Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Als Julian am nächsten Morgen erwachte, fand er es, weil die Uebrigen noch schliefen, am gerathensten, die Gelegenheit zu benützen, von Männern loszukommen, mit denen ihn der Zufall wider seinen Willen zusammengeführt hatte, und deren Gesellschaft gefährlich sein konnte. Er ging hinab, führte sein Pferd heraus, und wollte eben aufsteigen, als eine Hand seinen Mantel faßte, und die Stimme Ganlesse's rief: »Wie, Herr von Peveril, ist das Eure ausländische Lebensart? oder habt Ihr in Frankreich gelernt, auf Französisch von Euren Freunden Abschied zu nehmen?«

Julian fuhr zurück, wie von Schuld betroffen, ob ihn gleich eine augenblickliche Ueberlegung versicherte, daß er sich weder vergangen hatte, noch in Gefahr war. »Ich wollte Euch nicht stören,« sagte er, »ob ich gleich schon an Eurer Stubenthüre war. Ich dachte, der Schlaf werde Euch und Eurem Gefährten lieber sein, als leeres Ceremoniell; und da meine Angelegenheiten mich früh zu reisen nöthigen, so hielt ich es für's Beste, ohne Abschied abzureisen. Ich habe ein Geschenk für meinen Wirth zurückgelassen.«

»Es war unnöthig,« sagte Ganlesse; »der Schurke ist schon übermäßig bezahlt. – Aber seid Ihr nicht zu voreilig, in Eurem Plan, abzureisen? Meine Einsicht sagt mir, Junker Julian Peveril thäte besser, wenn er mit mir geradezu nach London reiste, als, zu welchem Zweck es sei, sich seitwärts wendete. Ihr könnt schon sehen, daß ich keine gewöhnliche, sondern eine Hauptperson bin. Aber Ihr seid von einem andern Schlage, und ich wollte Euch nicht nur dienen, sondern selbst wünschen, Ihr gehörtet mir ganz zu.«

Julian betrachtete diesen sonderbaren Mann genau, als er so sprach. Seine Gestalt war gering und unansehnlich, auch hatte er sehr gewöhnliche Züge, ausgenommen die Blitze seines scharfen, grauen Auges, welches, in seinem sorglosen und stolzen Blicke, der hochmüthigen Ueberlegenheit entsprach, die der Fremde in seiner Unterredung annahm. Erst nach einer flüchtigen Pause antwortete Julian: »Könnt Ihr Euch wundern, Herr Ganlesse, daß ich in meinen Umständen – wenn sie Euch wirklich bekannt sind – eine unnöthige Vertraulichkeit über die Angelegenheiten, die mich hieher gerufen haben, ablehnen, oder die Gesellschaft eines Fremden ausschlagen sollte, der keine Gründe angibt, warum er die meinige sucht?«

»Haltet es, wie es Euch beliebt, junger Mann,« sagte Ganlesse, »aber bedenkt in der Folge, daß Euch ein vortheilhafter Antrag gemacht wurde; nicht einem Jeden würde ich ihn gemacht haben. Wenn wir uns nachher in andern und schlimmern Verhältnissen wieder treffen sollten, so schreibt es Euch selber, und nicht mir zu.«

»Ich verstehe Eure Drohung nicht,« antwortete Peveril, »wenn wirklich hierin eine Drohung liegt. Ich habe nichts Böses gethan – ich fühle keine Furcht – und ich kann, im gewöhnlichen Verstande, nicht begreifen, warum ich dafür leiden sollte, daß ich mein Zutrauen einem Fremden verweigere, der zu verlangen scheint, daß ich mich blindlings seiner Leitung überlasse.«

»So lebet denn wohl, Ritter Julian vom Gipfel – möge bald geschehen, was geschehen muß!« sprach der Fremde, indem er seine bisher nachlässig an den Zaum des Pferdes gelegte Hand zurückzog.

»Was meint Ihr mit diesem Ausdruck?« sagte Julian, »und warum gebt Ihr mir einen solchen Titel?«

Der Fremde lächelte, und antwortete bloß: »Hier hat unsere Verhandlung ein Ende. Der Weg liegt vor Euch. Ihr werdet ihn länger und rauher finden, als den, welchen ich Euch hätte führen wollen.«

Mit diesen Worten wandte Ganlesse den Rücken, und ging auf das Haus zu. Auf der Schwelle kehrte er sich noch einmal um, und als er sah, daß Peveril sich noch nicht von der Stelle bewegt hatte, lächelte er wieder und winkte ihm; aber Julian, der durch dieses Zeichen zur Besinnung kam, spornte sein Pferd, und setzte seine Reise fort.

Es währte nicht lange, als ihn seine Ortkenntniß hinsichtlich der Gegend in Stand setzte, die Straße nach Martindale zu gewinnen, von welcher er am vorigen Abend um eine Wegstunde abgekommen war. Aber die Straßen oder vielmehr die Pfade dieser wilden Gegend waren an manchen Orten so verwickelt, an andern so schwer auszuspüren, daß trotz den äußersten Anstrengungen, und ungeachtet Julian keinen längern Aufenthalt auf der Reise machte, als in einem Dörfchen, durch das er Mittags kam, um sein Pferd zu füttern, die Nacht anbrach, ehe er eine Höhe erreichte, von welcher eine Stunde früher die Zinnen Martindale's sichtbar gewesen sein würden, und wo, da sie in Nacht gehüllt waren, ihre Lage ein auf einem hohen Thurm, einem Leuchtthurm, unterhaltenes Feuer angezeigt hätte, der in der ganzen benachbarten Gegend die Benennung: Peveril's Polarstern – erhalten hatte.

