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Zweiundvierzigstes Kapitel.

Am Nachmittage desselben Tages hielt Carl seinen Hof in den Zimmern der Königin, welche zu einer bestimmten Stunde eingeladenen Gästen von einem gewissen niedern Range geöffnet wurden, aber den höhern Klassen des Adels, die von Geburt, und den Hofleuten, die, ihrem Amte nach, das Vorrecht des Eintritts hatten, ohne Einschränkung zugänglich waren, denn es war ein Zug in Carls Charakter, der ihn unstreitig persönlich beliebt machte, daß er von seinem Hofe viele der beschränkenden Formen verbannte, mit denen er in andern Ländern umgeben war.

Von einer Tafel zur andern eilte der fröhliche Monarch, bald einen Blick mit einer Hofschönheit, bald einen Scherz mit einem Hofwitzling wechselnd, bald zur Musik den Takt schlagend, und dann und wann einige Goldstücke im Wetten auf das Glück im Spiel, wo er zunächst stand, verlierend oder gewinnend, als plötzlich ein Kammerdiener meldete, daß eine Dame, die sich nur als die Gemahlin eines Pairs von England ankündigen wolle, vorgelassen zu werden wünsche.

Die Königin sagte hastig, es sei unmöglich. Keine Gemahlin eines Pairs habe, ohne Angabe ihres Titels, auf das Vorrecht ihres Ranges Anspruch.

»Befehlen Ew. Majestät, daß die Dame vorgelassen werde?« fragte der Ceremonienmeister.

»Ja wohl,« antwortete der König; »das heißt, wenn die Unbekannte wirklich zu der Ehre berechtigt ist. – Ich will selbst in das Vorzimmer gehen, und Eure Antwort empfangen.«

Aber ehe Carl auf seinem Gange nach der Antichambre das untere Ende des Zimmers erreicht hatte, überraschte der Thürsteher die Gesellschaft mit einem Namen, der seit vielen Jahren in diesen Zimmern nicht gehört worden war, nämlich – der Gräfin von Derby.

Stattlich und hochgewachsen, und in ihrer vorgerückten Periode des Lebens noch immer ungebeugt von den Jahren, näherte sich die edle Dame ihrem Souverän, mit einem Schritte, mit dem sie einem ihres Gleichen hätte entgegen gehen können. Es war in ihrem Wesen zwar nichts, was Hochmuth oder eine für die Gegenwart des Königs unschickliche Dreistigkeit verrathen hätte, aber ihr Bewußtsein des von der Regierung Carls erlittenen Unrechts, und ihr Gefühl von der Ueberlegenheit der beleidigten Partei über diejenigen, von denen oder in deren Namen die Beleidigung angethan war, gab ihrem Blick Würde, und ihrem Schritt Festigkeit. Sie trug Wittwentrauer von derselben Art, als damals getragen wurde, da ihr Mann auf das Blutgerüst kam, und welche sie in den auf diese Begebenheit folgenden dreißig Jahren ihre Kammerfrau nie hatte ändern lassen.

Diese Ueberraschung war dem Könige keine angenehme, und er verwünschte in seinem Herzen die Uebereilung, der Dame den Zutritt zu der fröhlichen Gesellschaft verstattet zu haben, sah aber doch zugleich die Nothwendigkeit ein, sie auf eine, seinem eignen Charakter und ihrem Range am britischen Hofe angemessene Art zu empfangen. Er näherte sich ihr daher mit einer Miene der Bewillkommnung, worin er alle seine natürliche Anmuth legte, während er anhub: » Chère Contesse de Derby, puissante Reine de Man, notre très auguste soeur –«

