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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Während Julian, von Müdigkeit übermannt und von Beängstigung ermattet, als ein Gefangener in dem Hause seines Erbfeindes schlummerte, bereitete die Glücksgöttin seine Befreiung durch einen jener unvermutheten Schläge vor, womit sie die Berechnungen und Erwartungen der Menschheit gern in Verwirrung bringt, und wie sie zu solchem Zweck seltsame Mittel ergreift, so beliebte es ihr für den gegenwärtigen Fall keine geringere Person, als Deborah zu gebrauchen. Ohne Zweifel durch die Erinnerung an vorige Zeiten getrieben, hatte diese sich kaum in der Nähe der Scenen ihrer frühern Tage gefunden, als sie sich einen Besuch bei der alten Haushälterin auf dem Schlosse Martindale, Ellesmere mit Namen, vornahm, welche, lange aus dem wirklichen Dienst zurückgezogen, in dem Försterhause in der Westgegend des Gehölzes, nebst ihrem Neffen Launce Outram, wohnte, und von dem Ersparten ihrer bessern Tage und einem kleinen, ihr wegen ihres Alters und ihrer treuen Dienste vom Ritter Peveril vom Gipfel ausgesetzten Jahresgehalt lebte.

Nun waren Ellesmere und Deborah ehedem keineswegs auf so freundschaftlichem Fuß gewesen, als diese Eile, sie zu besuchen, würde vermuthen lassen. Aber die Jahre hatten Deborah vergessen und vergeben gelehrt, oder vielleicht hatte sie keine scheinbare Abhaltung, unter dem Vorwande eines Besuchs bei der Ellesmere, beiläufig zu sehen, was die Zeit an ihrem alten Verehrer, dem Förster, für Veränderungen gemacht hätte. Beide Bewohner waren in dem Häuschen, als Deborah, nachdem sie ihren Herrn nach dem Schlosse gehen gesehen hatte, mit ihrem besten Kleide angethan, nach Ellesmere's Wohnung ging.

Die Augen der Letzteren waren so blöde, daß sie, selbst mit Hülfe der Brille, in der stattlichen und wohlbeleibten Person, welche hereintrat, nicht das schmächtige, wohlgebildete Mädchen wieder erkannte, die, im Vertrauen auf ihr gutes Aussehen und ihre geläufige Zunge, sie so oft durch Unfolgsamkeit geärgert hatte. Kurz, Deborah mußte mit Erröthen sich selbst bekannt machen, und als dieß geschehen, ward sie von der Tante und dem Neffen mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit aufgenommen.

Selbst gebrautes Bier wurde aufgesetzt, und, anstatt einer geringeren Kost, gaben einige Stücke Wildpret, die jetzt in der Schmorpfanne dampften, der starken Vermuthung Raum, daß Launce Outram, als Förster, seine eigne Küche nicht vergaß, wenn er die Speisekammer des Schlosses versorgte. Ein bescheidener Trunk des trefflichen Doppelbiers und einige Schnitte des schmackhaften Fleisches machten Deborah bald ganz heimisch vertraut mit ihren alten Bekannten.

Nachdem sie alle nöthigen Fragen gethan, und alle passenden Antworten erhalten, in Bezug auf die Nachbarschaft und die noch hier wohnenden Freunde, fing die Unterhaltung etwas zu stocken an, bis Deborah den Kunstgriff fand, sie wieder zu beleben, indem sie ihren Freunden die traurige Nachricht mittheilte, daß sie bald gefährlich bösen Neuigkeiten aus dem Schlosse entgegensehen müßten, weil ihr gegenwärtiger Herr, Major Bridgenorth, von gewissen hohen Personen in London aufgefordert sei, ihnen in Verhaftung ihres alten Herrn, des Ritters Peveril, beizustehen, und daß alle Dienstboten Bridgenorth's, und verschiedene andere Personen, die sie nannte, Freunde und Anhänger derselben Sache, eine Macht versammelt hätten, um das Schloß zu überfallen.