Dieser wurde regelmäßig beim Feierabendgeläute angezündet, und das Feuer mit so viel Holz und Kohle unterhalten, daß es bis Sonnenaufgang brannte; und zu keinem Zeitpunkt unterblieb dieser Gebrauch, ausgenommen zwischen dem Tode eines Herrn des Schlosses und seiner Beerdigung. Es ist nicht bekannt, aus welchen Umständen der Gebrauch, diese Erleuchtung zu unterhalten, ursprünglich entstand. Gewiß ist's, daß alle Peveril's besonders aufmerksam auf Beibehaltung dieses Brauchs, als etwas mit der Würde ihres Hauses besonders Zusammenhängenden, hielten, und unter Ritter Gottfried war eine Unterlassung desselben nicht zu erwarten. Dieses wußte sein Sohn Julian sehr gut, und daher bemerkte er mit dem Gefühle des Befremdens und der Unruhe, daß das Licht nicht sichtbar war. Er hielt – rieb sich die Augen – veränderte seine Stellung – und suchte vergebens sich zu überreden, daß er sich in dem Punkte geirrt hätte, von welchem aus der Polarstern seines Hauses sichtbar wäre, oder daß irgend ein neulich dazwischen getretener Gegenstand, der Wuchs einer Anpflanzung vielleicht, oder die Errichtung eines Gebäudes das Licht des Leuchtthurms auffinge. Allein nach kurzer Ueberlegung überzeugte er sich, daß dieß bei der hohen und freien Lage des Schlosses Martindale nicht habe stattfinden können, und folglich drängte sich ihm nothwendig der Schluß auf, daß entweder Ritter Gottfried, sein Vater, gestorben, oder die Familie durch irgend ein Unglück bedrängt, und darum jener altherkömmliche Gebrauch vernachlässigt worden sei.

In unbeschreiblicher Unruhe gab Julian nun seinem abgematteten Pferde die Sporen, sprengte den rauhen, steilen Pfad hinab und gelangte an das Dorf Martindale-Moultrassie, voll Ungeduld, die Ursache dieser bedenklichen Finsterniß zu erfahren. Die Gasse, durch welche sein müdes Pferd langsam und widerstrebend ihn trug, war verlassen und leer, und kaum ein Licht schimmerte aus einem Fenster, ausgenommen aus dem Gitterfenster der Schenke, aus welchem ein helles Licht schien, und mehrere Stimmen in lärmender Fröhlichkeit gehört wurden.

Vor dieser Schenke machte das müde Pferd, durch Instinkt getrieben, so plötzlich Halt, daß der Reiter, trotz seiner Eile, es am besten fand, abzusteigen, in der Hoffnung, von Robert Raine, dem Gastwirth und alten Unterthan seines Hauses, sogleich mit einem frischen Pferd versorgt zu werden. Er wünschte auch, seine Besorgnisse durch Erkundigung nach dem Stande der Dinge im Schlosse zu mindern, als er mit Befremden aus der Schenkstube einen wohlbekannten republikanischen Gesang erschallen hörte.

Irgend eine seltsame Revolution mußte, wie Julian nun merkte, sowohl im Dorfe als in dem Schlosse stattgefunden haben, und ohne zu wissen, inwiefern es rathsam sein möchte, sich unter die unfreundlichen Schwärmer zu drängen, ohne Macht, ihren Uebermuth zurückzutreiben oder zu züchtigen, führte er sein Pferd zu einer Hinterthüre, welche, wie er sich besann, mit des Wirthes Zimmer in Verbindung stand, entschlossen, bei ihm über den Zustand der Dinge auf dem Schlosse insgeheim Erkundigung einzuziehen. Er klopfte verschiedene Mal, und rief eben so oft mit ernster, aber gedämpfter Stimme den Namen Roger Raine. Endlich antwortete eine weibliche Stimme mit der gewöhnlichen Frage: »Wer ist da?«

»Ich bin es, Frau Wirthin, Julian Peveril – schickt Euren Mann sogleich zu mir.«

»Ach, gütiger Himmel, Herr Julian, wenn Ihr es wirklich seid – Ihr müßt wissen, mein armer, guter Mann ist dahin gegangen, wo er zu Niemand kommen kann; aber ohne Zweifel werden wir alle zu ihm gehen, wie Matthäus, der Kammerdiener, sagt.«

»Er ist also todt?« sagte Julian. »Das betrübt mich außerordentlich.«

»Todt, sechs Monate und drüber, Herr Julian, und das ist eine lange Zeit für eine verlassene Frau, wie Kammerdiener Matthäus sagt.«

»Gut, öffnet die Thüre, oder laßt sie den Kammerdiener öffnen; ich brauche ein frisches Pferd, und möchte wissen, wie es auf dem Schlosse steht.«

»Auf dem Schlosse – ach gütiger Himmel! – Kammerdiener – Matthäus Kammerdiener – höre einmal!«

Der Kammerdiener Matthäus war offenbar nicht weit entfernt, denn er antwortete sogleich auf ihren Ruf; und Peveril konnte, da er dicht an der Thüre stand, sie mit einander heimlich sprechen hören, und größtentheils verstehen, was sie sagten.

»Nun rathet mir, wenn Ihr ein Mann seid, Kammerdiener Matthäus,« sprach die Wittwe, »denn ich sage kein Wort mehr, wenn hier nicht Junker Julian selbst ist; und er braucht ein Pferd, und was noch sonst, als wäre noch Alles, wie es war.«

»Ei, Frau, wenn Ihr Rath nehmen wollt,« sagte der Kammerdiener, »so fertigt ihn ab – laßt ihn fortziehen, so weit ihn seine Stiefeln tragen. Hier ist nicht der Ort, sich die Finger in andrer Leute Brühe zu verbrennen.«

»Das ist wohl gesprochen, wahrlich,« antwortete die Frau, »aber wir haben ihr Brod gegessen, und wie mein armer Mann zu sagen pflegte –«

»Nein, nein, Frau, wer nach dem Rath der Todten sich richten will, soll keinen von Lebenden haben, und so macht's, wie's Euch gefällt; wollt Ihr aber meinem Rath folgen – zugeschlossen, zugeriegelt – er mag ein andres Quartier suchen – das ist mein Rath.«

»Ich verlange nichts von Euch, Freund,« sagte Peveril, »sondern will nur wissen, wie es um Ritter Peveril und seine Frau steht.«

