Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

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11.

Oft liegt das Glück dicht vor einem, und man sieht es bloß nicht!« Klaras Worte klangen im Ohr des Afrikaforschers nach, während er auf dem festen Sand an der Flutgrenze des Ozeans dahinschritt, weit vor sich die weiße, hochgetürmte Häusermasse von Tanger, hinter sich die langgestreckte öde Küste, die nur einige nachtschwarze lustwandelnde Franziskanermönche, ein paar wilde Hunde und ein galoppierender Araber auf prächtigem Maultierschimmel belebten.

Er fühlte sich körperlich frei und leicht, beinahe gesund. Die plötzliche Anregung durch diesen letzten Vorposten der Zivilisation gab seinen Nerven neue Spannkraft. Er hatte am Abend vorher zum erstenmal eine europäische Mahlzeit genossen, eine Flasche guten Bordeaux getrunken und sich im Rauchzimmer von den eleganten diplomatischen Attachés der verschiedenen Großmächte, die als Pensionäre im Hotel wohnten, die Weltbegebenheiten erzählen lassen. Natürlich waren die Herren dabei über deren Auffassung in Streit geraten, es hatte einen amüsanten Wortwechsel in englischer und französischer Sprache gegeben, und schließlich trennte man sich, sehr erfreut und befriedigt von dem Zusammentreffen mit dem berühmten Reisenden, den die Ladys anfangs, als er sich in seiner Wüstentracht, als der einzigen, die er besaß, zur Tafel setzte, mit einem erschrockenen » shocking« begrüßt hatten.

Auch der heutige Vormittag war sehr genußreich. Ein Bad, ein kräftiges Frühstück, ein Ritt am Strand entlang zu den Ruinen der uralten Phönikerstadt Tingis, deren aus mächtigen Quadern geformtes Hafentor jetzt weit von dem zurückgewichenen Ozean entfernt zwischen Sumpf, Busch und Brackwasser die Jahrhunderte durchträumt, und nun dieser erfrischende Rückweg zu Fuß, die steife Seebrise um die Ohren, den blauen Himmel über sich, klagender Möwenschrei und fernes Segelblinken, all die unermeßliche Freiheit, die das Weltmeer atmet!

Und trotzdem war bei aller neu erwachenden Spannkraft des Körpers sein Geist gedrückt und mißmutig. Er empfand eine reuevolle Stimmung, einen Ärger über sich selbst und sein Mißgeschick.

Sein Ungeschick vielmehr, durch das er in Tetuan die vielleicht nie wiederkehrende Gunst des Zufalls verscherzt hatte! Wieder sah und hörte er um sich das nächtliche Getümmel der Arche Noah vor dem kanonengeschmückten Tor und dazwischen Angelas helle Stimme. Warum hatte er sich an jenem Abend in törichter Zuversicht von ihr getrennt und die Fonda d'España aufgesucht, um am anderen Morgen ihr Nest leer zu finden?

Er empfand plötzlich Lust, unverzüglich nach Tetuan zurückzureiten! Warum, das wußte er selbst nicht. Er hatte nur ein dumpfes Gefühl, als müßte sich dort noch irgendeine Spur, ein Zeichen von ihr finden. Aber wie? Irgendwo in der Ferne lag die weiße Jacht »Liberty« und trug ihre leichte Last hinaus auf das dämmernde Meer. Wohin – das erfuhr wohl der britische Kapitän des Ozeanrenners selbst erst auf hoher See, wenn er vom Schiffsherrn, dem kleinen Petroleumkönig, die trockene Weisung empfing, ihn und seine Gefährten nach Afrika, nach Amerika oder Asien zu steuern.

Gott weiß, wo sie jetzt schon schwammen. Vielleicht segelten sie der Bucht von Monte Carlo zu, um gelangweilt einen Regentag an der Spielbank totzuschlagen. Oder sie warfen am Goldenen Horn Anker und fuhren mit der unterirdischen Zahnradbahn in das buntscheckige Gassengewühl von Pera hinauf. Vielleicht waren sie auf dem Wege nach Jaffa, um Jerusalem zu besichtigen, vielleicht unterwegs nach Neapel, um im Schatten der Rauchwolke vor Anker zu gehen, die als ein schwarzer Riesentrichter über dem Aschenkegel des Vesuv steht.

