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Dreißigstes Kapitel.

Julian hatte, Alexien halb führend, halb unterstützend, die Mitte der St. Jakobsstraße erreicht, eh' er bedachte, wohin sie ihre Richtung nehmen sollten. Er fragte daher Alexie, wohin er sie führen sollte, und erfuhr, mit Erstaunen und Bestürzung, daß sie, weit entfernt, zu wissen, wo ihr Vater zu finden wäre, nicht einmal gewisse Kenntniß hatte, daß er sich in London befände, und bloß nach dem, was er beim Abschiede geäußert hatte, hoffte, daß er daselbst angekommen sein würde. Sie erwähnte ihres Oheims, Christians, aber mit Zweifeln und Bedenklichkeiten, die aus den Verhältnissen des Hauses entstanden, in dem er sie eben untergebracht hatte, und ihr Widerwille, sich wieder unter seinen Schutz zu begeben, wurde von ihrem jungen Führer stark bestätigt, als wenige Worte ihn in der Ueberzeugung bekräftigt hatten, daß Christian und Ganlesse eine und dieselbe Person waren. Was war also zu thun?

»Alexie,« sagte Julian, nach kurzer Ueberlegung, »Ihr müßt Eure früheste und beste Freundin – nämlich meine Mutter, aufsuchen. Sie hat jetzt kein Schloß, in welchem sie Euch aufnehmen könnte, – sie hat nur eine elende Wohnung, so nahe dem Gefängniß, in welchem mein Vater verhaftet ist, daß sie fast eine Zelle desselben Gefängnisses zu sein scheint. Ich habe sie nicht gesehen, seit ich hieher gekommen bin; aber so viel hab' ich durch Erkundigung erfahren. Wir wollen nun nach ihrem Quartier gehen; wie es auch sein mag, ich weiß, sie wird es mit einem so unschuldigen und schutzlosen Mädchen, wie Ihr seid, theilen.«

»Gütiger Himmel!« sagte das arme Mädchen, »bin ich denn so ganz verlassen, daß ich mich in die Arme derjenigen werfen muß, die in der ganzen Welt am meisten Ursache hat, mich von sich zu stoßen? – Julian, könnet Ihr mir dieß rathen? – Ist sonst Niemand, der mir auf einige Stunden Zuflucht gewähren wollte, bis ich Nachricht von meinem Vater bekommen kann? – Gibt es keine andere Beschützerin, als die, deren Untergang, wie ich fürchte, beschleunigt worden ist, durch –. Julian, ich wage nicht, vor Eurer Mutter zu erscheinen! Sie muß mich um meiner Familie willen hassen, und wegen meiner Niedrigkeit verachten. Zum zweiten Mal mich unter ihren Schutz zu begeben, nachdem ihr erster so schlecht vergolten worden ist – Julian, ich wage nicht mit Euch zu gehen.«

»Sie hat nie aufgehört, Euch zu lieben, Alexie,« sagte ihr Führer, dessen Schritten sie zu folgen fortfuhr, selbst als sie ihren Entschluß erklärte, nicht mit ihm zu gehen; »sie fühlte nie etwas anderes, als Wohlwollen gegen Euch, ja, auch gegen Euren Vater, denn obgleich sein Verfahren mit uns hart gewesen ist, so kann ich doch darauf rechnen, daß er sehr gereizt worden ist. Glaubt mir, bei ihr werdet Ihr so sicher sein, wie bei einer Mutter, – Ihr könnt vielleicht das Mittel zur Ausgleichung der Zwistigkeiten werden, durch die wir so viel gelitten haben.«

»Gebe es Gott,« sagte Alexie. »Doch wie soll ich Eurer Mutter in's Gesicht sehen? Und wird sie vermögend sein, mich gegen diese mächtigen Männer zu schützen? – gegen meinen Onkel Christian? Ach, daß ich ihn meinen ärgsten Feind nennen muß!«

