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Achtunddreißigstes Kapitel.

Der Morgen, an welchem Carl den Tower besucht hatte, war ganz anders von jenen unglücklichen Personen zugebracht worden, welche ihr schlimmes Schicksal und der sonderbare Geist der Zeiten zu den unschuldigen Bewohnern dieses Staatsgefängnisses gemacht, und welche die amtliche Bekanntmachung erhalten hatten, daß sie am nächsten siebenten Tage ihr Verhör vor dem königlichen Oberhofgericht zu Westminster zu erwarten hätten. Der wackere alte Ritter neckte erst den Gerichtsdiener, daß er ihm sein Frühstück mit der Nachricht störte; bewies aber lebhafte Rührung, als er erfuhr, daß sein Sohn Julian auf dieselbe Anklage zur Rechenschaft gezogen werden würde.

Wir wollen bloß sehr im Allgemeinen bei der Beschaffenheit dieses Verhörs verweilen, welches, der Form nach, fast mit allen denen übereinstimmte, die während des herrschenden papistischen Complots statt fanden. Ehrlose und meineidige Zeugen, deren Gewerbe als gemeiner Angeber furchtbar einträglich geworden war, legten einen Schwur ab, daß die Gefangenen sich bei der großen Verschwörung der Katholiken als interessirte Theilnehmer gezeigt hätten. Eine Anzahl anderer Zeugen brachten Thatsachen oder verdächtige Umstände vor, welche den Charakter der Angeklagten, als rechtschaffener Protestanten und guter Unterthanen, in Zweifel setzten, und zwischen dem unmittelbaren und dem muthmaßlichen Zeugniß wurde gewöhnlich genug herausgezogen, um bei einem bestochenen Gerichtshofe und meineidigen Geschwornen den verhängnißvollen Ausspruch: »Schuldig« zu rechtfertigen.

Die Wuth des Volks fing jedoch jetzt an, sich zu verlieren, nachdem sie sich selbst durch ihre eigene Heftigkeit erschöpft hatte. Die Gemüther fingen nun an, sich abzukühlen – der Charakter der Zeugen wurde nun näher geprüft – ihre Zeugnisse stimmten nicht in allen Fällen zusammen, – und ein heilsamer Argwohn fing an gegen Menschen genährt zu werden, die nie sagen wollten, daß sie eine vollkommene Entdeckung alles dessen, was sie wüßten, gemacht hätten, sondern unverholen irgend einen Punkt des Zeugnisses für künftige Verhöre sich vorbehielten.

Auch der König, der während des ersten Ausbruchs der Volkswuth unthätig geblieben war, fing nun an, sich in Bewegung zu setzen, und dieß brachte eine wirkliche Wirkung auf den Sachwalter der Krone, und selbst auf die Richter hervor. Sir George Wakeman war, trotz dem direkten Zeugnisse Oates', frei gesprochen worden; und die öffentliche Aufmerksamkeit war nun stark gespannt auf die nächste gerichtliche Untersuchung, welche die beiden Peverils, Vater und Sohn, traf, mit denen (durch eine sonderbare Verkettung der Umstände) der kleine Hudson zugleich vor das königliche Oberhofgericht gebracht wurde.

Es war ein Mitleid erregender Anblick, Vater und Sohn, die so lange von einander getrennt gewesen waren, unter so traurigen Umständen einander treffen zu sehen; und viele Thränen wurden vergossen, als der majestätische alte Mann (denn ein solcher war er, obgleich durch das Alter gebeugt) mit einem gemischten Gefühl von Freude, Zärtlichkeit und bitterer Besorgniß vor dem Ausgange des bevorstehenden Verhörs, seinen Sohn an seine Brust drückte. Es regte sich ein Gefühl an dem Gerichtshofe, das für einen Augenblick jedes Vorurtheil und jede Parteisucht überwog.

