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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Als der letzte Eimer Wasser auf der wenigen, noch glimmenden Asche gezischt hatte – als die bisher durch ein Gefühl gemeinschaftlicher Gefahr unterbrochene Empfindung gegenseitiger Feindseligkeit wieder erwacht war – sonderten sich die Parteien wieder von einander, und fingen an, sich auf entgegengesetzten Seiten von Moultrassie-Hall aufzustellen und ihre Waffen zu ergreifen, als sollte das Gefecht wieder erneuert werden.

Bridgenorth aber unterbrach jeden weitern Fortschritt dieser gedrohten Feindseligkeit. »Julian Peveril,« sprach er, »Ihr seid frei und könnt Euern eignen Pfad wandeln, weil Ihr nicht mit mir die Straße gehen wollt, die sowohl sicherer als auch ehrenvoller ist. Wollt Ihr aber meinem Rath folgen, so begebt Euch bald jenseits der brittischen Meere.«

»Ralph Bridgenorth,« sagte einer von seinen Freunden, »das ist ein übles, schwaches Benehmen von Eurer Seite. Wollt Ihr Eure Hand zurückhalten vom Kampfe gegen diese Söhne Belial's? Gewißlich, wir sind unser genug, um im Vertrauen auf unsre alte gute Sache mit ihnen fertig zu werden; so sollten wir uns auch nicht trennen von dieser Brut der alten Schlange, bis wir versuchen, ob uns der Herr nicht den Sieg darin geben will.«

Beifallgemurmel folgte; und wäre nicht Ganlesse dazwischen getreten, so hätte sich der Kampf wahrscheinlich erneuert. Er nahm den, der zum weiteren Kampf gerathen hatte, bei Seite in eine Fenstervertiefung, und schien ihn mit seinen Einwürfen zu befriedigen; denn als derselbe zu seinen Gesellschaftern zurückkehrte, sagte er zu ihnen: »Unser Freund hatte diese Sache so wohl durchdacht, daß ich, bei seiner Uebereinstimmung mit dem Major Bridgenorth, wahrhaftig der Meinung bin, der junge Mann möge in Freiheit gesetzt werden.«

Da kein fernerer Einwand geschah, blieb für Julian bloß übrig, denen, die zu seinem Beistande thätig gewesen waren, sich dankbar und erkenntlich zu beweisen. Nachdem er erst von Bridgenorth ein Versprechen der Straflosigkeit für die Aufrührer erlangt hatte, sprachen einige freundliche Worte seine Anerkennung ihrer Dienste aus; und etliche Goldstücke, Launce in die Hand gedrückt, verschafften ihnen die Mittel zu einem Festtage. Sie würden zu seinem Schutze noch da geblieben sein; allein aus Furcht vor weitern Unordnungen, und im vollen Vertrauen auf Bridgenorths Ehrenwort, entließ er sie Alle, Launcen ausgenommen, den er zu seiner Aufwartung bei sich behielt, bis er Moultrassie-Hall verlassen würde. Aber ehe er das Haus verließ, konnte er das Verlangen nicht unterdrücken, mit Bridgenorth allein zu sprechen, er näherte sich ihm daher und gab ihm diesen Wunsch zu erkennen.

Stillschweigend gewährte ihm dieser seine Bitte, und führte ihn in einen kleinen, an das Herrenhaus von Moultrassie gränzenden Sommersalon, wo er, mit seinem gewohnten ernsthaften und gleichgültigen Wesen, schweigend zu erwarten schien, was der junge Peveril ihm mitzutheilen hätte.

Julian fand es schwer, wo ihm so wenig Zugang eröffnet war, den Ton zu finden, in dem er sich über Gegenstände, die er auf dem Herzen hatte, erklären, und der zugleich würdevoll und gewinnend sein sollte. »Herr Major,« sagte er endlich, »Ihr seid ein Sohn, und ein zärtlicher Sohn gewesen – Ihr könnt meine gegenwärtige Unruhe begreifen – Mein Vater! – Was ist über ihn entschieden worden?«

»Was das Gesetz will,« gab Bridgenorth zur Antwort. »Hätte er dem Rath gefolgt, den ich ihm geben ließ, so würde er ruhig in dem Hause seiner Vorfahren haben bleiben können. Sein Schicksal liegt nun außer meiner Macht – weit außer der Eurigen. Es muß mit ihm ergehen, wie sein Vaterland entscheiden wird.«

»Und meine Mutter?« fragte Peveril.