»Ach gütiger Gott! ach gütiger Himmel!« war die einzige Antwort, die er von der Wirthin erhielt, und die Unterredung zwischen ihr und dem Kammerdiener fing nun wieder an, aber so leise, daß er sie nicht mehr verstehen konnte. Am Ende sprach der Kammerdiener Matthäus laut, und in einem gebieterischen Tone: »Wir öffnen zu dieser Nachtzeit keine Thüren, denn es ist wider den Befehl des Richters, und könnte uns unser Privilegium kosten, und was das Schloß betrifft, so liegt die Straße vor Euch, und ich denke, Ihr werdet sie so gut wissen, als wir.«

»Und ich kenne Euch,« sagte Peveril, wieder sein ermattetes Pferd besteigend, »als einen undankbaren Flegel, den ich bei erster Gelegenheit tüchtig durchprügeln lassen will.«

Auf diese Drohung machte Matthäus keine Erwiederung, und Peveril hörte ihn sogleich das Zimmer verlassen, nachdem einige ernsthafte Worte zwischen ihm und der Wirthin gewechselt worden waren.

Ungeduldig über diesen Aufenthalt und über die schlimme Vorbedeutung, die in den Reden und dem Betragen dieser Leute lag, und nachdem er sein Pferd, das sich entschieden weigerte, einen Schritt weiter zu thun, vergebens gespornt hatte, stieg Peveril noch einmal ab, und war im Begriff, ungeachtet der großen Unbequemlichkeit der hohen Reiterstiefeln, die eine solche Last im Gehen machen mußten, seinen Weg zu Fuße fortzusetzen, als er durch einen freundlichen Ruf aus dem Fenster aufgehalten wurde.

Der Kammerdiener war kaum fortgegangen, als die Gutmüthigkeit und die gewohnte Ehrerbietung der Wirthin für das Peveril'sche Haus und vielleicht einige Besorgniß für Matthäus, sie bewogen, den Fensterflügel zu öffnen, und, jedoch in leisem und schüchternem Tone, zu rufen: »Bst – bst – Herr Julian – seid Ihr fort?«

»Noch nicht, Frau Raine,« sagte Julian, »aber mein Hierbleiben scheint unwillkommen.«

»Nein, lieber junger Herr, es ist nur, weil die Männer so verschiedenen Rath geben; denn mein Roger Raine würde den Kaminwinkel für Euch zu kalt gefunden haben, und Matthäus der Kammerdiener meint, der kalte Hofraum sei warm genug für Euch.«

»Laßt das gut sein, Frau,« sprach Julian; »sagt mir nur, was auf dem Schloß Martindale vorgefallen ist. Ich sehe, der Wachtthurm ist ausgelöscht.«

»Ist es wirklich wahr? – Ja, wahrhaftig – dann ist der Ritter Gottfried in den Himmel gegangen zu meinem Roger Raine.«

»Gott im Himmel!« rief Peveril aus, »wann ist denn mein Vater krank geworden?«

»Nie, daß ich wüßte,« sagte die Frau, »aber vor etwa drei Stunden kam eine Schaar auf's Schloß, mit Lederkürassen und Bandeliers, und einer von den Parlamentsleuten, wie zu Olivers Zeit. Mein alter Roger Raine würde die Thore des Wirthshauses vor ihnen zugeschlossen haben, aber er liegt auf dem Kirchhofe, und Matthäus sagt, es ist wider das Gesetz; und so kamen sie herein, und erfrischten Mann und Roß, und schickten nach Herrn Bridgenorth, der eben jetzt zu Moultrassie-Hall ist, und so zogen sie hinauf in's Schloß, und da gab's wohl ein Gefecht, da der alte Ritter kein Mann war, der sich überfallen ließ. Allein die Offiziere hatten den Vortheil, und die Ursache ist, wie unser Matthäus sagt, weil sie das Recht auf ihrer Seite hatten. Aber da der Polarstern des Schlosses aus ist, wie Ihr sagt, so ist ohne Zweifel der alte gnädige Herr todt.«

»Gütiger Himmel! – Beste Frau, für Geld oder gute Worte, schafft mir ein Pferd, damit ich auf's Schloß reite.«

»Auf's Schloß?« sagte die Frau; »die Rundköpfe, wie sie mein Roger nannte, werden Euch umbringen, wie sie Euren Herrn Vater umgebracht haben! Besser in's Jägerhaus geschlichen, und ich will Betty mit einer wollenen Decke und etwas Abendessen hinschicken – oder halt – mein alter Dobbin steht im Stall neben dem Hühnerkorbe – nehmt ihn, und macht Euch fort aus dem Lande, denn hier ist für Euch keine Sicherheit. Hört, was für Lieder Etliche von ihnen in der Schenkstube singen! – So nehmet Dobbin, und vergesset nicht, Euer eignes Pferd dafür da zu lassen.«

Peveril wartete nicht länger, nur als er sich nach dem Stall wandte, hörte er die Frau noch ausrufen – »Ach Gott! was wird Kammerdiener Matthäus sagen?« – doch setzte sie gleich hinzu: »Mag er sagen, was er will, ich kann über mein Eigenthum verfügen.«

Schnell befolgte Julian die erhaltene Weisung, ließ sein Pferd stehen, warf sich auf das andere und gelangte endlich an seines Vaters Wohnsitz. Der Mond war im Aufgehen, aber auf das Portal fielen seine Strahlen nicht, weil es in einem tiefen Winkel zwischen zwei Seitenthürmen gelegen war. Peveril stieg ab, und näherte sich dem Thor, das er wider seine Erwartung offen fand. Er trat in den weiten Hofraum, und konnte daher wahrnehmen, daß noch Lichter in dem untern Theile des Gebäudes schimmerten, wiewohl er sie vorher wegen der Höhe der äußern Mauern nicht gesehen hatte. Die Hauptthür oder große Saalthür, wie sie genannt wurde, wurde seit dem heruntergekommenen Zustande der Familie selten geöffnet, außer bei besonders feierlichen Gelegenheiten. Eine kleinere Pforte diente zum gewöhnlichen Eingange, und zu dieser begab sich Julian jetzt. Diese war auch offen – ein Umstand, der ihn an sich selbst beunruhigt haben würde, hätte er nicht schon so viele Ursachen der Besorgniß gehabt. Ihm sank das Herz, als er sich durch einen kleinen Saal links gegen das große Besuchzimmer wandte, das die Familie gewöhnlich als ein Versammlungszimmer gebrauchte, und seine Bestürzung ward noch größer, als er von daher mehrere Stimmen hörte. Er riß die Thüre des Zimmers weit auf, und der Anblick, der sich ihm darbot, rechtfertigte seine schlimmen Ahnungen.