Die Anklage wurde nun vorgelesen; und Ritter Gottfried Peveril hörte mit einiger Gelassenheit den ersten Theil derselben, welcher dahin lautete, er habe seinen Sohn an den Hof der Gräfin von Derby, einer widerspenstigen Papistin, in der Absicht geschickt, das schreckliche und blutdürstige papistische Complot zu unterstützen, – indem er Waffen und Kriegsvorräthe in seinem Hause gehabt, – und ein Blanquett, als Vollmacht, vom Lord Strafford empfangen habe, der wegen des Complots den Tod erlitten hatte. Als aber die Beschuldigung auf den Ausspruch kam, er habe zu demselben Zweck mit Gottfried Hudson, bisweilen Ritter Hudson genannt, jetzt, oder ehedem im Hausdienste der Königin Wittwe angestellt, Verbindung unterhalten, sah er seinen Gefährten an, als wenn er sich plötzlich wieder auf ihn besänne, und brach ungeduldig in die Worte aus: »Diese Lügen sind zu grob, um eine augenblickliche Erwägung zu verdienen. Ich mag mit meinem edlen Verwandten, dem verstorbenen Lord Strafford (ich will ihn so nennen, trotz seinem Mißgeschicke) Verkehr genug gehabt haben, doch in nichts anderm, als in dem, was rechtlich und unschuldig ist, – und mit der Verwandtin meiner Frau, der ehrwürdigen Gräfin von Derby. Allein wie sollte ich mit einem abgelebten Possenreißer vertrauliche Unterredung gepflogen haben, mit dem ich nie einen Augenblick Verbindung gehabt, außer einmal am Osterfest, als ich einen Dudelsack blies, da er zur Unterhaltung der Gesellschaft auf einem Tische tanzte?«

Die Wuth des armen Zwergs preßte ihm Thränen in die Augen, indeß er mit einem erzwungenen Lachen äußerte, daß Herr Ritter Gottfried Peveril, statt jener jugendlichen Belustigungen sich lieber seiner Angriffe an seiner Seite im Gefecht bei Wiggan-Lane hätte erinnern mögen.

»Auf mein Wort,« sagte Ritter Gottfried Peveril nach einer augenblicklichen Ueberlegung, »ich will Euch Gerechtigkeit widerfahren lassen, Herr Hudson – ich glaube, daß Ihr dabei wart – ich denke, ich hörte, Ihr habt gute Dienste geleistet. Aber Ihr werdet zugeben, daß Ihr einem nahe sein konntet, ohne daß man Euch sah.«

Ein halbunterdrücktes Gelächter durchlief den Gerichtssaal über das einfache Zeugniß des Ritters Gottfried, welches der Zwerg zu entkräften suchte, indem er sich auf die Zehen stellte, und stolz um sich her sah, als wollte er die Lachenden erinnern, daß sie sich ihrer Lust auf ihre eigne Gefahr überließen. Da er aber bemerkte, daß dieß nur noch mehr Gespött erregte, so gab er sich das Ansehen einer gleichgültigen Verachtung, und äußerte mit einem Lächeln: Niemand fürchte den Blick eines gefesselten Löwen. Ein treffendes Gleichniß, welches die Lachlust derer, die es hörten, mehr vermehrte, als verminderte.

Gegen Julian Peveril unterblieb nicht die, seine Anklage verschlimmernde Beschuldigung, daß er Briefe zwischen der Gräfin von Derby und andern in die allgemeine verrätherische Verschwörung der Katholiken verflochtenen Papisten und Priestern bestellt habe; und der Angriff auf Moultrassie-Hall – sein Gefecht mit Chiffinch, und sein Anfall (wie es genannt wurde) auf die Person Johann Jenkins', Dieners des Herzog von Buckingham, wurden alle der Länge nach als eben so viele offne Handlungen verrätherischer Art angeführt. Auf diese Beschuldigungen begnügte sich Julian Peveril bloß zu antworten: Nicht schuldig.

Der Zwerg war mit einer so einfachen Antwort nicht zufrieden; denn, da er einen Theil der ihn angehenden Beschuldigung vorlesen hörte, er habe von einem Agenten des Complots ein Blanquett als Oberster eines Regiments von Grenadieren erhalten, erwiederte er in Zorn und Verachtung: Wenn Goliath von Gath mit einem solchen Vorschlage zu ihm gekommen wäre, und ihm den Oberbefehl über alle Söhne Anaks in einem Corps angeboten hätte, so würde er ihm die Lust benommen haben, einen Andern auf dieselbe Art zu versuchen.

Die Anklage wurde nun vom Sachwalter der Krone von Neuem vorgetragen, und jetzt trat der berüchtigte Doctor Oates, im vollen seidenen Priesterornat auf.