»Wird, wie sie immer gethan, ihre Pflicht zu Rathe ziehen, und dadurch ihr eigenes Glück schaffen,« antwortete Bridgenorth. »Glaubt nur, meine Absichten mit Eurer Familie sind besser, als sie scheinen mögen. Ich kann als ein Mensch triumphiren, aber als Mensch muß ich auch in meiner glücklichen Stunde bedenken, daß meine Feinde auch die ihrigen gehabt haben. – Habt Ihr sonst noch Etwas zu sagen?« setzte er nach einer augenblicklichen Pause hinzu. – »Ihr habt einmal und immer wieder die Hand verschmäht, die ich Euch darreichte. Mich dünkt, nun bleibt wenig mehr zwischen uns übrig.«

Diese Worte, welche eine fernere Erörterung abzuschneiden schienen, wurden ruhig gesprochen, so daß sie, ob sie zwar den Muth zu einer fernern Frage zu benehmen schienen, doch das nicht unterbrechen konnten, was noch auf Julians Zunge zitterte. Er machte einige Schritte nach der Thüre, dann kehrte er plötzlich zurück. »Eure Tochter?« sagte er – »Herr Major – um Vergebung sollt' ich bitten – ja, ich bitte um Vergebung, daß ich ihren Namen erwähne – aber darf ich nicht nach ihr mich erkundigen? – darf ich nicht meine Wünsche für ihre künftige Glückseligkeit äußern?«

»Euer Interesse an ihr ist nur zu schmeichelhaft,« sagte Bridgenorth, »aber Ihr habt schon Eure Partei ergriffen, und Ihr müßt in Zukunft einander fremd sein. Ich mag es anders gewünscht haben; aber die Stunde der Gnade ist vorüber, während welcher Eure Folgsamkeit gegen meinen Rath hätte – ich will es gerade heraussagen – zu eurer Vereinigung führen können. Was Alexiens Glückseligkeit betrifft – wenn ein solches Wort einer sterblichen Pilgerschaft zukommt – so werd' ich hinlänglich dafür sorgen. Sie verläßt heute diesen Ort unter der Aufsicht eines sichern Freundes.«

»Doch nicht – –« rief Peveril aus, und brach ab; denn er fühlte, daß er kein Recht hatte, den Namen auszusprechen, der ihm auf den Lippen schwebte.

»Was haltet Ihr inne?« sagte Bridgenorth. »Ein plötzlicher Gedanke ist oft ein weiser, fast immer ein aufrichtiger. Wem, glaubtet Ihr, daß ich mein Kind anvertrauen wollte, daß der Gedanke daran einen so ängstlichen Ausruf hervortrieb?«

»Ich sollte wieder um Verzeihung bitten,« sagte Julian, »daß ich mich in Etwas mische, wozu ich wenig Recht habe. Aber ich sah hier ein mir bekanntes Gesicht. – Die Person nennt sich Ganlesse – Ist es dieser, dem Ihr Eure Tochter anvertrauen wollt?«

»Eben dieser ist's, der sich Ganlesse nennt,« sagte Bridgenorth, ohne Verdruß oder Befremden zu verrathen.

»Und kennt Ihr den Mann, dem Ihr ein Allen, die sie kennen, so schätzbares, und Euch selber so theures Pfand übergebt?« fragte Julian.

»Kennt Ihr ihn, der Ihr an mich die Frage thut?« antwortete Bridgenorth.

»Ich gestehe, ich kenne ihn nicht,« erwiederte Julian; »aber ich habe ihn in einem, von seinem jetzigen so verschiedenen Charakter gesehen, daß ich es für meine Pflicht halte, Euch zu warnen, einem Menschen die Aufsicht über Euer Kind anzuvertrauen, der abwechselnd den Lüstling oder den Heuchler spielen kann, wie es seinem Interesse oder seiner Laune zusagt.«

Bridgenorth lächelte mit dem Blick der Verachtung. »Ich möchte unwillig werden,« sagte er, »über den dienstfertigen Eifer, welcher voraussetzte, daß seine unreifen Begriffe meine grauen Haare belehren könne; aber, guter Julian, ich erbitte mir von Euch nur die Voraussetzung, daß ich, der ich viel Verkehr mit den Menschen gehabt habe, wohl weiß, wem ich mein Theuerstes anvertraue. Der Mann, von dem Ihr sprecht, hat sein eigenes Aeußere für seine Freunde, ob er gleich wieder ein anderes für die Welt haben mag, wenn er unter Leuten lebt, von denen ehrliche Mienen unter einer seltsamen Maske verborgen werden sollten.«

»Ich wollte Eure Weisheit nur bitten,« sprach Julian, »sich vor einem Menschen in Acht zu nehmen, der, so wie er eine Maske für Andere hat, auch eine habe kann, mit der er sein wahres Wesen vor Euch selber verbirgt.«

»Das ist nur zu viel Sorgsamkeit, junger Mann,« antwortete Bridgenorth in kürzerm Tone, als er bisher gesprochen; »wolltet Ihr meinem Rath folgen, so würdet Ihr Euch um Eure eigenen Angelegenheiten bekümmern, die, Ihr könnt mir glauben, alle Eure Sorgfalt verdienen, und Andern könntet Ihr die Besorgung der ihrigen überlassen.«

