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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Julian war kaum nach Whitehaven unter Segel gegangen, als Alexie Bridgenorth und ihre Gouvernante, auf Befehl ihres Vaters, mit gleicher Eile und Heimlichkeit auf einem nach Liverpool bestimmten Boote eingeschifft wurden. Christian begleitete sie auf ihrer Fahrt, als derjenige Freund, dessen Aufsicht Alexie, während irgend einer künftigen Trennung von ihrem Vater, übergeben werden sollte, und dessen unterhaltendes Gespräch, in Verbindung mit seinen gefälligen, doch kalten Manieren und seiner nahen Verwandtschaft, Alexie in ihrer einsamen Lage bewogen, ihr Schicksal unter einem solchen Aufseher noch für glücklich zu halten.

Zu Liverpool, wie die Leser schon wissen, that Christian den ersten, offnen Schritt in seinem niederträchtigen Beginnen gegen das unschuldige Mädchen, indem er sie in einer Kapelle den unheiligen Blicken Chiffinch's ausstellte, um ihn zu überzeugen, daß sie eine so seltene Schönheit wäre, die wohl die ehrlose Beförderung verdienen möchte, zu welcher sie das Mädchen zu erheben gedachten.

Damit die nothwendige Einführung stattfinden könnte, hielten es die Verbündeten für schicklich, sie sollte unter die Aufsicht einer erfahrenen Dame gebracht werden, welche Einige Madame Chiffinch, Andere Chiffinch's Maitresse nannten – eins von jenen gefälligen Geschöpfen, welche geneigt sind, alle Pflichten einer Frau zu vollziehen, ohne sich der unbequemen und unauflöslich bindenden Ceremonie zu unterwerfen.

Sie bewohnte eine Partie Zimmer, – den Ort mancher Intrigue, der Liebe sowohl, als der Politik, wo Carl oft seine Privatgesellschaften für den Abend hielt, wann, wie es oft geschah, die üble Laune der Herzogin von Portsmouth, seiner regierenden Sultanin, ihn abhielt, mit ihr zu speisen. Die Stütze, welche eine solche Einrichtung einem Mann, wie Chiffinch, gab, so gebraucht, wie er sie wohl zu gebrauchen wußte, machte ihn nur zu wichtig, um selbst von den ersten Personen im Staate nicht geringschätzig behandelt zu werden, wenn sie nicht von allen politischen Angelegenheiten und Hofintriguen entfernt standen.

Unter die Aufsicht der Mistreß Chiffinch und desjenigen, dessen Namen diese führte, brachte Eduard Christian die Tochter seiner Schwester und seines vertrauenden Freundes, ihren Untergang ruhig als einen gewissen Erfolg betrachtend, und in der Hoffnung, darauf seine Aussicht zu einem sichereren Glück zu gründen, als ein an Intriguen verschwendetes Leben ihm bisher zu verschaffen vermocht hatte.

Die unschuldige Alexie, die weder in dem ungewöhnlichen Luxus, der sie umgab, noch in dem Betragen ihrer Wirthin, welches sowohl von Natur, als aus Klugheit gütig und freundlich war, irgend etwas Unrechtes entdecken konnte – fühlte nichts desto weniger eine instinktmäßige Besorgniß, daß nicht Alles recht wäre – ein Gefühl in dem menschlichen Gemüthe, das vielleicht dem Gefühle von Gefahr verwandt ist, welches Thiere zeigen, wann sie in die Nähe der natürlichen Feinde ihrer Rasse gebracht worden sind, und welches Vögel sich niedersenken macht, wann der Habicht in der Nähe ist, und das Wild erzittern, wann der Tiger in der Wüste umherschweift. Sie fühlte eine Beklommenheit, die sie nicht los werden konnte, und die wenigen Stunden, die sie bei Chiffinch zugebracht hatte, glichen denen, die Jemand im Gefängniß verlebt, ohne die Ursache und den Ausgang seiner Gefangenschaft zu wissen. Es war der dritte Morgen nach ihrer Ankunft in London, als folgender Auftritt stattfand.

Die Grobheit und Pöbelhaftigkeit Empson's, die ihm als einem ausgezeichneten Virtuosen auf seinem Instrumente nachgesehen wurden, erschöpften sich auf Unkosten aller andern Musiker, und Mad. Chiffinch hörte ihm mit sorgloser Gleichgültigkeit zu, als man Jemand laut und lebhaft im innern Zimmer sprechen hörte.

»O Jemine!« rief die Dame aus, indem sie auf einmal aus ihrem feinen Tone in ihre natürliche Gemeinheit des Ausdrucks verfiel, lief an die Seitenthüre, und sagte: »wenn er nur nicht gar wieder zurückgekommen ist! – und wenn der alte Rowley –«

Ein Klopfen an der entfernteren und gegenüberstehenden Thüre hielt ihre Aufmerksamkeit an – sie ließ die Klinke jener, die sie öffnen wollte, so schnell los, als wenn sie sich die Finger verbrannt hätte, und fragte, sich zurück nach ihrem Sofa bewegend: »Wer ist da?«

»Der alte Rowley selbst, Madam,« sagte der König, indem er mit seiner gewöhnlichen aufgeräumten Miene in's Zimmer trat.

