höchst langweilig. Nichts von jenem prickelnden Reiz, mit dem man in den Schilderungen der »Spielhölle« so freigebig umgeht, von jenem schmeichelnden Hauch des Lasters und der Sünde, der angeblich über diesen magischen Tischen brütet. Die Besucher, jetzt zur Sommerszeit meist schlecht gekleidete, beklommene Touristen, die halb über ihre eigene Kühnheit erschrocken und zugleich stolz darauf zu sein schienen, dazwischen allerhand unzweifelhaftes Pariser und internationales Gaunervolk, dem scharfen Blick des Weltreisenden in keiner Weise interessant, sondern einfach widerwärtig und Vorsicht gebietend, wie vieles andere Gesindel, das er in allen Hafenstädten der Erde tätig gesehen. Ja selbst das aus allen Büchern berühmte, näselnde » Faites votre jeu, Messieurs!« fehlte. Die Croupiers sprachen durchaus wie andere Menschen und benahmen sich nicht auffallender als ein gewandter Verkäufer hinter seinem Ladentisch.

Eben jetzt streckte der Bankhalter seine Harke aus und zog das vor dem Afrikaner liegende Silberhäufchen, das dieser unachtsam schon dreimal hatte stehenlassen, mit einem gleichgültigen Ruck zu sich heran, was die alte Dame sofort zur Einzeichnung einer Reihe geheimnisvoller Punkte auf dem vor ihr liegenden Papptäfelchen veranlaßte. Der hinter ihr aber hatte von der Dummheit genug. Er verließ seinen Platz bei der Sibylle des Roulettetisches und ging gelangweilt durch den Saal.

Dieses halblaute Summen, diese langen Tafeln, an denen die schwarzen Menschenmauern sitzend und stehend in mehrfachen Reihen beinahe übereinanderklebten wie die Fliegen um den Rand der Zuckerschüssel, ja selbst das Geld, um das sich hier alles drehte, die auf dem grünen Billardtuch flimmernden Silberhäufchen, und drüben, in dem vornehmeren Saal des Trente-et-Quarante, die rotgoldenen Scheiben der Hundertfrankenstücke und die knisternden Noten – selbst das erschien ihm alles so unendlich töricht und kleinlich – spießbürgerhaft, gimpelhaft beschränkt, wenn er an die Wildnis dachte, deren nächtliches Windesklagen und Raunen in zerklüftetem Gestein, deren gewaltiger Sonnenbrand über endlos glühenden Steppen ihn eben noch umfangen.

Und als er draußen vor dem Eingang des Spielsaals sich auf eine Bank niedergelassen hatte, um sich das babylonische Sprachengewirr, das Seidenrauschen, den Zigarettendunst und Parfümhauch des Weltnestes, da fühlte er in sich die alte Sehnsucht nach der Wüste. Dort war die Einsamkeit das Selbstverständliche. Hier wirkte sie drückend auf ihn, wie auf einen Menschen, der allein ein großes Wachsfigurenkabinett durchwandert und all die starren Augen, das stereotype Lächeln auf sich gerichtet sieht. Alle diese Menschen kamen ihm wie Schemen, wie Schatten vor. Er war ihnen fremd geworden, sie berührten ihn beinahe unheimlich, den schweigsamen Gast aus fernen Landen, dessen gebräunten und gefurchten Zügen der Schwarze Erdteil seinen Stempel aufgedrückt hatte.

Aber ging es ihm dort nicht ebenso? Den Blick auf das blaue Mittelmeer gerichtet, von hochgefiederten Palmenfarnen überschattet, verfiel er ins Träumen, während vom Pavillon herüber die schmeichelnden Weisen der Kapelle klangen und, auf ihren Tonwellen sich wiegend, ein süßer Blumenduft die Luft durchzitterte. War er dort nicht erst recht ein Fremdling, unter Wilden, die er selbst kaum als Menschen ansah – war er nicht ein Fremdling überall?