»Sie hat die Ueberlegenheit, welche Rechtschaffenheit über Niederträchtigkeit, und Tugend über Laster hat,« sagte Julian; »und sie wird Euch keiner menschlichen Macht, ohne Eures Vaters Willen, übergeben, wenn Ihr sie zu Eurer Beschützerin erwählen wollt. So kommt Ihr also mit mir, Alexie, und –«

Julian wurde hier von Jemand unterbrochen, der, ihn ohne Umstände bei seinem Mantel fassend, diesen mit solcher Gewalt zerrte, daß er sich genöthigt sah, still zu halten, und die Hand an sein Schwert zu legen. Er wandte sich zugleich um, und erblickte Fenella. Die Wange der Stummen glühte wie Feuer; ihre Augen funkelten, und ihre Lippen waren gewaltsam zusammen gezogen, als wenn sie mit Mühe jenes wilde Geschrei zurückhielte, das gewöhnlich den Kampf ihrer Affekte begleitete, und auf der offenen Straße ausgestoßen, sogleich einen Volkshaufen herbeigezogen haben würde. Bei dem Allen war ihr Aussehen so sonderbar, und ihre Gemüthsbewegung so auffallend, daß die Leute stehen blieben, als sie heran kamen, und als sie weiter gegangen waren, sich noch umsahen, die seltsame Lebhaftigkeit ihrer Geberden zu betrachten, während sie, mit einer Hand Peveril's Mantel haltend, mit der andern die heftigsten und gebieterischesten Zeichen machte, daß er Alexie Bridgenorth verlassen, und ihr folgen sollte.

Erschrocken, sie wußte nicht, warum, über diese Geberden, hängte sich Alexie dichter an Julians Arm, als sie vorher zu thun gewagt hatte; und dieß Zeichen von Vertrauen auf seinen Schutz schien Fenella's Leidenschaftlichkeit zu vermehren.

Julian war in furchtbarer Verlegenheit; seine Lage war unsicher genug, selbst ehe Fenella's unbezwingbare Leidenschaften den einzigen Plan, den er anzugeben fähig war, zu vernichten drohten. Indessen beschloß er ihre Bitte nicht zu erfüllen, bis er Alexien in Sicherheit gebracht hätte, Fenella aber nicht aus dem Gesichte zu verlieren, und indem er ihr wiederholtes, unwilliges und ungestümes Ausschlagen der Hand, die er ihr darreichte, nicht achtete, schien er endlich in so weit sie besänftigt zu haben, daß sie seinen rechten Arm ergriff, und, wie in Verzweiflung, daß er ihrem Wege nicht folgen würde, zufrieden schien, ihn auf dem zu begleiten, den er selbst wählte.

So die beiden Mädchen am Arme, welche Beide, wiewohl jede aus sehr verschiedenen Gründen, geeignet waren, die Augen des Volks auf sich zu ziehen, beschloß Julian, den kürzesten Weg an der Wasserseite zu machen, und dort ein Boot nach Blackfriars zu nehmen, als dem nächsten Landungsplatz bei Fleetprison, wo er vermuthete, daß Launce seine Ankunft zu London bereits dem Ritter Gottfried, welcher damals diese traurige Gegend bewohnte, und seiner Gattin, welche, so weit es die Strenge des Kerkermeisters erlaubte, seine Gefangenschaft theilte und linderte, gemeldet haben würde.

Viele Vorübergehende betrachteten sie mit Verwunderung, und Einige mit Lächeln; aber Julian bemerkte, daß es besonders zwei Personen waren, die sie nie aus dem Gesichte verloren, und welchen seine Lage und das Benehmen seiner Begleiterinnen Stoff zu unverstellter Belustigung darzubieten schienen. Dieß waren junge Männer, wie man noch heutiges Tages in denselben Bezirken sehen kann, den Unterschied in der Art ihrer Tracht abgerechnet. Sie trugen große Perücken, und viele hundert Ellen Band, das auf den Aermeln, den Beinkleidern und Westen, nach den Uebertreibungen der herrschenden Mode, in Schleifen gebunden war, flatterten um sie her. Eine Menge Borten und Stickerei machte ihre Kleider mehr zierlich als geschmackvoll.