»O Himmel! – Ew. Majestät! – ich glaubte –«

»Daß ich nicht hören könnte, ohne Zweifel,« sagte der König; »und so von mir sprechen, wie man von abwesenden Freunden spricht. Nur keine Schutzrede gehalten. Nun, nur niedergesetzt. – Wo ist Chiffinch?«

»Er ist nach York-House, Ew. Majestät,« sagte die Dame, die, obwohl mit nicht geringer Schwierigkeit, die ruhige Affectation ihres gewöhnlichen Betragens wieder annahm. »Soll ich Ew. Majestät Befehle ihn wissen lassen?«

»Ich will seine Zurückkunft abwarten,« antwortete der König. – »Lasset mich Eure Chokolade kosten.«

»Es ist einige frisch gekochte im Kabinet,« antwortete sie; und auf ihren Ruf, wozu sie sich einer kleinen silbernen Pfeife bediente, erschien ein schwarzer Knabe, gleich einem morgenländischen Pagen prächtig gekleidet, mit goldenen Armbändern an seinen nackten Armen, und mit einer goldenen Halskette um seinen gleichfalls bloßen Hals, und trug das beliebte Morgengetränk auf einem Service vom prächtigsten Porcellan auf.

Während der König seine Tasse Chokolade schlürfte, sah er sich im Zimmer um, und da er Fenella, Peveril und den Musikus bemerkte, welche neben einem großen indianischen Schirm stehen blieben, sagte er mit feiner Gleichgültigkeit zu Mistreß Chiffinch: »Ich schickte Euch diesen Morgen den Violinisten – oder vielmehr den Flötisten – Empson, und eine Feen-Elfe, die ich im Park traf; sie tanzt himmlisch. Sie hat uns die allerneueste Sarabande vom Hofe der Königin Mab gebracht, und ich schickte sie hieher, daß Ihr sie mit Muße sehen solltet.«

»Ew. Majestät thun mir bei weitem zu viel Ehre an,« sagte die Chiffinch, die Augen gehörig niederschlagend, und ihre Accente zum Ton der schicklichen Demuth herabstimmend.

»Nein, kleine Chiffinch,« antwortete der König in einem Tone so geringschätziger Vertraulichkeit, als sich mit der guten Lebensart vertrug, »es war nicht ganz für Euer eigenes Ohr allein, so sehr es auch alle süßen Töne verdient, sondern ich glaubte, Lenore wäre diesen Morgen bei dir gewesen.«

»Ich kann Bajazet nach ihr schicken, Ew. Majestät,« antwortete die Dame.

»Nein, ich will Euren kleinen heidnischen Sultan nicht so weit bemühen. Doch es fällt mir auf, daß Chiffinch sagte, Ihr habet Gesellschaft – eine Cousine vom Lande oder so Etwas – ist nicht so eine Person da?«

»Es ist eine junge Person vom Lande da,« sagte Mad. Chiffinch mit dem Bestreben, ihre große Verlegenheit zu verbergen; aber sie ist nicht auf solche Ehre vorbereitet, vor Ew. Majestät vorgelassen zu werden, und –«

»Und daher desto geschickter, sie zu erfahren, Chiffinch. Ich muß daher bitten, laßt uns la belle cousine sehen.«

Mad. Chiffinch ging, verlegener als je, wieder nach der Seitenthüre, die sie hatte öffnen wollen, als der König eintrat. Aber eben als sie ziemlich laut hustete, vielleicht zum Zeichen für Jemand, der sich im Zimmer befand, hörte man dagegen Stimmen im lebhaften Tone des Streits – die Thüre wurde aufgeworfen, und Alexie stürzte aus dem innern Zimmer hervor, verfolgt bis an die Thüre desselben von dem unternehmenden Herzog von Buckingham, welcher starr vor Erstaunen stehen blieb, als er sah, daß ihn seine Verfolgung der fliehenden Schönen in die Gegenwart des Königs geführt hatte.

Alexie schien zu sehr vor Zorn außer sich, um auf den Rang oder Charakter der Gesellschaft, unter die sie so plötzlich trat, achten zu können. »Ich bleibe nicht länger hier, Madam,« sagte sie zur Mistreß Chiffinch, in einem Tone der entschiedensten Entschlossenheit; »ich verlasse den Augenblick ein Haus, wo ich einer Gesellschaft ausgesetzt bin, die ich verabscheue, und Zudringlichkeiten, welche ich verachte.«

Die bestürzte Mistreß Chiffinch konnte sie bloß in gebrochenem Flüstern anflehen, zu schweigen; und – indem sie auf Carl wies, der mehr auf seinen kühnen Höfling, als auf dessen verfolgte Beute den Blick heftend dastand – hinzusetzen, »der König – der König!«

»Wenn ich mich in des Königs Gegenwart befinde,« sagte Alexie laut und in demselben Strom des leidenschaftlichen Gefühls, während ihre Augen durch Thränen der Erbitterung und der gekränkten Sittsamkeit funkelten – »so ist es desto besser – es ist die Pflicht seiner Majestät, mich zu beschützen, und in seinen Schutz begebe ich mich.«

Diese Worte, welche laut und dreist gesprochen wurden, brachten auf einmal Julian wieder zu sich selber, welcher bisher wie betäubt dagestanden hatte. Er näherte sich Alexien, flüsterte ihr in's Ohr, daß sie Einen neben sich habe, der sie mit seinem Leben vertheidigen würde, und bat sie, sich auf seinen Schutz in dieser Bedrängniß zu verlassen.