Der Inhalt dieser Rede, oder mit andern Worten, die Thatsache, daß Major Bridgenorth mit einer Partei ausgegangen war, den Ritter Peveril in seinem eignen Schlosse Martindale anzugreifen, klang so erstaunlich befremdend in den Ohren dieser alten Dienstleute seines Hauses, daß sie eben sowohl unfähig waren, die Folgerungen der Deborah abzuwarten, als sie in dem reißenden Strom ihrer Rede zu unterbrechen. Und als sie endlich athemlos eine Pause machte, war Alles, was Ellesmere erwiedern konnte, die nachdrückliche Frage: »Bridgenorth sollte dem Ritter Peveril Trotz bieten! – Ist das Weib toll?«

Einige Dienstmädchen, die während des Lärms vom Schlosse geflohen waren, stürzten in diesem Augenblicke mit mancherlei Bericht über den Vorfall in die Stube; aber alle kamen darin überein, daß ein Haufen bewaffneter Männer im Besitz des Schlosses sei, und daß Major Bridgenorth den jungen Peveril zum Gefangenen gemacht und hinab nach Moultrassie-Hall geschickt habe, und zwar mit unter dem Bauche des Pferdes zusammengebundenen Füßen – ein schändlicher Anblick – und er ein so edel geborner und hübscher Mensch.

Launce kratzte sich im Kopfe und war unschlüssig, was er thun sollte. Endlich gab er Cäcilien, einem der aus dem Schlosse entflohenen Mädchen, den Auftrag, auf's Schloß zurückzugehen, und durch ein Feuer auf dem Leuchtthurm ihm das Signal zum Anrücken zu geben. Hierauf ging er nach dem nahen Bergwerk, Bonadventure genannt, und suchte die Bergleute, die wegen rückständigen Lohns schwierig geworden, für seinen Plan zu gewinnen.

»Hört,« hob er an, als sich eine beträchtliche Anzahl derselben versammelt hatte, »hat Ritter Peveril, glaubt ihr, jemals einen Pfennig aus diesem Bergwerk zu Bonadventure in seine Tasche bekommen?«

»Ich kann nicht sagen, wie ich denke, daß es wohl geschehen ist,« antwortete Gaffer, das Haupt der Bergleute.

»Antwortet auf Euer Gewissen, wenn es auch ein bleiernes wäre; wißt Ihr nicht, daß er einen guten Pfennig Geld verloren hat?«

»Ei, es kann wohl sein,« antwortete Gaffer. »Was ist's weiter? Heute verloren, morgen gewonnen; der Bergmann will in der Zwischenzeit leben.«

»Ganz recht; aber wovon wollt ihr leben, wenn Herr Bridgenorth das Land bekömmt, der nichts von einem Bergwerke auf seinem Grund und Boden wird wissen wollen? Wird er auf einen todten Verlust hier wollen graben lassen? Meint ihr?« fragte Launce.

»Bridgenorth? – der von Moultrassie-Hall, der die große Glücksgrube zuschütten ließ, auf welche sein Vater zehntausend Pfund ausgelegt haben soll, und nie einen Pfennig gewann? Ei, was hat der mit Ritter Peveril's Eigenthum hier zu Bonadventure zu schaffen? Diese Grube war nie sein, meines Wissens.«

»Nein, so viel ich weiß,« sagte Launce, der den gemachten Eindruck bemerkte. »Das Recht und Schulden aber werden ihm die halbe Grafschaft Derby verschaffen, denk' ich, wenn ihr nicht dem alten Ritter Peveril beisteht.«

»Wenn aber der Ritter todt wäre,« sagte Gaffer vorsichtig, »was wird unser guter Wille, ihm beizustehen, helfen?«

»Ich sagte nicht, daß er todt wäre, aber so schlimm, als todt, in den Händen der Rundköpfe – ein Gefangener dort drüben auf seinem eignen Schlosse;« sprach Launce; »und er wird seinen Kopf hergeben müssen, so gut, als der gute Graf Derby zu Bolton-le-Moors.«

»Nun dann, Kameraden,« rief Gaffer, »wenn's so ist, wie Herr Launce sagt, so denk' ich, wir sollen eine Hand regen für den alten Ritter Gottfried wider einen niedrig gebornen, niederträchtigen Kerl, wie Bridgenorth, der einen Schacht zuschüttete, der Tausende kostete, ohne einen Pfennig Ausbeute davon zu haben. Drum Heil Ritter Peveril, und nieder mit dem Parlament! Aber halt noch, halt –« er winkte mit der Hand – »hört, Herr Launce, es muß Alles vorbei sein; denn der Wachtthurm ist finster, wie die Nacht; und das, wißt Ihr wohl, zeigt des Herrn Tod an.«

