Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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21.

Der Lichtpunkt, der hoch von oben aus dem nächtigen Grauen der Schneefelder in das Tal hinableuchtete, war, in der Nähe gesehen, ein kleiner, knisternder und lodernder Scheiterhaufen unter einer überhängenden und auf der einen Seite wie ein Windmantel schirmend vorspringenden Felswand. Die vermummten Gestalten, die um die Feuerstätte kauerten, schauderten trotzdem alle Augenblicke vor Frost auf, wenn ein neugierig um die Ecke fahrender Windstoß mit seinem Eishauch die Flammenzungen platt zu Boden drückte und die Rauchfunken weit über den Gletscher hinstieben ließ. Sobald die Flamme sich wieder aufrichtete, warf sie einen halbkreisförmigen Glutschein hinaus in die Nacht. Sie übergoß mit ihrem Zitterlicht die fröstelnden Männer, denen der Reif in den Bärten hing und der Atem wie eine Wolke von den Lippen dampfte – daneben die mannigfache Ausrüstung einer verwegenen Hochtour, eine kleine Klappleiter, Schlafsäcke, Steigeisen, Laternen, Proviant und Seile in Menge, Wein in großen flachen, auf dem Rücken festzuschnallenden Blechscheiben, alles im Durcheinander des Biwaks – darüber die hellbestrahlte Felswand, an der sich die Umrisse der Firnwanderer in riesigen Schatten abzeichneten, und im Umkreis endlich, so weit der Brandschein reichte, die Spukgestalten der Gletscherwildnis.

Wie Vorposten des Todes standen reglos, weißleuchtend die abenteuerlichen Eiskegel da, einer den anderen überhöhend, bis ihr Gewimmel sich in der Nacht verlor, und glotzten in stummem Grimm auf die Eindringlinge herüber. Ihr erstarrender, aus unerforschten Schlünden atmender Frosthauch wehte um das lustige kleine Feuer, und wie ein warnendes Knurren lief zuweilen eine Luftwelle zwischen ihren Schlünden hin.

Eine Weile war dann wieder alles still. Nichts als die Takte des Yankee-doodle, die Franklin Moore leise vor sich hinpfiff, das gedankenvolle Räuspern eines Führers oder Trägers, das Summen des Schneewassers in dem über der Glut hängenden Kessel. Dann plötzlich ein wüster Lärm da draußen in der Nacht, ein Krachen und Klirren, ein lang hingezogenes Rollen, ein paar kurze, knallende Töne wie Flintenschüsse hinterher ...

Die Führer schauten sich ernst an und nickten, überzeugt, daß sie alle das gleiche dachten, stumm mit den Köpfen. Der kleine Amerikaner zog die Uhr heraus und gähnte. » I say!« sprach er zu dem hünenhaften Gesellen, der, den Rücken an die Felswand gepreßt, neben ihm saß und seine langen Beine bis beinahe in das Feuer geschoben hatte. »Die Lawine ist durch unser Couloir gegangen!«

»Durch das wir hinauf müssen?«

»Ich denke so! Es war Eis und Stein durcheinander.«

»Ja.«

Sie schwiegen wieder. Der Kraftmensch gähnte hinter der hohlen Riesenhand, und Franklin hüllte fröstelnd seinen mageren Leib, die Miniaturausgabe eines Athleten, fester in den Mantel.

Wieder polterte es oben dräuend in der Nacht.

»Wenn uns so was morgen faßt ...« Franklin Moore war nachdenklich geworden und holte sich aus der Innentasche seines Rockes ein Portefeuille heraus.

