Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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1.

Vorwärts – vorwärts! Unter den Hufen gleitet der Boden mit seinem zischelnden Zwergpalmengestrüpp und den weißblumigen Dornenhecken im Fluge dahin, vor den Augen tanzen Turbane und Flintenläufe, flatternde Mäntel und bezopfte Kabylenschädel, um die Ohren brandet in Sturmstößen der Höhenwind Marokkos, wie er von den wildgezackten, wolkenumzogenen Bergklippen des Kleinen Atlas hernieder in die Täler fährt.

Vorwärts im grauen Abenddämmern auf schaukelndem Sattel, unter sich die unermüdlich galoppierende weiße Berberstute, hinter sich die kleine Karawane mit ihrem Rossegetrampel und Maultiergeschnarch und dem stöhnenden »Ärra – ärra! rrrschât!« der treibenden Knechte, und da vorne die weite Welt ...

»Ärra! – ärra!« Hinten klatscht es von Peitschenhieben. Die Galoppsprünge werden länger, schneidender pfeift der Abendhauch um die Ohren. Unter den Hufen fliegt der Boden, am Himmel fliegen die Wolken, rechts und links zieht einsam, gestrüppbewachsen, nebelumsponnen die Bergwüste wie ein Wandelbild dahin. So gleiten Tag und Stunde dem unbekannten Ende zu, so das Leben, die Welt, wir selbst. Schließlich ist alles nur ein Traum. Der eine träumt ihn so, der andere anders. Und hier ist's eben ein Flug über die weite Erde, im schaukelnden Sattel, vom Wind umpfiffen, hinein in die Nacht und rätselhaftes Sternenglitzern über zerrissenen Höhen – weiter, immer weiter, durch alle Winkel des Erdballs, durch das Brausen des Eismeers und die Glut der Tropen, vom ewigen Schnee zum Sand der Sahara – bis endlich da irgendwo aus der Nacht heraus die große Schattenhand nach dem rastlosen Wanderer langt und ihn hinüberrafft in jenes unbekannte Land ...

»Achtung, Herr!« schrie von hinten mit gellender Stimme der maurische Diener und riß, sich im Sattel zurückwerfend, sein Pferd in die Höhe. Die Berberknechte taten ebenso. Aufgeregt prustend, mit gespitzten Ohren drehten sich die Gäule in einem Wirbel umeinander und starrten aus ihren großen, feurigen Augen auf die schwarze Masse, die, schwerfällig den Berg niedertrollend, sich der Wildnis der Agavenhecken und des Zwergpalmengebüschs entwand.

Der Stier, der da zum Vorschein kam, war nicht weniger erschrocken. Er hatte friedlich gegen Abend zur Tränke ziehen wollen, jenem Abhang zu, an dessen Rand der Reitpfad sich hinzog, und sah sich nun unvermutet einem ganzen Schwarm von Feinden gegenüber. Fliehen war die Sache des stämmigen Gesellen nicht. War er, der nirgends Händel suchte, nun einmal in das Abenteuer geraten, so mußte es auch ausgefochten werden. So stand der Bulle denn kampflustig da. Aus dem tiefgesenkten Haupt glühten, mißtrauisch hin und her rollend, die Augen, der linke Vorderhuf scharrte den Boden, und ein langes Zorngebrüll stieg aus seiner Brust.

Die Berber und der Maure waren zur Seite geritten. Sie riefen und winkten ihrem Herrn zu. Man müsse umkehren! Ein paar hundert Schritte zurück, dann über den Fluß und auf der anderen Seite weiter. Hier gehe es nicht! Wenn einer der sonst friedlichen Stiere einmal erschrocken sei, lasse er niemand vorbei! » Seeing horses and mules it is afraid!« radebrechte der maurische Diener, und die Berber wiesen, in rauhen Kehltönen gurgelnd, mit den langen Entenflinten nach rückwärts.