»Er wird in einem Augenblick wieder leuchten,« sagte Launce, und leise setzte er hinzu: »Gebe es Gott! – Er wird den Augenblick wieder leuchten – es liegt bloß am Brennmaterial und an der Bestürzung der Familie.«

»Ja, ja, kann wohl sein;« sagte Gaffer; »aber ich will mich nicht rühren, bis ich ihn leuchten sehe.«

»Ha, ha! nun kommt's!« rief Launce. »Dank dir, Cäcilie. – Nun glaubt euern eignen Augen, wenn ihr mir nicht glaubt, Kameraden; und nun Heil, Ritter Peveril, dem König und seinen Freunden – und nieder mit den Rundköpfen und ihrem Parlament!«

Das plötzliche Wiederleuchten der Warte hatte alle Wirkung, die Launce nur wünschen konnte, auf diese rohen und unwissenden Leute, die in ihrem Aberglauben den Polarstern Peverils mit den Schicksalen der Familie in starke Verbindung gebracht hatten. Einmal in Bewegung gesetzt, wurden sie, nach dem Nationalcharakter ihrer Landsleute, bald begeistert; und Launce sah sich an der Spitze von mehr als dreißig rüstigen Gesellen, mit ihren Aexten bewaffnet, und bereit, Alles zu unternehmen, was er ihnen auflegen würde.

In der Zuversicht, durch das Hinterpförtchen, welches ihm und andern Bedienten im Nothfall zur Bequemlichkeit gedient hatte, in das Schloß zu ziehen, war er nur besorgt, seinen Einzug ganz still zu halten; und empfahl seiner Schaar ernstlich, ihr Feldgeschrei bis für den Augenblick des Angriffs zurückzuhalten. Sie waren nicht weit auf ihrem Wege nach dem Schlosse vorgerückt, als ihnen Cäcilie so außer Athem vor Eile begegnete, daß das arme Mädchen sich in Launce's Arme zu werfen genöthigt sah.

»Steh auf, Mädchen,« sagte er, indem er ihr zugleich heimlich einen Kuß gab, »und laß uns hören, wie's auf dem Schloß steht.«

»Die gnädige Frau bittet Euch, wenn Ihr Gott und Eurem Herrn dienen wollet, nicht auf das Schloß zu kommen, was nur Blutvergießen veranlassen würde; denn sie sagt, der Ritter Gottfried wird gesetzmäßig behandelt, und muß den Ausgang abwarten; und er ist unschuldig an dem, wessen man ihn anklagt, und er wird bei dem König und Geheimerath sich selbst rechtfertigen, und sie wird mit ihm gehen. Und außerdem haben die rundköpfigen Schurken das Hinterpförtchen gefunden; denn zwei von ihnen sahen mich herausgehen und jagten mich; allein ich zeigte ihnen ein hübsches Paar Fersen.«

»Was ist da zu thun?« sagte Launce nachdenklich. »Denn wenn sie sich des Hinterpförtchens versichert haben, so weiß der Teufel, wie wir hinein kommen.«

»Alles ist am Schlosse mit Riegeln und Schließhacken befestigt, und mit Flinten und Pistolen bewacht,« sagte Cäcilie; »und so scharf sind sie, daß sie (wie gesagt) mich fast gefangen hätten, als ich mit der Botschaft meiner gnädigen Frau fort wollte. Aber meine gnädige Frau sagte, wenn Ihr ihren Sohn, Junker Julian, von Bridgenorth befreien könntet, so würde sie es als einen guten Dienst annehmen.«

»Was?« rief Launce, »ist der junge Herr auf dem Schlosse?«

»Er war auf dem Schlosse mitten unter dem Getümmel; aber der alte Bridgenorth hat ihn als Gefangenen nach Moultrassie-Hall gebracht,« antwortete das Mädchen.

