Rudolph Stratz
Montblanc
Rudolph Stratz

 << zurück weiter >> 

14.

Durch die Straßen von Gibraltar zog im Gleichschritt mit kriegerischem Klang der Zapfenstreich, junge hagere Rotröcke der britischen Garde, der baumlange Paukenschläger in phantastischem Pantherfell allen voraus, ein Gewühl von Spaniern, Juden, Seeleuten und Mauren wie ein Fastnachtszug hinterher.

Auch sonst war noch reges Leben in der Waterport-Street, durch die der Afrikaner, von der Jacht »Liberty« kommend, langsam dahinschritt. Die feuerfarben leuchtenden Soldaten mit ihren Spazierstöckchen, die scharenweise herumstehenden Kaufleute und Händler, die in trunkenen Reihen ihres Weges ziehenden Kriegsmatrosen, die Hotelkuriere, die zweifelhaften Kaffeehausgäste, die vielen Offiziere in Zivil – sie alle kümmerten sich nicht weiter um den sonnengebräunten Fremdling in seiner Wüstentracht. Hier, an dem Brennpunkt aller Welten, wo Afrika mit Europa sich eint und von diesem wieder nach Amerika, nach Asien und Australien die Dampferlinien ausstrahlen, hier fällt keine Erscheinung und keine Kleidung auf.

An ihrem Südende wurde die Straße stiller und stiller. Hier war das offizielle England – der Regierungspalast des Gouverneurs und seitlich davon die Kathedrale. Ihr gegenüber das Hotel, in dem der Afrikaner die Damen zu finden hoffte. Aber als er in den Drawingroom des kleinen Hauses trat, fand er nur die Gouvernante vor, die, schweigsam und ernst wie immer, mit dem ihr gegenüber sitzenden, noch etwas bläßlichen Major Domino spielte. Sie nickte ihm zu. Die Kleine habe sich, erschöpft von den heutigen Anstrengungen der Erholungsreise, schon schlafen gelegt, Klara aber sei die paar Schritte zum Strand hinuntergegangen, um noch die schöne Abendluft zu genießen.

Eine Luft, wie sie das rauhe Hochland Nordafrikas nicht kennt! Weit mehr als drüben in Marokko fühlt man sich hier den Tropen nahe. Der schmeichelnde, von überall her im Winde wandernde Blumenduft, das Rauschen hochgefiederter Palmen und zischelnder Zuckerrohrbüsche, die kosend weiche Schwüle der Nacht, in die nur zuweilen ein herber, erfrischender Seehauch weht – das alles mischt sich mit dem rastlosen Rauschen der Wellen, dem gleichmäßigen Schaukeln der buntfarbigen Lichtpunkte in dem Mastenwald draußen über der weiß rollenden Reede, dem klaren Sternenglitzern zu einem Gefühl tiefer, andächtiger Ruhe. Der wüste Lärm des Morgenlandes, das Schreien der Halbwilden und ihrer Arche Noah ist hier verstummt, der Dunst von Schmutz und Verwahrlosung steigt nicht mehr übel von allen Seiten auf. Hier ist die Stille, die Sauberkeit, das europäische Behagen. Und doppelt willkommen dem, der es durch Jahre nicht genossen, und nun erst merkt, wieviel er wieder entbehrt hat in der langen Zeit da draußen – entbehrt an allen Freuden des Daseins, allem geistigen Leben, allem Verkehr mit wirklichen Menschen. Und der sich dann wieder fragt: Warum? Wieviel bringt dir die Abenteurerlust, die dich ruhelos über Länder und Meere hetzt, und wieviel nimmt sie dir von allem, was das Leben lebenswert macht?

An der steinernen Brustwehr, die hinter der Kathedrale sich über der See hinzieht, hatten sie sich getroffen. Sie stand da und schaute in das Meer hinaus, mit seinen unruhigen Hafenlichtern und dem fernen Flimmerglanz des Städtchens Algeciras am anderen Ende der Bucht. Er war neben sie getreten und begrüßte sie stumm. Irgendwo am Ende des Mauerpfades tönten zuweilen schwere Atemzüge. Spanische Strolche oder anderes Gesindel, das da unter den Bäumen nächtigte. Sonst war kein Mensch ringsum zu bemerken.

Hoch von oben her, von einer der Gipfelbatterien, kam der scharfe Knall und das donnernde Echo eines Signalschusses. Dann wurde wieder alles still.

