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Sechsunddreißigstes Kapitel.

Wenn Buckingham plötzlich den Entschluß gefaßt hatte, Alexien durch seine Diener entführen zu lassen, so geschah es mehr, um Christian, Chiffinch, den König und alle Betheiligten in Verlegenheit zu setzen, als weil ihre Schönheit starken Eindruck auf ihn gemacht hätte. Wirklich war dieß so wenig der Fall, daß seine Durchlaucht über den Erfolg der Unternehmung, die sie in's Haus geführt hatte, mehr überrascht, als erfreut war, ob es gleich wahrscheinlich ist, daß er sich einer unbezwingbaren Leidenschaft überlassen haben würde, hätte er das Mißlingen seines Unternehmens, statt eines glücklichen Erfolgs, erfahren.

Vierundzwanzig Stunden gingen vorüber, seitdem er in seine eigene Behausung zurückgekehrt war, ehe er, ungeachtet verschiedener Winke Jerninghams, sich zu der nothwendigen Anstrengung entschließen konnte, seiner schönen Gefangenen einen Besuch abzustatten.

Buckingham fand es seinem Ruf, als ein glücklicher Held in Liebeshändeln, geziemend, Alexien mit verstellter Wärme seine Anträge zu machen; und als er die Thüre des innern Zimmers öffnete, hielt er einige Augenblicke, um zu überlegen, ob der Ton der Galanterie oder der Leidenschaft bei dieser Gelegenheit der passendste wäre. Diese Zögerung gestattete ihm, einige Töne einer Laute zu hören, die mit ausnehmender Geschicklichkeit gespielt, und von dem noch süßeren Gesange einer weiblichen Stimme begleitet wurde, welche, ohne eine vollständige Melodie auszuführen, sich bloß im Wetteifer mit dem Silberton des Instruments zu unterhalten schien.

Nachdem er eine Weile gelauscht, trat er mit dem leichten gefälligen Anstande in's Zimmer, welcher den muntern Hofleuten, unter denen er glänzte, eigen war, und näherte sich der schönen Bewohnerin. Er fand sie an einem mit Büchern und Musikalien bedeckten Tische, zur Linken war der große Fensterflügel halb geöffnet, der, von buntem Glase verdunkelt, nur ein zweideutiges Licht in das Zimmer einließ, das mit den reichsten Tapeten behängt, und mit einer Menge Porzellan und prächtigen Spiegeln verziert, für einen Fürsten zum Empfange seiner Braut geschmückt zu sein schien.

Der glänzende Anzug der Bewohnerin entsprach dem geschmackvollen Zimmer, das sie einnahm, und hatte etwas von der morgenländischen Tracht, welche die vielbewunderte Roxalana damals in die Mode gebracht hatte. – Ein schlanker Fuß und Knöchel, der aus den weiten Beinkleidern von reich verziertem und gesticktem blauen Atlas hervorschien, war der einzige, deutlich sichtbare Theil ihrer Person; das Uebrige war, vom Kopf bis zu den Füßen, in einem langen Schleier von Silbergaze gehüllt, der, gleich einem leichten Nebel über einer schönen Landschaft, bemerken ließ, daß, was er verbarg, wunderbar lieblich wäre, jedoch die Einbildungskraft die verdeckten Reize noch zu erhöhen veranlaßte. Der ganze Anzug verrieth wenigstens Coquetterie von Seiten der Schönen, die einen vornehmen Besuch erwartet haben mußte, und bewog Buckingham insgeheim über Christians Beschreibung von der höchsten Einfachheit und Sittsamkeit seiner Nichte zu lächeln.

Er näherte sich der Dame en cavalier, und redete sie mit der Miene des Bewußtseins an, seine Beleidigungen durch die Herablassung, womit er sie eingestand, hinlänglich zu entschuldigen. »Holde Alexie,« sagte er, »ich bin mir bewußt, wie sehr ich wegen des mißverstandenen Eifers meiner Dienstboten um Verzeihung bitten sollte, die, da sie Euch während eines unglücklichen Gefechts verlassen, und ohne Schutz sahen, es auf sich nahmen, Euch unter das Obdach eines Mannes zu dringen, der eher sein Leben preisgeben, als Euch einen Augenblick in Unruhe lassen würde. War es meine Schuld, daß meine Leute es nothwendig fanden, sich Eurer Erhaltung anzunehmen, oder daß sie, überzeugt von dem Antheil, den ich an Euch nehmen müßte, Euch hier zurückgehalten haben, bis ich selbst bei persönlicher Aufwartung Eure Befehle empfangen konnte?«