Diese zwei Stutzer gingen mehr als einmal, Arm in Arm geschlungen, bei Peveril vorbei; schlenderten dann so einher, daß sie ihn nöthigten wieder bei ihnen vorbei zu kommen, lachten und flüsterten zu einander während dieser Manöver, gafften stier Peveril und seine Begleiterinnen an, und erwiesen ihnen, wenn sie auf einander stießen, nicht die Gefälligkeit, auszuweichen.

Peveril bemerkte nicht sogleich ihre Unart; als sie aber zu auffallend ward, um seiner Wahrnehmung zu entgehen, fing sich seine Galle zu regen an, und zur Vermehrung aller übrigen Verlegenheiten, hatte er nun die lebhafte Begierde zu bekämpfen, die zwei Laffen, die ihn so zu beleidigen suchten, weidlich durchzuprügeln. Nachsicht und Duldung waren ihm freilich durch die Umstände stark geboten; aber auf die Länge war es kaum möglich, ihre Forderungen ferner zu erfüllen.

Als Julian sich genöthigt sah, zum dritten Mal mit seinen Gefährtinnen bei diesen lästigen Gecken vorüber zu gehen, hielten sie dicht hinter ihm, und sprachen so laut, daß man sie hören konnte, und in einem Tone vollkommener Gleichgültigkeit, ob man sie hörte oder nicht.

»Das ist ja ein ungeheures Glück für den Bauertölpel,« sagte der längste von Beiden, indem er auf den einfachen Anzug Peverils anspielte, der kaum für die Londoner Straßen schicklich war. »Zwei solche schöne Mädchen, und unter dem Schutz eines Graurocks mit einem eichenen Reisestock!«

»Nein, Glück für einen Puritaner, und zwar ein übergroßes,« sagte sein Begleiter. »Man kann den Puritaner aus seinem Schritt und aus seiner Geduld erkennen.«

»Recht wie ein voller Humpen, Thomas,« sagte sein Freund – »Isaschars Esel, der sich zwischen zwei Lasten bückt.«

»Ich habe Lust, den langöhrigen Lorenz von einer seiner Bürden zu befreien,« sagte der kleine Geselle. »Die schwarzäugige Liebste sieht aus, als hätte sie Lust, von ihm wegzulaufen.«

»Ja,« antwortete der Lange, »und die blauäugige Zitternde sieht aus, als wollte sie zurückfallen in meine liebenden Arme.«

Bei diesen Worten verstärkte Alexie, noch fester als zuvor sich an Julians Arm haltend, ihre Schritte fast bis zum Laufen, um Menschen zu entkommen, die eine so beunruhigende Sprache führten; und Fenella eilte auf gleiche Art vorwärts, da sie vielleicht aus den Gebärden und aus dem Benehmen dieser Menschen dieselbe Besorgniß, wie Alexie aus ihren Reden, geschöpft hatte.

Aus Furcht vor einem Streite auf den Straßen, der ihn nothwendig von den unbeschützten Mädchen trennen mußte, suchte Peveril zwischen der zu ihrem Schutz nothwendigen Klugheit und seiner eigenen aufgereizten Empfindlichkeit eine Ausgleichung; und als die Lästigen noch einmal bei ihnen nahe an der Hungerford-Treppe vorbeigehen wollten, sagte er zu ihnen mit erzwungener Gelassenheit: »Gentlemen, ich bin euch Etwas schuldig für die Aufmerksamkeit, die ihr den Angelegenheiten eines Fremden bewiesen habt. Wenn ihr einigen Anspruch auf den Namen habt, den ich euch gegeben habe, so werdet ihr mir sagen, wo ihr zu finden seid.«

»Und aus welcher Absicht,« sagte der Größere von ihnen höhnisch, »verlangt Ihr von uns eine solche Nachricht?«

Bei diesen Worten wandten sich Beide auf solche Art um, daß sie es Julian unmöglich machten, irgend weiter zu gehen.