»Schade, daß sie immer schießen!« sagte Klara ruhig, als finge sie eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder an. »Man möchte so gerne träumen und sich verlieren – aber die Schüsse wecken einen gleich wieder auf, und man merkt, daß man nur in einer schönen Festung ist.«

»In einem Gefängnis! Jetzt sind alle Tore bis Morgengrauen geschlossen. Kein Mensch kann hinaus oder herein, und was sich draußen regt, wird festgenommen.«

»Wie sind Sie denn dann aber hereingekommen?« »Ich bin gerade noch vor Torschluß in Old-Mole gelandet. Sonst hätte ich umkehren und die Nacht an Bord der ›Liberty‹ bleiben müssen.«

»Mich wundert überhaupt, daß Sie das nicht getan haben«, sagte die Malerin und schaute wieder in die Weite. »Eingeladen hat man Sie gewiß. Und es muß doch eine sehr unangenehme Nachtfahrt gewesen sein – die weite Strecke von dem Schiff bis zur Old-Mole!« Sie wies nach einem weißen Schattenstrich in der Ferne, der sich undeutlich zwischen dunklen Schiffskörpern von dem satten, schaumgesprengelten Schwarz des Meeres abhob. Er sah sie erstaunt an. »Woher wissen Sie denn, das dort die ›Liberty‹ liegt?«

»Ich hab' sie doch gesehen. Und vor einer Stunde konnte man sie noch ganz deutlich erkennen!«

»Also so lange stehen Sie schon hier?«

»Seit dem Diner steh' ich hier! Was soll ich denn im Hotel machen?«

»Aber viel ist hier doch eigentlich auch nicht los!«

»Ich bin doch wenigstens allein«, sagte Klara müde. »Es gibt Stunden, wo man das braucht.«

Er rückte dicht zu ihr heran, so daß sie Kopf an Kopf dastanden und in das Plätschern der Wellen an der Kaimauer hinabschauten. »Ich glaube, ich habe Ihnen vorhin weh getan!« sagte er plötzlich. »Und das täte mir sehr, sehr leid!«

Sie schaute ihn fragend an.

»Ich meine, weil ich wieder an Bord der verwünschten weißen Jacht gegangen bin! Sehen Sie sich das Ding nur an! Liegt es nicht wie so ein Geisterschiff auf dem Wasser? Wie so 'ne Art Fliegender Holländer oder so was?«

»Sie können doch kommen und gehen, wie Sie wollen. Wenn mir etwas weh tut – nein, ich will sagen, wenn mich etwas wundert, ist es nur, zu sehen, daß selbst ein Mann wie Sie ein Spielball des Augenblicks werden kann. Denn wenn ich an Ihr Gesicht denke, als Sie mir damals in Tetuan das Päckchen für Berlin gaben und mir erzählten, daß die Tochter des Herrn Rey und ihre Freunde Sie verlassen hätten ...«

»Haben Sie das Päckchen bei sich?«

Sie nickte. »Hier in meiner Tasche! Da ist es!«

Er nahm es ihr aus der Hand und ließ es in seinen Rock gleiten. »Also ... wenn ich an Ihr Gesicht denke ... fahren Sie doch fort! Sie wissen, wie gut mir Ihre Strafpredigten tun!«

Aber sie schüttelte den Blondkopf. »Nein. Das war damals. In Tetuan haben Sie's gebraucht. Weil Sie krank waren, oder vielmehr mit den Nerven herunter. Aber jetzt, wo Sie, gottlob, besser sind ...«

»Die Stiche in der Herzgegend hab' ich leider immer noch. Also lassen Sie sich nicht abhalten!«

»Nein«, sagte sie kurz und schaute von ihm weg in das Kochen der See hinunter.

»Dann will ich Ihnen etwas sagen!« Er neigte seinen Mund zu ihrem Ohr. »Ich war heute zum letztenmal auf diesem weißen Geisterschiff da drüben. Wirklich zum letztenmal. Nun bin ich frei.«

Sie sah ihn schweigend an und schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Doch!« sagte er zornig. »Heute ist das da drüben zum letztenmal vor mir verschwunden, während ich es schon in der Hand zu halten glaubte. Als ich zurückfuhr, kam mir ganz plötzlich die feste Überzeugung, daß sie doch auf dem Schiff war! Sie ließ sich ganz einfach vor mir verleugnen und blieb ruhig in ihrer Kabine. Ich weiß es. Und ich lasse nicht mehr mit mir spielen. Seit ich Sie kenne, habe ich meinen Stolz wiedergefunden.«

Sie erwiderte nichts. Um die beiden dunklen Gestalten spielte der warme Blumenwind und unter ihnen flüsterten die Wellen. Vom Hotel her kam, den Strohhut schief im Genick, ein junger Leutnant der Coldstream-Garde und ging, das Paar erblickend, diskret im Bogen vorbei.