»Diese Aufwartung ist nicht eben zeitig erfolgt, gnädiger Herzog,« antwortete die Dame. »Ich bin zwei Tage lang eine Gefangene gewesen, – vernachlässigt, und dem Dienste des Gesindes überlassen.«

»Was sagt Ihr, Fräulein? – Vernachlässigt?« rief der Herzog aus. »Bei'm Himmel, wenn der beste meiner Dienerschaft seine Pflicht versäumt hat, so will ich ihn auf der Stelle verabschieden.«

»Ich beklage mich über keinen Mangel an Höflichkeit von Seiten Eurer Bedienten, gnädiger Herzog,« erwiederte sie; »aber mich dünkt, es wäre nur artiger von dem Herzog selbst gewesen, wenn er mir früher erklärt hätte, warum er die Kühnheit gehabt hat, mich als eine Staatsgefangene festzuhalten.«

»Und kann die göttliche Alexie zweifeln,« sagte Buckingham, »daß, wenn Zeit und Raum, diese grausamen Feinde des Fluges der Leidenschaft, es gestattet hätten, der Augenblick, in welchem Ihr über meine Schwelle schrittet, den Herrn des Hauses voll Ergebenheit zu Euren Füßen gesehen haben würde?«

»Wie ich also höre, gnädiger Herzog,« sagte die Dame, »seid Ihr abwesend gewesen, und habt keine Schuld an der Beschränkung, die mir hier widerfahren ist?«

»Abwesend, in des Königs Auftrage, Fräulein; und geschäftig in Verrichtung seines Dienstes,« antwortete Buckingham ohne Verlegenheit. »Was konnt' ich thun? – den Augenblick als Ihr Chiffinchens verließt, befahl mir Se. Majestät, so schnell zu satteln, daß ich keine Zeit hatte, meine atlassenen Halbstiefeln mit Reitstiefeln zu vertauschen. Der, dessen Schutz Ihr Euch anvertrautet, ist im Gefängniß, oder entflohen, – Euer Vater ist abwesend von der Stadt, – Euer Onkel befindet sich in der nördlichen Gegend. Gegen das Chiffinch'sche Haus hattet Ihr Eure wohlgegründete Abneigung ausgedrückt, also welche angemessenere Freistätte blieb Euch übrig, als die Eures ergebenen Dieners, wo Ihr immer als Königin herrschen müßt?«

»Und zwar als eine gefangene,« sagte die Dame. »Mich verlangt nicht nach einem solchen Königthum.«

»Ach! wie absichtlich mißdeutet Ihr mich,« sagte der Herzog, auf ein Knie sinkend, »und was für ein Recht könnt Ihr haben, Euch über wenige Stunden der Beschränkung zu beklagen, Ihr, die Ihr so Viele zur hoffnungslosen Gefangenschaft bestimmt! Seid einmal mitleidig, und zieht den neidischen Schleier zurück. Erlaubt wenigstens meiner raschen Hand –«

»Ich will Euer Durchlaucht diese unwürdige Mühe ersparen,« sagte die Dame mit Stolz; und sich erhebend, warf sie den Schleier zurück, und sagte dabei: »Blickt mich an, gnädiger Herzog, und seht, ob dieß wirklich die Reize sind, die auf Euer Durchlaucht einen so mächtigen Eindruck gemacht haben.«

Buckingham blickte sie an, und die überraschende Wirkung war so stark, daß er schnell von seinem Knie sich erhob, und ein paar Sekunden wie versteinert stehen blieb. Die Gestalt, die vor ihm stand, hatte weder den hohen Wuchs, noch die blühende Fülle Alexiens; und obgleich vollkommen wohlgebildet, war sie doch so zart und schmächtig, daß sie fast an das Kindesalter erinnerte. Ihre Kleidung bestand aus mehreren kurzen Gewändern, von gesticktem Atlas, von verschiedenen Farben, über einander gelegt, oder vielmehr von verschiedenen Schattirungen ähnlicher Farben; denn starke Kontraste waren sorgfältig vermieden. Diese öffneten sich vorn, um einen Theil der Brust und des Halses zu zeigen, der zum Theil durch eine innere Bedeckung von den feinsten Spitzen verhüllt wurde; über das oberste Gewand war ein Mantel von reichem Pelzwerk geworfen. Ein kleiner, aber prächtiger Turban war nachlässig auf ihren Kopf gesetzt, von welchem eine reiche Fülle glänzend-schwarzer Haare herabwallte. Der Geschmack und Glanz der morgenländischen Tracht entsprach der Gesichtsfarbe der Dame, die eine Brünette von so dunkelm Teint war, daß sie fast einer Indianerin glich.

