Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

 << zurück weiter >> 

10.

Auf dem schräg abfallenden Außenmarkt von Tanger zwischen dem oberen Stadttor und dem hoch gelegenen Hotel herrschte jetzt im Abenddämmern das ganze Jahrmarktstreiben des Donnerstags. Die Feuerfresser und Zauberkünstler heulten, die dumpfe Pauke der Schlangenbändiger klang dazwischen, in dem elektrischen Licht, das von der deutschen Gesandtschaft her bis hinauf zu den letzten Häusern flammte, tanzten in einem Ring von Zuschauern die weißflatternden Mäntel der Schaukämpfer in tollen Sprüngen auf und nieder, knieten die Kamelkarawanen stumpfsinnig im Schlamm und schoben sich zwischen den zu Hunderten gefesselt dastehenden jungen Stieren die weißen, tiefverschleierten Gestalten der Araberinnen behende zu dem seitlichen Gewimmel des Fisch- und Gemüsemarktes.

Auch in dem burgartig hoch und frei gelegenen Hotel war ungewohnt geräuschvolles Leben. Cook und Sohn hielten ihren Einzug. In ganzen Haufen türmten sich, von den maurischen Lastträgern aus dem Hafen herbeigeschleppt, die Gepäckstücke mit den angehängten Pappnummern, suchend und spähend wandelte Albion in jeder Erscheinungsform zwischen ihnen auf und ab und an drei Orten zugleich, in sieben Sprachen mit aller Welt verhandelnd, waltete der Impresario, ein breitschultriger Italiener, seines Amtes.

Nur Deutsch verstand er nicht und entschlüpfte behend den Klagen eines älteren, hageren und straffen Herrn, dessen an sich schon rötliches Gesicht mit dem grauen Schnauzbart nun infolge des Zornes beinahe purpurfarben erschien. Da ihm der Leiter der Herde entgangen war, wandte er seinen vollen Grimm wieder dem ersten Opfer, einem maurischen Träger, zu.

»Du Jauner!« stöhnte er atemlos. »Kerl ... wo haste mein Jepäck? Der Teufel soll dich lotweise frikassieren, wenn du es nicht auf der Stelle beischaffst!«

Der Maure verstand kein Wort. Aber um sich der Situation gewachsen zu zeigen, raffte er seinen ganzen aus vier Worten bestehenden deutschen Sprachschatz zusammen.

»Gutten Tag, mein 'Err!« verkündete er verbindlich, und ein Lächeln erschien auf seinem schwermütigen Gesicht.

»Ich jlaube, der Kerl macht sich noch über mich lustig. Das ist ein jemeinjefährliches Individuum! Wo mein Jepäck ist, will ich wissen! Hast du's heraufjeschleppt oder ein anderer von euch Halunken?«

»Gutten Tag, mein 'Err!« bestätigte der Maure lächelnd.

»Mein Jepäck ...« Der alte Herr schnappte, kirschrot im Gesicht, nach Luft und wies auf die herumstehenden Koffer.

»Oh, Sir want luggage?« triumphierte der braune Geselle, der jetzt begriffen hatte. »Luggage is coming, Sir!«

»Ich verstehe kein Englisch, du Hundesohn!« Der zornige Tourist ließ die Augen im Kreise rollen. »Mein Jepäck will ich!«

»Yes, Sir! Luggage is coming just now from the port!«

»› Yes, Sir! Yes, Sir!‹ Was soll mir das? Verrückt werde ich noch in diesem Land!«

»Er sagt, daß Ihr Gepäck unterwegs ist, Herr Major!« tönte die tiefe Stimme einer die Terrasse heraufsteigenden schwarz gekleideten Dame, und zu dem Wirte gewendet, fuhr sie in fließendem Französisch fort: »Haben Sie Ihr Versprechen gehalten und Zimmer für mich und meine Schwestern reserviert? Ja! Nun, dann ist's ja gut! Einen Augenblick, Herr Major!« Sie verfiel wieder in Deutsch. »Ich will nur den Soldaten ihren Bakschisch geben!«

Sie winkte die beiden weißbärtigen Turbanträger heran und reichte jedem ein Fünfpesetastück. »Verdient habt ihr's eigentlich nicht!« erklärte sie dabei stirnrunzelnd in spanischer Sprache, welche die beiden alten Kerle einigermaßen radebrechten, und entließ die Stirn und Brust zum Dank berührende und ein »molto gracias« kauderwelschende bewaffnete Macht.