In aller Entzückung der Dankbarkeit und Freude hängte sie sich an seinen Arm, und der Muth, der Alexien nur eben zu ihrer Selbstvertheidigung belebt hatte, machte nun einer Fluth von Thränen Platz, als sie sich von demjenigen unterstützt sah, den sie vielleicht am meisten für ihren Beschützer zu erkennen wünschte. Sie ließ sich von Peveril sanft gegen den Schirm zurückziehen, vor welchem er gestanden hatte, wo sie, indem sie sich an seinen Arm hielt und zugleich sich hinter ihm zu verbergen suchte, den Schluß eines so sonderbaren Auftritts erwartete.

Der König schien für's Erste von der unerwarteten Erscheinung des Herzogs von Buckingham so sehr überrascht zu sein, daß er Alexien, welche die Veranlassung gewesen war, seine Durchlaucht in dem unschicklichsten Augenblick so geradezu in seine Gegenwart zu bringen, wenig oder gar keine Aufmerksamkeit widmete. An diesem intriguenvollen Hofe war es nicht das erste Mal gewesen, daß der Herzog als Nebenbuhler seines Souveräns sich in das Gebiet der Galanterie gewagt hatte, und dieß machte die gegenwärtige Beleidigung desto unerträglicher. Sein Vorhaben, in diesen geheimen Zimmern verborgen zu liegen, ergab sich aus den Ausrufungen Alexiens; und Carl war, ungeachtet seines gelassenen Temperaments, und seiner Gewohnheit, über seine Leidenschaften zu wachen, über dieses Unternehmen, seine ihm bestimmte Geliebte zu verführen, ergrimmt wie ein morgenländischer Sultan den Uebermuth eines Veziers empfunden haben würde, welcher seinem beabsichtigten Kauf einer gefangenen Schönen auf dem Sclavenmarkt vorgegriffen hätte. Carls schwarzbraune Gesichtszüge rötheten sich, und die starken Linien seiner dunkeln Physiognomie schienen aufzuschwellen, als er mit einer vom Affect stotternden Stimme sagte: »Eures Gleichen, Buckingham, würdet Ihr nicht so zu beleidigen gewagt haben! Eurem Gebieter könnt Ihr sicher jeden Schimpf anthun, weil sein Rang sein Schwert an die Scheide bindet.«

Der stolze Herzog konnte diesen Hohn nicht unbeantwortet über sich ergehen lassen. »Mein Schwert,« sagte er mit Nachdruck, »war nie in der Scheide, wenn der Dienst Ew. Majestät es zu entblößen forderte.«

»Ew. Durchlaucht meinen, als sein Dienst für seines Besitzers Vortheil nothwendig war,« sagte der König; »denn Ihr konntet die Herzogskrone nur durch Fechten für die königliche Krone gewinnen. Aber das ist vorbei – ich habe Euch als Freund – als Gefährten – fast als meines Gleichen behandelt – Ihr habt mich mit Uebermuth und Undank belohnt.«

»Sire,« antwortete der Herzog fest, aber ehrerbietig, »ich bin unglücklich, daß ich Euch mißfalle; jedoch insofern glücklich, daß, während Eure Worte Ehre ertheilen können, sie dieselbe doch nicht zu verringern oder zu entziehen vermögen. – Es ist hart,« fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, so daß er bloß vom Könige gehört werden konnte, »daß das Geschrei eines grämlichen Mädchens die Dienste so vieler Jahre aufwiegen soll.«

»Es ist noch härter,« sagte der König, in demselben gemäßigten Tone, den Beide in der übrigen Unterredung beibehielten, »daß die glänzenden Augen eines Mädchens einen Edelmann die Anständigkeit vergessen machen können, die er den vertrauten Verhältnissen seines Souveräns schuldig ist.«

»Darf ich so frei sein, Ew. Majestät zu fragen, was dieß für eine Anständigkeit ist?«

Carl biß sich in die Lippe, um sich des Lächelns zu enthalten. »Buckingham,« sagte er, »das ist ein närrischer Handel; und wir dürfen nicht vergessen (wie wir beinahe gethan haben), daß wir Zuhörer zu Zeugen dieses Auftritts haben, und auf der Bühne mit Würde einhergehen sollten. Ich will Euch Eure Fehler privatim zeigen.«

»Es ist genug, daß Ew. Majestät unwillig geworden sind, und daß ich unglücklicherweise die Ursache gewesen bin,« sagte der Herzog, »jedoch mir keiner Absicht bewußt, außer ein paar galanten Worten; und ich bitte demüthig Ew. Majestät um Vergebung.«

So sprechend kniete er mit Anmuth nieder. »Du hast sie,« sagte der versöhnliche Fürst. »Ich glaube, du wirst eher der Beleidigung, als ich der Vergebung müde sein.«

»Lange möge Ew. Majestät leben, um das Aergerniß zu geben, welches Ihr jetzt meiner Unschuld zur Last zu legen beliebt,« sagte der Herzog.

»Was meint Ihr damit, Herzog?« sprach Carl, dem wieder ein Schatten des Unwillens für einen Augenblick über die Stirne zog.