»Still, Franklin!« sagte der blonde Hüne phlegmatisch. »Was wissen Sie davon? In den Bergen sind Sie ein Kind!«

Franklin Moore hatte stirnrunzelnd und den Bleistift mit den Lippen feuchtend in seinem Notizbuch zu rechnen begonnen. »Hoho!« sprach er in Gedanken. »Ist die Traversierung des Matterhorns nichts? Ist der Monte Rosa nichts? Oder Jungfrau und Mönch an einem Tag und ...«

»Gott ja!« Der andere streckte gähnend die Beine. »Sie machen die Sachen ja! ... Aber als ein Dilettant! Als ein Mensch, der in Europa 'rumbummelt, weil in Transvaal eben nicht viel los ist und drüben in den Staaten Ihr geschätzter Vater alles selber besorgt. Sie machen eben die ›europäischen Einrichtungen‹, wie Sie das nennen, geduldig mit. Kommen Sie nach Bayreuth, so gehen Sie in die ›Götterdämmerung‹, kommen Sie nach Zermatt, so gehen Sie aufs Matterhorn, weil das so Mode ist ... Sie nehmen alles mit. Wenn es an irgendeinem Platz, wo Sie hinkommen, Brauch wäre, sich köpfen zu lassen, Sie täten vielleicht auch das!«

»Das könnte Ihnen wohl passen!« meinte der Yankee und zwinkerte mit den Augen.

»Ja«, sagte der Riese schlicht, und sein Gefährte wandte sich wieder dem Notizbuch zu.

»So!« sprach er befriedigt und klappte es zusammen. »Nun ist mein Konto in Ordnung, und mein Vater kann über meinen Anteil in Transvaal disponieren, wenn uns doch der Teufel holt. Hier in Nacht und Eis, wo uns wirklich nur noch Frithjof Nansen als dritter zum Skat fehlt.«

»Arbeiten Sie denn mit Ihrem Vater zusammen?«

» Oh no, Sir! Der würde mich schön übers Ohr hauen, wie alle seine Kompagnons! Ob Sie mir's glauben oder nicht – aber er ist ein ganz aufgeweckter alter Herr!«

»Wenn ich Sie anseh', glaub' ich's!« gähnte der Riese. »Ich wollte, es wäre morgen früh und wir wären auf dem Gipfel!«

»Wenn wir überhaupt hinaufkommen!«

»Um acht Uhr dreißig sind wir oben, um acht Uhr vierzig beginnen wir den Abstieg, um halb elf sind wir in der Hütte Pierre-Pointue, treffen Angela ...«

»Hoffentlich!«

»Sicher ist sie bis dahin schon hinaufgeritten. Dort rasten wir bis gegen Abend, bummeln dann im Mondschein die paar Stunden den Gletscher hinauf bis zu den Grands Mulets, wo unsere Wettgegner vom Londoner »Alpine Club« jedenfalls schon alle sitzen, legen uns ein bißchen aufs Ohr, brechen um Mitternacht auf ...«

» ... und sind neun Uhr einundzwanzig Minuten dreiachtel Sekunden auf dem Gipfel des Montblanc!« ergänzte der Kleine mit mephistophelischem Lächeln.

»Etwas später.« Der Genosse furchte die Stirn. »Weil wir Angela zwischen uns am Seil haben. Das hält auf. Aber es bringt, wie ich neulich schon in Afrika sagte, etwas Ästhetisches in das Ganze ... Es ist eine feine Lektion für die Londoner, daß wir auch noch eine Dame mitnehmen!«

»Sagen Sie mal!« Der Yankee blickte sinnend vor sich hin. »Wollen Sie Angela immer noch heiraten?«

»Sie auch?«

»Ja.«

Sie schwiegen beide und starrten in die Flammen.

»Huhu!« Der kleine Athlet zuckte die Achseln. »Es wird kalt, sehr kalt! Wenn uns nur die Träger nicht unsern Wein wegtrinken!«

»Dann werfe ich die Teufel in die nächste Gletscherspalte«, brummte der finstere Hüne. »Ich glaube, hier oben darf man das! Und nun wollen wir in die Nester kriechen!«

*

Einige Stunden waren verstrichen, da wurde es den langen Gliedern des Prinzen ganz unerträglich in dem engen Schlafsack. Von unten drückte das Steinwerk durch Pelz und Stroh blaue Flecke in die Haut, von oben lastete die Wucht der Hülle, die Luft innen war heiß und verdorben, man fror und schwitzte beinahe zu gleicher Zeit in dem stockdunklen Gefängnis, in das von außen nur das Schnarchen der Führer und von ferne zuweilen der scharfe Knall, das sprungweise Rumpeln und ersterbende Rollen des Steinschlags tönte.