»Nur die Treppe hinauf, Alexie,« sagte er; »ich will den Augenblick wieder bei dir sein.« Dann befreiete er sich mit Schwierigkeit aus den Armen seiner Begleiterinnen, schlug seinen Mantel hastig um seinen linken Arm, und sagte ernst zu seinen Gegnern: »Wollt ihr mir eure Namen angeben, meine Herren; oder wollt ihr so gefällig sein, Platz zu machen?«

»Nicht eher, als bis wir wissen, für wen wir Platz machen sollen,« sagte Einer von ihnen.

»Für Einen, der euch sonst lehren will, was euch fehlt – gute Lebensart,« sagte Peveril, und rückte vor, als wollte er zwischen ihnen durchdringen.

Sie trennten sich nun von einander, aber Einer von ihnen streckte seinen Fuß vor Peveril, als wollte er ihm ein Bein unterschlagen. Das Blut seiner Adern kochte schon in ihm, er schlug den Mann mit dem eichenen Stabe, über den er eben gespottet hattet, in's Gesicht, warf ihn dann weg, und zog sogleich sein Schwert. Aber die Andern zogen auch und stießen zugleich; allein er fing die Spitze des einen Rappiers in seinem Mantel auf, und parirte dem Andern mit seinem eigenen Degen aus. Julian mochte bei dem zweiten Kampfe weniger glücklich gewesen sein; aber ein Geschrei erhob sich unter den Fährleuten: »Schande, Schande! Zwei gegen Einen!«

»Das sind Leute vom Herzog von Buckingham,« sagte der eine Kerl – »denen bleibt man sichrer vom Halse.«

Die niederen Stände des Volks in London haben sich zu allen Zeiten durch ihre Lust am Faustrecht und an der Billigkeit und Unparteilichkeit, womit sie es ausgeübt sehen, ausgezeichnet. Die edle Vertheidigungskunst war damals so allgemein bekannt, daß ein Gefecht auf Rappiere zu jenen Zeiten eben so viel Theilnahme und eben so wenig Verwunderung erregte, als ein Faustkampf in unsern Tagen. Die in solchen Schlägereien erfahrnen Zuschauer bildeten sogleich einen Kreis, innerhalb dessen Peveril und der größere und vorschnellere seiner Gegner bald in einem harten Zweikampf mit ihren Degen verwickelt waren, während der Andere, von den Zuschauern in Schranken gehalten, sich einzumischen verhindert blieb.

»Recht so, der lange Kerl! – Gut gestoßen, Langfuß! – Hussa auf zwei Ellen und ein Viertel!« waren die Worte, womit der Kampf zuerst aufgemuntert wurde; denn Peverils Gegner zeigte nicht nur große Behendigkeit und Geschicklichkeit im Fechten, sondern hatte auch einen entschiedenen Vortheil wegen der Unruhe, mit der Julian sich nach Alexie Bridgenorth umsah, da seine Sorge für ihre Sicherheit ihn beim ersten Ausfall von demjenigen ablenkte, was er zur Vertheidigung seines eignen Lebens hätte thun sollen. Eine leichte Fleischwunde in der Seite bestrafte und warnte zugleich seine Unachtsamkeit, und er richtete eben seine ganzen Gedanken auf das Gefecht, und brannte vor Zorn über den frechen Ruhestörer, als der Kampf plötzlich eine andere Gestalt anzunehmen begann, unter dem Zuruf: »Recht so, Graurock!« – »Brav gestoßen!« – »Herrlich ausparirt!« – »Da kommt ein anderes Loch in sein gesticktes Wams!« – »Brav gestochen, bei Gott!« Wirklich geschah der letzte Ausruf unter einem allgemeinen Beifallsgeschrei über einen glücklichen und entscheidenden Ausfall, mit welchem Peveril seinem gigantischen Gegner den Degen durch den Leib rannte. Er sah einen Augenblick auf seinen hingestreckten Feind, erholte sich dann bald, und rief laut, um sich zu erkundigen, wie es um das Frauenzimmer stände.