Der Major sah sie staunend und bewundernd an.

»Wieviel Sprachen verstehen Sie eigentlich?«

»Ach ... wenn man so viel in der Welt herumgekommen ist wie ich!« Die Gouvernante schüttelte ihm zum Willkommen die Hand. »Und wie ist es Ihnen ergangen seit San Sebastian?«

»Fragen Sie nicht!« Der grauköpfige Herr sank, nachdem er auch Klara und Hilda begrüßt, auf einen Koffer nieder. »Es ist furchtbar! Nie wieder! Solch eine Cooksche Rundreise sollte man als Strafverschärfung für Vatermörder einführen! Ich bin froh, wenn ich ohne einen Anfall von Tobsucht nach Deutschland zurückkomme!«

»Ja, warum brechen Sie denn die Reise nicht ab?«

»Ich hab' ja vorausbezahlt!« Er starrte vor sich hin, und der Zorn rötete wieder sein Gesicht. »Mein schönes Geld ... und wofür? Ebensogut könnte man von den Heringen Eintrittsgeld erheben, ehe man sie in die Tonne verpackt und auf die Eisenbahn gibt. So rolle ich seit vier Wochen durch die Länder. Kein Mensch, nein, ein Frachtstück, das beliebig oft ein- und ausgeladen wird, wie es dieser breitschulterige Lümmel da, der italienische Impresario, angibt. Der reine Rundreisekoffer! Ich wundere mich nicht, wenn sie mir an der Grenze den Leib aufknöpfen und meine Eingeweide durchsuchen. Und dieses Reisen in Spanien ... meine lieben, guten Fräulein ... Sie haben das nicht so durchgemacht ...«

»Wir waren auch in Granada, Cordova und ...« begann die Gouvernante. Aber der alte Herr war jetzt im Zug.

»Die Eisenbahnen!« wiederholte er, und ein wildes, bitteres Lächeln spielte unter seinem eisgrauen Schnauzbart. » Sie sind ja immer nur mit dem Expreßzug gefahren? Nicht wahr? Nun eben! Von dem Expreßzug kann man sagen wie der olle Galilei: ›Und er bewegt sich doch!‹ Langsam, aber sicher! Allerdings eingepfercht ... na, Sie wissen ja, was die Spanier alles an Handgepäck mitnehmen ... ich habe jeden Augenblick erwartet, daß sie auch noch einen lebenden Kampfstier, einen Palmbaum oder ein Pianino in dem Gepäcknetz verstauen ... Aber sonst alles ... alles, von der Sprungfedermatratze bis zur Schwiegermutter, vom Säugling bis zur Badewanne, alles muß mit auf die Reise!«

»Schließlich kommt man doch an!« sagte die Gouvernante.

»Mit dem Schnellzug, ja! Aber steigen Sie mal in den gewöhnlichen Zug. Sie sitzen und warten. Stunde um Stunde. Er geht nicht fort. Allenfalls zuweilen so ein schwaches krampfhaftes Zittern und ein heiserer Pfiff. Es wird Abend. Es wird Morgen, und wenn Sie zum Fenster hinaussehen, stehen noch dieselben Bettler und Krüppel und Gassenbengel draußen wie gestern, und Sie haben höchstens zwei, drei Schritte Terrain gewonnen und merken: das ist keine Eisenbahn, sondern ein Asyl für Obdachlose, die es sich da mit Kind und Kegel und allem Hausrat in den Kupees für den Sommer bequem machen!«

»Wenn das schon die gewöhnlichen Züge sind,« sagte die Gouvernante, »dann möchte ich wohl erst die gemischten sehen!«