Wo sie auch waren – er fand sie so leicht nicht wieder, und seine Briefe blieben, wie der letzte, ohne Antwort. Es war ja alles umsonst.

Am besten war es, er ging mit dem heutigen Dampfer, mit dem auch die drei Damen fuhren, nach Gibraltar! Schon seiner Kleider wegen. Es war ja ein Skandal! Und neue Anzüge, neue Wäsche ließen sich erst dort beschaffen. Dort konnte er auch hoffen, durch die Angloägyptische Bank telegraphisch Geld aus seinem Münchener Guthaben zu ziehen. Dort war er ungestört, während hier natürlich nun schon die Kunde seiner Ankunft alle Gesandtschaften und Hotels erfüllt hatte und er einer Menge Menschen, lästigen Besuchen und Höflichkeitspflichten nicht mehr entgehen konnte. Nein, da war es schon besser, so rasch wie möglich nach Gibraltar zu fahren, das dort am anderen Ende der blauen Wasserstraße als ein kaum sichtbarer zuckerhutförmiger Dunstzacken vor dem Himmel stand.

Er blieb stehen und lachte laut auf. So viel Worte und Pläne, um nur die eine Tatsache vor sich selbst zu verhehlen, daß er an der Gesellschaft der blonden Malerin Vergnügen und Zufriedenheit fand! Es war, als sei ihm ihre freundliche Heiterkeit, ihr frohes Lachen schon unentbehrlich geworden seit jenem Regenabend, wo sie sich im Dämmern der Karawanserei El-Fondak zum erstenmal gesehen. Er sträubte sich dagegen und fühlte sich eigentlich doch ganz wohl dabei – in dem Gefühl, jeden Augenblick den Fuß aus der Schlinge ziehen zu können und mit der Gefahr nur zu spielen.

Er konnte es ja beweisen und in Tanger bleiben! Der Trotz erwachte in ihm, während er gleichwohl schneller und immer schneller der Stadt zuschritt. Denn fast unbewußt hatten seine Augen ihn belehrt, daß der auf der Reede schaukelnde, von der Nußschalenflottille umwimmelte Dampfer schon zur Abfahrt bereit war, und ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er sich in seiner Zeitberechnung um zwei Stunden geirrt hatte.

Es war schon fast zu spät, den Dampfer zu erreichen, und jedenfalls unmöglich, mitzufahren. Denn sein Gepäck befand sich ja oben im Hotel, und seine Rechnung war noch nicht bezahlt. Das einzige, was er tun konnte, war, rasch an Bord zu gehen und den Damen adieu zu sagen, und das war ja auch das beste!

Aber so leicht ließ sich das Schiff nicht erreichen. Erst ein Wortwechsel mit den an der Landungsbrücke gescharten, in greulichem Mohrenenglisch um den Fahrpreis feilschenden Bootsleuten, dann eine Schaukelfahrt quer über die Reede und endlich ein hoffnungsloses Durcheinander der um den Leib des Dampfers auf den Wellen tanzenden und mit ihnen unter dem betäubenden Zankgeschrei der Insassen abwechselnd hoch in die Höhe steigenden und wieder in den Wogentälern versinkenden Kahnflottille! Das Passagierboot selbst rollte dabei an dem sich straffenden Anker schwer von einer Seite zur anderen und tauchte bald sein Fallreep tief in die klatschende Flut, bald wieder hob es die Schiffstreppe unerreichbar hoch über das Gewühl der Nußschalen empor. Es war eigentlich ein Wunder, wie die Cooksche Karawane hatte ungefährdet das Oberdeck erreichen können.