Dieß war zu klar gesprochen, um mißverstanden zu werden; und Peveril war genöthigt, ohne weitere Verhandlung und Erklärung von Bridgenorth und Moultrassie-Hall Abschied zu nehmen. Noch oft blickte er zurück, um zu errathen, welches Licht unter denen, die noch in den verschiedenen Theilen des Gebäudes schimmerten, aus Alexiens Zimmer funkeln möchte, und als die Straße sich in eine andere Richtung zog, sank er in tiefe Träumerei, aus der er endlich durch Launce's Stimme erwachte, welcher fragte, wo er sein Nachtquartier nehmen wollte. Er war auf diese Frage unvorbereitet; aber der ehrliche Förster half ihm selbst die Aufgabe lösen, indem er ihn bat, ein Gastbett im Jägerhäuschen anzunehmen, was Julian gern zufrieden war. Die übrigen Bewohner hatten sich zur Ruhe begeben, als sie eintraten; aber die alte Ellesmere, welche von einem Boten die gastfreundschaftliche Absicht ihres Neffen erfahren, hatte Alles in der bestmöglichen Bereitschaft für den Sohn ihres alten Oberherrn. Peveril begab sich zur Ruhe; und ungeachtet so vieler Gegenstände der Beängstigung, schlief er doch fest, bis der Morgen schon weit vorgerückt war.

Sein Schlummer wurde zuerst durch Launce unterbrochen, der schon lange auf und in seinem Dienst thätig war.

Er meldete ihm, daß sein Pferd, seine Waffen und sein kleiner Mantelsack ihm vom Schlosse durch einen Bedienten Bridgenorths geschickt worden waren, welcher einen Brief zur Entlassung der unglücklichen Deborah Debbitch aus des Majors Dienst, nebst dem Verbot ihrer Rückkehr in das Herrenhaus von Moultrassie, mitbrachte. Der Offizier vom Unterhause des Parlaments hatte das Schloß Martindale, von einer starken Wache begleitet, denselben Morgen früh verlassen, und war in Ritter Peverils Wagen gefahren, dessen Gemahlin ihn zu begleiten Erlaubniß erhalten hatte. Diesen Nachrichten hatte er noch beizufügen, daß das Eigenthum des Schlosses vom Herrn Win-the-fight, dem Sachwalter von Chesterfield, und von andern Gerichtsbeamten, im Namen des Major Bridgenorth, eines ansehnlichen Gläubigers von dem unglücklichen Ritter, in Besitz genommen worden.

Nach Erzählung dieser nicht erfreulichen Nachrichten hielt Launce inne, und nach kurzem Bedenken erklärte er seinen Entschluß, das Land zu verlassen, und mit seinem jungen Herrn nach London zu geben. Julian überlegte die Sache mit ihm, und bestand darauf, er bliebe füglicher zur Aufsicht über seine Tante zurück, falls sie von diesen Fremden beunruhigt werden sollte. Launce erwiederte: »Sie würde Einen bei sich haben, der sie gut genug beschützen würde; denn es gäbe überall unter ihnen Schutz zu kaufen. Für seine Person aber wolle er dem jungen Herrn Julian bis in den Tod folgen.«

»Wohlan denn, Launce,« sagte Julian, »weil Ihr entschlossen seid, so wollen wir zusammen nach London gehen, wo ich, wenn ich Euch nicht in meinem Dienst behalten kann, und wenn mein Vater nicht aus seinem Unglück sich wieder erholt, suchen werde, Euch anderwärts zu befördern.«

Er suchte nun zunächst seine Tante mit der einstweiligen Trennung von ihrem Neffen auszusöhnen. Ihre unbegrenzte Ergebenheit gegen die Familie vermochte die Alte, gern sich in seinen Plan zu fügen, wiewohl nicht ohne einen frommen Seufzer über die Trümmer eines Luftschlosses, das auf Deborens wohl erhaltene Börse gegründet war, wenn Launce sich mit ihr vereinigt hätte.

Bald darauf stiegen sie zu Pferde, und waren, als sich der Weg erhellte, in der Richtung nach London, doch nicht auf der gewöhnlichen Straße. Julian berechnete, daß der Wagen, in welchem sein Vater fortgebracht wurde, langsam fahren würde, und es war sein Vorsatz, wo möglich London zu erreichen, eh' er dort ankäme, um Zeit zu haben, mit den Freunden seiner Familie über die zum Besten seines Vaters zu nehmenden Maaßregeln zu berathschlagen.