»Mein Fürst,« erwiederte der Herzog, »Ihr seid zu aufrichtig, um Eure Gewohnheit abzuläugnen, mit Cupido's Vogelpfeilen in anderer Leute Gehäge zu schießen. Ihr habt das königliche Recht der freien Jagd über Jedermanns Park ausgeübt. Es ist hart, daß Ihr so mißvergnügt sein könnt, wenn zufällig ein Pfeil neben Euren eignen Grenzpfählen vorüberfliegt.«

»Nichts mehr davon,« sagte der König, »sondern laßt uns sehen, wo die Taube sich beherbergt hat. Wir müssen diese Leute ihre Talente zeigen lassen, und ihnen den Mund mit Geld und Höflichkeit stopfen, oder wir werden diesen närrischen Vorfall in der ganzen Stadt ausgebreitet sehen.«

Der König näherte sich hierauf Julian, und forderte ihn auf, sein Instrument zu nehmen, und seine Begleiterin eine Sarabande tanzen zu lassen.

»Ich hatte bereits die Ehre, Ew. Majestät zu berichten,« sagte Julian, »daß ich nicht auf die Art, wie Ihr mir befehlt, zu Eurem Vergnügen beitragen kann, und daß diese junge Person –«

»Zur Bedienung der Lady Powis gehört,« sagte der König, auf welchen Dinge, die nicht seine Vergnügungen betrafen, nur einen sehr flüchtigen Eindruck machten. »Die arme Dame, sie ist in Unruhe wegen der Lords im Tower.«

»Vergebt Ew. Majestät,« sagte Julian, »sie ist eine Dienerin der Gräfin von Derby.«

»Ganz recht, ganz recht,« antwortete Carl, »sie gehört der Gräfin Derby, die auch ihre eignen Widerwärtigkeiten in diesen Zeiten hat. Wißt Ihr, wer die junge Person tanzen gelehrt hat? Einige ihrer Pas haben gewaltig viel von denen Le Jeune's in Paris.«

»Ich vermuthe, sie ist im Auslande gebildet worden, Ew. Majestät,« – sagte Julian; »was mich angeht, so bin ich mit einigen wichtigen Angelegenheiten von der Gräfin beauftragt, welche ich sehr gern Ew. Majestät mittheilen wollte.«

»Wir wollen Euch zu Unserm Staatssecretär schicken,« sagte der König. »Aber die tanzende Nymphe hier wird uns noch einmal erfreuen, oder nicht? – Empson, nun erinnere ich mich, sie tanzte zu deiner Pfeife. Setz' an, und bringe Leben in ihre Füße.«

Empson fing an, einen wohl bekannten Tanz zu spielen, und griff, wie er gedroht hatte, mehr als eine falsche Note, bis der König, der ein sehr richtiges Gehör hatte, es ihm mit den Worten verwies: »Bursche, bist du betrunken in dieser frühen Tageszeit, und mußt auch deine Streiche mit mir spielen? Du denkst, du seist zum Taktschlagen geboren, aber ich will auf dir den Takt schlagen.«

Der Wink war zureichend, und Empson gab sich alle Mühe, sein Stück so zu spielen, wie es seinem hohen und verdienten Ruf entsprach. Aber auf Fenella machte es nicht den geringsten Eindruck. Sie schien weniger zu stehen, als an die Wand des Zimmers sich anzulehnen; ihr Gesicht war todtenbleich, ihre Arme und Hände hingen, wie erstarrt, herab, und ihr Leben verrieth sich bloß durch das Schluchzen, das ihren Busen bewegte, und durch die Zähren, die aus ihren halbgeschlossenen Augen flossen.

»Der Henker hole das,« sagte der König; »irgend ein böser Geist ist diesen Morgen in Bewegung; und die Mädchen sind alle behext, glaub' ich. Frisch auf, mein Kind! Was, in Teufels Namen hat dich auf einmal aus einer Nymphe in eine Niobe verwandelt? Wenn du da länger stehst, wirst du selbst mit der Marmorwand verwachsen. – Oder – Georg, habt Ihr etwa auch in diesem Quartier Vögel geschossen?«

Ehe Buckingham auf diese Beschuldigung antworten konnte, kniete Julian vor dem Könige nieder, und bat, wär' es auch nur auf fünf Minuten, um Gehör. »Das junge Mädchen,« sagte er, »sei lange in der Begleitung der Gräfin von Derby gewesen, und der Sprache und des Gehörs beraubt.«

»Was Tausend, und tanzt so gut?« sagte der König. »Nein, das ganze Gresham-Kollegium soll mich das nicht glauben machen.«

»Ich würde es gleichfalls für unmöglich gehalten haben, wär' ich nicht heute Zeuge davon gewesen,« sprach Julian; »aber geruhen Ew. Majestät nur, daß ich Euch die Bittschrift der Gräfin überreichen darf.«

»Und wer bist denn du?« sagte der König; »denn obgleich Alles, was Schnürbrust und Brustschleife trägt, ein Recht hat, einen König zu sprechen, und eine Antwort zu erhalten, so weiß ich doch nicht, daß sie einen Anspruch auf Audienz durch einen außerordentlichen Gesandten haben.«