Ihm gegenüber stand der alte Ritter, dessen Arme über dem Ellbogen durch einen dicht um sie gezogenen und hinten befestigten Gurt stark gebunden waren; zwei, Räubern ähnliche Männer, offenbar seine Wache, hielten ihn bei seinem Wams. Das bloße Schwert, das auf dem Fußboden lag, und die leere Scheide, welche an des Ritters Seite hing, zeigte, daß der alte tapfere Edelmann in diesen Zustand der Gefangenschaft nicht ohne Widerstand gerathen war. Zwei oder drei Personen, die gegen Julian den Rücken gekehrt hatten, saßen um einen Tisch, und schienen mit Schreiben beschäftigt – ihre Stimmen waren es, die er gehört hatte. Lady Peveril – ein Bild des Todes, so bleich war ihr Angesicht – stand einige Schritte von ihrem Gemahl, auf den ihre Augen mit inniger Zärtlichkeit geheftet waren. Sie war es, welche ihren Julian zuerst gewahr ward. »Barmherziger Himmel! mein Sohn!« rief sie aus – »nun ist das Elend unsers Hauses vollkommen!«

»Mein Sohn!« hallte Ritter Gottfrieds Stimme nach, der aus dem düstern Zustande der Niedergeschlagenheit emporfuhr, und, einen hohen Eid schwörend, sprach: »du bist zur rechten Zeit gekommen, Julian. Thu' mir nur einen guten Hieb – spalte den verrätherischen Schurken vom Scheitel bis zum Brustbein; ist das gethan, dann kümmert mich nicht, was zunächst kommen mag.«

Der Anblick der Lage des Vaters ließ Julian die Ungleichheit des Kampfs vergessen, den er zu beginnen im Begriff war.

»Schurken!« sagte er, »macht ihn los!« und auf die Wachen mit gezogenem Schwerte losstürzend, zwang er sie, den Ritter loszulassen, und auf ihre eigne Vertheidigung zu denken.

Ritter Gottfried, so weit befreit, rief seiner Gattin zu: »Löse den Gurt, Frau, und wir werden noch drei gute Hiebe austheilen können – die müssen gut fechten, die Vater und Sohn zugleich schlagen.«

Aber Einer von jenen Männern, die vom Schreibtisch aufgefahren waren, als der Kampf begann, verhinderte Lady Peveril, ihrem Mann Beistand zu leisten, während ein Andrer sich leicht des gebundenen Ritters bemächtigte, doch nicht ohne einige ernsthafte Stöße von seinen schweren Stiefeln zu erhalten – da ihm seine Lage keine andere Vertheidigungsart erlaubte. Ein Dritter, welcher sah, daß Julian, jung und rüstig, die zwei Wachen zu weichen nöthigte, faßte ihn beim Kragen, und versuchte, sich seines Schwertes zu bemeistern. Plötzlich ließ Julian dieses fallen, ergriff eine seiner Pistolen und feuerte sie gegen den Kopf dessen, der ihn so angefallen hatte. Dieser fiel nicht, wankte aber zurück, und zeigte, als er in einen Stuhl sank, Julian die Gesichtszüge des alten Bridgenorth, geschwärzt von der Explosion, welche einen Theil seines grauen Haares verbrannt hatte. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr Julian, und in dem Gewirr und Schrecken des Augenblicks wurde er leicht von denen, mit welchen er zuerst in's Handgemenge gekommen war, fest genommen und entwaffnet.

»Achte es nicht, Julian,« sagte Ritter Peveril; »acht' es nicht, mein wackerer Sohn – der Schuß hat alle Rechnungen ausgeglichen! – Aber, wie – was der Teufel – er lebt! – war deine Pistole mit Spreu geladen? oder hat der böse Feind ihn gegen Blei schußfest gemacht?«

Der Ritter Gottfried hatte Grund zu erstaunen; denn, als er sprach, sammelte sich der Major Bridgenorth, – saß im Stuhle auf, wie Einer, der sich von einem betäubenden Schlage erholt – stand dann auf, wischte sich mit dem Schnupftuch die Spuren des Pulvers aus dem Gesichte, näherte sich Julian, und sagte in demselben kalten, unveränderten Tone, in welchem er sich gewöhnlich ausdrückte: »Junger Mann, Ihr habt Ursache, Gott zu danken, daß er Euch heute vor Begehung eines großen Verbrechens bewahrt hat.«

»Dem Teufel zu danken, spitzöhriger Schurke!« rief Gottfried Peveril. »Denn kein Geringerer, als der Vater aller Schwärmer schützte Euer Gehirn, daß es nicht wie Spülwasser aus Beelzebubs Suppentopf umher spritzte.«

»Ritter Peveril,« sagte Major Bridgenorth, »ich habe Euch schon gesagt, daß ich mit Euch nichts zu erörtern habe; denn Euch bin ich für meine Handlungen nicht verantwortlich.«

»Herr Bridgenorth,« fiel Lady Peveril ein, »was für eine Rache auch immer Euch Euer Gewissen an meinem Manne zu nehmen erlauben mag, – ich –, die ich einiges Recht habe, Mitleiden von Euch zu erfahren (denn ich bedauerte Euch auf das Aufrichtigste, als die Hand des Himmels schwer auf Euch lag) – ich flehe Euch an, verwickelt nicht meinen Sohn in unsern gemeinschaftlichen Untergang! – Lasset die Vernichtung des Vaters und der Mutter, nebst dem Falle unsers alten Hauses, Eurer Rache für jedes Unrecht genügen, das Ihr von meines Mannes Händen erlitten haben möget.«