Auf diese Art kamen sie eine Tagesreise London näher. Am Ende derselben fand Julian sein Nachtquartier in einem kleinen Wirthshause an der Straße. Auf den ersten Ruf erschien Niemand, die Fremden und ihre Pferde zu besorgen, obgleich das Haus wohl erleuchtet war, und man hörte ein ungewöhnliches Schwatzen in der Küche. Julian fiel den Augenblick darauf ein, daß dieß von dem französischen Koch herrühren müsse, von dessen Schüsseln er neulich mit Smith und Ganlesse gespeist hatte.

Einer oder Beide waren daher wahrscheinlich in dem kleinen Wirthshause; und war dieß der Fall, so konnte er Gelegenheit haben, ihren wirklichen Zweck und Charakter zu entdecken. Wie er eine solche Zusammenkunft benutzen sollte, wußte er nicht, aber der Zufall begünstigte ihn mehr, als er erwarten konnte.

»Ihr Herren, ich kann euch kaum aufnehmen,« sagte der Gastwirth, der endlich an der Thür erschien; »es sind heut Nacht vornehme Leute in meinem Hause, denen weniger als Alles nicht genüget; nicht einmal Alles, in dieser Hinsicht.«

»Wir sind nur gemeine Leute, Herr Wirth,« sagte Julian; »wir wollen auf den Moseley Markt, und können diesen Abend nicht weiter. Irgend ein Loch wird für uns gut sein, es sei, wie es wolle.«

»Ei,« sagte der Wirth, »wenn das der Fall ist, so muß ich den Einen von euch hinter die Gitterthüre stellen, obgleich die Herren allein für sich sein wollen; der Andere muß fürlieb nehmen, und mir in der Schenkstube helfen.«

»Die Schenkstube ist für mich,« sagte Launce, ohne seines Herrn Entscheidung abzuwarten. »Es ist ein Element, worin ich leben und sterben könnte.«

»Die Gitterschranken sind also für mich,« sagte Peveril, und indem er zurücktrat, flüsterte er Launcen zu, die Mäntel unter einander zu tauschen, um, wo möglich, unerkannt zu bleiben.

Der Tausch war im Augenblick geschehen, und gleich darauf brachte der Wirth ein Licht. Als er Julian in seine Schenkstube führte, ermahnte er ihn, ruhig an den Ort zu sitzen, wo er ihn hinpflanzen würde, und wenn man ihn entdeckte, sollte er nur sagen, daß er zum Hause gehöre; für das Uebrige sollt' er ihn sorgen lassen. »Ihr werdet hören, was die feinen Herren sagen,« setzte er hinzu, »aber ich denke, Ihr werdet wenig davon wegkriegen; denn wenn es nicht Französisch ist, so ist es Hof-Kauderwälsch, und das ist eben so schwer zu verstehen.«

Die Gitterschranken des Gasthauses, in welches Julian eingeführt wurde, schienen in Bezug auf die Gaststube nach der Idee einer Citadelle eingerichtet, die bestimmt ist, eine aufrührerische Hauptstadt zu beobachten und zu zügeln. Hier saß der Wirth an Sonnabenden, vor den Blicken seiner Gäste geschützt, jedoch im Stande, sowohl ihre Bedürfnisse, als ihr Betragen zu beobachten, und auch ihre Unterredung zu behorchen.

Hieher brachte er seinen Gast, mit der wiederholten Warnung, die Herren nicht durch Sprechen oder Bewegung zu stören, und mit dem Versprechen, daß er bald mit einer kalten Rindskeule und einem Krug Hausbier bedient werden sollte. Nur schwach erhellte das Licht die Stube, welches von dem wohlerleuchteten Zimmer durch eine Art Fensterladen, der dem Wirth einen Blick in dasselbe verschaffte, herüber schimmerte.

Diese an sich ziemlich unbequeme Lage war für die gegenwärtige Gelegenheit gerade so, wie sie Julian gewählt haben würde. Er wickelte sich in Launce's Mantel, der durch Alter und Wetter tausendfache Farben erhalten hatte, und schickte sich so still als möglich an, die beiden Gäste zu beobachten, die sich des ganzen Zimmers bemächtigt hatten. Sie saßen an einer mit solchen köstlichen Seltenheiten wohl besetzten Tafel, welche nur von einem geschickten Koche hatten herbeigeschafft und zubereitet werden können, und schienen ihnen in beiderlei Hinsicht viel Gerechtigkeit angedeihen zu lassen.

Julian fand es nicht sehr schwer, sich zu überzeugen, daß der eine von den Reisenden Smith war. Den andern, der ihm in's Gesicht sah, hatte er nie zuvor gesehen. Dieser Letztere ging wie ein Stutzer vom ersten Range gekleidet. Sein Reisemantel war im neuesten und feinsten Geschmack gestickt; die Stickerei seiner Weste und der besondere Schnitt seiner Beinkleider vorzüglich. Die Füße hatte er auf einen Stuhl gestreckt, und betrachtete die hübsche Form derselben mit unendlicher Zufriedenheit.