Überall, wohin ihn sein unruhiger Wandertrieb geführt, und es gab wenig Orte auf der Erde, die er nicht betreten. Er war der Gast des weißen Zaren in Petersburg gewesen und hatte mit Kannibalenkönigen in Zentralafrika Blutsbruderschaft getrunken. Auf dem trantriefenden, verwetterten Robbenfänger war er zu Hause wie in den schwimmenden Riesenhotels zwischen Bremen und Neuyork, am löwenumbrüllten Lagerfeuer wie in den Zopfpalästen kleiner deutscher Residenzen, deren Stilleben sein Besuch unterbrach. Er hatte mit den Fürsten der Wissenschaft zu Berlin, London und Paris die Probleme menschlicher Erkenntnis zu lösen gesucht und mit rauhen Berner Bergführern den neuen Aufstieg zum Gipfel des Cooksberges in Neuseeland beraten, er hatte in dem Orgelbrausen und der farbigen Nacht gotischer Dome wie in der kahlen Halle der Moscheen, in Synagogen und Pagoden, auf totenschädelgeschmückten Fetischplätzen und heiligen Bergen weiße und braune, rote, schwarze und gelbe Menschen zu ihrem Gott beten und ihren Frieden, wie sie ihn wollten, erringen sehen. Nur an ihm selbst war der Friede stets vorbeigegangen. Er stand lockend, weit in der Ferne, wie jenes trügerische Spiegelbild der Dinge, jene Fata Morgana mit ihren verkehrt in der Luft schwimmenden Bäumen und Häusern, ihrem lockend zitternden Wasserspiegel, die er so oft, hoch wie auf einem Turm im schleudernden Sattel des Kamels kauernd, auf seinen Wüstenritten geschaut.

Der Frieden? Vor acht Tagen noch hatte er drüben in der Wüstenstadt in dem Brief an Angela über das Glück in Schlafrock und Pantoffeln gespottet, mit dem blonden Etwas am Kaffeetisch gegenüber, und einem anderen zappelnden Etwas am Boden und der guten Stube ringsherum. Auch jetzt noch mußte er lächeln, wenn er sich in solcher Lage dachte. Aber es war ein nachdenkliches Lächeln und etwas Hoffnung und Neugier darin.

Es mußte doch schön sein, von allen Fahrten und Stürmen im stillen Hafen auszuruhen, eine Freundin neben sich, die einen versteht und bewundert, ein kleiner, dankbarer Wirkungskreis in Haus und Hof, am Schreibtisch und im Familienraum, nachdem man mit den großen Taten abgeschlossen, ein friedliches Alter, dem sich in der lärmenden Kindheit neuer Generationen die eigene Jugend wieder erneut, ein stilles Lächeln am Schluß ...

Seltsam! Es war ihm bisher nie in den Sinn gekommen, daß er sein Leben bis zum vollgemessenen Ende ausleben könne! Wie seine Berufsgenossen, die anderen großen Reisenden, war auch er jeden Augenblick auf den Tod gefaßt. Es erschien ihm selbstverständlich, daß er einmal unversehens in der Vollkraft seiner Jahre hingerafft würde, sei es unter Fieberschauern und dem Geheul der herumhockenden Träger im afrikanischen Urwald oder im Donner der Lawinen, dem Chaos des Seesturms – vielleicht hinterrücks durch Mörderfaust, vielleicht durch eigene Hand, wenn kein anderer Rat mehr blieb – irgendwie waren schon die meisten hingegangen, die mit ihm kämpften und strebten.

Und nun öffnete es sich vor ihm plötzlich auf seiner unsteten Wanderschaft wie ein entlegenes, liebliches Seitental voll Sommerschweigen und Frieden, und eine freundliche, blonde Gestalt winkte ihm lachend: »Tritt bei uns ein! Hier findest du die Ruhe!«

Noch stand er draußen, wo der Sturm über die Heide pfiff. Noch hatte er die Wahl. Und es war ein eigenes Vergnügen, mit dem Gedanken an das Glück im Tale zu spielen, um ihn herumzugehen, ihn zu meiden und zu fliehen beinahe zu gleicher Zeit.

Wenn er ihn noch meiden konnte! Er fühlte mit einer Art Schrecken, wie etwas gebieterisch da drinnen nach Rast und Schonung drängte – ein Gebot der Natur, das stärker war als dies trotzige, ungeduldige Herz und es, wenn es dagegen pochte, mit hartem Griffe niederzwang.

Jetzt eben wieder! Er fühlte ein schmerzliches Stechen, der Atem stockte. Nur einen Augenblick – dann war es wieder vorbei, und er schaute, wie aus einem Traum auffahrend, in das Völkergemisch umher, das, wie die Bienen vor dem Stock, um den Eingang zum »Cercle des Etrangers« summte und schwärmte. Ein alter Franzose, der neben ihm auf der Bank saß, taxierte zu seinem Vergnügen die frohen oder enttäuschten Gesichter der Herauskommenden, und wie einzelne Tropfen fielen die Worte » gagné« – »perdu« – »perdu« – »gagné« voll schläfrigen Interesses von seinen Lippen. Und von drüben her schmeichelte sich immer noch das Lied von den drei kleinen Schulmädchen aus dem »Mikado« ins Ohr, die Rosen- und Veilchenbeete prangten und blühten in einem Rausch von Duft, das Mittelmeer leuchtete weithin an der von den Lichtpunkten der Villen und Dörfer besternten Küste in einem tiefen, satten Blau wie der wolkenlose Himmel darüber, und sein kühlender Seewind koste mit den Fiedern der Palmen, dem Schwarz der Lorbeerhaine und Zypressen, dem saftigen Hellgrün der englischen Rasenflächen, hinter denen sich palastartig die Hotels um das liebliche Raubnest scharten.