»Schweig du stille, Hausmutter,« sagte der Ritter; »du sprichst wie eine Thörin; und mische dich nicht in Sachen, die dich nicht angehen. – Unrecht aus meinen Händen? Der feige Bube hat immer nur zu viel Recht erfahren. Hätt' ich den Hund tüchtig ausgepeitscht, als er mich zuerst anbellte, so wäre die feige Memme nun zu meinen Füßen gekrochen, anstatt auf meine Kehle los zu stürzen. Aber wenn ich durch diesen Vorfall hindurch komme, wie ich durch schlimmeres Wetter gekommen bin, so will ich alte Zechen bezahlen, so gut's noch gehen will.«

»Ritter Peveril,« erwiederte Bridgenorth, »wenn die Geburt, deren Ihr Euch rühmet, Euch gegen bessere Grundsätze verblendet, so hätte sie Euch wenigstens Höflichkeit lehren können. Worüber beklagt Ihr Euch? Ich bin eine obrigkeitliche Person, und ich vollziehe einen Verhaftsbefehl, der mir von der ersten Obergewalt des Staats zugefertigt ist. Ich bin auch ein Gläubiger von Euch, und das Gesetz gibt mir die Macht, mein Eigenthum aus den Händen eines unvorsichtigen Schuldners wieder zu erlangen.«

»Ihr eine obrigkeitliche Person!« sagte Ritter Peveril; »wohl so eine obrigkeitliche Person, als Cromwell Monarch war. Euer Herz ist voll Uebermuth, weil Ihr des Königs Verzeihung habt, und auf den Sitz erhoben seid, die armen Papisten zu verfolgen. Es war nie Aufruhr im Staate, wo nicht Schurken ihren Vortheil dabei zogen – nie kochte ein Topf, wo der Schaum nicht emporstieg.«

»Um Gotteswillen, lieber Mann,« unterbrach ihn Lady Peveril, »halt ein mit deinen Reden! Du bringst Herrn Bridgenorth nur auf, welcher sonst wohl bedenken könnte, daß nach allgemeiner christlicher Liebe –«

»Ihn aufbringen!« rief Ritter Peveril, sie ungeduldig unterbrechend; »bei Gott, Frau, du wirst mich rasend machen. Hast du so lange in dieser Welt gelebt, und erwartest noch Ueberlegung und christliche Liebe von einem alten hungrigen Wolf, wie er? Und wenn er sie hätte, glaubst du, daß ich oder du, als meine Gattin, Gegenstände für seine christliche Liebe sind? Julian, mein armer Sohn, es schmerzt mich, daß du unglücklich gewesen bist, weil dein Pistol nicht besser geladen war – aber dein Ruf als Schütze ist für immer dahin.«

Dieß heftige Gespräch ging so schnell vor sich, daß Julian, der sich kaum von der äußersten Bestürzung erholt, keine Zeit zu überlegen hatte, auf welche Art er am wirksamsten zum Beistande seiner Eltern verfahren sollte. Offen mit Bridgenorth zu sprechen, schien die klügste Maßregel zu sein; aber hierzu konnte sein Stolz sich kaum herablassen; doch that er sich Gewalt an, mit aller ihm möglichen Gelassenheit zu sagen: »Herr Bridgenorth, da Ihr eine obrigkeitliche Person seid, so verlange ich, nach den Gesetzen Englands behandelt zu werden, und begehre zu wissen, wessen wir angeklagt, und auf wessen Befehl wir festgenommen sind?«

»Das ist eine andere Nachteule,« rief der ungestüme alte Ritter; »seine Mutter spricht zu einem Puritaner von christlicher Liebe; und du mußt vom Gesetz zu einem rundköpfigen Rebellen sprechen! Was für einen Verhaftsbefehl hat er denn, glaubt Ihr, außer vom Parlament oder dem Teufel?«

»Wer spricht vom Parlament?« sprach ein Mann beim Hereinkommen, in dem Julian den Beamten wieder erkannte, den er früher bei dem Roßhändler gesehen hatte, und der nun mit dem Bewußtsein seiner Autorität hereinrauschte: »Wer spricht vom Parlament? Ich betheuere Euch, in diesem Hause ist genug entdeckt worden, zwanzig Verschwörer zu überführen. – Hier sind Waffen, und in großer Menge. Bringt sie herein, Kapitän Dangerfield,« rief er einem seiner Begleiter zu.

»Völlig dieselben,« sprach der Kapitän, indem er näher trat, »die ich in meiner gedruckten Erzählung oder Nachricht an das hochachtbare Unterhaus erwähne. Sie waren vom alten Vander Huys zu Rotterdam, auf Befehl des Don Johann von Oesterreich für den Dienst der Jesuiten bestellt.«

»Beim Lichte besehen,« sagte Ritter Peveril, »sind das die Piken, Musketen und Pistolen, die auf der Bodenkammer immer seit dem Gefecht bei Naseby gelegen haben.«

»Und hier,« sagte des Kapitäns Gehülfe, Everett, »sind Priesterornate, Meßbücher und Chorröcke, – ja wahrhaftig, und auch die gehörigen Bilder für Papisten.«

»Der Henker hole dein näselndes Gewinsel!« sagte Ritter Peveril; »hier ist ein Schurke, der schwören will, der alte Reifrock meiner Großmutter sei ein Priesterrock, und das Historienbuch vom Eulenspiegel sei ein papistisches Meßbuch!«

»Aber wie verhält sich das, Herr Bridgenorth?« sagte Topham zu diesem; »Ihr seid so thätig gewesen, als wir, und habt einen andern Buben gefangen, während wir das Zeug hier fanden.«

»Ich glaube, mein Herr,« sagte Julian, »wenn Ihr Euren Verhaftsbefehl nachsehet, der, wo ich nicht irre, die Namen der Personen nennt, die Ihr zu verhaften angewiesen seid, so werdet Ihr finden, daß Ihr kein Recht habt, mich anzugreifen.«