»Fragt nicht nach den Mädchen, wenn Ihr klug seid,« sagte einer von den Fährleuten; »die Polizei wird im Augenblick hier sein. Ich will Euer Gnaden im Augenblick über das Wasser bringen. Es könnte Euch den Hals kosten. Aber jetzt könnt Ihrs mit einem Jakobus abmachen.«

»Verdammt sey'st du!« sagte einer von seinen Zunftgenossen, »wie dein Vater vor dir war; für einen Jakobus will ich den Herrn nach Elsaß bringen, wohin sich weder Gerichtsdiener, noch Constable wagt.«

»Die Dame, ihr Schurken, die Dame!« rief Peveril, – »wo ist sie?«

»Ich will Euer Gnaden dahin bringen, wo Ihr Damen genug haben werdet, wenn das Euer Wunsch ist,« sagte ein alter Schiffmann; und während er sprach, erneuerte sich das Geschrei unter den Fährleuten, indem jeder hoffte, aus Julians Bedrängniß seinen Vortheil zu ziehen.

Mitten unter den Flüchen und dem Geschrei, welches diesen Streit um eine neue Kundschaft begleitete, ließ Julian sie endlich wissen, daß er nicht dem, dessen Boot am ersten zum Abrudern fertig wäre, sondern Jedem, der ihm über das Schicksal des Frauenzimmers Nachricht gäbe, einen Jakobus zahlen wollte.

»Welches Frauenzimmers?« sagte ein schlauer Bursche; »denn, so viel ich weiß, waren ihrer zwei.«

»Von beiden, von beiden,« antwortete Peveril; »doch zuerst Nachricht von der schön gelockten Dame.«

»Ja, ja, das war sie, die so aufschrie, als der Kamerade des Goldjackigen sie in Nr. 20 führte.«

»Was – wer – wer wagte sie zu führen?« rief Peveril.

»Nein, Herr, Ihr habt genug von mir erfahren, ohne ein Trinkgeld,« sagte der Fährmann.

»Schmutziger Schurke!« sagte Peveril, indem er ihm ein Goldstück gab, »sag' Alles heraus, oder ich renne dir meinen Degen durch den Leib.«

»Was das anlangt, Herr,« antwortete der Kerl, »wohl nicht, so lange ich diesen Ladestock handhaben kann, – aber Handel ist Handel, und so will ich Euch für Euer Goldstück erzählen, daß der Kamerade des Menschen hier eines von Euren Mädchen, die mit dem schönen Haar, sie mochte wollen oder nicht, auf Tickling Tom's Fähre schleppte; und sie sind in dieser Zeit, bei Wind und Fluth, weit genug die Themse hinauf.«

»Heiliger Himmel, und ich stehe hier!« rief Julian aus.

»Das kommt daher, weil Euer Gnaden kein Boot nehmen wollen.«

»Ihr habt Recht, mein Freund! – Ein Boot, ein Boot auf der Stelle!«

»So folgt mir nur, gnädiger Herr. – Hier, Thomas, reiche eine Hand – der Herr ist unser Passagier.«

Während er noch sprach, kam ein Polizeibeamter mit drei oder vier Gehülfen, mit den altmodischen Hellebarden bewaffnet, welche noch zur Rüstung dieser Wächter der öffentlichen Ruhe gehörten, und schnitt unserm Helden den fernern Weg am Wasser hin ab, indem er ihn im Namen des Königs verhaftete. Widerstand zu versuchen wäre Tollheit gewesen, da Julian von allen Seiten umringt war; also wurde er entwaffnet, und vor den nächsten Friedensrichter zum Verhör gebracht.