»Die andalusischen Bummelzüge?« Der alte Herr schrie auf und zog die Augenbrauen hoch. »Die stehen allerdings nicht still. Sie gehen unaufhaltsam rückwärts, wie es ja gar nicht anders sein kann. Und was ist das erst gegen die Provinz Murcia? Dort sollen ganze Wagen voll Passagiere verkehren, die seit Jahrhunderten zu Mumien eingetrocknet sind. Ich würde mich nicht wundern, wenn dort noch die Mammuts zwischen den Schienen weiden und die Lokomotive vom Waldmenschen aus der Tertiärzeit gelenkt wird!«

Er brach erschöpft ab und trocknete sich die Stirne. Seine Freundin lächelte. »Sie sollten öfters drauflos wettern, Herr Major!« sagte sie. »Sie haben zuviel Galle in sich aufgesammelt!«

»Ich muß ja! Wenn kein Mensch da ist, der mich versteht! Die ganze Karawane besteht ja nur aus Engländern und Amerikanern! Fluche ich, so sagen diese fischblütigen Geschöpfe nur: › Oh indeed!‹ oder › Oh yes!‹ und bestellen sich einen neuen Whisky mit Soda. Oder haben Sie je gehört, daß ein Engländer einem Menschen widersprochen hätte? Nie! Sie sind stets derselben Meinung. Prüfen Sie irgend jemand aus dieser Herde hier! Nehmen Sie ihn beiseite und erzählen Sie ihm, die Sonne sei froschgrün und der Himmel krebsrot – was wird er antworten? › Oh yes!‹ – Ich schwör' es Ihnen!«

»Sie sollten lieber allein reisen!«

»Ja, das sagen Sie, Sie Weltumseglerin! Wenn Sie jetzt in China landen, sind Sie gleich zu Hause, fragen den nächsten Mandarinen auf mongolisch nach dem Weg und haben sich nach zwei Stunden in Peking so mollig eingerichtet wie in Ihrem Dresdener Stübchen. Aber ich? Mit meinem lahmen Bein? Und wo ich keine fremde Sprache kann – denn das Französisch, das ich vor vierzig Jahren im Kadettenkorps gelernt hab', das ist auch schon ein bißchen eingerostet. Und dann überhaupt: früher hat mir der Dienst nie Zeit gelassen, zu reisen, und jetzt, wo ich endlich das Ziel meiner Sehnsucht erreiche, jetzt ist mir das alles so ungewohnt. Ich fühle mich so einsam und verlassen. Es kommt mir alles so spanisch vor in Madrid und Kadiz und all den verwünschten Orten ...«

»Da bliebe ich eben an Ihrer Stelle zu Hause.«

»Zu Hause!« sagte der alte Herr traurig, »da ist's öde und leer. Sie wissen ja, meine gute Frau ist tot. Meine Töchter sind verheiratet, an Leutnants in Lothringen und Ostpreußen. Da kann ich auch nicht hin. Nein, glauben Sie mir: verwitwet und pensioniert in einem Jahr, das ist ein bißchen hart. Und ich hab' so 'ne Sehnsucht, die Welt zu sehen – schon seit meinen Fähnrichsjahren. Nur mal 'raus aus dem Kram, eh' man ganz grau und alt wird – das ist jetzt mein einziger Gedanke. Aber auf die Weise geht's nicht, mit dieser Hammelherde von Cook und Sohn und dem ewigen Kommando: 'rin in die Kirchen! 'raus aus den Kirchen! 'rin ins Museum und wieder 'raus und in die Eisenbahn! Nein. Ich müßte mit einem guten Freund in der Welt herumbummeln, so hübsch gemütlich und ohne Hast, mit einem gleichgestimmten Menschen, der das Reisen versteht und erfahrener ist als ich!«

»Das wäre freilich das beste!« sagte die Gouvernante knapp. »Übrigens, da kommen Ihre Koffer!«

»Meine Koffer erkennen Sie wieder?« Der Major erhob sich mühsam. »Das ist eigentlich höchst – höchst schmeichelhaft für mich!«