»Sprecht Englisch, Sire, wenn ich mich unterstehen darf, um eine solche Gunst zu bitten,« sagte die Gräfin. »Ich bin die Frau eines Pair dieser Nation, Mutter eines englischen Grafen! In England hab' ich die kurzen Tage meines Glücks verlebt, die langen Tage meines Wittwenthums und Kummers. Frankreich und seine Sprache sind mir nur die Träume einer uninteressanten Kindheit. Ich kenne keine Sprache, außer die meines Mannes und meines Sohnes. Erlaubt mir, als der Wittwe und Mutter von Derby, so meine Huldigung darzubringen.«

Sie würde gekniet haben, aber der König verhinderte es mit Freundlichkeit, und, ihr die Wange, dem Gebrauch gemäß, küssend, führte er sie zur Königin, und vollzog selbst die Ceremonie, sie vorzustellen. »Ew. Majestät,« sprach er, »müssen wissen, daß die Gräfin ein Verbot auf das Französische gelegt hat – die Sprache der Galanterie und der Höflichkeit. Ich hoffe, Ew. Majestät, obgleich auch eine Ausländerin, wie sie, werden genug ehrliches Englisch finden, die Gräfin von Derby von dem Vergnügen zu versichern, mit dem wir sie, nach einer so vieljährigen Abwesenheit, am Hofe sehen.«

»Ich will mich wenigstens bemühen, es zu thun,« sagte die Königin, auf welche die Erscheinung der Gräfin von Derby einen günstigern Eindruck machte, als die von vielen Fremden, welche sie, auf des Königs Verlangen, mit Höflichkeit zu empfangen gewohnt war.

Carl selbst sprach wieder. »Jeder andern Dame von demselben Range könnte ich die Frage vorlegen, warum sie so lange von dem Gesellschaftskreise des Hofes abwesend war? Ich fürchte aber, ich kann die Gräfin von Derby nur fragen, welche glückliche Ursache das Vergnügen verschafft, sie hier zu sehen?«

»Keine glückliche Ursache, mein Souverän, aber eine höchst wichtige und dringende.«

Der König vermuthete nichts Angenehmes aus diesem Anfange, und in Wahrheit hatte er von dem ersten Eintritte der Gräfin irgend eine unerfreuliche Erklärung erwartet, daher er abzulenken suchte, nachdem er in seine Mienen erst einen Ausdruck von Theilnahme gelegt hatte.

»Wenn,« sagte er, »die Sache so steht, daß wir Hülfe schaffen können, so können wir nicht erwarten, daß Ihr zur gegenwärtigen Zeit darauf eingehen werdet, sondern ein Memorial an unsern Sekretär, oder, wenn es annehmlicher ist, an uns selbst unmittelbar gerichtet, wird unsre unverzügliche, und, ich muß hoffentlich nicht hinzusetzen, unsre günstige Antwort erhalten.«

Die Gräfin verbeugte sich etwas feierlich, und antwortete: »Meine Angelegenheit, Sire, ist allerdings wichtig, aber so kurz, daß Ihr nur auf wenige Minuten Euer Ohr dem, was angenehmer ist, zu entziehen braucht; – doch sie ist so dringend, daß ich sie keinen Augenblick aufschieben möchte.«

»Dieß ist ungewöhnlich,« sagte Carl. »Allein Ihr seid ein ungewohnter Gast, und dürft über meine Zeit gebieten. Bedarf die Sache einer Privataudienz?«

»Was mich betrifft,« antwortete die Gräfin, »so möchte der ganze Hof zuhören, aber Ew. Majestät dürften mich lieber im Beisein einiger Räthe hören wollen.«

»Ormond,« sagte der König, sich umsehend, »begleitet uns einen Augenblick – und Ihr, Arlington, gleichfalls.«

Der König führte sie in ein anstoßendes Kabinet, setzte sich, und bat die Gräfin, auch einen Stuhl zu nehmen. »Es ist nicht nöthig, Sire,« erwiederte sie. Dann hielt sie einen Augenblick inne, wie, um ihre Kräfte zu sammeln, und sprach nun mit Festigkeit folgendermaaßen:

»Ew. Majestät sagten wohl mit Recht, daß keine geringe Sache mich aus meinem einsamen Wohnorte hieherzog. Ich kam nicht hieher, als meinem Sohne das Eigenthum – das Eigenthum, das ihm von einem Vater zufiel, der für die Rechte Ew. Majestät starb – unter dem Vorwande der Gerechtigkeit durch Verschwörung entzogen wurde, damit es erst die Habsucht des rebellischen Fairfax sättigen, und dann der Verschwendungssucht seines Schwiegersohns, Buckinghams, zu Statten kommen möchte.«

»Dieß sind zu harte Ausdrücke, gnädige Gräfin,« sagte der König. »Eine gesetzliche Geldbuße wurde, so viel wir uns erinnern, für eine That unregelmäßiger Gewalt verhängt – so nennen sie unsere Gerichtshöfe und Gesetze, ob ich für meine Person gleich nichts dawider habe, sie mit Euch eine von der Ehre gebotene Rache zu nennen. Aber, zugegeben, es war eine solche, so zieht man in Verfolgung der Gesetze der Ehre sich oft nothwendig bittere gesetzliche Folgen zu.«

»Ich komme nicht, über das zerstreute und verwirkte Erbtheil meines Sohnes zu rechten, Sire,« sagte die Gräfin, »ich berufe mich bloß auf meine Geduld bei dieser schmerzhaften Verfügung. Ich komme jetzt, die Ehre des Hauses Derby zu retten, die mir theurer ist, als alle Schätze und Ländereien, die je zu demselben gehörten.«

»Und von wem ist die Ehre des Hauses Derby angegriffen worden?« sagte der König; »denn, auf mein Wort, Ihr gebt mir die erste Nachricht davon.«

»Gibt es eine Erzählung, wie die Erdichtungen heißen, die in Beziehung auf das papistische Complot gedruckt worden sind – dieses vorgebliche Complot, wie ich es nennen will – worin nicht die Ehre unsers Hauses angegriffen und befleckt worden ist? – Und sind nicht ein Paar achtbare Edelleute, Vater und Sohn, wegen solcher Umstände, über die wir zuerst angeklagt wurden, in Gefahr gesetzt, ihr Leben zu verlieren?«

Der König sah sich um, und lächelte gegen Arlington und Ormond. »Der Muth der Gräfin beschämt, dünkt mich, den unsrigen. Welche Lippen hätten gewagt, das Complot vorgeblich, oder die Erzählung der Zeugen Erdichtung zu nennen? – Aber, gnädige Gräfin,« fuhr er fort, »ob ich gleich den Edelmuth Eurer Verwendung für die beiden Peveril bewundere, so muß ich Euch doch bekannt machen, daß Eure Verwendung unnöthig ist – sie sind diesen Morgen freigelassen worden.«

»Nun so sei Gott gepriesen!« sagte die Gräfin, die Hände faltend. »Ich habe kaum schlafen können, seitdem ich ihre Anklage erfuhr, und ich bin hier angekommen, mich selbst der Gerechtigkeit Ew. Majestät oder den Vorurtheilen der Nation zu überliefern, in Hoffnung, hierdurch wenigstens das Leben meiner edlen und großmüthigen Freunde zu retten, die bloß oder hauptsächlich durch ihre Verbindung mit uns in Verdacht verwickelt sind. – Sind sie wirklich frei?«

»Sie sind es, auf meine Ehre,« sagte der König. »Ich wundre mich, daß Ihr nicht davon gehört habt.«

»Ich kam erst letzte Nacht an, und blieb in der strengsten Abgeschiedenheit,« sagte die Gräfin, »besorgt, Erkundigungen zu machen, die mich eher entdecken möchten, als ich Ew. Majestät gesehen hätte.«

»Und nun, da wir uns gesehen haben,« sagte der König, sie freundlich bei der Hand nehmend – »eine Zusammenkunft, die mir das größte Vergnügen macht – darf ich Euch rathen, schnell, mit eben so wenig Aufsehen, als Ihr hieher kamt, auf Eure Insel zurückzukehren? Die Welt, meine theure Gräfin, hat sich geändert, seitdem wir jung waren. – Wir müssen nach dem nächsten Hafen eilen, und glücklich, wenn wir einen erreichen.«