Der Richter, vor welchen Julian geführt wurde, Maulstatute geheißen, war ein sehr ehrlicher Mann, sehr beschränkt in seinen Fähigkeiten, und ziemlich furchtsam in seinen Verfügungen. Bei einer hohen Meinung von seiner amtlichen Wichtigkeit, und bei einem ziemlich hohen Begriff von seiner persönlichen Bedeutung, sah der Friedensrichter, von jener Zeit an, wo Ritter Edmondbury ermordet wurde, nichts als Stricke und Dolche vor seinen Augen, und that nie einen Schritt aus seinem Hause (das er befestigte und durch mehrere Schildwachen und Polizeibeamten mit einer Besatzung versah), ohne sich von einem verkleideten Papisten, mit einem gezogenen Schwert unter seinem Mantel, belauert zu sehen.

Ungeachtet der Polizeibeamte, der Julian festgenommen hatte, den wohlbekannten Schlag an die Thüre that, wurden sie doch nicht eingelassen, bis der Schreiber, welcher die Rolle eines Oberwächters spielte, sie durch ein vergittertes Pförtchen recognoscirt hatte. Nachdem Alles richtig befunden worden war, wurde der Schlüssel gedreht, wurden die Riegel aufgeschoben, und die Sperrkette wurde losgehakt, so daß der Eintritt dem Polizeibeamten, den Gehülfen und dem Gefangenen frei stand; dann wurde aber die Thüre eben so schnell gegen die Zeugen geschlossen, welche, als weniger des Vertrauens werthe Personen, im Hofe zu bleiben (durch das Pförtchen) gebeten wurden, bis sie nach der Reihe würden hereingerufen werden.

Wäre Julian zum Scherz aufgelegt gewesen, wovon er freilich jetzt weit entfernt war, so hätte er über den unpassenden Anzug des Schreibers lächeln müssen, welcher über seinen schwarzen steifen Leinwandrock ein ledernes Degengehänge mit einem breiten Schwert und einem paar ungeheuren Reiterpistolen gegürtet hatte; und statt des niedlichen platten Huts, welcher, an der Stelle der Bürgermütze, die Tracht eines Notarius vollendete, auf seine fettigen Locken eine rostige Stahlhaube gesetzt hatte, über welcher sein wohlgebrauchter Federkiel nach Art eines Federbusches hervorragte – indem die Form des Helms nicht erlaubte, ihn, wie gewöhnlich, hinter das Ohr zu stecken.

Diese wunderliche Gestalt führte den Polizeibeamten, seine Gehülfen und den Gefangenen in den untern Saal, wo sein Principal Recht sprach – ein Mann von einem noch sonderbareren Ansehen, als das seines Untergebenen.

In jener unruhigen Zeit, wo man sich nie sicher glaubte, hatte man, statt des unbequemen Stahlpanzers, eine Rüstung erfunden, die man die seidene nannte, weil sie aus einem Wams und Beinkleidern von gesteppter Seide bestand, so dicht genäht, und von solcher Dicke, daß sie sowohl der Kugel als dem Stahl widerstand; während eine dicke Mütze von demselben Stoffe mit eingesetzten Ohrenklappen, und im Ganzen ziemlich einer Nachtmütze ähnlich, die Ausrüstung vollendete, und die Sicherheit dessen, der sie trug, vom Kopf bis zum Knie verbürgte.

Herr Maulstatute hatte unter andern achtbaren Bürgern diese sonderbare volle Rüstung, die den Vortheil hatte, weich, warm und biegsam sowohl, als sicher zu sein, angenommen. Eine bessere Vorsicht aber gegen Ueberfall, als seine neben ihm liegenden Waffen, war ein starkes Eisengitter, welches, quer durch das Zimmer an der Vorderseite vom Tische des Richters gehend, und mit einer Gitterthüre, die gewöhnlich verschlossen gehalten wurde, zusammenhängend, die angeklagte Partei von ihrem Richter absonderte.