»Kaum! Die Koffer haben sich mir eingeprägt, weil ich auf der ganzen Welt noch nie so unpraktisches Gepäck gesehen habe!«

»Stimmt!« seufzte der alte Herr. »Stimmt auffallend. Übrigens ist die Hälfte schon weg. Verloren und gestohlen. Neu hinzugekommen ist nur eine Unmenge falsches Geld, das man mir gegeben hat. Wer mich nur sah, der griff in die Tasche und wurde seine bleiernen Pesetas los. Aber wenn ich sie jetzt weiter in Verkehr bringen will, dann beißen die Kerle hinein, merken, daß sie von Blei sind, und lachen mich aus! Nein – das ist schon eine trübe Reise!«

»Nun, vielleicht wird die nächste besser!« sagte die Gouvernante, und ein strenges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, wahrend sie mit dem alten Herrn die Flurtreppe hinaufstieg. »Komm mit, Hilda, nach unseren Zimmern sehen! Du bleib nur unten, Klara, du machst doch nur malerisches Durcheinander, statt uns zu helfen!«

*

Die blonde Malerin hatte den Zuruf der Ältesten kaum gehört. In Gedanken verloren saß sie da und schaute auf das Treiben des Außenmarktes zu ihren Füßen hinab. Immer noch klangen da die dumpfen Zimbeln des Schlangenbeschwörers, wie riesige weiße Kampfhähne schnellten und sprangen die Schaufechter durch die Luft, und schwer wandelnd zog in langer Reihe eine Kamelkarawane aus Fez heran. Aber allmählich verlor sich doch die Menge nach dem Brauch des Morgenlands, das mit den Hühnern schlafen geht und aufsteht. Unter und neben den flüchtig im Schlamme des Marktes aufgeschlagenen Zelten krochen friedlich Mensch und Tier zusammen, die gefesselten Stiere lagen wiederkäuend in langen Reihen, die Kamele bildeten ein abenteuerliches Klumpen- und Hügelgewirr auf der dunklen Erde. Die Nacht war da. Im Sternenfunkeln strahlte sie von dem reinen Himmel, und von der See her wehte ein kalter, würziger Hauch.

Ohne zu wissen warum, empfand Klara deutlich, daß sie nicht allein war. Sie fühlte, wer hinter ihr stand.

Und da hörte sie auch schon seine Stimme. »So einsam und in Gedanken?« fragte er. »Was ist Ihnen, Fräulein Klara?«

»Traurig bin ich!« sagte sie und drehte sich nach ihm um. »Traurig?« Er nahm neben ihr Platz. »Weshalb? Sie haben doch wirklich keinen Grund dazu! Ja – wenn ich das sagte ... Sie lachen ... aber mir ist's Ernst ... seit wenigen Tagen ... seit dem Abend, als wir uns neulich zum erstenmal in der Karawanserei gesehen haben.«

»Was ist Ihnen denn da passiert? Ein Fall mit dem Pferde! Das läßt sich doch schließlich verschmerzen.«

»Ein Fall aus allen Wolken ...«, sagte er neben ihr gleichgültigen Tons. »Aus all den Luftschlössern, die man sich so als einsamer Mann baut – fern in der Wüste, wenn nachts um einen alles still ist und man in seinen Mantel gewickelt daliegt und zum Sternenhimmel aufschaut. Dann denkt man sich: wann endlich fängt das eigentliche Leben an? Wann bekommst du das, was du so lange suchst? Nun – und sehen Sie, als ich da neulich von der Karawanserei in das Dunkel hinausritt und vor das Tor von Tetuan kam – da war ich plötzlich ganz ruhig und zufrieden – ganz überzeugt davon, daß ich am nächsten Morgen nur zuzugreifen brauchte, um reich zu werden und das zu haben, was ich wollte. Aber wie der nächste Morgen kam, war alles weg und verflogen wie ein Traum. Das war ein dummes Erwachen und war der Grund, daß Sie mich in solch einem trostlosen Zustand in Tetuan gefunden haben! Darum erzähle ich es Ihnen. Vielleicht halten Sie mich trotzdem für einen Schwächling ... oder gerade deswegen ... ich kann es nicht ändern ...«

Er brach ab. Auch Klara fand nicht gleich eine Erwiderung. »Ist sie dann ohne allen Abschied von Ihnen fort?« fragte sie endlich.