»Das ist Feigheit, mein Fürst,« sagte die Gräfin. – »Verzeiht das Wort! – es ist nur eine Frau, die es ausspricht. Rufet Eure edlen Freunde um Euch her, und haltet Stand, wie Euer königlicher Vater. Es gibt nur ein Recht und Unrecht – einen ehrenvollen und vorwärts gehenden Lauf, und jeder andere, der abweicht, ist krumm und unwürdig.«

»Eure Sprache, meine verehrte Freundin,« sagte Ormond, der die Nothwendigkeit einsah, in's Mittel zu treten, – »Eure Sprache ist stark und entschieden, aber sie paßt nicht zu den Zeiten. Sie könnte eine Erneuerung des Bürgerkrieges und alles seines Elendes veranlassen, schwerlich aber die von Euch gehoffte Wirkung haben.«

»Ihr seid zu rasch, Frau Gräfin,« sagte Arlington, »daß Ihr nicht nur Euch selbst in diese Gefahr stürzen, sondern auch seine Majestät darein verwickeln wollt. Laßt mich offen sagen, daß Ihr in dieser unruhigen Zeit nicht wohl gethan habt, die Sicherheit des Schlosses Rushin für die Gefahr einer Wohnung im Tower von London zu vertauschen.«

»Und sollte ich den Block dort küssen müssen,« sagte die Gräfin, »wie mein Mann, so würde ich es eher willig thun, als einen Freund verlassen! – und noch dazu einen, den ich, wie den jüngern Peveril, in Gefahr gestürzt habe.«

»Aber hab' ich Euch nicht versichert, daß beide Peverile, der ältere und der jüngere, frei sind?« sagte der König, »und, meine theure Gräfin, was kann Euch sonst versuchen, Euch selbst in eine Gefahr zu begeben, aus welcher Ihr ohne Zweifel durch meine Vermittlung errettet zu werden erwartet? Mich dünkt, eine Dame von Eurer Einsicht sollte sich nicht freiwillig in einen Fluß stürzen, bloß damit ihre Freunde das Wagstück unternehmen und das Verdienst haben möchten, sie herauszuziehen.«

Die Gräfin wiederholte ihre Absicht, auf eine unparteiische Untersuchung zu dringen. – Die beiden Räthe aber drangen auf die Befolgung ihres Raths, sie sollte sich zurückziehen, und in ihrem Königreich bleiben.

Der König, der kein Ende dieses Streits absah, erinnerte die Gräfin höflich, Ihre Majestät würden eifersüchtig sein, wenn er sie länger zurückhielte, und bot Ihr seine Hand an, sie zur Gesellschaft zurückzuführen. Sie sah sich genöthigt, dieß anzunehmen, und kehrte also in die Prunkzimmer zurück, wo sogleich hernach ein höchst seltsames Ereigniß vorfiel.

Die Gäste hatten sich großentheils auf eine Stelle zusammengezogen, aus Anlaß der Ankunft einer Truppe von fünf bis sechs Tonkünstlern, von welchen einer, ein Deutscher, im Dienste des Herzogs von Buckingham, besondern Ruf als Violoncellspieler hatte, aber durch das Außenbleiben seines Instruments, das nun endlich ankam, unthätig im Vorzimmer zu bleiben genöthigt gewesen war.