»Wohlan denn,« rief Launce, »da ihr Alle eines Sinnes seid, so wollen wir dem alten Dachs die Haut abziehen; und ich versichere euch, Moultrassie-Hall ist nicht wie eins unsrer massiven Hauser, wo die Mauern so dick sind, wie die Festungsmauern, sondern elendes Ziegelwerk, das unsere Bergäxte wie Käse durchbrechen werden.«

Er führte nun seine Schaar weiter durch solche Wege, die am wahrscheinlichsten unbewacht waren, nach dem Hofraum von Moultrassie-Hall. Auf der Straße begegneten sie verschiedenen rüstigen Befreundeten, entweder aus der Dienerschaft Peverils, oder Freunden der hohen Geistlichkeit und der adeligen Partei, von denen die meisten durch die, fast in der ganzen Umgegend verbreiteten, Gerüchte beunruhigt, mit Schwert und Pistolen bewaffnet waren.

Launce hieß seinen Trupp in der Entfernung eines Pfeilschusses vom Hause, wie er es selbst beschrieb, Halt machen, und rückte allein zur Auskundschaftung vor; nachdem er Gaffer und seine Gesellen vorläufig zum Beistande herbeizueilen beordert hatte, sobald er pfeifen würde. Er schlich nun behutsam vorwärts, und fand bald, daß diejenigen, die er überfallen wollte, eine Schildwache ausgestellt hatten. Dieser näherte er sich und gab vor, daß er von einem Parlamentsgliede Briefe an Bridgenorth zu überbringen habe.

»Gebt mir die Briefe, Freund,« sagte die Schildwache, der diese Erklärung sehr natürlich und wahrscheinlich vorkam, »und ich will sie sogleich in des Herrn Majors Hände überliefern lassen.«

Launce wühlte in seiner Tasche, als suchte er die Briefe, die gar nicht existirten, näherte sich der Flinte des Mannes, und faßte ihn, ehe er sich's versah, beim Kragen, pfiff scharf und gellend, und rang mit seinem Gegner, bis er diesen zu Boden streckte, und die Muskete, um die sie kämpften, im Fallen losging.

Die Bergleute stürzten auf Launce's Signal in den Hofraum; und ohne Hoffnung, seinen Plan noch länger still zu verfolgen, befahl er zweien, den Gefangenen in Sicherheit zu bringen, und den übrigen laut zu schreien und das Thor des Hauses anzugreifen. Im Augenblick erscholl der Hofraum des Hauses von dem Ruf: »Ritter Peveril soll leben!«

Das Getös von außen erregte bald wilde Verwirrung und Unruhe von innen. Lichter flogen von Fenster zu Fenster, und Stimmen ließen sich fragend hören, was die Ursache dieses Lärms sei, worauf das Geschrei der Leute, die im Hofraum waren, eine hinlängliche, wenigstens die einzige Antwort war, die man zu geben beliebte. Endlich öffnete sich das Fenster einer vorragenden Treppe, und Bridgenorths Stimme fragte mit gebietendem Ansehen, was der Lärm bedeute, und befahl den Aufrührern, auf ihre eigene unmittelbare Gefahr abzustehen.

»Wir wollen unsern jungen Herrn haben, ihr kauderwälscher alter Dieb,« war die Antwort; »und wenn wir ihn nicht den Augenblick haben, so soll der höchste Stein Eures Hauses bald so tief liegen, als der Grund.«

»Wir wollen das sogleich versuchen,« sagte Bridgenorth; »denn wenn noch ein Schlag an mein friedliches Haus geschieht, so feuere ich mein Gewehr auf euch ab, und euer Blut komm' über euer eignes Haupt. Ich habe eine Partie Freunde, mit Musketen und Pistolen wohl bewaffnet, zur Vertheidigung meines Hauses, und sowohl den Muth als die Mittel, unter Beistand des Himmels jede von euch zu verübende Gewalt zu vergelten.«

»Herr Bridgenorth,« antwortete Launce, der, obgleich kein Soldat, doch Jäger genug war, um die Vortheile zu begreifen, welche seine Gegner unter solchen Umständen nothwendig haben mußten; »Herr Bridgenorth, laßt uns um Unterhandlungen mit Euch, und um billige Bedingungen bitten. Wir wollen Euch nichts Böses anthun, aber wir wollen unsern jungen Herrn zurückhaben; es ist genug, daß Ihr unsern alten Herrn und seine Gemahlin in Eure Gewalt bekommen habt. Es ist schlechte Jagd, Hirsch, Hindin und Rehkalb zu tödten; und wir wollen Euch den Augenblick einiges Licht über die Sache geben.«

Auf diese Rede folgte ein neuer Angriff und ein großes Krachen unter den untern Fenstern des Hauses.