Er lachte. »Es ist nicht das erstemal! So war sie eines Morgens mit ihrer Dahabieh verschwunden, als wir zu den Nilkatarakten aufwärts fuhren, und ein andermal aus ihrem Hause in Petersburg, nachmittags, während die Schlitten zur Ausfahrt vor der Tür hielten. Damals war sie nach Paris gegangen, und ich habe sie dort im ›Grand Hotel‹ wiedergefunden. Aber gewöhnlich verlieren sich ihre Spuren in der weiten Welt.«

»Und dabei kennen Sie sie doch schon so lange?«

»Viele Jahre. Kurz vor dem Tode ihres Mannes haben wir uns zuerst auf dem Montblanc gesehen. Und nun lassen wir's! Sagen Sie mir lieber: warum sind Sie traurig?«

»Der alte Major tut mir leid. So sein ganzes Leben lang unter Menschen und in voller Tätigkeit und nun aus einmal verlassen und ohne Ziel und Zweck auf der Welt – das muß schrecklich sein!«

»Was geht aber das Schicksal des Majors Sie an?«

»Weil meines ungefähr ebenso ist ...« ihre Stimme klang gepreßt, »oder vielmehr so wird ... in nächster Zeit ...«

»Ihr Schicksal, Fräulein Klara?«

»Nun ja. Sehen Sie denn nicht, wie es zwischen meiner Schwester und dem Major steht? Die beiden treffen sich doch nicht durch Zufall hier, und ich gönne es ihr ja von Herzen. Aber wenn es dazu kommt, dann geht sie eben fort, und unser Nesthäkchen, die Kleine bringen wir schon vorher nach Genf, zu fremden Leuten; mit blutendem Herzen, aber es geht nicht anders: sie muß sich eben auf eigene Füße stellen. Nun, und dann bin ich eben ganz allein. Die ganze Zeit haben wir Schwestern so traulich miteinander gelebt und uns dazwischen mal gezankt und für die Kleine gesorgt und einander geholfen, so manche schwere Stunde zu tragen, denn allzu leicht haben wir's wahrhaftig nicht im Leben gehabt. Und trotzdem waren wir immer zufrieden. Aber wie das jetzt mit mir werden soll, wenn ich in Dresden auf einmal allein in unserer Wohnung stehe, und niemand um mich, und vor mir ein langer, kalter Winterabend – ich glaube, ich setze mich hin und fange einfach an zu weinen, obwohl das sonst gar nicht meine Art ist.«

»Ich bin die Einsamkeit gewohnt,« sagte die Stimme aus dem Schatten neben ihr, »aber allerdings die Einsamkeit der Wildnis. Die ist groß. Unter Menschen mag sie schwerer zu ertragen sein.«

»Ein Mann kann das überhaupt nicht verstehen. Der hat so vielfache Beziehungen zum Leben, seinen Beruf und ...«

»Und Ihre Kunst? Hebt die Sie nicht über alles andere hinweg?«

»Meine Kunst?« Sie lächelte schmerzlich. »Nun ja, meine Bilder sind ja ganz nett, und ich verkaufe sie, wenn ich Glück hab', zu leidlichen Preisen. Aber das Eigentliche, das Große ist das nicht. Das werde ich nicht erreichen und kann es nicht erreichen. Aus einem sehr einfachen Grunde: ich muß illustrieren und malen, um nicht Hunger zu leiden – und so, wie es der Geschmack des Publikums verlangt. Und der ist in Kunstsachen – ach, reden wir nicht drüber! Der Abend ist so schön.«