»Herr,« sagte der Beamte mit aufgeblasener Wichtigkeit, »ich weiß nicht, wer Ihr seid; aber Ihr möchtet der beste Mann in England sein, so wollte ich Euch doch einem Verhaftsbefehle des Parlaments die gebührende Achtung beweisen lehren. Herr, es läuft kein Mensch innerhalb der brittischen Meere, den ich nicht kraft dieses Stücks Pergament festhalten kann; und folglich verhafte ich Euch. – Wessen beschuldigt Ihr ihn, meine Herren?«

Dangerfield trat hervor, und sah Julian unter den Hut. »Ich will des Todes sein, Freund,« rief er aus, »wenn ich Euch nicht früher schon gesehen habe; aber ich weiß nicht, wo. Doch mein Gedächtniß ist nicht eine Bohne werth, seit es zum Besten des Staates so sehr in Anspruch genommen wird. Allein ich kenne den Burschen, und habe ihn unter den Papisten gesehen – ich will das auf meine gewisse Verdammung über mich nehmen.«

»Ja, Kapitän Dangerfield,« sagte sein Gehülfe, Everett, – »wahrhaftig, es ist derselbe junge Mensch, den wir gestern bei dem Roßhändler sahen, und wir hatten damals Etwas wider ihn, nur Herr Topham wünschte nicht, daß wir es vorbrächten.«

»Ihr mögt gegen ihn jetzt vorbringen, was Ihr wollt,« sprach Topham, »denn er hat den Verhaftsbefehl des Parlaments gelästert. Ich glaube, Ihr sagt, Ihr saht ihn irgendwo?«

»Ja, wahrhaftig,« sagte Everett, »ich habe ihn unter den Zöglingen des Seminariums zu St. Omer gesehen.«

»Nein, Everett, besinnt Euch recht,« sprach Topham; »denn, so viel ich weiß, sagtet Ihr, Ihr habt ihn bei einer Berathschlagung der Jesuiten in London gesehen.«

»Ja, das sagte ich, Herr Topham,« sagte der unerschrockene Dangerfield, »und meine Zunge soll es beschwören.«

»Herr Topham,« sagte Bridgenorth, »Ihr könnt die fernere Untersuchung jetzt abbrechen, da es nur das Gedächtniß der Zeugen ermüdet und verwirret.«

»Ihr habt Unrecht, Herr Bridgenorth – offenbar Unrecht. Es hält sie nur in Athem – treibt sie, wie Windhunde bei einem Wettlauf.«

»Es mag sein,« sprach Bridgenorth mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit; »aber jetzt muß über diesen jungen Mann ein Protokoll aufgesetzt werden, welches ich sogleich ausfertigen will, nämlich: daß er mich während der Ausübung meines obrigkeitlichen Amtes, zur Rettung einer gesetzmäßig festgenommenen Person, angefallen hat. Hörtet Ihr nicht einen Pistolenschuß?«

»Ich will es beschwören,« sagte Everett.

»Und ich auch,« sagte Dangerfield. »Während wir im Keller Untersuchung anstellten, hörte ich Etwas, das einem Pistolenschuß sehr nahe kam; aber ich glaubte, es würde der lange Stöpsel aus einer Flasche Sekt herausgezogen, um zu sehen, ob im Innern irgend Etwas von papistischen Reliquien wäre.«

»Ein Pistolenschuß!« rief Topham aus. »O du wahrhafte Brut des alten rothen Drachen! – Herr Bridgenorth, Ihr seid eine einsichtsvolle Magistratsperson, und ein würdiger Diener des Staats – ich wollte, wir hätten viele solche tüchtige protestantische Richter. Soll ich diesen jungen Burschen mit seinen Eltern wegführen lassen? – was meint Ihr? – oder wollt Ihr ihn zur nochmaligen Untersuchung da behalten?«

»Herr Bridgenorth,« sagte Lady Peveril, ungeachtet sie ihr Mann unterbrechen wollte, »wenn Ihr je wußtet, was es hieß, eines der vielen Kinder zu lieben, die Ihr verloren habt, oder die Tochter, die Euch noch übrig geblieben ist, so verfolgt um's Himmels willen Eure Rache nicht bis zum Blute meines armen Sohnes! Ich will Euch alles Uebrige verzeihen – alle Bedrängniß, die Ihr über uns gebracht habt – alles noch größere Elend, womit Ihr uns bedroht. Wenn Eure Ohren gegen das Geschrei einer verzweifelnden Mutter verschlossen sind, so glaubt, die, welche der Klage aller Betrübten offen stehen, werden meine Bitte und Eure Antwort hören.«

Der Seelenkampf und die Rührung, womit Lady Peveril diese Worte gesprochen hatte, schien alle Anwesende zu erschüttern, obgleich die meisten an solche Auftritte nur zu sehr gewöhnt waren. Jeder schwieg, als sie zu sprechen aufhörte, und ihre von Thränen glänzenden Augen auf Bridgenorth mit der heftigen Unruhe richtete, womit eine über Leben und Tod entscheidende Antwort erwartet wird. Selbst Bridgenorth's Unbeugsamkeit schien zu wanken, und seine Stimme bebte, als er antwortete:

»Gnädige Frau, wollte Gott, ich wäre jetzt im Stande, Euren großen Kummer auf andre Weise zu erleichtern, als daß ich Euch Vertrauen auf die Vorsehung empfehle, und Euch ermahne, daß Ihr Euren Geist unter dieser Widerwärtigkeit vor Murren bewahret. Ich bin nur eine Ruthe in der Hand des starken Mannes, welche nicht von selbst schlägt, sondern nur, weil sie von dem Arme dessen, der sie hält, geschwungen wird.«

»Eben so, wie ich und mein schwarzer Stab von dem Unterhause in England geführt werden,« sagte Herr Topham, dem die Erläuterung ausnehmend zu gefallen schien.