Der Bediente, der es in seinem hölzernen Futteral aufstellte, schien herzlich froh, seiner Last los zu sein, und verweilte einen Augenblick, als wär' er begierig, zu entdecken, was für eine Art Instrument hervorgebracht werden würde, das so schwer wiegen könnte. Seine Neugierde wurde befriedigt, und zwar auf eine höchst außerordentliche Art; denn, während der Musikus den Schlüssel drehte, da das Futteral zu seiner größern Bequemlichkeit aufrecht gegen die Wand gestellt war, flogen das Futteral und das Instrument selbst auf einmal auf, und heraus sprang der Zwerg, Gottfried Hudson, bei dessen plötzlicher Erscheinung die Damen mit einem Schrei zurückwichen, die Herren stutzten, und der arme Deutsche vor Schreck zu Boden sank. Sobald er sich jedoch erholt hatte, schlüpfte er aus dem Zimmer, und ihm folgten seine meisten Gefährten.

Nachdem sich der Zwerg in Positur gesetzt, begann er also zu sprechen: »Ich, Ritter Gottfried Hudson, klage vor dieser Gesellschaft den vormals edeln Herzog von Buckingham des Hochverraths an.«

»Wohl gesprochen, und mannhaft. – Nur weiter,« sagte der König, der nicht zweifelte, daß dieß die Einleitung zu etwas Burleskem oder Witzigem wäre, und nicht von ferne daran dachte, daß die Beschuldigung in feierlichem Ernst gesprochen würde.

Ein großes Gelächter hatte sich unter den Hofleuten erhoben, der Zwerg aber sprach unwillig: »Ist es ein passender Gegenstand zum Lachen, daß ich, Gottfried Hudson, Ritter, vor dem Könige und den Edeln, Georg Villiers, Herzog von Buckingham, des Hochverraths anklage?«

»Allerdings kein Gegenstand zum Scherz,« sagte Carl, wieder mit ernsthafter Miene, »aber ein Stoff zu großer Verwunderung. – Wohlan, laß diese Mummerei. – Soll es ein Scherz sein, so rückt heraus damit, und wo nicht, so geht an den Credenztisch, und trinkt ein Glas Wein, Euch zu erfrischen.«

»Ich sage Euch, mein Fürst,« sprach Hudson mit Ungeduld, doch leise, so daß er nur vom König gehört werden konnte, »daß Ihr, wenn Ihr zu viel Zeit verliert, durch schreckliche Erfahrung von Buckinghams Verrath werdet überzeugt werden. – Ich sage Euch, – ich betheure es Euer Majestät, – zweihundert bewaffnete Schwärmer werden binnen einer Stunde hier sein, um die Wachen zu überfallen.«