Julian belauschte nun in seinem Versteck ein für ihn sehr wichtiges Gespräch zwischen dem Lord und Smith, oder, daß wir ihn bei seinem wahren Namen nennen, Chiffinch. Der Letztere erzählte, wie Eduard Christian, – der Bruder jenes Wilhelm Christian, den die Gräfin von Derby hinrichten ließ, – unter dem Namen Ganlesse, den jungen Peveril in eine Herberge gelockt, wie sie ihm im Wein einen Schlaftrunk gegeben, die Depeschen der Gräfin ihm abgenommen, und andere unbeschriebene Papiere dafür untergeschoben, auch die Kugeln aus seinen Pistolen gezogen hatten, weßwegen sein Schuß auf Bridgenorth seine Wirkung verfehlte. Auch sprach Chiffinch von dem Plane Christian's, Alexien's Unschuld an einen der Großen des Reichs zu verkaufen.

Mit sich im Zweifel, ob er Chiffinch's Erzählung glauben sollte, untersuchte er, als der Lord zu Bette gegangen und Chiffinch betrunken hinausgetaumelt war, eilig sein Packet, und fand, daß das Futteral von Seehundsfell, worin es steckte, nur bloß eine gleiche Menge leerer Papiere enthielt; auch fand er, daß die Kugel der andern Pistole gleichfalls ausgezogen war. – »Mag ich umkommen unter diesen schändlichen Ränken,« sagte er bei sich selbst, »aber du sollst sicherer geladen werden, und zu besserem Zweck! Der Inhalt dieser Papiere mag meine Wohlthäterin zu Grunde richten, – daß man sie bei mir gefunden, mag meinen Vater in's Verderben bringen, – daß ich der Ueberbringer derselben gewesen, mag in diesen feurigen Zeiten mir das Leben kosten, – darum kümmere ich mich am wenigsten, – sie bilden einen Zweig von dem Entwurf gegen die Ehre und das Glück eines so unschuldigen Geschöpfs, daß es fast Sünde ist, zugleich an sie in der Nachbarschaft so niedriger Schurken zu denken. Ich will die Briefe auf alle Gefahr wieder zu erlangen suchen. – Aber wie? – das ist zu überlegen. – Launce ist tapfer und redlich, und wenn eine kühne That einmal beschlossen ist, fehlten da noch nie die Mittel, sie auszuführen.«

Der Wirth trat nun herein mit Entschuldigung seiner langen Abwesenheit; und nachdem er Peveril einige Erfrischung vorgesetzt hatte, bat er ihn, zu seinem Nachtquartier die Bequemlichkeit eines entlegenen Heubodens anzunehmen, und mit seinem Kameraden zu theilen. Julian war's zufrieden, und als er den treuen Diener in der Morgendämmerung weckte, fand er ihn bereit, die ihm entwendeten Papiere wieder gewinnen zu helfen.

»Wären wir nur des Lords und seines Gefolges los,« sprach Julian, »mit den Andern wollten wir schon fertig werden.«

»O, die will ich allein auf mich nehmen,« versetzte Launce. Und was Lord Saville betrifft, wie er sich nennt, so hört' ich ein Wort letzte Nacht, daß er und alle seine Leute diesen Morgen fortreisen werden zu einigen Wettrennen oder dergleichen Lustbarkeiten bei Tutberry. Dieß brachte ihn her, wo er zufällig diesen andern Taugenichts traf.«

Wirklich hörte man, als Launce sprach, ein Pferd im Hofe, und aus der Oeffnung ihres Heubodens sahen sie Lord Saville's Diener bereit, fortzureisen, sobald er erscheinen würde.

»Nun, Herr Jeremias,« sagte einer aus dem Gefolge zu einem Diener, der eben aus dem Hause kam, »mich deucht, der Wein hat auf den gnädigen Herrn diesen Morgen wie ein Schlaftrunk gewirkt.«

»Nein,« antwortete Jeremias, »er ist vor Tagesanbruch auf gewesen, um Briefe nach London zu schreiben; und zur Strafe Eurer Unehrerbietigkeit, Jonathan, sollt Ihr mit ihnen zurückreiten.«

»Und so das Wettrennen versäumen,« sagte Jonathan verdrießlich; »ich danke Euch für diese gute Verfügung, Herr Jeremias, und der Henker hole mich, wenn ich es vergesse.«

Weiteres Gespräch wurde durch die plötzliche Erscheinung des Lords verhindert, der, als er aus dem Gasthofe kam, zu Jeremias sagte: »Dieß sind die Briefe. Laßt einen von den Burschen auf Tod und Leben nach London reiten, und sie an die Adresse abgeben; die Uebrigen mögen aufsitzen, und mir folgen.«