Julian glaubte, es wäre nun Zeit, etwas zu seiner Vertheidigung zu sagen, und er suchte es mit so viel Gelassenheit zu mildern, als ihm nur immer anzunehmen möglich war. »Herr Bridgenorth,« sagte er, »ich bestreite weder Euer obrigkeitliches Ansehen, noch den Verhaftsbefehl dieses Herrn –«

»Ihr bestreitet sie nicht?« sprach Topham. »Ho, ho, Herr Junker, ich glaubte, wir sollten Euch jetzt gleich zur Besinnung bringen.«

»Wenn Ihr es denn so wollt, Herr Topham,« sagte Bridgenorth, »so soll es so sein. Ihr macht Euch bei früher Tageszeit auf den Weg, und nehmt Ritter Gottfried und Lady Peveril nach London; und damit sie nach ihrem Range reisen, so werdet Ihr ihnen ihre Kutsche unter hinlänglicher Bedeckung erlauben.«

»Ich will selbst mit ihnen reisen,« sagte Topham; »denn die rauhen Wege hier reiten sich nicht bequem; im Wagen dagegen kann ich so fest schlafen, als wäre ich zu Hause.«

»Das steht Euch frei, Herr Topham,« antwortete Bridgenorth. »Was diesen jungen Mann betrifft, so will ich ihn unter meine Aufsicht nehmen.«

»Ich mag dafür nicht verantwortlich sein, Herr Bridgenorth, weil er unter den Verhaftsbefehl des Unterhauses fällt.«

»Nein,« sagte Bridgenorth; »sondern er ist nur verhaftet wegen eines zur Rettung gemachten Anfalls; und ich widerrathe Euch, sich mit ihm zu befassen, wofern Ihr nicht stärkere Wache habt. Der Ritter Gottfried Peveril ist alt und schwach; aber der junge Mann ist in der Blüthe seines Alters, und auf seinen Wink stehen ihm alle junge Wüstlinge des Adels in der Nachbarschaft zu Gebote.«

Julian erwiederte: »Ich weiß nicht, ob diese Trennung gut oder bös von Euch gemeint ist, Herr Bridgenorth; aber meinerseits wünsche ich nur das Schicksal meiner Eltern zu theilen; und daher will ich mein Ehrenwort geben, weder Rettung noch Flucht zu versuchen, unter der Bedingung, daß Ihr mich nicht von ihnen trennt.«

»Sprich nicht so, Julian,« sagte seine Mutter; »bleibe bei Herrn Bridgenorth – mein Herz sagt mir, er kann es nicht so übel mit uns meinen, als sein rauhes Betragen uns jetzt möchte vermuthen lassen.«

»Und ich,« sagte der Ritter Gottfried Peveril, »ich weiß, daß zwischen den Thüren von meines Vaters Hause und den Pforten der Hölle kein solcher Niederträchtiger wie dieser auf Erden wandelte! Und wenn ich meine Hände je wieder losgebunden wünsche, so ist es nur, weil ich einen geraden Hieb auf einen Graukopf thun möchte, der mehr Verrath ausgebrütet hat, als das ganze lange Parlament.«

»Fort mit Euch!« sprach Topham. »Taugt das Parlament für ein so arges Maul, als deines? – Meine Herren,« setzte er hinzu, sich zu Everett und Dangerfield wendend, »Ihr werdet Zeugniß davon ablegen.«

»Daß er das Unterhaus geschmäht hat – bei Gott, das will ich bezeugen!« rief Dangerfield; »ich will es auf meine Gefahr thun.«

»Und wahrhaftig,« sagte Everett, »da er vom Parlament im Allgemeinen sprach, so hat er auch das Oberhaus mit Verachtung behandelt.«

»O ihr Nichtswürdigen,« sprach der Ritter Gottfried Peveril, »deren ganzes Leben eine Lüge – und deren tägliches Brod Meineid ist – wollt ihr meine Worte verdrehen, sobald sie kaum über meine Lippen gegangen sind? Ich sage euch, das Land ist eurer herzlich satt; und sollten die Engländer zu ihrer Besinnung kommen, so würden Kerker und Pranger noch zu gut sein für so niederträchtige Blutsauger. Und nun, Herr Bridgenorth, thut Euer Aergstes; denn ich will meinen Mund nicht zu einem einzigen Worte mehr aufthun, so lange ich in der Gesellschaft solcher Schurken bin.«

»Vielleicht wäre es besser gewesen, Ritter Gottfried,« antwortete Bridgenorth, »wenn Ihr diesen Entschluß etwas früher gefaßt hättet – die Zunge ist ein kleines Glied, aber sie richtet viel Böses an. – Ihr, Junker Julian, beliebt mir zu folgen, und zwar ohne Gegenvorstellung und Widerstand; denn Ihr müßt wissen, daß ich Zwangsmittel in meiner Gewalt habe.«

Julian sah allerdings nur zu gut ein, daß ihm keine andre Zuflucht blieb, als sich höherer Gewalt zu unterwerfen; aber ehe er das Zimmer verließ, kniete er nieder, um seines Vaters Segen zu empfangen, welchen der alte Mann nicht ohne eine Thräne im Auge und mit den nachdrücklichen Worten ihm ertheilte: »Gott segne dich, mein Kind, und halte dich gut und treu gegen Kirche und König, was für ein Wind auch böses Wetter bringen möge.«

Seine Mutter war nur vermögend, ihre Hand auf seinen Kopf zu legen und ihn mit leiser Stimme zu bitten, nicht rasch oder ungestüm in irgend einem Versuch zu ihrer Rettung zu verfahren. »Wir sind unschuldig, mein Sohn,« sagte sie, – »wir sind unschuldig – und wir sind in Gottes Händen. Dieser Gedanke sei unser bester Trost und Schutz.«

Bridgenorth gab nun Julian ein Zeichen, ihm zu folgen, und dieß that er, begleitet oder vielmehr geführt von den zwei Wachen, die ihn zuerst entwaffnet hatten. Als sie aus dem Zimmer gekommen waren, und an der Thüre des auswendigen Saals sich befanden, fragte Bridgenorth Julian, ob er sich als von seinem Ehrenwort gebunden betrachten wolle; in diesem Falle würde er ihn aller andern Sicherheitsmittel entheben, sein eignes Versprechen ausgenommen.