»Das hätte ich nie geglaubt, daß Sie so verbittert sind.«

Sie stützte den Blondkopf in die Hand und sah in die Ferne hinaus, wo in der Nacht Meer und Himmel in ein einziges Grau zusammenflossen. »Es tut schon weh, sein bißchen Talent so zu Markte zu tragen«, sagte sie langsam. »Und das schlimmste ist: man verliert dabei den Respekt vor sich selbst ... vor dem eigenen Können, mein' ich, indem man es erniedrigt. Aber anderseits muß ich doch froh sein, daß ich das bißchen Talent habe. Damals, als das große Unglück über uns kam, da war ich noch fast ein Backfisch mit meinen sechzehn Jahren und bildete mich halb aus Spielerei zur Malerin aus. Das ist mir nun zugute gekommen – mir und meinen Schwestern, in den elf langen Jahren, die seitdem verflossen sind. Hilda hat es eigentlich noch am besten getroffen. Sie war damals noch ein Kind und hat den Wandel vom Reichtum zur Armut durchgemacht, ohne etwas davon zu empfinden.«

»Also das war das große Unglück, das Sie traf?«

»Mein Vater machte Bankerott!« sagte sie traurig. »Und er starb in derselben Nacht. Mehr brauch' ich Ihnen wohl nicht zu erzählen. Er war schon Witwer, seit Jahren. Da standen wir nun, meine Schwestern und ich.«

»Da haben Sie wirklich viel durchgemacht!«

Sie schaute mit halb geschlossenen Augen vor sich hin. »Ach ... wenn's bloß das wäre!« sagte sie halblaut.

»Also noch mehr?«

»Genug!« Sie stand auf und lachte. »Sie sitzen da wie ein Beichtvater im Dunkeln und wollen mir alle Geheimnisse herauslocken!«

»Ich habe Ihnen ja vorhin auch gebeichtet ... und auch im Dunkeln.«

»Ja, das ist wahr. Aber von mir wird jetzt nicht mehr gesprochen!«

»Von mir auch nicht. Also von was?«

»Man braucht ja nicht immer zu reden!« sagte sie. »Man kann ja auch einfach dasitzen. Die Seeluft tut so wohl!«

Sie hatte sich wieder ihren Stuhl herangezogen. Es war still zwischen den beiden. Über ihnen glitzerte durch das im Nachtwind rauschende Laub der südliche Himmel, und als ein Hauch aus weiter Ferne umfächelte das Wehen des Ozeans ihre Wangen.

»Wer das jetzt malen könnte!« sagte sie nach einer Weile, scheinbar mehr zu sich als zu ihrem Freunde. »Der weiße Schimmer der Stadt da unten, die violette Nacht überm Meer und überall, im Vordergrund die schwarzen Umrisse der Bäume, und über dem Ganzen der große, kalte, weite Sternenhimmel ...«

»Malen Sie es doch!«

»Ich kann's nicht. Es wird nichts Rechtes draus. Nacht und Sonnenschein haben wir nicht auf der Palette.

Das muß von innen kommen. Vom Kopf durch die Hand!«

»Und in dem armen Blondkopf steckt's nicht drin?«

Sie lachte. »Da steckt überhaupt viel weniger darin, als Sie glauben!«

»Nun ... wenn Sie das so vergnügt sagen,« er rückte ihr etwas näher, »dann ist es eher ein Beweis für das Gegenteil!«

Sie wandte ihm ihr Gesicht zu, so daß er die blassen, hübschen Züge deutlich im Dämmerschein erkennen konnte.

»Was hilft es denn schließlich, traurig zu sein?« sagte sie. »Ich kann mir das große Talent nicht herbeizaubern! Und wenn ich's hätte, wer weiß, ob ich dann glücklicher wäre! Ich meine, es steckt in jedem Menschen, wie er auch ist, die Möglichkeit, glücklich zu sein. Das Schlimme ist nur: oft findet man den Weg nicht; man sieht vielleicht das Nächste nicht. Und dann hat man so dumme Stimmungen wie ich heute abend. Seien Sie nicht böse, daß ich Sie damit belästigt hab'. Und nun will ich gehen und Toilette machen. Es ist Zeit zum Diner! Zu Ihrem ersten europäischen Diner seit zwei Jahren. Das ist ein feierlicher Augenblick für Sie!«


 << zurück weiter >>