»Ich bin Julian Peveril von Derbyshire,« antwortete der Supplicant, »der Sohn Ritter Gottfried Peveril's vom Schloß Martindale, der –«

»Hilf Himmel!« sagte der König. »Ei ja, ich erinnere mich seiner wohl – einiges Leid ist ihm widerfahren, denk' ich. – Ist er nicht todt, oder wenigstens sehr krank?«

»Schlecht befindet er sich in seiner Lage, aber nicht in Ansehung seiner Gesundheit, Ew. Majestät. Er ist wegen vorgeblicher Theilnahme an dem Complot verhaftet worden.«

»Ich weiß wohl,« sagte der König; »er war in Noth, und doch, wie dem braven alten Ritter zu helfen wäre, kann ich kaum sagen. Ich kann fast selbst dem Verdacht des Complots nicht entgehen, obgleich der Hauptzweck davon ist, mir selber das Leben zu nehmen. Wollt' ich mich für einen Verschwornen verwenden, so würde ich gewiß als ein Mitschuldiger eingebracht werden. – Buckingham, du hast einiges Gewicht bei denen, die deine schöne Staatsmaschine gebaut oder wenigstens in Gang gebracht haben – sei einmal gutmüthig, ob das gleich deine Art schwerlich ist, und nimm dich unsers alten Worcester Freundes, Ritter Godfrey's, an. Du hast ihn doch nicht vergessen?«

»Nein, Sire,« antwortete der Herzog; »denn ich habe den Namen nie gehört.«

»Es ist Ritter Gottfried, wie Seine Majestät sagen wollten,« bemerkte Julian.

»Und wenn Seine Majestät wirklich sagten Ritter Gottfried, Herr Peveril, so kann ich doch nicht sehen, was ich Eurem Vater helfen könnte,« antwortete der Herzog mit Kälte. »Er ist eines schweren Verbrechens angeklagt; und ein brittischer Unterthan kann weder von einem Prinzen, noch von einem Pair Schutz erhalten, sondern muß sich dem Rechtsspruch und der Gnade Gottes und seines Vaterlandes überlassen.«

»Nun, der Himmel möge dir deine Heuchelei vergeben, Georg,« sagte der König hastig. »Ich wollte lieber den Teufel Religion predigen, als dich Patriotismus lehren hören. Du weißt so gut, als ich, die Nation hat ein Scharlachfieber, aus Furcht vor den armen Katholiken, deren doch nicht zwei gegen fünfhundert sind; und die Gemüther des Volks werden mit neuen Erzählungen von Verschwörung, und mit frischen Schreckensscenen jeden Tag so beängstigt, daß die Leute eben so wenig mehr wahres Gefühl für Recht oder Unrecht haben, als Menschen, die im Schlafe von Sinn oder Unsinn sprechen. Ich habe dadurch gelitten, und viel gelitten – ich habe Blut auf dem Schaffott fließen gesehen, in Furcht, die Nation in ihrer Wuth aufzuhalten – und ich bete zu Gott, daß ich oder die Meinigen nicht dafür zur Rechenschaft gefordert werden. Ich will nicht länger mit dem Strome schwimmen, welchen Ehre und Gewissen zu hemmen mich auffordern – ich will die Rolle eines Souveräns spielen, und mein Volk, ihm selber zum Trotz, abhalten, Unrecht zu thun.«

Carl ging hastig im Zimmer auf und ab, als er diese ungewohnten Gesinnungen mit eben so ungewohntem Nachdrucke äußerte. Nach einer augenblicklichen Pause antwortete ihm der Herzog ernsthaft: »Gesprochen gleich einem königlichen König, Sire; allein – verzeiht mir – nicht gleich einem Könige von England.«

Carl blieb, als der Herzog sprach, neben einem Fenster stehen, das die volle Aussicht auf Whitehall hatte, und sein Auge ward unwillkürlich von dem Fenster des Gasthauses angezogen, aus welchem sein unglücklicher Vater zur Hinrichtung geführt worden war. Carl war von Natur tapfer; aber ein Leben zum Vergnügen, nebst der Gewohnheit, sein Verhalten mehr nach dem Vortheilhaften, als nach dem Rechten einzurichten, machte ihn ungeschickt, denselben Auftritt von Gefahr oder Märtyrerthum zu wagen, welcher seines Vaters Leben und Regierung geschlossen hatte; und dieser Gedanke kam über seine halbgebildete Entschließung, wie der Regen auf einen angezündeten Leuchtthurm. Bei einem andern Mann würde seine Verlegenheit fast drollig geschienen haben; aber Carl konnte, selbst unter diesen Umständen, die Würde und Anmuth nicht verlieren, welche ihm eben so natürlich waren, als seine Gleichgültigkeit und seine gute Laune. »Unser Geheimerath muß in dieser Sache entscheiden,« sagte er, den Herzog ansehend; »und seid versichert, junger Mann,« fuhr er gegen Julian fort, »Euer Vater soll an seinem Könige keinen Fürsprecher vermissen, so weit die Gesetze meine Vermittlung zu seinem Besten gestatten werden.«

Julian war im Begriff sich zurückzuziehen, als Fenella, mit einem bedeutenden Blick, ihm einen Streif Papier in die Hand legte, auf dem sie hastig geschrieben hatte: »das Packet, – gebt ihm das Packet.«