Aber mit Hilfe kräftiger Matrosenfäuste, die die Touristen wie Warenballen von Hand zu Hand hinaufbeförderten, war es doch geglückt und alle Schutzbefohlenen von Cook und Sohn in unbeschreiblicher Verfassung auf dem ersten Platz vereinigt. Die Seekrankheit wütete bereits in dem ganzen Schwarm der Vergnügungsreisenden. Denn ein plötzlicher Defekt an der Maschine verhinderte auf Stunden hinaus die Abfahrt, während das festliegende Schiff stärker schaukelte und stampfte, als wenn es in voller Fahrt gewesen wäre. Alte Damen und bleichsüchtige Backfische, hagere Reverends und weinende Kinder füllten, in Plaids und Mäntel bis zu unkenntlichen, stöhnenden Klumpen eingewickelt, das ganze Deck.

Sie saßen, hoffnungslos lächelnd, auf dem Boden und lagen schweigsam auf den Seitenbänken ausgestreckt, ihr Röcheln drang aus den unteren, in unbeschreiblichem Zustand befindlichen Kabinen, ja, manche hatten sich schutzsuchend bis in den Vorderraum verirrt, wo eine Anzahl Mauren unbeweglich mit gekreuzten Beinen auf den Planken kauernd und halb zugekniffenen Auges ihre Geschäfte in Gibraltar überlegend, dem Spiel der Wellen trotzte.

Auch der Afrikaner war – das wußte er aus vielen früheren Reisen – gegen die Seekrankheit beinahe völlig gefeit. Aber unbehaglich war ihm der Aufenthalt auf dem Vergnügungsschiff doch, und er strebte, in der Runde nach den bekannten Gesichtern blickend, ihn möglichst abzukürzen.

»Jräßlich!« stöhnte es neben ihm. »Jräßlich! Nicht zu sagen!« Da saß der Major, ganz geknickt und vornübergesunken, daß die grauen Schnurrbartenden trostlos herabhingen. Neben ihm, ihn tröstend und stützend, die düstere Gestalt der Gouvernante, die schwarz gekleidet, aufrecht und mit harten Zügen wie die Göttin der Seekrankheit unter ihren Opfern thronte. In dem schweigsamen Bündel von Decken daneben ließ sich die Kleine vermuten, die, gefaßt auf diese neue Wendung ihrer Erholungsreise, gottergeben dalag.

Die blonde Malerin saß etwas abseits. Auch ihr hübsches Gesicht war bleich. Aber sie lächelte dem Freunde tapfer zu. »Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen!« rief sie. »Ich fürchtete schon, Sie würden die Abfahrt versäumen!«

Er sah sie erstaunt an. Sie schien keine Ahnung zu haben, daß er gar nicht an die Abfahrt dachte.

»Aber Ihr Gepäck ist schon da!« fuhr sie eifrig fort. »Man hat es vom Hotel aus besorgt. Und da ist auch der Hotelkurier mit der Rechnung!«

»Wie kommt denn der Mann dazu?«

Sie blickte betroffen auf. »Ich weiß nicht. Ich hab' mich nicht hineingemischt. Die Leute im Hotel sagten, Sie würden auch reisen!«

In der Tat, da lagen, sich scharf von den üblichen Gepäckstücken ringsum abhebend, seine bunt bestickte und mit Lederschnüren verzierte Reittasche aus Maroquin, wie man sie im Innern Marokkos trägt, und daneben die Maultierlast mit seinen Habseligkeiten, zwei von dem scharlachroten Tuch der Eingeborenen umhüllte Walzen.

»Wer, zum Teufel, hat Ihnen denn gesagt, daß ich reise?« fragte er den Kurier halblaut, so daß es Klara nicht hören konnte.

Der bräunliche Elegant lächelte. Die Ladys hätten gesagt, sie wollten zum Steamer. Und da der Herr doch zu den Ladys gehöre und sie nicht allein würde fahren lassen ...

Genug! Er winkte ihm, zu schweigen, und bezahlte. Eigentlich hatte der Mann ja ganz recht: wenn jemand mit drei Damen ankommt, so reist er natürlich auch mit ihnen weiter. Jetzt wieder mit Sack und Pack den Dampfer verlassen, das ging nicht an. Es hätte der Malerin, die blaß und ahnungslos dasaß, zu weh getan.