»Ich würde des ehrlichen Mannes Wort annehmen, und den jungen Peveril gehen lassen,« sagte Einer von den in Bridgenorths Hause Versammelten, welcher, sorglos gähnend, sich inwendig dem Pfosten näherte, an den sich Bridgenorth gestellt hatte.

»Seid Ihr toll?« sagte Bridgenorth; »oder haltet Ihr mich arm genug an Muth, um die Vortheile aufzugeben, die ich nun über die Peveril'sche Familie besitze, aus Furcht vor einem Haufen Bauern, die der erste Schuß zerstreuen wird, wie Spreu der Wirbelwind.«

»Nein,« antwortete Jener, derselbe, welcher dem jungen Peveril durch seine Aehnlichkeit mit Ganlesse aufgefallen war; »ich liebe eine grausame Rache; aber wir werden sie etwas zu theuer erkaufen, wenn diese Schurken das Haus anzünden, wie sie wahrscheinlich thun werden, während Ihr aus dem Fenster unterhandelt. Sie haben Fackeln oder Feuerbrände in den Saal geworfen, und Alles, was unsere Freunde thun können, ist, daß sie die Flamme vom Täfelwerk abhalten, das alt und trocken ist.«

»Nun so mag der Himmel dich richten für deinen Leichtsinn,« antwortete Bridgenorth; »man sollte denken, Unheil wäre recht eigentlich dein Element, daß es dir gleichgültig ist, ob Freund oder Feind der Leidende sei.«

So sprach er, und rannte eilig die Treppe hinab, in welche die Belagerer durch zerbrochene Fensterflügel angezündetes Stroh geworfen hatten, das hinlänglich war, viel Rauch und etwas Feuer zu verursachen, und die Vertheidiger des Hauses in große Verwirrung zu setzen, um so mehr, da von verschiedenen, aus den Fenstern hastig abgefeuerten Schüssen für die Belagerer wenig oder gar kein Schade erfolgte, welche, immer mehr erhitzt in ihrem Angriff, schon eine Bresche durch die Ziegelmauer des Hauses gemacht hatten, durch welche Launce, Gaffer und andere der Kühnsten unter dem Haufen ihren Weg in den Saal nahmen.

Die vollkommene Einnahme des Hauses blieb jedoch so weit entfernt, als je. Die Vertheidiger verbanden mit vieler Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit jenen feierlichen und tiefen Geist der Schwärmerei, welcher das Leben für weniger als nichts achtet, wenn es wahre oder eingebildete Pflicht heischt. Aus den halb geöffneten Thüren, welche in das Hauptgebäude führten, unterhielten sie ein Gewehrfeuer, das verheerend zu werden anfing. Ein Bergmann wurde todt geschossen, drei oder vier verwundet, und Launce wußte kaum, ob er seine Streitkräfte aus dem Hause zurückziehen, und dieses den Flammen zum Raube lassen, oder mit einem verzweifelten Angriff auf die von den Vertheidigern besetzten Posten den ungestörten Besitz des Platzes zu gewinnen suchen sollte. In diesem Augenblick wurde die Richtung seines Verhaltens durch einen unerwarteten Vorfall bestimmt.

Julian Peveril war, gleich andern Einwohnern von Moultrassie-Hall, in jener bedeutungsvollen Nacht durch den Knall von der Muskete der Schildwache und das darauf folgende Feldgeschrei der Vasallen und Anhänger seines Vaters aufgeweckt worden, wovon er genug vernahm, um zu vermuthen, daß Bridgenorths Haus in der Absicht angegriffen wurde, ihn zu befreien. Sehr zweifelhaft über den Ausgang eines solchen Unternehmens, noch schwindlig von dem Schlummer, aus dem er so plötzlich war erweckt worden, und wie betäubt von der raschen Folge von Ereignissen, von denen er neulich Zeuge gewesen war, legte er geschwind einen Theil seiner Kleider an, und eilte an das Fenster seiner Kammer. Aus diesem konnte er nichts sehen, was seine Unruhe beschwichtigt hätte; denn es ging auf eine andere Gegend, als wo der Angriff geschehen war. Er rüttelte an der Thüre, sie war von außen verschlossen; seine Bestürzung und Angst stieg auf's Höchste, als sich plötzlich das Schloß drehte, und Alexie in einem im Augenblick der Bestürzung nachlässig umgeworfenen Nachtgewande, mit zerstreut auf die Schultern fallenden Haaren, und mit Augen, aus denen Furcht und Entschlossenheit glänzte, in seine Kammer stürzte, und seine Hand mit dem heißen Ausruf ergriff: »Julian, rettet meinen Vater!«

Das Licht, das sie in der Hand hielt, zeigte die Gesichtszüge, die schwerlich irgend Jemand ohne Rührung hätte sehen können, die aber für den Liebenden einen unwiderstehlichen Ausdruck hatten.