Es waren volle drei Stunden nach ihrer Abreise, als Chiffinch in das Zimmer, wo sie zu Abend gespeist hatten, geschlendert kam, in einem brocatnen Schlafrock, mit einer grünen Sammetmütze auf dem Kopfe, die mit den kostbarsten Brüsseler Spitzen aufgeschlagen war. Er schien nur halb wach, und forderte mit schlaftrunkener Stimme ein Glas kaltes, leichtes Bier. Sein ganzes Wesen und Ansehen verrieth einen Menschen, der am vorigen Abend stark mit Bacchus gerungen, und kaum sich von den Wirkungen seines Kampfs mit dem muntern Gotte erholt hatte. Launce, den sein Herr angewiesen hatte, seine Bewegungen zu belauern, brachte ihm dienstfertig den kühlenden Trank, und entschuldigte den Wirth, statt dessen er komme, mit dem Wunsche, den er gehabt habe, einmal einen Londoner in seinem Schlafrock und seiner Schlafmütze zu sehen.

Chiffinch hatte kaum seinen Morgentrunk zu sich genommen, als er nach Lord Saville fragte.

»Ihre Gnaden sind schon bei frühem Morgen abgereist,« war Launce's Antwort.

»Was zum Teufel!« rief Chiffinch aus. »Das ist nicht sehr höflich. – Was! fort nach dem Wettrennen mit dem ganzen Gefolge?«

»Alle, bis auf Einen,« antwortete Launce, »den der gnädige Herr mit Briefen nach London zurückschickten.«

»Nach London mit Briefen!« rief Chiffinch. »Ei, ich gehe nach London, und hätte seinem Boten eine Mühe ersparen können. – Aber still – halt – ich fange mich an zu besinnen – verdammt; kann ich geschwatzt haben? – ich habe – ich habe – ich besinne mich auf Alles – ich habe geschwatzt, und gegen das wahre Wiesel des Hofs, das aus Jedermanns Geheimniß das Eidotter aussaugt. Tod und Hölle! – daß meine Nachmittage, meine Morgen so verderben mußten! – Ich mußte da den guten Gesellschafter und Zechbruder machen – meine Vertraulichkeiten und Zwiste haben – meine Freunde und meine Feinde recht mir zum Verderben, als wenn Jemand einem Menschen so viel Gutes erweisen, oder so viel Böses anthun könnte, als seinem eignen Selbst. Doch sein Bote muß aufgehalten werden – ich will eine Speiche in sein Rad setzen. – Hört, Kellner – ruft meinen Reitknecht her.«

Launce gehorchte, verfehlte aber nicht, als er den Dienstboten hereingebracht hatte, im Zimmer zu bleiben, um zu hören, was zwischen ihm und seinem Herrn vorgehen würde.

»Hör', Thomas,« sagte Chiffinch, »hier sind fünf Pfund für dich.«

»Was hab' ich nun zu thun?« sagte Thomas trocken.

»Steig' auf deinen flinken Klepper, Thomas – reite, wie der Teufel – überhole den Reitknecht, den Lord Saville diesen Morgen nach London abschickte, – lähme sein Pferd, brich ihm die Beine, – – mach ihn trunken, wie das baltische Meer, oder thue, was am besten und wirksamsten seine Reise aufhalten kann. – Was steht der Lümmel da, ohne mir zu antworten? – Verstehst du mich?«

»Ei ja, Herr Chiffinch,« sagte Thomas, »und das, denk' ich, wird auch bei dem ehrlichen Mann hier der Fall sein, der nicht ganz so viel von Eurem Auftrage zu hören nöthig hatte, wenn es Euer Ernst gewesen wäre.«

»Ich bin diesen Morgen wie behext,« sagte Chiffinch zu sich selber, »oder der Champagner braust noch in meinem Kopfe. – Höre du, Kellner,« sagte er zu Launce, »sei verschwiegen, – es gilt eine Wette zwischen Lord Saville und mir, wer von uns zuerst einen Brief in London haben soll. Hier ist etwas auf meine Gesundheit zu trinken. Sprich nichts davon; aber hilf Thomas auf sein Pferd. – Thomas, ehe du fortjagst, hole deine Creditive. – Ich will dir einen Brief an den Herzog von Buckingham mitgeben, zum Zeugniß, daß du der Erste in der Stadt warst.«

Thomas duckte sich, und ging hinaus; und Launce lief, nach einigen Bewegungen, ihm aufs Pferd zu helfen, zu seinem Herrn zurück, um ihm die frohe Botschaft zu bringen, daß ein glücklicher Vorfall Chiffinch's Partei auf ihre eigene Anzahl heruntergebracht habe.