Er lachte ärgerlich und trat wieder zu ihr. »Ein netter Aufenthalt!« sagte er. »Der Menschheit ganzer Jammer packt einen an. Der Katzenjammer natürlich. Das ist nun der Herr der Schöpfung – diese Pakete da in allen Winkeln!«

Sie sah zu ihm auf. »Werden Sie denn nicht seekrank?« fragte sie mit schwacher Stimme.

»Nein. Und Sie?«

»Ach, ich bin's schon! Mir ist schrecklich zumute!«

»Dann legen Sie sich beizeiten hin«, befahl er und machte ihr, ohne eine Antwort abzuwarten, ein Lager zurecht. »Besser wird's doch nicht, ehe Sie nicht wieder festen Boden unter den Füßen haben. Also wozu sich unnütz abquälen?«

Sie gehorchte mit einem geduldigen Lächeln ihrer blassen Lippen und ließ sich fügsam von ihm zudecken. Dann schloß sie ermattet die Augen. Er war nun ganz sich selbst überlassen.

Er schaute umher. Das Bild wurde immer trostloser. Der Major war jetzt ganz abgefallen, um ihn herum lagen die anderen Opfer der See, und dazwischen saß düster die schwarze Rachegöttin. Aber auch ihre Zeit schien zu kommen, nach dem gelblichen Ton zu schließen, der allmählich ihr Antlitz überzog.

Und nirgends ein Eckchen, ein Winkel, um dem Greuel zu entfliehen! Wenn er nun doch das Schiff verließ?

Aber da, weit am Ufer, tanzte schon sein Boot auf den Wellen und überhaupt ... Nein. Nun war er gefangen!

Gefangen in diesem dichtgefüllten, schwimmenden Philisterkäfig. Er wickelte sich zornig in seinen Mantel und trat ganz nach vorn, an die Ankerwinde des Dampfers.

Zu töricht! Das kam davon, daß er sich in das Spiel eingelassen. Nun hielt es ihn fest mit der Tücke des Zufalls und fester noch da innen. Er fühlte es wohl, daß er, in Tanger zurückgeblieben, mehr Reue empfunden hätte als jetzt Ärger über die unselige Fahrt. Oder vielmehr über das Stilliegen auf der Reede. Denn eine Stunde verstrich und eine zweite, ohne daß sich der Anker hob. Von unten, aus dem Maschinenraum, tönten Hammerschläge und zorniges Stimmengewirr.

Er ging wieder zurück, um nach Klara zu sehen, und berührte leicht ihre schlaff herabhängende Hand. Sie öffnete die Augen. »Gott sei Dank!« hauchte sie. »Sind wir in Gibraltar?«

»Nein. Wir liegen immer noch vor Tanger!«

Da drehte sie sich mit einem ganz verzweifelten Ruck herum, und er sah nur noch ihr blondes Haar durch die Lücken des Mantels schimmern. Mißmutig kehrte er auf seinen Platz neben der Winde zurück, die jetzt, von zwei Matrosen gedreht, die triefende Kette aufnahm und den Anker schlammüberzogen an das Tageslicht beförderte. Die Maschine begann zu arbeiten und trieb das Schiff in die schwere Dünung hinaus, die auch bei ruhigem Wetter stets hier in dem Zusammenfluß des Atlantischen Ozeans und des Mittelmeers zwischen den Säulen des Herkules zu stehen pflegt, zwischen dem leuchtturmgekrönten Kap Spartel in Afrika und der Punta Marroqui gegenüber, der Südspitze Europas, wo als ein Haufen weißer Pünktchen Tarifa, einst das letzte Maurenbollwerk in Europa, herüberschimmert.

Wenige Reisende sahen die Pracht dieser blauen Wasserstraße zwischen der niederen Küste Andalusiens und den hochgezackten, dräuenden Felsen des Rif. Die anderen lagen klagend da, mochte die Sonne noch so golden Land und Meer verklären und die Delphine noch so lustig im weißen Kielwasser schnalzen. Es war wie ein schwimmendes Lazarett. Es erzeugte geradezu Ekel und Arger. Man kam sich wie ein Gefangener vor.