»Alexie,« sagte er, »was soll das heißen? Was gibt es für ein Unglück? Wo ist Euer Vater?«

»Zögert nicht mit Fragen,« antwortete sie; »sondern, wenn Ihr ihn retten wollt, folgt mir.«

Sogleich führte sie ihn in der größten Hast die Thurmtreppe hinab, die zu seinem Zimmer führte; dann wandte sie sich durch eine Seitenthüre, längs einer langen Gallerie zu einer größern und breitern Treppe, an deren Fuße ihr Vater mit vier bis fünf Freunden stand, kaum erkennbar durch den Rauch des Feuers, welcher den Saal einzunehmen anfing, wie auch durch den, der von dem wiederholten Abschießen ihrer Feuergewehre emporstieg.

Julian sah, daß kein Augenblick zu verlieren war, wenn er einen glücklichen Vermittler abgeben wollte. Er flog durch Bridgenorths Anhänger, ehe sie seine Annäherung gewahr wurden, stürzte sich unter die Belagerer, die in großer Anzahl versammelt waren, versicherte sie von seiner persönlichen Sicherheit, und beschwor sie, sich zurückzuziehen.

»Seid ruhig, meine Freunde, und nehmt vernünftige Vorstellung an,« sprach er, als sie sich nicht abwendig machen lassen wollten; »wir sind Alle hier in schlimmer Lage, und ihr werdet sie durch Streit nur verschlimmern. Helft dieß Feuer auslöschen; es wird uns sonst Alles kosten, was uns theuer ist. Bleibt unter den Waffen. Laßt Herrn Bridgenorth und mich einige Vergleichsvorschläge eingehen, und ich hoffe, Alles wird gut ausgeglichen werden auf beiden Seiten; und wo nicht, so sollt ihr meine Einwilligung und meinen Entschluß haben, es auszufechten; und komme es, wie es wolle, ich werde die geleisteten guten Dienste dieser Nacht nie vergessen.«

Hierauf nahm er Gaffer und Launce beiseite, während die Uebrigen über seine Erscheinung und Rede betroffen dastanden; und mit dem herzlichsten Dank für das, was sie bereits gethan hätten, bat er sie um die größte Gunst, die sie ihm und seines Vaters Hause erzeigen könnten, ihn selbst die Bedingungen seiner Freilassung aus der Gefangenschaft unterhandeln zu lassen; zu gleicher Zeit drang er Gaffer'n einige Goldstücke auf, damit die braven Leute von Bonadventure seine Gesundheit trinken könnten, während er Launcen die wärmste Erkenntlichkeit seiner thätigen Güte ausdrückte, aber betheuerte, daß er es nur als einen, seinem Hause geleisteten Dienst ansehen könnte, wenn er ihm erlaubte, die Sache nun nach seiner eignen Weise zu führen.

»Je nun, Junker Julian,« sagte Launce, »nun ist's auch mit mir aus; denn diese Sache liegt außer meinem Fache. Alles, was ich verlange, ist, Euch wohlbehalten aus Moultrassie-Hall fortkommen zu sehen; denn unsere alte Muhme Whitaker wird mich sonst nur kalt empfangen, wenn ich heimkomme. Die Wahrheit ist, ich unternahm es ungern; aber als ich den armen Joe erschossen neben mir sah, ei, dacht' ich, wir müssen uns etwas schadlos halten. Aber ich lege Alles in Euer Gnaden Hände.«

Während dieser Unterredung waren beide Parteien freundschaftlich beschäftigt, das Feuer zu löschen, welches außerdem Allen hätte verderblich werden können, und vereinigten sich zu der Arbeit mit so viel Einmüthigkeit, als wenn das Wasser auch die feindselige Gesinnung gedämpft hätte.



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