»Unsinn!« sagte der Fremde auf arabisch kurz und ohne sich nach seinem Diener umzudrehen. »Ich gehe nicht zurück! Ich muß nach Tetuan!«

Jussuf, der Maure, machte eine Gebärde der Ratlosigkeit zu den halbnackt auf ihren Pferden und Maultieren kauernden Berberknechten. Seit acht Tagen – seit sie an einem heißen Tage des Jahres 1897 von Fez aufgebrochen – begleitete er den Herrn und hatte schon lange bemerkt, daß das keiner der üblichen englischen Gentlemen war, die, die Stummelpfeife im Mund, ein wenig in Marokko kreuz und quer zu reiten lieben. Nein, das war kein Brite, sondern ein »Pruß«, ein Deutscher. Und er kam nicht, wie alle Welt, von Tanger her, mit dem Dampfboot aus Gibraltar, sondern aus dem Süden, weit, weit aus entlegenen Ländern jenseit des großen Sandes, hinter dem in Wäldern das schwarze Volk wohnt, das keine Pferde reitet und nichts von Allah weiß. Dieser Gentleman war etwas Besonderes. Es war nicht möglich, ihn, wie andere Reisende, zu beeinflussen. Wenn er sich im Sattel aufrichtete und über die Ohren seines Pferdes hinweg in die Ferne schaute, als ob er da allerhand unsichtbare Wunder entdecken wollte – dann war gegen sein gleichgültiges und kurzes »Vorwärts!« ebensoviel auszurichten als mit Koransprüchen gegen den Stier, der zornmütig des Angriffs harrend am Wege stand.

Der Stier war dumm. Der Fremde aber hatte das Fieber, und das war beinahe noch schlimmer! Sonst wäre er wohl der unvernünftigen Kreatur ausgewichen. Jetzt aber siedete das Blut in seinen Adern und zudem hatte er – Jussuf wußte es wohl – um sich im Sattel zu halten und um jeden Preis heute noch nach Tetuan zu kommen, seine halbe Flasche voll Feuerwasser – Allah schütze jeden Rechtgläubigen vor diesem Teufelstrank! – im Laufe des Tages ausgetrunken.

Jussuf zuckte die Achseln. Schon die Marokkaner, mit denen der Preuße von Süden her, aus Marrakesch, gezogen war, hatten ihm berichtet, daß jener dort schwerkrank angekommen und vorher, in dem großen Sande, fast dem Fieber erlegen sei. Denn dort drüben – jenseit der Sahara, wo die Wälder sind und das schwarze Volk wohnt, dort stieg ja aus dem Sumpf das Fieber und warf die weißen Männer nieder, die da Elfenbein suchten, und die braunen Moslems, die Sklaven jagten, und die seltsamen Menschen nicht minder, die keines von beiden taten, sondern ohne Ziel und Zweck, mit allerhand Zauberinstrumenten versehen, durch die Wildnis reisten und nicht müde wurden, zu fragen, wo dieser Fluß hinfließe und wie hoch jener Berg sei und was der unnützen Dinge mehr waren.

Jussuf machte noch einen Versuch. »Wir müssen umkehren, Herr«, sagte er in schmeichelndem Ton auf arabisch, und um seine Lippen spielte ein unterwürfiges Lächeln.

Der Fremde sah ihn an und lächelte ebenfalls unter dem dunkeln, langen Schnurrbart. Aber in seinen Augen war etwas, wovor Jussuf Angst bekam: etwas Stählernes, Unzähmbares, wogegen es gar keinen Widerspruch gab.

»Umkehren?« fragte, ebenfalls auf arabisch, der Forschungsreisende verwundert und brannte sich, die Zügel mit der Linken lüftend, eine Zigarette an. »Du weißt doch, Jussuf, ich muß auf dem nächsten Weg nach Tetuan!«

»Aber wie sollen wir an dem Stier vorbei?«

»So!«

Der Fremde gab seiner Berberstute die Sporen und drängte sie, im Schritt, um den Bullen nicht zu erschrecken, nach vorn. Hinter sich hörte er die Rufe seiner Begleiter.