»Gerade als ob man schon im Grabe läge!« brummte der Insasse und horchte erstaunt auf. Er hörte dicht über sich taktmäßiges Händeklatschen, seltsame Sprünge und einen englischen Fluch. Dann stieß ein Nagelschuh gegen seine Rippen und zog sich sofort wieder zurück.

»Pardon!« rief von oben eine frostzitternde Stimme.

»Passen Sie doch auf!« knurrte der andere und kroch hinaus. Eine Art Schrecken erfaßte ihn. Es war da draußen so dunkel wie im Schlafsack. Nicht die Hand vor den Augen zu sehen. Kein Stern am Himmel. Ringsum undurchdringliche schweigende Nacht.

»Was ist denn los?« fragte er verblüfft.

»Der Mond hat das Spiel satt!« hörte er neben sich Franklin Moores Stimme. »Er läßt schön grüßen und ist nach Hause gegangen!«

»Und das Feuer?«

»Hat ein Windstoß ausgelöscht.«

»Zum Henker, warum zünden's denn die Führer nicht wieder an?«

»Es geht nicht. Es ist zu feucht geworden. Alles ringsum ist wie aus dem Wasser gezogen. Ich schätze, wir stecken mitten im Nebel ...«

»Das wäre ...« Der andere unterdrückte einen Fluch und fuhr, die Handschuhe abstreifend, in die Tasche. »Ich werd' mal ein Magnesiumlicht anzünden!«

Das Licht flammte in grünem Sonnenglanz auf, aber schon auf wenige Schritte verlor sich sein Schein in der grauen, zäh wie Dampf dünstenden Luft. Kaum daß man die aufrechtstehenden, vermummten Gestalten der Führer zwischen dem Wirrwarr des Biwaks erkennen konnte und dahinter die düster glotzenden Eisfratzen der Wildnis, die stumm und böse wie ein weißes Gespensterheer im Umkreis Wache hielten.

Den rasch in der Kälte erstarrenden Fingern entfiel die Flamme. Eine Weile glomm sie noch am Boden und warf die abenteuerlich verzerrten Schatten der Männer auf das grünlich widerspiegelnde Eis. Dann verlosch sie. Wieder war die Nacht da, pechschwarz, dick, wie mit Fingern zu greifen. Und mit der Nacht umhüllte der Frost die schaudernden, sich in die Hände schlagenden und von einem Fuß auf den anderen tretenden Männer.

Franklin Moore machte in dem Dunkel ein paar elastische Schlußsprünge auf der Stelle. »Ich hab' es mir vorhin ausgerechnet!« sprach er dann wehmütig. »Ich habe genug Geld, um mir fünftausend schöne warme Bettstellen mit allem Zubehör zu kaufen. Statt dessen hüpfe ich wie ein Narr um Mitternacht in diesem Eiskeller herum. Der Teufel hole die europäischen Einrichtungen!«

»Ich hab' ein Schloß!« sagte der andere mißmutig. »In dem stehen dreißig Gastbetten! Warum lieg' ich Esel nicht in einem davon, statt hier zu tanzen und zu springen?«

*

Das Morgengrauen war da, eiskalt und trübe im Brauen des Nebels, der alles umflutete. Grämlich standen in seinem Geriesel die nächsten Gletscherzacken. Weiterhin war nichts mehr zu sehen als der weiße Rauch. Kein Lüftchen regte sich. Tiefe Stille lag über dem ganzen Firnkessel, während die Luft sich mehr und mehr erhellte.

Die Führer hatten über einer Spiritusflamme aus Schneewasser einen dünnen heißen Kaffee bereitet und sich mit Brot und Speck gestärkt. Jetzt warteten sie schweigend, was ihre Herren beschließen würden.