Peveril befahl sogleich, seine Pferde bereit zu halten, und sobald Thomas im schnellsten Trott nach London abgeritten war, hatte er das Vergnügen zu bemerken, daß Chiffinch für dieselbe Reise, doch in gemäßigterem Schritt, mit seinem Günstling Chaubert, dem französischen Koch, zu Pferde stieg. Er ließ sie eine solche Entfernung erreichen, daß ihnen ohne Verdacht nachgespürt werden konnte, dann bezahlte er seine Rechnung, bestieg sein Pferd, und folgte, indem er seine Männer immer sorgfältig im Auge behielt, bis er an einen Ort kommen würde, der zur Ausführung seines Vorhabens sich schickte.

Es war Peveril's Absicht gewesen, wenn er und Launce an einen einsamen Theil der Straße gelangen würden, allmählig stärker zu reiten, bis sie Chaubert einholten, – Launce sollte dann zurückbleiben, um den Koch zu überfallen, während er selbst, weiter fortsprengend, sich mit Chiffinch herumschlüge. Allein dieser Plan setzte voraus, daß der Herr und der Diener auf die gewöhnliche Art reisten, – der Letztere einige Fuß hinter dem Ersteren. Indessen waren die Gegenstände der Unterhaltung zwischen Chiffinch und dem französischen Koch so interessant, daß sie, ohne die Regeln der Etikette zu beobachten, freundschaftlich neben einander ritten, während sie ein Gespräch über die Geheimnisse der Tafel führten. Es war also nöthig, Beide auf einmal anzugreifen.

Als sie nun einen langen Strich Weges vor sich sahen, der durch, keinen Menschen, kein Thier, und keine menschliche Wohnung auch nur die geringste Abwechslung erhielt, fingen sie verabredetermaaßen an, stärker zu reiten, um Chiffinch näher zu kommen, ohne ihm doch durch eine plötzliche und verdächtige Beschleunigung ihres Rittes Besorgnis zu erregen. – Auf diese Art verringerten sie die Entfernung, welche sie trennte, bis sie etwa noch sechzig Fuß von ihm entfernt waren, als Peveril, besorgt, daß Chiffinch, bei größerer Annäherung, ihn wieder erkennen und rascher fortreiten möchte, Launcen das Zeichen zum Angriff gab.

Bei der plötzlich vermehrten Geschwindigkeit ihres Reitens, und dem damit nothwendig verbundenen Getöse, sah sich Chiffinch rings um, hatte aber zu nichts weiter Zeit; denn Launce, der sein Pferd (das auch viel besser war, als Julians,) in vollen Gallopp gebracht hatte, drang ohne Umstände zwischen den Höfling und seinen Begleiter, und ehe Chaubert zu mehr als einem Ausruf Zeit hatte, war er aus dem Sattel geworfen; mort bleu! erbebte von seiner Zunge, als er am Boden lag, während seine Küchengeräthschaften, die aus der ledernen Tasche, worin er sie trug, herausfielen, in seltsamer Unordnung über die Landstraße rollten; Launce, der vom Pferde gesprungen war, gebot seinem Gegner, unter keiner geringern Strafe, als der des Todes, wenn er aufzustehen suchen würde, Stille.

Ehe Chiffinch den Sturz seines treuen Dieners rächen konnte, wurde der Zaum seines eigenen Pferdes von Julian ergriffen, der ihm mit der andern Hand eine Pistole vorhielt, und den Tod drohte, wenn er nicht still halten würde.

Chiffinch war zwar weichlich, aber doch nicht feig. Er hielt still, wie ihm geboten war, und sagte mit Festigkeit: »Schurke, du hast mich überfallen. Bist du ein Straßenräuber, hier ist meine Börse. Thue uns kein Leid an, und schone das Futteral mit Würzen und Saucen.«

»Herr Chiffinch,« sagte Peveril, »hier ist keine Zeit, zu scherzen. Ich bin kein Straßenräuber, sondern ein Mann von Ehre. Gebt mir das Packet zurück, das Ihr mir letzte Nacht entwandtet, oder, bei Allem, was heilig ist, ich schieße Euch ein Paar Kugeln durch den Leib, und suche selbst mit Muße nach meinem Packet.«

»Welche Nacht? – Welches Packet?« – antwortete Chiffinch in Verwirrung, doch mit der Absicht, Zeit für einen zu hoffenden Beistand zu gewinnen, oder sich aus Peveril's Gewalt zu befreien. »Ich weiß nicht, was Ihr meint; wenn Ihr ein Mann von Ehre seid, so laßt mich mein Schwert ziehen, und ich will Euch Euer Recht anthun, wie ein Edelmann dem andern.«