»Gehe zurück, Herr!« schrie der Maure. »Gehe zurück! Du wirst umkommen!«

»Da müßte ich schon lange beim Teufel sein!« sagte der Reisende trocken und klemmte die Zigarette zwischen die Zähne. »Sieh doch, das Vieh ist ja viel zu verblüfft, um etwas zu unternehmen!«

In der Tat – der Stier stand unschlüssig da. Dicht vor dem Fuß des Vorbeireitenden pendelte sein mächtiges, horngekröntes Haupt brüllend hin und her, der Fuß scharrte, und in den Augen leuchtete immer tückischer der böse Glanz.

Und plötzlich schien es, als werfe eine Gewalt von außen die ganze schwere Masse mit einem Ruck nach vorn. In der Eingebung des Augenblicks hatte sich der Bulle zum Angriff entschlossen. Viel rascher, als die ungeschlachte Gestalt ahnen ließ, schoß er, mit dem Kopf fast den Boden streifend, auf den Feind los und hob, von unten her ausholend. Roß und Reiter mit aller Kraft seiner zottigen Wamme auf die Hörner.

Roß und Reiter überschlugen sich in dem furchtbaren und unvermuteten Anprall. Der Fremde hatte eben noch, als der Zusammenstoß erfolgte, sein Bein über den Sattel zurückgeschwungen, bereit, sich an der anderen Seite niederfallen zu lassen. Aber es war zu spät. Das Pferd, das einen Augenblick vollständig frei auf dem Nacken des Stieres schwebte, glitt gleichzeitig von den Hörnern herab, überschlug sich und begrub seinen lang hinstürzenden Herrn unter seiner Last.

Nur eine Sekunde lag es über seiner Brust, dann sprang es, wie von einer Feder geschnellt, mit allen vier Beinen in die Höhe und blieb mit gespitzten Ohren und am ganzen Leibe zitternd, sonst aber reglos stehen. Als habe man ein Rotweinfaß eingeschlagen, so rauschte aus seinem rechten Schulterblatt in einem armdicken Strahl das Blut und mit ihm das Leben. Das Zittern ging in einen Krampf über, und plötzlich fiel das edle Geschöpf zum zweitenmal um. Ein kurzes Zucken des Hinterbeins, dann war es tot.

Der Stier hatte sich das mißtrauisch angesehen.

Hörner, Stirne und Wamme dampften ihm scharlachrot überzogen in der kühlen Abendluft, und bei seinem stoßweisen Gebrüll rauchte der heiße Atem vor den Nüstern. Nun war der Feind tot – das vierbeinige, weiße Wesen da, das sich ihm sicherlich in böser Absicht genähert hatte! Um den Menschen, der darauf gesessen und nun reglos zwischen den Steinen lag, kümmerte sich der Bulle nicht. Für ihn war das Abenteuer erledigt. Wie von einer plötzlichen Angst ergriffen, setzte er sich in Trab, den Hang abwärts. Das Gebüsch krachte unter seinem schweren Trott, in den fleischigen Agavenstauden tauchte noch einmal der schwarze, hornüberwölbte Schädel empor, ein langgezogenes Abschiedsgebrüll, dann wurde es still.

*

Alles still bis auf das Wehen des Bergwindes und das leise Rauschen des Gestrüpps. Auf den klassisch schönen, düster geschnittenen Gesichtern der Mauren und Berber lag sprachloser Schrecken, und ihre großen sanften Augen spähten angstvoll nach der Stelle, wo der Fremde lag. War der jetzt tot, so ging der ganze Lohn für den Ritt von Fez bis zur Küste mit Ausnahme des Vorschusses verloren, und auch Uhr, Geld und Waffen, die man jedenfalls gleich stehlen mußte, waren nur mit Mühe und Gefahr an der Küste in spanisches oder maurisches Geld umzusetzen.