»Vorwärts!« sagte der Prinz ziemlich apathisch, und die vier Führer kauerten, ohne weiteren Wortwechsel, am Boden nieder und packten die Seile, Steigeisen, Laternen, Wein und Fleisch und den übrigen Gletscherbedarf zusammen. Was sonst da noch in Unordnung auf der Felsplatte herumlag, sollten die durch die Höhennacht völlig verblödeten und verängstigten Träger wieder mit sich nach Chamonix zurücknehmen.

Der Abschied war nicht gerade herzlich. Die verdrossene Beklommenheit, die eine gefährliche Hochtour einleitet, lastete auf der kleinen Schar. Man trennte sich mit kurzem Kopfnicken der Herren und stummem Hütelüften der Leute.

Ein kurzer Marsch, eintönig in dem Schlürfen der Bergschuhe, dem taktmäßigen Aufstoßen der Pickel, ab und zu dem Kollern eines losgelösten Steins – dann standen sie vor dem Aufstieg in die Eisrinne, einer halbkreisförmigen, von hohen Wänden umschlossenen Mulde. Ihr ganzer Boden bestand aus einem losen, jetzt an der Oberfläche erstarrten Schneehaufen, der sich zu dem Couloir hin wölbte. Vereinzelte Steine lagen auf ihm, und zahlreicher noch steckten festgefrorene Eisblöcke und -klumpen jeder Größe in der körnigen, weißen Hügelmasse.

»Das alles kommt nun in ein paar Stunden von da oben 'runter!« Der Yankee wandte sich zu seinem Gefährten zurück. »Nette Gegend! Hier möcht' ich 'mal ein Nachmittagsschläfchen in der Sonne halten! Sehen Sie nur diesen riesigen Eiswürfel vor uns am Eingang ins Couloir! Ein Vorposten von dem Gletscher hoch oben! Das Biest kauert wie ein Eisbär im Nebel!«

Der Hüne schob sich an ihm vorbei, übellaunig und mit gelbem Gesicht. »Lassen Sie uns vorbei!« sprach er heiser. »Mein Berner Führer und ich gehen voraus und hauen die Stufen!«

Der junge schmächtige Berner Oberländer schlug mit unheimlicher Behendigkeit Kerben in das glasharte Eis. Fünfzig, sechzig mit voller Wucht geführte Schläge waren nötig, um nur einen schmalen Tritt herzustellen. Aber seine Arme, dünn und zäh wie Eisendraht, schienen die Mühe gar nicht zu empfinden. Sie hoben und senkten sich ohne Pause und stetig, schrittweise rückten hinter ihm die anderen auf. Es ging verhältnismäßig rasch vorwärts. Schon sahen sie den großen Schneehaufen am Ende der Rinne nicht mehr, sondern nur noch Nebel unter sich und neben sich die zerklüftete Felswand, in deren Spalten sich die schräg gehaltenen Äxte feststemmten, während die Füße unbeweglich in den Stufen standen. Dann ein leichter Ruck am Seil, ein vorsichtiger Schritt in die nächsthöhere Kerbe und wieder ein langer Halt, in den von oben das Klirren und Splittern der Eisarbeit tönte.

Da plötzlich pfiff einer leise durch die Zähne. Nun wurde es Ernst! Die bisher mäßig abfallende Eisrinne, in der sie emporklommen, bäumte sich jetzt auf einmal jäh vor ihnen auf und stürzte in fürchterlicher Steilheit, beinahe senkrecht, von oben aus dem Nebel herab. Daß der Nebel jeden Ausblick hinderte, daß man nicht erkennen konnte, wie lange diese bösartige Stelle dauerte, erhöhte das Unheimliche des Eindrucks. »Wer da den Halt verliert, dem gnade Gott!« Ein jeder schämte sich, das vor den anderen auszusprechen, und fühlte es doch in seinem Herzen.

Sie standen beinahe übereinander in den Fugen des Berges, wie eine schwarze Riesenraupe, die, sich ruckweise zusammenziehend und streckend, an einer Wand in die Höhe kriecht. Keiner redete ein Wort. Sie atmeten schwer, mit gleichgültigem Gesichtsausdruck, als Männer, die sich vor ihresgleichen zu beherrschen wissen.