Der König ließ nun die übrige Gesellschaft, bis auf den Herzog von Ormond, Arlington, und einige Andere, zurücktreten, um den Bericht des Zwergs anzuhören, aus dem sich Folgendes ergab. Die beiden Peveril hatten zu entkommen versucht, die Wache war aber herbeigekommen, und hatte nun den Zwerg von ihnen getrennt, und in ein Zimmer verschlossen. Bald darauf trat durch eine Tapetenthüre die Unbekannte ein, welche den Zwerg eingeladen hatte, in's Haus zu kommen. – »Ich folgte meiner schönen Führerin,« fuhr der Zwerg fort, »in ein Zimmer, wo, seltsam unter einander gemischt, kriegerische Waffen und musikalische Instrumente lagen. Unter diesen sah ich ein Violoncell. Zu meinem Erstaunen drehte sie das Instrument um, und zeigte, indem sie es hinten durch den Druck einer Feder öffnete, daß es mit Pistolen, Dolchen, und sonstigen Waffen, angefüllt war. – ›Diese,‹ sagte sie, ›sind bestimmt, diese Nacht Carl'n zu überfallen.‹ – Eure Majestät müssen verzeihen, daß ich mich ihrer eigenen Worte bediene, ›wenn du aber wagst, anstatt ihrer zu gehen, so kannst du der Retter des Königs und Reiches sein; wenn du dich fürchtest, so will ich selbst das Abenteuer versuchen.‹ Nein, der Himmel verhüte, daß Gottfried Hudson verzagt genug sei, sagt' ich, Euch eine solche Gefahr laufen zu lassen! Ihr wißt nicht, – könnt nicht wissen, was zu solchem Hinterhalt und Verstecken gehört, – ich bin daran gewöhnt, – habe in der Tasche eines Riesen gelauert, und den Inhalt einer Pastete ausgemacht. ›So gehe denn herein,‹ sagte sie, ›und verliere keine Zeit.‹ Dennoch will ich nicht läugnen, daß, während ich mich anschickte, zu gehorchen, einige kalte Schauer mich anwandelten, und ich gestand ihr, wenn es sein könne, so wolle ich lieber auf meinen eigenen Füßen meinen Weg in das Schloß nehmen. Aber sie wollte mich nicht anhören, sondern sagte hastig: ›ich würde aufgefangen, oder nicht vorgelassen werden, und ich müßte das Mittel annehmen, das sie mir vorschlug, zur Audienz zu gelangen, und wenn dieß der Fall wäre, den König warnen, auf seiner Hut zu sein, – wenig mehr sei nöthig; denn ist einmal der Anschlag bekannt, so wird er verhindert.‹ Sie nahm die Waffen aus dem Instrumente heraus, und nachdem sie dieselben hinter den Kaminschirm gebracht hatte, führte sie mich statt desselben ein. Ich bat sie, die Männer, denen ich anvertraut werden sollte, zu warnen, sich in Acht zu nehmen, und den Hals des Violoncells aufwärts gekehrt zu halten; doch, ehe ich meine Bitte vollendet hatte, fand ich mich allein und in Finsterniß. Sogleich kamen zwei oder drei Kerle herein, aus deren Sprache, die ich einigermaßen verstand, ich Deutsche erkannte, die im Dienste des Herzogs von Buckingham standen. Ich hörte sie von dem Anführer Befehl erhalten, wie sie sich betragen sollten, wann sie die verborgenen Waffen ergreifen, – und – denn ich will dem Herzog nicht Unrecht thun – ich vernahm, daß ihre Befehle bestimmt waren, nicht nur die Person des Königs, sondern auch die der Hofleute zu schonen, und Alle, die sich in dem Audienzzimmer befinden möchten, gegen einen Angriff der Fanatiker zu schützen. Sonst hatten sie die Ordre, die vornehmste Leibgarde des Königs auf der Hauptwache zu entwaffnen, und am Ende das Commando des Hofes zu übernehmen.«

Die Miene des Königs drückte Verlegenheit und tiefes Nachdenken bei dieser Eröffnung aus, und er bat den Lord Arlington, dafür zu sorgen, daß Selby, ein Offizier von der Leibwache, im Stillen eine Untersuchung über den Inhalt der andern Futterale anstellte, in denen vorgeblich musikalische Instrumente gebracht worden waren. Er gab dann dem Zwerg ein Zeichen, in seiner Erzählung fortzufahren, und fragte ihn einmal über das andere sehr ernsthaft, ob er gewiß wäre, den Namen des Herzogs, als dessen, der dieß Unternehmen befohlen, wirklich erwähnen gehört zu haben?

Der Zwerg antwortete bejahend.

»Das heißt doch den Spaß etwas weit treiben,« sagte der König.

Der Zwerg fuhr nun fort, und berichtete, daß er nach dieser Metamorphose in die Kapelle getragen worden sei, wo er den Prediger am Schlusse seiner Rede hörte, dessen Inhalt er auch anführte. Worte, sagte er, könnten die Todesangst nicht ausdrücken, als er fand, daß sein Träger, da er das Instrument in einen Winkel stellte, im Begriff war, ihm eine umgekehrte Stellung zu geben; ein Fall, in welchem er, wie er sagte, wohl nicht lange ausgehalten hätte, ohne zu schreien.