Aber da bewegte sich der Verunglückte schon. Jussuf kniete neben ihm nieder und stützte ihn.

»Hast du Schmerzen, Herr?«

Es schien, als ob der andere nicht antworten könne. Er biß die Zähne zusammen und lag still.

»Verflucht!« sagte er dann plötzlich, sich aufrichtend. »Ich hatte eben solch ein Stechen in der Herzgegend. Der Gaul ist mir gerade darauf gefallen. Ein Stechen, das mir ganz den Atem benommen hat. Ich konnt' gar nicht sprechen!«

Jussuf knöpfte ihn auf und entblößte die linke Brustseite. Aber da war nichts zu sehen.

»Um so besser!« Der Forscher hatte seine gewöhnliche Stimme wiedergewonnen und begann der Reihe nach jedes Glied zu befühlen und zu bewegen. »Gebrochen ist nichts! Bloß dies verwünschte Stechen. Sieh nach, Jussuf, ob du nirgends Blut findest!«

»Nein, Herr! du bist nicht verwundet. Kannst du aufstehen?«

»Ja, soll ich hier übernachten?« Er hob sich, auf Jussufs Arm gestützt, elastisch empor. Einen Augenblick verfärbte sich, als er stand, sein Gesicht, und er preßte die Hand an die Herzgegend. Aber das ging rasch vorüber.

»Wieviel kostet so ein Pferd?« fragte er und rührte nachdenklich mit dem Reitstock in der großen Blutlache, in der der Schimmel mit langgestreckten Beinen lag.

»Zweihundert maurische Dollars, Herr!«

»Hundert zahle ich! Nicht mehr!«

»Zweihundert, Herr!«

»Hundert! das ist genug! So ein Stier ist doch ein blitzdummes Vieh. Was hat er nun davon?«

Die Berber waren abgestiegen, um dem toten Gaul Sattel und Zaumzeug abzunehmen. Der Maure berührte den Arm seines Gebieters.

»Vorwärts, Herr!«

»Zu Fuß? Wohin denn?«

»Wir sind dicht bei der Karawanserei El-Fondak.« Der Diener deutete auf ein graues, niedriges Mauerviereck, das düster wie ein Bergkastell auf einem Vorsprung des wüsten, rings von kahlen Gebirgen umrahmten, von grauen Abendwolken überflogenen Höhenkessels lag. »Dort müssen wir jetzt die Nacht bleiben!«

»Die Nacht? Ich will nach Tetuan!«

Der Maure schaute seinen Herrn an. Er bekam immer mehr Angst vor dieser unheimlichen Zähigkeit des Wollens, die jetzt auch in dem durch das Abenteuer blaß gewordenen Gesicht des Weltwanderers deutlich hervortrat. Der sah matt und erschöpft aus, wenn nicht ein abenteuerliches Lächeln zuweilen erhellend über sein Antlitz hinglitt, aber doch wie ein Mann, der unter keinen Umständen umkehrt.

»Wie willst du denn ohne Pferd nach Tetuan kommen, Herr?« fragte der Diener halblaut, in dem gedämpften Ton, in dem man zu einem Kranken spricht.

»Sehr einfach! Einer der Berber ist ja gut beritten! Er gibt mir seinen Gaul und bleibt in dem Schweinestall da zurück.« Dabei wies er auf die Karawanserei hinauf, an der eben eine Kamelkarawane langsam den geschlängelten Weg zur Höhe des Bergpasses vorbeizog.

»Es wird aber zu spät, Herr!«

»Die Karawane geht doch auch nach Tetuan!«

»Sie muß aber die Nacht draußen bleiben. Es sind noch vier Stunden mindestens. Der Weg ist sehr schlecht. Im Dunkeln finden wir ihn nicht und ...«

»Still!« sagte der Reisende gelassen und watete, auf seinen Stock gestützt, durch den Schlamm zu der Karawanserei empor.


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