Julian Peveril, der sich nicht enthalten konnte, von dem günstigen und gar nicht rachsüchtigen Benehmen eines Mannes, dessen Leben er so eben angegriffen hatte, Etwas zu hoffen, antwortete ohne Bedenken, daß er sein Ehrenwort auf vierundzwanzig Stunden geben wollte, weder durch Gewalt noch durch Flucht seine Befreiung zu versuchen.«

»Das ist klug gesprochen,« antwortete Bridgenorth; »denn seid versichert, wenn Ihr auch Blutvergießen veranlaßtet, Eure äußersten Anstrengungen würden Euren Eltern doch keinen Dienst leisten. – Pferde her – Pferde in den Hofraum!«

Als sie aufgestiegen waren, und langsam nach dem äußern Thore des Hofes ritten, sagte Bridgenorth zu ihm: »Nicht Jedermann würde bei nächtlicher Reise, und ohne Beistand, so ohne Zurückhaltung sich einem jungen Hitzkopf anvertrauen, der nur vor Kurzem sein Leben angegriffen hat.«

»Herr Bridgenorth,« sagte Julian, »ich könnte Euch aufrichtig sagen, daß ich Euch zu der Zeit nicht kannte, als ich mein Gewehr gegen Euch richtete; aber ich müßte auch hinzusetzen, daß die Ursache, warum ich es gebrauchte, selbst wenn ich Euch gekannt hätte, wenig Ehrerbietung für Eure Person bewiesen haben könnte. Jetzt kenne ich Euch, und habe weder aus Tücke gegen Eure Person, noch für die Freiheit eines Vaters zu fechten. Ueberdieß habt Ihr mein Wort, und wann hätte ein Peveril das gebrochen?«

»Ja,« antwortete Bridgenorth, »ein Peveril – ein Peveril vom Gipfel! – ein Name, der lange, wie eine Kriegstrompete, im Lande erschollen ist, der aber nun vielleicht seinen letzten lauten Ton hat hören lassen. Seht zurück, junger Mann, auf die dunkeln Thürme von Eures Vaters Hause, die sich so stolz über der Anhöhe erheben, als sich die Besitzer über die Söhne ihres Volks erhoben. Denkt an Euren Vater, – einen Gefangenen – an Euch selbst, gewissermaßen einen Flüchtling – an Euer erloschenes Licht – Eure verfallene Herrlichkeit – Eure zertrümmerten und verarmten Besitzungen. Denkt, daß die Vorsehung das Schicksal des Peveril'schen Geschlechts einem Manne in die Hand gegeben hat, den Ihr, in Eurem aristokratischen Stolze, für einen plebejischen Glückspilz hieltet. Bedenkt dieß; und wenn Ihr Euch wieder Eurer Ahnen rühmt, so bedenket, daß, wer den Niedrigen erhebt, auch den Hochmüthigen erniedrigen kann.«

Julian sah wirklich einen Augenblick mit schwellendem Herzen auf die schwach hervorschimmernden Thürme seines väterlichen Herrensitzes, auf welche, mit langen Schatten der Thürme und der Bäume vermischt, das Mondlicht fiel. Aber indem er traurig die Wahrheit von Bridgenorth's Bemerkungen anerkannte, fühlte er doch Unwillen über dessen unzeitigen Triumph. »Wenn das Glück dem Verdienste gefolgt wäre,« sagte er, »so würden das Schloß Martindale und der Name Peveril ihrem Feinde keine Gelegenheit zu seiner eiteln Prahlerei gegeben haben. Aber die, welche hoch auf dem Rade des Glücks gestanden haben, müssen durch seine Umdrehungen wieder sinken. So viel will ich wenigstens für meines Vaters Haus sagen, daß es nicht ungeehrt gestanden hat; auch wird es, wenn es fallen soll, nicht unbedauert fallen. Enthaltet Euch also, wenn Ihr wirklich der Christ seid, der Ihr sein wollt, der triumphirenden Freude über das Unglück Anderer, oder der Zuversicht auf Euern eignen Wohlstand. Wenn das Licht unseres Hauses jetzt ausgelöscht ist, so kann es Gott zu seiner Zeit wieder anzünden.«

Peveril brach in äußerstem Erstaunen ab; denn während er die letzten Worte sprach, begannen die hellrothen Strahlen des Leuchtthurms wieder von ihrem gewohnten Wachtthurm zu schimmern, und überschienen das bleiche Mondlicht mit einer rötheren Gluth. Auch Bridgenorth bemerkte diese unerwartete Erleuchtung mit Verwunderung, und, wie es schien, nicht ohne Unruhe.

»Junger Mann, man sollte fast glauben, der Himmel wolle Großes durch Eure Hände bewirken, so sonderbar ist diese Erscheinung auf Eure Worte gefolgt.«

So sprechend, setzte er sein Pferd wieder in stärkere Bewegung; und von Zeit zu Zeit zurückblickend, als wollte er sich überzeugen, daß der Leuchtthurm des Schlosses wirklich wieder angezündet wäre, nahm er den Weg durch wohlbekannte Fußwege und Alleen nach seinem eigenen Hause Moultrassie-Hall, und ihm folgte der junge Peveril, der zwar ein ganz zufälliges Entstehen dieser Erleuchtung möglich fand, aber doch ein so innig mit den Ueberlieferungen und Gebräuchen seiner Familie zusammenhängendes Ereigniß nicht anders, als für eine gute Vorbedeutung ansehen konnte.

Sie stiegen an dem Thore von Moultrassie-Hall ab, welches schnell von einer Frauensperson geöffnet wurde; und während Bridgenorths tiefe Stimme den Hausknecht rief, ihre Pferde zu übernehmen, hörte man Alexiens wohlbekannte Stimme Gott danken, daß er ihren Vater wohlbehalten zurückgebracht hatte.



 << zurück weiter >>