Maulstatute, so wie wir ihn geschildert haben, wollte vorher die Zeugen vernehmen, ehe er Peveril zu seiner Vertheidigung rief. Die nähern Umstände des Streits wurden kürzlich von den Umstehenden angegeben, und schienen den Richter tief zu rühren. Er schüttelte nachdrücklich seinen seidenen Helm, als er vernahm, daß nach einigem Gespräch zwischen den Parteien, welches die Zeugen nicht ganz verstanden, der junge im Gewahrsam gehaltene Mann den ersten Streich gethan, und sein Schwert gezogen hatte, ehe der Verwundete das seinige entblößt hatte. Dagegen schüttelte er seinen behelmten Kopf noch feierlicher, als das Resultat des Handgemenges bekannt wurde; und wiederum noch mehr, als einer von den Zeugen erklärte, daß, so viel er wisse, der im Gefecht Gebliebene ein Herr wäre, der zu dem Hofstaat seiner Durchlaucht, des Herzogs von Buckingham gehörte.

»Ein würdiger Pair,« sagte der Richter – »ein echter Protestant, und ein Freund seines Vaterlandes. Gott sei uns gnädig! zu welcher Höhe von Verwegenheit ist dieses Zeitalter emporgestiegen! Wir sehen wohl, und könnten es sehen, wären wir auch blind, wie ein Maulwurf, aus welchem Köcher dieser Pfeil gezogen ist.«

Er setzte dann seine Brille auf, und nachdem er Julian hatte vor sich bringen lassen, betrachtete er ihn voll Scheu mit seinen gläsernen Augen.

»So jung,« sprach er, »und so verhärtet – hilf Himmel! – und ein Papist, ganz sicher.«

Peveril hatte Zeit genug, zu überlegen, daß er hier sich umständlich erklären mußte, wenn er seine Freiheit erlangen sollte, und legte einen höflichen Widerspruch gegen des Richters Voraussetzung ein. »Er sei kein Katholik,« sagte er, »sondern ein unwürdiges Mitglied der englischen Kirche.«

»Vielleicht dennoch nur ein lauer Protestant,« sagte der weise Richter; »es gibt solche unter uns, die mit verhängtem Zügel nach Rom reiten, und schon die halbe Reise vollendet haben – hm!«

Peveril läugnete, ein solcher zu sein.

»Und wer bist du denn?« fragte der Richter. »Denn, offen zu sprechen, Freund, dein Gesicht gefällt mir nicht – hm!«

Dieses kurze und heftige Husten war immer von einem kurzen Nicken begleitet, zum Ausdruck der vollen Ueberzeugung des Sprechenden, daß er die beste und scharfsinnigste Bemerkung gemacht habe, welche die Voraussetzungen zuließen.

Gereizt von allen Umständen seiner Festhaltung, beantwortete Julian die Frage des Richters in einem ziemlich stolzen Tone: »Mein Name ist Julian Peveril!«

»Nun, der Himmel bewahre uns!« sagte der erschrockene Richter – »der Sohn des bösgesinnten Papisten und Verräthers, Ritter Gottfried Peverils, der jetzt in den Händen und in der Gewalt der Gerichte ist.«

»Wie, mein Herr!« rief Julian, seine Lage vergessend, und an das Gitter mit einer Heftigkeit vortretend, welche die Stangen klirren machte, wodurch er den erbleichenden Richter so aufschreckte, daß Herr Maulstatute seinen Protestantenflegel – eine damals gebräuchliche Waffe in Form eines Dreschflegels – ergriff, und einen Schlag nach seinem Gefangenen richtete, um einen, wie er glaubte, beabsichtigten Angriff zurück zu treiben. Aber lag es an der Hastigkeit des Richters, oder an seiner Unerfahrenheit im Gebrauch dieser Waffe, er verfehlte nicht nur sein Ziel, sondern brachte den schwingenden Theil des Werkzeugs mit seinem eigenen Schädel in einem so ernsthaften Gegenstoß zusammen, daß er trotz seines gepolsterten Helms eine betäubende Empfindung hervorbrachte, welche er der Folge eines von Peveril empfangenen Schlages zuschrieb.