Aber seine Augen sahen die schmeichelnde Pracht ringsum nicht mehr. Sie blickten zurück, in einen regendrohenden, grauen Abend: zerrissene Felszacken rings um das einsame Hochtal und von ihnen herabfahrend heulende Sturmstöße über das zischelnde Zwergpalmengestrüpp, das Dickicht von stachligen Agavenhecken und schlanken Aloestauden am Weg. Und aus dem Dickicht war, wie von einem unsichtbaren Zügel des tückischen Zufalls geleitet, der Stier getreten und stärker gewesen als der Mensch. Der lag am Boden und das Pferd auf ihm.

Seit diesem Sturz war die Wandlung in seinem Wesen eingetreten, das Gefühl des Krankseins, das er sonst selbst bei heftigen Fieberschauern dank seiner sich aufbäumenden Lebensenergie nie eigentlich als etwas Überwindendes, ihn wehrlos Machendes so wie jetzt empfunden, und mit ihm der Drang nach Ruhe. Wohl hatte die erste Berührung mit der Kultur, Klaras aufmunternde Worte, der Verkehr mit Europäern, die veränderte Lebensweise, die Seeluft, anfangs auf ihn erfrischend und anregend gewirkt, so daß er das Abenteuer und seine Folgen ein paar Tage ganz vergaß.

Aber jetzt, wo er wieder allein war, wo der erste Reiz der wiedergewonnenen Zivilisation nachließ, jetzt meldeten sie sich wieder an und wurden von Tag zu Tag stärker. Zwar das Fieber hatte er, sowie er in der Apotheke frisches und gutes Chinin erhalten, sofort unterdrückt. Und kehrte es auch einmal wieder, so kannte er es ja seit vielen Jahren als seinen treuesten afrikanischen Begleiter und wußte: der war nicht mehr imstande, ihn zu erschüttern und sein eigentliches Wesen zu ändern.

Das kam von jenem bösen Abenteuer mit dem Stier, dieser plumpen Falle des Schicksals, das ihn aus so vielen wirklichen Gefahren errettet hatte, um ihn am letzten Tag einer zweijährigen Reise diesem hirnlosen Vieh auf die Hörner zu liefern.

Der Zorn übermannte ihn. Er stand auf und ging langsam die Promenade entlang. Es war kein Zweifel: er war krank. Und kranke Menschen fassen Entschlüsse, die sie vielleicht nachher bereuen! Diese Reise nach Genf, die über sein ganzes künftiges Leben entschied, die mußte bei kühlem, klarem Bewußtsein unternommen werden, in der vollen Sicherheit, daß ihn nicht eine vorübergehende trübe Anwandlung infolge von Körperleiden in den Hafen der Ehe und der Ruhe trieb.

Dieses Leiden mußte ja doch nun einmal auch wieder besser werden, und dann erst hatte er die völlig freie Wahl, ob er rechts oder links gehen sollte.

Ob er einen Arzt zu Rate zog? Sonst hielt er nicht viel von ihrer Kunst. Was hätten sie ihm auch im Herzen Afrikas helfen können, wo jeder sein eigener Doktor ist und sich mit Chinin und Selbstvertrauen kuriert? Aber jetzt kam ihm, während er, beinahe ohne es zu wissen, den Weg zum Bahnhof hinunterstieg, doch der Gedanke, auf diese Weise Sicherheit zu erlangen. Wozu sich unnütz quälen und eine Sache hinziehen? In Nizza gab es treffliche Ärzte aller Nationen. Zu dem besten von ihnen wollte er gehen und sich ein paar Tropfen oder so etwas verschreiben lassen. Dann war die Sache wohl bald abgetan, und er konnte über den ganzen kläglichen Zwischenfall und über die Beklemmung lachen, die sich ihm jetzt immer wieder um die Brust legte.

Eben, als er in den Bahnhof trat, fuhr einer der zahlreichen Züge nach Nizza ein. Er hatte gerade noch Zeit, das Billett zu nehmen und einzusteigen. Dann trug ihn die Bahn durch die Pracht südlicher Gärten hin längs des blauschimmernden Meeres nach der nahen Fremdenstadt.


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