»Ehrloser Schurke!« sagte Peveril, »Ihr entkommt nicht auf diese Art. Ihr plündertet mich, als Ihr mir überlegen wart; und ich bin kein Thor, meinen Vortheil mir entgehen zu lassen, da die Reihe an mich gekommen ist. Gebt das Packet her, und dann, wenn Ihr wollt, will ich mit Euch auf gleiche Bedingungen mich schlagen. Aber erst liefert das Packet mir aus, oder ich will Euch auf der Stelle dahin senden, wo der Gehalt Eures Lebens schwer zu verantworten sein wird.«

Der Ton von Peveril's Stimme, das Wilde seines Blicks, und die Art, wie er das geladene Gewehr eine Hand breit von Chiffinch's Kopf hielt, überzeugten diesen, daß hier weder Raum zu einem Vertrage, noch Zeit zu leeren Ausflüchten war. Er streckte seine Hand in eine Seitentasche seines Mantels, und brachte mit sichtbarem Widerwillen jene Papiere hervor, welche Julian von der Gräfin von Derby anvertraut erhalten hatte.

»Es sind fünf an der Zahl,« sagte Julian, »und Ihr habt mir nur vier gegeben. Euer Leben hängt an der vollständigen Auslieferung.«

»Es entwischte meiner Hand,« sagte Chiffinch, indem er die vermißte Urkunde hervorbrachte. – »Hier ist es. Nun, Herr, ist Euer Wunsch erfüllt, wofern Ihr nicht –« setzte er tückisch hinzu, – »entweder Mord oder ferneren Raub vorhabt.«

»Niederträchtiger!« sagte Peveril, seine Pistole zurückziehend, doch Chiffinch's Bewegungen noch aufmerksam bewachend, »du bist des Schwerts jedes rechtschaffenen Mannes unwürdig, und doch, wenn du das deinige zu ziehen wagest, wie du vorhin vorschlugst, so bin ich geneigt, dir einen Zweikampf auf gleiche Bedingungen zu gewähren.«

»Gleiche Bedingungen!« antwortete Chiffinch spöttisch; »ja, eine besondere Gleichheit, – Schwert und Pistole gegen einen einzigen Degen, und zwei Männer gegen einen; denn Chaubert ist kein Fechter. Nein, Herr, ich werde mir, bei schicklicherer Gelegenheit, und mit gleichen Waffen Genugthuung zu verschaffen wissen.«

»Durch Verläumdung oder Gift, niedriger Kuppler,« sagte Julian; »das sind deine Mittel zur Rache. Aber denk' an mich, – ich kenne deine niederträchtige Absicht auf ein gewisses Frauenzimmer, das zu würdig ist, als daß ihr Name in so ein nichtswürdiges Ohr schallen sollte. Du hast mir eine Beleidigung zugefügt, und du siehst, ich habe sie vergolten. Aber verfolge nur diese fernere Niederträchtigkeit, und sei versichert, ich will dir den Tod geben, wie einem giftigen, kriechenden Thier, dessen bloßer Geifer dem Menschen tödtlich ist. Verlaß dich darauf, als wenn es Machiavell geschworen hätte; denn so gewiß du bei deinem Vorsatze bleibst, so gewiß will ich meine Rache verfolgen. – Folge mir, Launce, und laß ihn über das nachdenken, was ich ihm gesagt habe.«

Launce hatte, nach dem ersten Stoße, eine sehr leichte Rolle in diesem Kampfe gehabt; denn Alles, was er zu thun hatte, war, das Ende seiner Peitsche, nach Art eines Gewehrs, auf den erschrockenen Franzosen zu richten, der, auf dem Rücken liegend, eben so wenig Macht oder Vorsatz zum Widerstande hatte, als ein Thier unter dem Schlachtmesser.

Von der leichten Pflicht, einen solchen geduldigen Gegner zu bewachen, von seinem Herrn abgerufen, bestieg Launce wieder sein Pferd, und beide ritten fort, und überließen ihre überwundenen Gegner ihrem eigenen Troste, so gut sie sich denselben über ihr Mißgeschick geben konnten. Aber Trost war schwer in ihren Umständen zu finden. Der Franzose hatte die Zerstreuung seiner Gewürze und die Zerstörung seines Saucenmagazins, – Chiffinch die Vereitlung seiner Intrigue, und ihre vorzeitige Entdeckung zu beklagen. »Gegen diesen Kerl wenigstens (dachte er) kann ich nichts ausgeschwatzt haben, – hier hat mich allein mein böser Genius verrathen. Mit dieser höllischen Entdeckung, die mir von allen Seiten so theuer zu stehen kommen kann, hat der Champagner nichts zu thun. Wenn noch eine Flasche unzerbrochen geblieben ist, so will ich sie nach der Mittagstafel trinken, und versuchen, ob sie mir nicht noch jetzt zu einem Plan der Auslösung und der Rache dienen kann.«

Mit diesem männlichen Entschluß setzte er seine Reise nach London fort.



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