Der Afrikaner schaute ihm nach, bis er im Dunkel verschwand. Dann wandte er sich seiner Gefährtin wieder zu. »Haben Sie nun eigentlich näher über Ihre Zukunft nachgedacht, Fräulein Klara?« fragte er mit einem unsicheren Klang in der Stimme. »Ich meine ... was nun eigentlich werden soll ...«

»Da ist doch nicht viel nachzudenken. Die Sache zwischen dem Major und meiner Schwester scheint sicher. Wenigstens hat er nach einem schrecklichen Lärm mit dem Impresario sein Cooksches Rundreiseheft fahren lassen und sich entschlossen, uns nach Genf zu begleiten. Dort bringen wir die Kleine unter ...«

»Und was tun Sie dann?«

»Ich muß nach Dresden zurück. Dort habe ich mein Atelier und die Leute, die meine Sachen kaufen. Dort muß ich schon bleiben. Leider Gottes nun bald ganz allein.«

Sie brach ab. Die ganze Stadt schien jetzt zu schlafen. Jeder Lärm war verstummt. Nur ein Rauschen und Brausen wallte unbestimmt dahin, der Zwiegesang zwischen Luft und Meer, und darüber stand still die Sternenpracht.

Da hörte sie neben sich seine Stimme. »Eigentlich möchte ich Sie etwas ganz Indiskretes fragen«, sagte er. »Wie alt sind Sie eigentlich, Fräulein Klara?«

»Siebenundzwanzig! Ich hab's Ihnen ja schon einmal gesagt.«

»Ja, ich weiß. Eben darum wundert es mich eigentlich.«

»Was denn?«

» ... Ich meine ... daß Sie noch nicht geheiratet haben.«

Sie wandte sich von ihm ab, dem Meer zu. »Können hätt' ich schon öfters«, sagte sie, ohne ihn anzusehen, vor sich hin. »Und es war wohl dumm von mir, daß ich's nicht getan hab'!«

»Warum haben Sie's nicht getan? Verzeihen Sie die Frage. Aber es ... es liegt mir wirklich viel daran.«

»Warum?« Ein trauriges Lächeln umzog ihren Mund, und sie stockte eine Weile. »Schließlich ... warum sollten Sie es nicht wissen: es war eben einer da. Der kam nicht ... Er ahnt es nicht. Er wird es nie ahnen. Er ist ja nun auch schon verheiratet und glücklich, und ich wünsche ihm nichts Besseres auf der Welt ...«

» ...und Sie sind dafür unglücklich!«

Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Das ist kein Unglück!« sagte sie ernst. »Nein, wahrlich ... das ist etwas Großes, Heiliges. Ich weiß es, denn ich trage es seit vielen Jahren ...«

»Und Sie wollen es tragen Ihr Leben lang?«

Sie richtete sich plötzlich auf. »Nein«, sprach sie beinahe hart. »Man muß auch einmal darüber hinaus! Das Leben verlangt auch sein Recht. Und ich glaube, jetzt habe ich es endlich hinter mir und bin innerlich frei.«

»Fräulein Klara,« sagte der Afrikaner langsam, »ich habe die Absicht, mich morgen nach Genua einzuschiffen. Ich will dann ein paar Tage an der Riviera zubringen, um mich zu erholen, und weil ich überhaupt glaube, daß mir ein bißchen Einkehr bei meinem inneren Menschen gut tut. Dazu muß man allein sein. Aber wenn das geschehen ist ... erlauben Sie mir, Sie dann in Genf aufzusuchen?«

Sie nickte nur und vermied seinen Blick. Aber er fühlte ihr Lächeln. Er faßte ihre Hand. »Also sagen wir uns heute abend nicht adieu, sondern auf Wiedersehen! Und nun kommen Sie ins Hotel zurück! Sie brauchen auch Ruhe nach der unangenehmen Seefahrt.«

Sie gingen langsam die Straße hinauf, zu deren Seite, neben der Kirche, ein kleiner Tropengarten duftete und blühte. Ihre Schritte hallten an den schweigenden Wänden wider. Sie blieben stehen, sahen sich an und setzten dann, ohne ein Wort zu sprechen und mit auf den Boden gesenkten Blicken, ihren Weg fort.

Die Hoteltür stand offen. Ein gelber Lichtschein fiel heraus in die Nacht. Von innen klang das Gelächter englischer Offiziere, helle Frauenstimmen dazwischen.

»Gehen Sie allein hinein!« sagte ihr Freund. »Es ist besser, als daß man uns zusammen sieht. Also nochmals: Auf Wiedersehen in Genf!«

Er reichte ihr die Hand und fühlte ihren herzhaften, kräftigen Druck, wie den eines treuen Kameraden. »Auf Wiedersehen!« sagte sie heiter. »Ich erwarte Sie und bin froh, wenn Sie kommen!«


 << zurück weiter >>