Nach einem augenblicklichen Zaudern, während dessen er bedachte, daß Fenella das Werkzeug zur Vollziehung der Wünsche der Gräfin wäre, entschloß sich Julian zu gehorchen. »Erlaubt mir nun, Euer Majestät,« sprach er, »in Eure königlichen Hände dieß Packet zu legen, das mir von der Gräfin Derby anvertraut worden ist. Die Briefe sind mir schon einmal entwendet worden, und ich habe wenig Hoffnung, sie jetzt so zu überliefern, wie sie addressirt sind. Ich lege sie daher in Eure königlichen Hände, gewiß, daß sie die Unschuld der Verfasserin beweisen werden.«

Der König schüttelte den Kopf, als er das Packet mit Widerstreben annahm. »Ihr habt Euch keinem leichten Geschäft unterzogen, junger Mann. Einem Boten ist bisweilen die Kehle abgeschnitten worden wegen des Inhalts seiner Depeschen. – Aber gebt sie mir; und Chiffinch, gib mir Siegellack und eine Kerze.« Er beschäftigte sich nun damit, dem Packet der Gräfin einen andern Umschlag zu geben.

»Buckingham,« sagte er, »Ihr seid Zeuge, daß ich sie nicht lese, bis das Conseil sie sehen wird.«

Buckingham näherte sich, und bot seine Dienste an, das Packet zusammen zu legen; aber Carl lehnte seinen Beistand ab; und nachdem er das Geschäft beendigt hatte, siegelte er das Packet mit seinem eigenen Handsiegel. Der Herzog biß sich in die Lippe und zog sich zurück.

»Und nun, junger Mann,« sagte der König, »ist Eure Botschaft besorgt, so weit sie für jetzt befördert werden kann.«

Julian verbeugte sich tief, um bei diesen Worten, die er mit Recht als ein Zeichen zu seiner Entfernung auslegte, Abschied zu nehmen. Alexie Bridgenorth hing noch an seinem Arme, und machte eine Bewegung, zugleich mit ihm fortzugehen. Der König und Buckingham sahen einander betroffen und erstaunt an, und doch nicht ohne eine Neigung zu lächeln; so sonderbar schien es ihnen, daß eine Beute, um die sie einen Augenblick zuvor gestritten hatten, ihnen so aus den Händen schlüpfen, oder vielmehr von einem dritten und sehr untergeordneten Bewerber entführt werden sollte.

»Mistreß Chiffinch,« sagte der König mit einem Stottern, das er nicht verbergen konnte, »ich hoffe, Euer schöner Pflegling ist nicht im Begriff, Euch zu verlassen?«

»Gewiß nicht, Eure Majestät,« antwortete die Chiffinch. »Alexie, meine Liebe, – Ihr irrt Euch, die Thüre gegenüber führt zu Euren Zimmern.«

»Verzeiht, Madam!« antwortete Alexie; »ich habe mich allerdings auf meinem Wege verirrt, dieß geschah aber, als ich hieher kam.«

»Die Landläuferin,« sagte Buckingham, so bedeutsam den König ansehend, als die Etikette ihm durch Winke zu zeigen erlaubte, und dann sich zu Alexien wendend, als sie sich noch an Julian's Arm hielt, – »ist entschlossen, ihren Weg nicht zum zweiten Mal zu verfehlen. Sie hat einen hinreichenden Führer erwählt.«

»Und doch melden Geschichten, daß solche Führer Mädchen irre geführt haben,« sagte der König.

Alexie erröthete tief, gewann aber im Augenblick ihre Fassung wieder, als sie sah, daß ihr wahrscheinlich die Freiheit, ihren Entschluß unmittelbar auszuführen, gelassen werden würde. Sie ließ aus beleidigtem Zartgefühl den Arm Julians, an dem sie bisher gehangen hatte, los; aber als sie sprach, fuhr sie fort, sich leicht an seinem Mantel zu halten. »Ich habe in der That meinen Weg verfehlt,« fuhr sie fort, indem sie sich wieder an Madame Chiffinch wandte; »aber es geschah, als ich über diese Schwelle schritt. Die Behandlung, die ich in Eurem Hause erfahren mußte, hat mich bestimmt, es augenblicklich zu verlassen.«

»Ich werde das nicht zugeben, meine junge Demoiselle,« antwortete die Chiffinch, »bis Euer Onkel, der Euch unter meine Aufsicht gegeben hat, mich der Sorge für Euch entbinden wird.«

»Ich will mein Verhalten, sowohl bei meinem Onkel, als auch, was noch mehr bedeutet, bei meinem Vater verantworten,« sagte Alexie. »Ihr müßt mir erlauben fort zu gehen, Madam; ich bin frei geboren, und Ihr habt kein Recht, mich zurück zu halten.«

»Verzeiht, junges Frauenzimmer,« sagte Madame Chiffinch, »ich habe ein Recht, und ich will es auch behaupten.«

»Ich will das erfahren, ehe ich diese hohe Person verlasse,« sagte Alexie mit Festigkeit; und einen oder zwei Schritte vortretend, fiel sie auf das Knie vor dem Könige nieder, und sprach: »Euer Majestät seid, wenn ich wirklich vor dem König Carl kniee, der Vater Eurer Unterthanen.«

»Von einem guten Theil derselben,« sagte der Herzog von Buckingham heimlich.