Einmal mußte ja doch diese entsetzliche Leiter, auf der sie in die Nebelwelt hinaufstiegen, wieder in eine sanftere Krümmung übergehen. Aber es hatte nicht den Anschein. Im Gegenteil, je höher sie kamen, desto jäher schien der Abfall der Rinne. Und zugleich schoben sich die Felsen von beiden Seiten heran, so daß der Eisriß schließlich kaum mehr als drei oder vier Fuß breit war, in dem sie, frei in der Luft auf den Stufen fußend, zwischen den senkrecht abfallenden Wänden staken.

»Hallo, Prinz!« tönte es von unten.

Der Prinz drehte den Kopf nicht nach rückwärts. Er hätte den kleinen Amerikaner tief unter sich ja doch nicht gesehen. »Was ist denn los?« fragte er stumpfsinnig vor sich hin.

»Es ist halb sieben! In einer Stunde fallen die ersten Steine! Wir müssen vorwärts um jeden Preis!«

»Eilen Sie sich, Joseph!« sagte der Prinz zu dem hageren jungen Steinschläger. »Sonst fängt uns die Eislawine.«

Der Berner drehte sich um. Sein sommersprossiges Gesicht schimmerte feucht von der Anstrengung. Es hatte seinen gewohnten nichtssagenden Ausdruck. »Schneller geht's nicht!« sprach er kurz. »Das Eis ist hart!«

»Na, dann wird uns wohl der Teufel holen!«

Der schmächtige Geselle lachte beinahe mitleidig. Er schien sich in dieser beklommenen Lage hier oben so wohl zu fühlen wie zwischen seinen vier Wänden. »Da wär' ich der Rechte!« sagte er. »Bin ich der Joseph oder nicht? In drei Viertelstunden sind wir draußen!«

»Wahrhaftig?«

»Ich hab's doch gestern geschätzt. Vierhundert Stufen sind's. Dreihundert hab' ich jetzt geschlagen!«

Noch war es totenstill in den Kaminen und Schründen. Die tückischen Kobolde der Hochwelt, die Steine und Eisbrocken schliefen noch, als Spätaufsteher, die erst, wenn die Sonne schon hoch im Osten emporgestiegen ist, sich zu den todbringenden Sprüngen ins Tal rüsten. Die Steilheit des allmählich wieder breiter werdenden und an einzelnen Stellen von Felszacken durchbrochenen Couloirs blieb sich freilich immer gleich. Aber der Nebel änderte sein Aussehen. Er war nicht mehr gleichförmig grau, sondern bildete feine, weißliche Flocken, und dahinter leuchtete es goldig, in einem märchenhaften Schein.

»Juhu!« Der Gletschermann aus Grindelwald durchbrach plötzlich das Schweigen mit einem Jodler, daß die unter ihm erschrocken zusammenfuhren.

»Was gibt's denn?« erkundigte sich aus der Tiefe der Eisschlucht der Yankee.

»Hol' der Herr seine Brille raus: die Sonne gibt's! Und gleich da oben ist der Gletscher!«

Mann für Mann tauchte die ruckweise ansteigende Kette aus dem Nebelmeer in helles Licht und blauen Himmel hinauf. Hart über ihren Köpfen blinkte der hoch gewölbte, von bläulichen Spalten durchsetzte Eiswall der Gletscherzunge. Die Rettung war nahe, aber die Gefahr größer als je. Stumm wie Soldaten in der Schlacht, die jeden Augenblick ein Geschoß treffen kann, standen sie unter dem Firnstrom. Und auf ihm lagen die mählich in der Sonne rutschenden Schneemassen, die im tauenden Eiswasser langsam abwärts gleitenden Steine. Was sich dort oben löste, riß sie im Bogen mit in den Abgrund ... In dem wurde es allmählich licht. Die Nebelschwaden zerrissen, und plötzlich leuchtete ganz unten, in schwindelnder Tiefe, ein kleiner grüner Fleck auf. Er vergrößerte sich rasch, winzige Sennhütten zeigten sich auf dem immer weiter werdenden Wiesenplan, und endlich lag das Arvetal mit seinen blühenden Matten und dem niedlichen, wie ein Spielzeug aus der Schachtel gepackten Städtchen Chamonix frei vor ihren Augen.