»Ich hätte Euch das nicht verargen können,« sagte der König. – »Ist dieß Alles, was Ihr uns von dieser seltsamen Verschwörung zu berichten habt?« Hudson antwortete bejahend, und der König fügte sogleich hinzu: »Geht nun, mein lieber Freund, Eure Dienste sollen nicht vergessen werden. Weil Ihr zu unserm Dienst in den Bauch einer Violine gekrochen seid, so sind wir durch Pflicht und Gewissen gebunden, Euch in Zukunft eine geräumigere Wohnung anweisen zu lassen.«

»Es war ein Violoncell, wenn Eure Majestät sich zu erinnern belieben,« sagte der Kleine, »nicht eine gemeine Fiedel; doch im Dienste Euer Majestät wäre ich selbst in eine Stockfiedel gekrochen.«

»Tretet ab,« sprach der König, »und hütet Euch wohl, Etwas von dieser Sache zu sprechen. Laßt Eure Erscheinung nur für einen Spaß des Herzogs von Buckingham gelten, und nicht ein Wort von Verschwörung.«

»Wär' es nicht besser, ihn unter einige Aufsicht zu stellen, Euer Majestät?« sagte der Herzog von Ormond, als Hudson das Zimmer verlassen hatte.

»Es ist unnöthig,« antwortete der König. »Aber meine Herren Herzöge, ist dieser Streich Buckingham's nicht zu schändlich und undankbar?«

»Er hätte nicht daran gedacht,« sagte der Herzog von Ormond, »wenn Euer Majestät nicht in andern Fällen zu gelinde gewesen wären.«

»Herr Herzog, Herr Herzog,« sagte Carl hastig, – »Ihr seid Buckingham's bekannter Feind, – wir wollen andern und unparteiischen Rath einholen. Arlington, was haltet Ihr davon?«

»Erlauben Eure Majestät,« sagte Arlington, »ich denke, die Sache ist schlechthin unmöglich, wofern nicht der Herzog irgend einen Zwist mit Euer Majestät gehabt hat, von dem wir nichts wissen. Seine Durchlaucht ist unstreitig sehr hitzig, aber dieß scheint wirklicher Unsinn zu sein.«

»Allerdings,« sagte der König, »gab es einigen Wortwechsel zwischen uns diesen Morgen, – seine Gemahlin ist todt, – und um keine Zeit zu verlieren, hatte Seine Durchlaucht zum Ersatz des Verlustes, sich nach einem andern Gegenstande umgesehen, und war so dreist, zur Bewerbung um meine Nichte, Lady Anne, unsere Einwilligung zu suchen.«

»Welche Ihre Majestät natürlich versagten,« sagte der Staatsmann.

»Und nicht, ohne ihm seine Dreistigkeit zu verweisen,« setzte der König hinzu.

»Insgeheim, oder vor Zeugen?« fragte der Herzog von Ormond.

»Vor Niemanden,« antwortete der König, »ausgenommen den kleinen Chiffinch, der ist aber, wie Ihr wißt, so gut als Niemand.«

» Hinc illae lacrymae,« sagte Ormond. »Ich kenne Seine Durchlaucht wohl. So lange der Verweis nur eine Sache zwischen Euer Majestät und ihm gewesen wäre, hätte er es wohl hingehen lassen. Aber eine Abfertigung vor einem Mann, der sie wahrscheinlich genug am ganzen Hofe herumbringen möchte, war Etwas, das geahndet werden mußte.«

Hier kam Selby eilig aus dem andern Zimmer, um zu sagen, daß Seine Durchlaucht von Buckingham, nach welchem, wie der Leser weiß, geschickt worden war, eben in das Audienzzimmer getreten sei.

Der König stand auf. »Haltet ein Boot in Bereitschaft, nebst einer Compagnie von der Garde,« sprach er. »Es kann nöthig sein, ihn wegen Verraths festzunehmen, und in den Tower zu schicken.«

»Sollte nicht ein Verhaftsbefehl des Staatssekretärs ausgefertigt werden?« fragte Ormond.

»Nein, Herzog!« sagte der König lebhaft. »Ich hoffe, die Nothwendigkeit soll noch vermieden werden.«



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