»Mein gnädiger Herzog,« hob die Dame wieder an, »die Lüftung meines Schleiers scheint wie ein Zauber auf Eure Durchlaucht gewirkt zu haben.«

»Ich bin erstaunt!« sprach der Herzog. »Der Schurke Jerningham – ich will des Schurken Blut haben!«

»Nein, schmäht Jerningham deßhalb nicht,« sagte die Unbekannte; »sondern beklagt Euern eignen Unstern. Während Ihr, Herr Herzog, in weißen Atlasstiefeln nordwärts rittet, um des Königs Angelegenheiten zu besorgen, saß die rechte und rechtmäßige Prinzessin weinend in Trauer in der unerfreulichen Einsamkeit, zu der Eure Abwesenheit sie verdammte. Zwei Tage brachte sie vergebens in Trostlosigkeit hin; am dritten kam eine afrikanische Zauberin, die Scene für sie zu vertauschen, und die Person für Eure Durchlaucht.«

»Wie heißt Ihr?« unterbrach sie der Herzog; »was ist Euer Stand und Name?«

»Mein Stand ist, wie ich Euch gesagt habe, – ich bin eine mauritanische Zauberin, und mein Name ist Zarah,« erwiederte das Mädchen.

»Aber mich dünkt, jenes Gesicht, Gestalt und Augen –« sagte der Herzog, – »wann galtet Ihr für eine tanzende Fee? – Ein solches Zauberwesen wart Ihr vor nicht vielen Tagen.«

»Meine Schwester könnt Ihr gesehen haben, – meine Zwillingsschwester, aber nicht mich, gnädiger Herr,« antwortete Zarah.

»Allerdings,« sagte der Herzog, »die Kopie von Euch, wenn es nicht Ihr selbst gewesen seid, war von einem stummen Geist besessen, wie Ihr von einem gesprächigen. Ich bin noch immer der Meinung, daß Ihr dieselbe seid, und daß der stets bei Eurem Geschlechte so mächtige Satan List genug hatte, bei unserer vorigen Zusammenkunft Euch die Zunge zu binden.«

»Glaubt, was Ihr wollt, gnädiger Herr; es kann die Wahrheit nicht ändern. – Und nun, Euer Durchlaucht, beurlaube ich mich. Habt Ihr Etwas nach Mauritanien zu befehlen?«

»Verzieht noch ein wenig, Prinzessin,« sagte der Herzog; »und bedenkt, daß Ihr freiwillig Euch für eine Andere verpfändet habt. Niemand darf dem tapfern Buckingham ungestraft Trotz bieten.«

»Mein Abschied hat keine Eile, wenn Euer Durchlaucht irgend Befehle für mich haben.«

»Was? Seid Ihr weder vor meiner Rache, noch vor meiner Liebe in Furcht, holde Zarah?« sagte der Herzog.

»Vor keiner von beiden, bei diesem Handschuh,« antwortete das Frauenzimmer. »Eure Rache müßte wahrlich eine kleinliche Leidenschaft sein, wenn sie sich zu so einem hülflosen Gegenstande, wie ich bin, herablassen könnte; und Eure Liebe vollends, – ach lieber Himmel!«

»Und warum lieber Himmel, in einem Tone der Verachtung? Meint Ihr, Buckingham könne nicht lieben, und sei niemals wieder geliebt worden?«

»Denkt nicht daran, mich zu berühren, gnädiger Herr,« sagte die Fremde, als sich der Herzog ihr nähern wollte. »Nähert Euch mir nicht, wenn Ihr hofft, die Absicht meines Hierseins zu erfahren.

»Ihr bietet mir Trotz, bei'm Jupiter!« sagte der Herzog.

»Ich kam nicht hieher, ohne hinlängliche Maaßregeln zu meinem Rückzüge zu nehmen,« entgegnete die Unbekannte.