»Schade, daß wir sie nicht mit hier oben haben!« sagte der Amerikaner.

»Angela?«

»Ja. Das wäre mir eine angenehmere Gesellschaft als Sie!«

»Mir auch. Aber in ein paar Stunden treffen wir uns ja und gehen zusammen auf den Montblanc!«

»Aber Sie sind immer dabei! Das stört mich!«

»Mich auch! Daß Sie da sind!«

Der Riese lachte. »Ich bin zu faul, Franklin!« sagte er. »Schauen Sie doch mal nach, ob noch nichts von der Höhe kommt!«

»Leider nein!«

»Leider?«

»Ja, wenn Sie's träfe!«

»Na ... wenn Sie so sind,« der Riese war entrüstet, »dann wünsch' ich Ihnen auch ein Eisstück an den Kopf.«

Dabei wiegte er den linken Arm hin und her. »Soll ich Ihnen einen Schubs geben, Franklin?« fragte er tückisch lächelnd. »Tun Sie's! Ich denunziere Sie noch im Herunterfliegen dem Friedensrichter. Die Führer sind meine Zeugen!«

Die Führer hatten nicht auf das Gespräch geachtet. Starr wie Steinsäulen in den Tritten stehend, folgten sie mit den Augen der Arbeit ihres schmächtigen deutschen Genossen. Jetzt schlug er die letzte Stufe, jetzt schwang er sich über den Rand auf die Oberfläche des Gletschers, und aufatmend tönte sein Hallo herüber.

Nun ging es rasch. Einer nach dem andern stieg lachend herauf. Es war ihnen allen merklich leichter um die Brust, als sie im Halbkreis auf dem Gletscher saßen, der, immer noch steil genug und listig mit Schnee bedeckt, sich vor ihnen auftürmte. Das gab noch harte Arbeit und ebenso das Klettern über den nadelscharf aus den Firnschründen aufschießenden Felsgrat, der zur Spitze führte. Aber das Schlimmste war doch überstanden, der Lawinenschlag, der den Tollkühnen wie den Schwächling gleichmäßig in die Tiefe reißt.

Während sie im Schnee kauernd frühstückten, deutete der deutsche Führer Joseph, mit beiden Backen kauend, auf den Gletscherhang. Ein zerfressener Eisblock, in dem ein Haufen Steine von allen Größen feststak, löste sich da im Sonnenschein ganz still und lautlos von seiner Unterlage ab und glitt gemächlich, schneckengleich, über den Rand. Im nächsten Augenblick krachte er unten auf, ein Sausen und Poltern, das sich allmählich verlor, begleitete die pfeilschnelle Fahrt des Eis- und Steinhagels auf der Rutschbahn des Couloirs hinab in die Mulde.

Franklin Moore zog die Stirne kraus und sah auf die Uhr. »Acht Uhr zwölf Minuten!« verkündete er. »Die Steine sind unpünktlich. Jetzt geht die Geschichte aber los.« Die Männer hatten sich ernst angesehen. »Wenn wir jetzt noch darin wären ...«, sagte ein französischer Führer und strich nachdenklich seine Bartkoteletten.

»Man ist eben nicht mehr drin!« erwiderte Franklin kaltblütig. »Was, Prinz ... das ist die Hauptsache im Leben ... sich nicht erwischen lassen?«

»Ja«, sagte der Recke, und beide lächelten sich feindlich an.

»Dann auf!« Der Amerikaner sprang elastisch empor, » En avant, mes brave! en route au sommet!«

» Au sommet!« wiederholte die dumpfe Bärenstimme eines welschen Gletschermannes, und die Führer rüsteten, einander stumme Blicke des Nationalitätenhasses zuwerfend, alles zum Weitermarsch.


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