Du bist ja auch auf dem besten Weg, ein Gefangener zu werden, ging es dem einsamen Mann durch den Kopf, der vorn, an den nassen Anker gestützt, in den Tanz der Wellen hinaussah. Ein Gefangener aus freiem Willen. Oder vielmehr: dein Wille, der starke und freie, ist durch Krankheit und Ermattung gebrochen. Du sehnst dich nach Ruhe! Das beweist schon, daß andere Mächte in dir mehr zu sagen haben als du selbst, Mächte von außen, die dich schmeichelnd bei der Hand fassen und hinabführen ins Philisterland, in diese schwächliche, gleichgültige Menschheit hier ringsherum, mit der du nichts gemein hast!

Nein, wahrlich nichts! Sein Trotz wurde immer stärker. Wer spielte eigentlich hier mit ihm, lockte ihn auf dies Jammerschiff und weiter in die bekannte kleinste Hütte, die Raum für ein liebendes Paar bietet? War er der Mann, so mit sich schalten und walten zu lassen, er, der der allmächtigen Natur selbst seinen Willen aufgezwungen, ihre unnahbarsten Berghöhen erklommen, ihre fernsten, im Schleier des Urwaldes verborgenen Geheimnisse enthüllt hatte? Er wußte, sowie er sein »Ich will nicht!« sagte – da war er wieder frei, und immer deutlicher lag das Wort auf seinen Lippen.

Es gab ein Dichterwort:

»Der weite Himmel ist des Adlers Bahn,
Die weite Welt des Edlen Vaterland.«

Jawohl, die weite Welt! Da grüßte sie ihn wieder, hier, wo Europa und Afrika sich einen, im Brausen der Brandung, im Lachen des Sturms, im Trotze sonnengebadeter, zum blauen Himmel aufsteigender Steinkolosse. Dort hinten wuchs es gewaltig aus der blauen See. Dreifach gezackt schaute der Felsen von Gibraltar gebieterisch über die Länder und Meere, die Stadt schmiegte sich, in grüne Gärten gebettet, an seinen Fuß, und davor flimmerte es von dem Gewirr der Rahen und Masten, dampfte es aus Dutzenden von Schloten, und ankerten weithin die Schiffe aller Völker im Hafen von Gibraltar.

Als der verspätete Dampfer das andalusische Ufer mit seinen öden Weidesteppen und zerfallenen Wachttürmen erreicht hatte und in die mächtige Bucht einfuhr, dämmerte es schon stark. Die am Eingang ankernden britischen Panzer, die mehr wie unwahrscheinlich große, mit allerhand Buckeln und Auswüchsen behaftete Bügeleisen als wie wirkliche Schiffe auf dem Wasser lagen, waren noch deutlich zu erkennen. Aber der Mastenwald des Handelshafens dahinter verschwamm schon in dem Dunkel, das wie der Schatten des darüber ragenden Bergkegels vom Himmel niedersank, und drüben überm Meer ließ nur noch ein unbestimmter Schein, die Hafenlichter von Ceuta, die Nähe Afrikas erraten.

Er blickte zurück. Dort lag der schwarze Erdteil, der ihn wiederum zwei lange Jahre festgehalten hatte. Noch einmal war er seiner tödlichen Umarmung entgangen. Würde er ihn wiedersehen? Die Kraft finden, wieder hinauszupilgern in das Reich der Abenteuer und Gefahren, in das Leben voll seltsamer Buntheit, in das es den Jüngling unwiderstehlich zog, das der gereifte Mann mitten in allem Glück und aller Ruhe nicht mehr entbehren konnte?

Die Sehnsucht ward stark in ihm. Er schaute finsteren Gesichts nach rückwärts, in die Nacht hinaus, die Afrika verhüllte.