»Ich bitte um Euren Schutz, im Namen Gottes und des Eides, den Euer Majestät schworen, als Ihr die Krone dieses Königreichs auf Euer Haupt setztet.«

»Ihr habt meinen Schutz,« sagte der König ein wenig betroffen durch eine so unerwartete und so feierliche Berufung. »Bleibt Ihr nur ruhig bei dieser Dame, welcher Euch Eure Eltern übergeben haben; weder Buckingham, noch sonst Jemand, soll sich Euch aufdrängen.«

»Seine Majestät,« setzte Buckingham in demselben Tone, und beseelt von dem unruhigen und Unheil stiftenden Geiste des Widerspruchs hinzu, den er nie zurückhalten konnte, selbst wenn dessen Befriedigung nicht nur der Schicklichkeit, sondern auch seinem eignen Interesse zuwider war, – »Seine Majestät, holdes Mädchen, wird Euch vor aller Zudringlichkeit beschützen, außer vor der, die nicht so genannt werden darf.«

Alexie warf einen scharfen Blick auf den Herzog, als wollte sie seine Meinung erforschen, und einen andern auf Carl, um zu erfahren, ob sie recht gemuthmaßt hätte. Es lag ein Bekenntniß der Schuld auf des Königs Stirne, welches Alexie bestimmte, zu scheiden.

»Eure Majestät werden mir vergeben,« sprach sie; »hier ist es nicht, wo ich den Vortheil Eures königlichen Schutzes genießen kann. Ich bin entschlossen, dieß Haus zu verlassen. Wenn ich zurückgehalten werde, so muß es durch Gewalt geschehen, die mir, wie ich hoffe, Niemand in Eurer Majestät Gegenwart anzuthun wagen wird. Dieser junge Mann, den ich lange gekannt habe, wird mich zu meinen Freunden bringen.«

»Wir machen nur eine schlechte Figur bei diesem Auftritt, dünkt mich,« sagte der König heimlich zum Herzog von Buckingham; »aber sie muß gehen, – ich will sie nicht abhalten, zu ihrem Vater zurückzukehren.«

»Und wenn sie es thut,« schwor der Herzog insgeheim, »so wollte ich, wie Sir Andreas sagt, ich möchte nie die Hand eines schönen Mädchens berühren.« Und zurücktretend sprach er ein paar Worte mit Empson, welcher auf einige Augenblicke das Zimmer verließ, und sogleich zurückkam.

Der König schien unentschlossen, was er für eine Rolle unter so eigenen Umständen spielen sollte. In einer Liebesintrigue übermeistert zu werden, hieß sich dem Gespött seines lustigen Hofes aussetzen; auf derselben durch Mittel, die sich dem Zwange näherten, zu bestehen, würde tyrannisch gewesen sein, und, was er vielleicht als einen eben so strengen Tadel ansehen mochte, es würde einem braven Mann nicht geziemt haben.

»Auf meine Ehre, Fräulein,« sagte er mit Nachdruck, »Ihr habt nichts zu fürchten in diesem Hause. Aber es ist um Eurer selbst willen nicht schicklich, wenn Ihr es auf diese plötzliche Art verlassen wolltet. Wenn Ihr die Güte haben wolltet, nur eine Viertelstunde zu warten, so wird die Kutsche der Madame Chiffinch zu Eurem Befehl sein, Euch dahin zu bringen, wohin Ihr wollt. Erspart Euch selber das Gespött, und mir den Schmerz, Euch das Haus eines meiner Diener so verlassen zu sehen, als wenn Ihr aus einem Gefängniß entwichen wärt.«

Der König sprach in gutmüthiger Aufrichtigkeit, und Alexie war für einen Augenblick bereit, seinem Rath Gehör zu geben; als sie sich aber besann, daß sie ihren Vater und ihren Oheim, oder wenn sie dieselben nicht fände, einen passenden Ort zum sichern Aufenthalt aufsuchen müßte, fiel es ihr plötzlich ein, daß die Bedienten der Madame Chiffinch wahrscheinlich keine sichern Führer dabei abgeben dürften. Fest und ehrerbietig kündigte sie daher ihre Absicht an, sogleich fortzugehen. Sie bedürfte keiner andern Bedeckung, sagte sie, als der, welche dieser Herr, Julian Peveril, ein guter Bekannter ihres Vaters, ihr gern gewähren würde; auch habe sie diese nicht weiter nöthig, als bis sie ihres Vaters Aufenthalt würde erreicht haben.