Seine Gehülfen bestätigten zwar nicht geradezu die so unbefugt angenommene Meinung des Richters, aber erklärten einstimmig, man wüßte nicht, was für Unheil, ohne ihre thätige und augenblickliche Zwischenkunft, von einer so gefährlichen Person, als der Gefangene, hätte angerichtet werden können. Die Meinung, daß er, um sich zu befreien, zu Thätlichkeiten habe schreiten wollen, war bei allen Anwesenden so vorherrschend, daß Julian einsah, jede Vertheidigung würde vergeblich sein, besonders da er sich nur zu wohl bewußt war, daß die beunruhigenden und wahrscheinlich traurigen Folgen seines Gefechts seine Verhaftnehmung unvermeidlich machten. Er begnügte sich also, zu fragen, in welches Gefängniß er geworfen werden würde; und als das schaudervolle Newgate als Antwort erscholl, hatte er wenigstens die Befriedigung, zu erwägen, so düster und gefährlich der Schutz unter diesem Dache auch war, er denselben doch wenigstens in Gesellschaft mit seinem Vater genießen würde; und daß sie, auf eine oder die andere Art, vielleicht wenigstens ihr Schicksal gemeinsam tragen könnten.

Indem Julian die Tugend der Geduld mehr übte, als er sie sonst besaß, gab er dem Richter (den jedoch alle Milde seines Benehmens nicht versöhnen konnte) die Adresse nach dem Hause, wo er wohnte, und bat, daß sein Bedienter, Launce Outram, die Erlaubniß erhalten möchte, ihm sein Geld und seine Kleidungsstücke zu schicken, mit dem Zusatze, daß er Alles, was entweder an Waffen oder an Schriften in seinem Besitz wäre (die erstern beständen bloß in ein paar Reisepistolen, und die letztern in wenigen Notizen von geringer Bedeutung) willig der Verfügung der Obrigkeit überlasse. In diesem Augenblicke überließ er sich der tröstlichen Erinnerung mit aufrichtiger Zufriedenheit, daß die wichtigen Papiere der Gräfin von Derby schon im Besitze des Königs waren.

Der Richter versprach auf sein Verlangen Bedacht zu nehmen; erinnerte ihn aber mit vieler Gravität, daß sein gegenwärtiges gefälliges und unterwürfiges Betragen, zu seinem eigenen Besten, hätte vom Anfange an angenommen werden sollen, anstatt die Obrigkeit mit solchen heillosen Zeichen des boshaften, aufrührerischen und mörderischen Geistes der Papisterei zu beunruhigen, wie er anfangs verrathen habe. »Doch,« fuhr er fort, »da er ein gutartiger junger Mann und von angesehenem Stande wäre, so wollte er ihn nicht, wie einen Schelm, durch die Straßen schleppen lassen, sondern habe eine Kutsche zu seiner Bequemlichkeit bestellt.«

Herr Maulstatute that jedoch bei dieser Gelegenheit Julian nicht die Ehre an, an seine große Familienkarosse seine eignen Pferde spannen zu lassen. Unser Freund Julian, bisher weit mehr an den Sattel, als an irgend ein anderes Mittel der Fortschaffung gewöhnt, fand sich bald neben dem Polizeidiener und seinen zwei Gehülfen, die bis an die Zähne in Rüstung staken, in einem Miethwagen, der sie, wie sie schon zu verstehen gegeben hatten, in die alte Festung Newgate bringen sollte.



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