Und es war, als teilte sich das Dämmern über dem Meer. Etwas Weißes war darin sichtbar, ein schlankes, schneeig leuchtendes Ding, das, rasch aus der Richtung von Ceuta näher und näher kommend, mehr wie ein großer Märchenvogel über die Wellen hinzugleiten als sie zu durchschneiden schien. Jetzt tauchte es voll aus dem Schatten auf, mit seinen zurückgelegten Masten, dem überschlanken, schmalen Schiffsrumpf, dem lautlosen Flug ein Bild eleganter Kühnheit, wie geschaffen, nach freier Laune die Meere zu durchkreuzen und Anker zu werfen, wo die Gunst des Augenblicks lächelt.

Jacht »Liberty!« – Er kannte sie ja! Und er dachte sich jetzt wohl, daß der Petersburger Petroleumkönig mit ihr seine Tochter und deren Freunde von Ceuta abgeholt hatte. Wäre er ihnen gefolgt, dann fuhr er selbst jetzt auf dem kecken Renner durch die Fluten, statt an Bord dieses schmutzigen, rollenden Krankenhauses mit seiner rings im Dunkel ächzenden Menschheit.

Jählings erfaßte ihn, während die Jacht weiß, rasch und schweigsam wie ein Geisterschiff im aufgehenden Mond an ihnen vorbeiglitt, ein Gefühl der Reue. Er hätte gewünscht an Bord zu sein. Und mit Angela zusammen.

Warum sollte er eigentlich nicht an Bord gehen? Willkommen war er dem Petroleumkönig gewiß. Er sah, wie der weiße Schatten in der Ferne zwischen den farbigen Laternen anderer Dampfer stillag und hörte das kurze Rasseln des Ankers. An Land fuhr die Gesellschaft heute gewiß nicht mehr, die ja auf der Jacht weit mehr Bequemlichkeit fand als in den dürftigen Hotels von Gibraltar. Er traf sie sicher beim Diner vereinigt, weitgereiste, die Welt überblickende Menschen in tadellosem Frack und weißer Binde, Angelas Madonnengesicht und silberhelles Lachen dazwischen. Und hier ...

Er schaute umher. Es kam jetzt, wo das Schiff in ruhigerem Hafenwasser fuhr, allmählich Leben in die Gesellschaft. Wie wenn Tote aus ihrem Schlaf erwachen, lugten bleiche Gesichter aus den zurückgeschlagenen Hüllen und lichteten sich steif gewordene Gestalten langsam auf. »Jräßlich! Jräßlich!« tönte die Klage des Majors und dahinter das beruhigende Baßgemurmel seiner Freundin. »Jetzt sind wir da!« hörte er ihre Stimme. »Wir liegen schon still. Steh' auf, Hilda! Was hast du denn schon wieder, daß du so jammervoll dreinschaust? Und du, Klara ... es ist Zeit!«

Ringsum ein Frösteln, ein klägliches Lächeln, schlechte Witze, ein herdenartiges Gedräng am Fallreep, wo die Ruderboote harrten, die auf der wohl viertelstündigen Fahrt bis zur Alten Mole den noch enger als bisher zusammengepferchten Touristen unfehlbar eine neue Auflage der Seekrankheit bescheren mußten – nein, der Gedanke an dies Zukunftsbild entschied seinen Entschluß. Er winkte den an Bord klimmenden Agenten des Hotels heran, übergab ihm sein Gepäck und brachte mit seiner Hilfe, ehe die große Masse der Seekranken mobil wurde, die Damen und den Major in dem ersten vom Schiff abstoßenden Kahn unter. Noch ganz betäubt ließen sie alles mit sich geschehen. Erst als der plumpe Kasten schon frei im Ruderschlag schwankte, hörte er Klaras Stimme.

»Sind Sie denn nicht mit?« rief sie herauf.

»Nein, ich komme nach! Ich habe noch etwas zu tun!«

»Auf dem Schiff? Haben Sie etwas vergessen? Hier haben wir ja Ihre Sachen!«

Er wollte nicht heucheln. »Ich mache rasch einen Besuch auf der Jacht ›Liberty‹«, rief er hinunter. »Auf Wiedersehen nachher!«

Es kam keine Antwort, und der Kahn verschwand im Dunkel.


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