»So lebt denn wohl, Fräulein, und geht in Gottes Namen,« sagte der König; »es thut mir leid, daß so viel Schönheit mit so viel bitterem Argwohn verbunden sein mußte. – Herr Peveril, sollt' ich meinen, Ihr hättet genug mit Euren eigenen Angelegenheiten zu thun, ohne sich in die Grillen des schönen Geschlechts zu mischen. Die Pflicht, alle verirrte Mädchen auf den rechten Weg zu bringen, ist, so wie die Sachen in dieser guten Stadt gehen, fast ein zu schweres Unternehmen für Eure Jugend und Unerfahrenheit.«

Julian, voll Verlangen, Alexie sicher von einem Orte hinweg zu bringen, dessen Gefahren er völlig zu ermessen anfing, antwortete nichts auf diesen Ausfall, sondern führte sie, nach einer ehrerbietigen Verbeugung, aus dem Zimmer. Ihr plötzliches Erscheinen und die darauf folgende lebhafte Scene hatten, für den Augenblick, gänzlich die Erinnerung an ihren Vater und an die Gräfin von Derby verschlungen; und während die stumme Dienerin der Letzteren als eine schweigende, und gleichsam erstaunte Zuschauerin alles Vorgefallenen im Zimmer zurückblieb, hatte Peveril, in der vorherrschenden Theilnahme an Alexiens zweifelhafter Lage, ihre Anwesenheit gänzlich vergessen. Aber kaum hatte er das Zimmer verlassen, ohne sie zu bemerken, oder zu erwarten, als Fenella, wie aus tiefem Sinnen auffahrend, sich aufrichtete, und wild um sich her blickte, wie aus einem Traum erwachend, als wollte sie sich überzeugen, daß ihr Begleiter fort wäre, ohne ihr die geringste Aufmerksamkeit zu beweisen. Sie faltete die Hände zusammen, und warf die Blicke aufwärts, mit einem Ausdruck von solchem Seelenkampf, welcher Carl'n (wie es ihm schien) die peinlichen Gedanken in ihrer Seele erkennen ließ.

»Dieser Peveril ist ein vollkommenes Muster glücklicher Treulosigkeit,« sagte der König; »es ist ihm nicht bloß gelungen, auf den ersten Anblick diese Königin der Amazonen zu entführen, sondern er hat uns auch, glaub' ich, eine trostlose Ariadne an ihrer Stelle zurück gelassen. – Aber weine nicht, schöne Tänzerin,« sagte er zu Fenella; »wenn wir Bacchus nicht herbeirufen können, dich zu trösten, so wollen wir dich der Sorge Empsons übergeben, der es mit dem Liber Pater wenigstens im Trinken aufnimmt.«

Als der König diese Worte sprach, fuhr Fenella mit der gewohnten Schnelligkeit ihrer Schritte bei ihm vorbei, und eilte mit viel weniger Höflichkeit, als der Gegenwart des Königs gebührte, die Treppe hinab, und aus dem Hause, ohne irgend eine Mittheilung gegen den Monarchen versucht zu haben. Er sah ihre plötzliche Entfernung mit mehr Ueberraschung, als Mißvergnügen, und gleich darauf in ein Gelächter ausbrechend, sagte er zum Herzoge: »Wahrhaftig, Georg, diese Dirne könnte den Besten von uns lehren, wie man Mädchen behandeln muß. Ich habe meine eigene Erfahrung gehabt, aber ich konnte es nie dahin bringen, sie mit so wenig Umständen zu gewinnen oder zu verlieren.«

»Erfahrung, Sire,« erwiederte der Herzog, »kann erst mit den Jahren erlangt werden.«

»Wahr, Georg; und Ihr wollt, glaub' ich, zu verstehen geben,« sagte Carl, »daß der Liebhaber, der sie erwirbt, eben so viel an Jugend verliert, als er an Kunst gewinnt? Ich biete Eurer Behauptung Trotz, Georg. Ihr könnt Euren Herrn nicht übertreffen, so alt als Ihr ihn denken möget, weder in der Liebe, noch in der Politik. Ihr habt nicht das Geheimniß plumer la poule sans la faire crier (das Huhn zu rupfen, ohne daß es schreit), wie dieß Morgenstück beweis't. Ihr sollt in allen Spielen den Kürzern ziehen, – ja, und auch im Mailspiel, wenn Ihr meine Herausforderung anzunehmen wagt. – Chiffinch, warum verdirbst du dir dein hübsches Gesicht mit Schluchzen, und mit Auspressen von Thränen, die ziemlich ungern zum Vorschein kommen zu wollen scheinen?«

»Es ist aus Furcht,« winselte die Chiffinch, »daß Euer Majestät denken möchten, – daß Ihr erwarten solltet –«

»Daß ich Dankbarkeit von einem Höflinge oder Treue erwarten sollte?« antwortete der König, indem er ihr zugleich unter das Kinn griff, damit sie ihr Gesicht erhöbe, – »Pah, Täubchen, ich bin nicht so wunderlich.«

»So ist es nun,« sagte die Chiffinch, indem sie um so mehr zu schluchzen fortfuhr, je unfähiger sie sich fühlte, Thränen hervorzubringen; »ich sehe, Euer Majestät ist entschlossen, mir die ganze Schuld zu geben, da ich doch so unschuldig bin, wie ein ungebornes Kind. – Seine Durchlaucht soll mich richten.«

»Kein Zweifel, kein Zweifel, Chiffinch,« sagte der König. »Seine Durchlaucht und Ihr werdet herrliche Richter sein, in Euern gegenseitigen Angelegenheiten, und eben so gute Zeugen zu Eurem gegenseitigen Vortheil. Aber um die Sache unparteiisch zu untersuchen, müssen wir unsern Zeugen für sich verhören. Mein Herzog, wir treffen uns bei dem Mail zu Mittage, wenn Eure Durchlaucht meine Herausforderung annehmen wollen.«

Der Herzog von Buckingham verneigte sich, und ging.



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