»Ihr sprecht es tapfer aus,« sagte der Herzog; »aber nie prahlte die Festung so mit ihren Hülfsquellen, wenn die Besatzung nicht schon etwas auf Uebergabe dachte. So öffne ich die erste Parallele.«

Sie waren bisher von einander durch einen langen, schmalen Tisch getrennt gewesen, der, am Winkel des erwähnten großen Fensterflügels stehend, bis jetzt eine Vormauer gegen den unternehmenden Liebhaber gebildet hatte. Der Herzog ging hastig darauf zu, um ihn weg zu schieben, allein, aufmerksam auf alle seine Bewegungen, schwang sich das Mädchen augenblicklich durch das halb offene Fenster.

Buckingham stieß einen Schrei des Erstaunens und Entsetzens aus, da er anfangs nicht zweifelte, daß sie sich eine Höhe von wenigstens vierzehn Fuß herabgestürzt hätte; denn so weit war das Fenster vom Boden entfernt. – Als er aber an das Fenster sprang, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß sie ihr Herabsteigen mit gleicher Gewandtheit und Sicherheit bewerkstelligt hatte.

Die Außenseite dieses stattlichen Gebäudes war mit einer Menge Schnitzwerk von gothischem und griechischem Styl der Bildhauerei verziert, welcher das Zeitalter der Elisabeth und ihres Nachfolgers bezeichnet; und obgleich die That erstaunlich schien, so waren doch die Vorragungen dieser Zierrathen hinlänglich, einer so leichten und gewandten Gestalt, selbst bei ihrem schnellen Hinabsteigen, Anhaltpunkte zu gewähren.

Entflammt von Zorn und von Neugierde faßte Buckingham anfangs den Gedanken, ihr auf demselben gefährlichen Wege zu folgen, und war wirklich deßhalb auf die Fensterbrüstung gestiegen; als er aus einem nahen Gebüsch von Sträuchern, unter dem die Fremde verschwunden war, sie eine Strophe aus einem damals sehr beliebten, komischen Liede singen hörte; sie hieß:

»Doch als er näher lief,
Und sah den steilen Rand,
Den Abgrund, o wie tief!
Da dacht er traurig nach,
Und sprach, mit Händewinden:
Wer nicht Erhörung fand,
Wen sie verschmäht, der kann
Noch wohl ein neues Liebchen finden;
Allein den Hals, der einmal brach,
Setzt Niemand wieder an.«

Der Herzog konnte sich, obwohl sehr wider seinen Willen, bei der Beziehung dieser Verse auf seine eigne Lage, des Lachens nicht enthalten, stieg in's Zimmer zurück, und gab ein Unternehmen auf, das nicht weniger gefährlich, als lächerlich hätte ausfallen können. Er rief seine Diener, und begnügte sich, das kleine Gebüsch zu belauern, weil er nicht glauben konnte, daß ein Mädchen, das sich größtentheils ihm selbst in den Weg geworfen hatte, ihn schlechterdings durch eine Zurückziehung kränken wollte.

Diese Frage war in einem Augenblicke entschieden. Eine Gestalt, in einen Mantel gehüllt, mit einem niedergeschlagenen Hut und einem beschattenden Federbusch, kam aus dem Gesträuch hervor, und verlor sich in einem Augenblick unter den Ruinen der alten und neuen Gebäude, die das Erbgut, ehemals York-House benannt, in allen Richtungen bedeckten.

Die Bedienten des Herzogs, die auf seinen ungeduldigen Ruf erschienen waren, wurden eilig angewiesen, dieser täuschenden Sirene in allen Richtungen nachzuspüren. Ihr Gebieter indessen, eifrig und heftig in jedem neuen Beginnen, und besonders wenn seine Eitelkeit beleidigt war, munterte ihre Sorgfalt durch Bestechungen, und Drohungen, und Befehle auf. Aber Alles war umsonst. – Sie fanden nichts von der mauritanischen Prinzessin, wie sie sich nannte, als den Turban und Schleier, die sie im Gebüsch zurückgelassen hatte.

Als der Herzog alle Nachsuchung vergebens fand, ließ er der wüthenden Heftigkeit seiner Leidenschaft freien Lauf, so daß selbst Jerningham ihm dießmal aus dem Wege ging.



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