Dieser sonderbare Mann, der, durch die geheimen Intriguen der Katholiken selbst und durch den zufälligen Umstand von Godfrey's Ermordung unterstützt, im Stande gewesen war, dem Publikum eine solche Masse von Abgeschmacktheiten zu verdauen zu geben, hatte kein andres Talent zur Täuschung, als eine Unverschämtheit, welche der Ueberzeugung und der Schaam in gleichem Grade Trotz bot.

Oates war von Natur cholerisch, und das Zutrauen, das er erlangt hatte, machte ihn übermüthig und dünkelvoll. Selbst sein Aeußeres hatte etwas Furchteinflößendes. Eine große weiße Perücke zeigte ein höchst seltsames Gesicht von großer Länge, der Mund saß ganz in der Mitte des Gesichts. Seine Aussprache hatte auch eine ihm eigenthümliche Manier, worin er die Vokale ganz besonders accentuirte.

Dieser berüchtigte Mann, wie wir ihn oben beschrieben haben, trat nun bei dem Verhör auf, und gab sein Erstaunen erregendes Zeugniß ab, in Betreff einer katholischen Verschwörung zum Umsturz der Regierung und zur Ermordung des Königs, in derselben allgemeinen Form, in welcher man es in jeder englischen Geschichte finden kann. So wie aber Doctor Oates immer irgend einen besondern Artikel des Zeugnisses gegen die jetzt unmittelbar in Untersuchung stehenden Personen im Vorbehalt hatte, so beliebte es ihm, bei der jetzigen Gelegenheit, die Gräfin von Derby sehr hart anzuklagen. »Er habe,« sagte er, »diese geehrte Dame gesehen, als er in dem Jesuitencollegium zu St. Omers gewesen. Sie habe nach ihm in ein Wirthshaus oder in eine Auberge, wie es dort genannt wurde, mit dem Schilde zum goldenen Lamm, geschickt, und ihn in demselben Zimmer mit ihr frühstücken geheißen; und nachher ihm gesagt, weil sie wisse, welches Vertrauen er bei der Gesellschaft Jesu genösse, so habe sie beschlossen, ihn auch an ihren Geheimnissen Theil nehmen zu lassen; und zu gleicher Zeit habe sie ein breites, scharf gespitztes Messer, dergleichen die Fleischer zum Schlachten der Schafe gebrauchen, aus ihrem Busen gezogen, und ihn gefragt, was er von der Bestimmung desselben dächte; und als er, der Zeuge, gefragt, zu welcher Bestimmung es diene, ihn mit ihrem Fächer auf die Finger geklopft, einen dummen Kerl genannt, und gesagt, es sei bestimmt, den König damit zu tödten.«

Hier konnte der Ritter Gottfried Peveril seinen Unwillen und sein Erstaunen nicht länger zurückhalten. »Gütiger Himmel!« sagte er, »hat man je gehört, daß Frauen von Range Schlächtermesser bei sich trügen, und jedem elenden Gesellen sagten, sie wollten den König mit denselben umbringen. – Meine Herren Richter, bedenkt nur, ob dieß vernünftig ist – jedoch wenn der Niederträchtige durch einen ehrlichen Zeugen beweisen könnte, daß die Frau Gräfin von Derby je einen solchen Abschaum, wie er, habe zu sich zum Besuch kommen lassen, so wollt' ich Alles glauben, was er sagt.«

»Herr Ritter,« sagte der Richter, »bleibt ruhig, – Leidenschaft kann Euch hier nichts helfen – Doctor Oates muß fortfahren.«

Doctor Oates fuhr in seinem Vortrage fort, und berichtete, »wie die Gräfin sich über das Unrecht, das Derby vom Könige erlitten, und über die Bedrückung ihrer Religion beschwert, und mit den Entwürfen der Jesuiten und der Priester aus dem Seminarium geprahlt habe, welche von ihrem edlen Verwandten aus dem Hause Stanley gewiß befördert werden würden.« Endlich behauptete er, »daß sowohl die Gräfin, als die auswärtigen Patres des Seminariums viel auf die Talente und den Muth des Ritters Gottfried Peveril und seines Sohnes gebaut hätten. Von Hudson habe er (so viel er sich erinnere) nur einige Patres sagen gehört, daß er, obgleich an Statur ein Zwerg, doch sich als einen Riesen in der Sache der Kirche zeigen würde.«

Als er sein Zeugniß beendigt hatte, entstand eine Pause, bis der Richter, als fiele ihm der Gedanke plötzlich ein, den Doctor Oates fragte, ob er je den Namen der Gräfin von Derby in einem der vorhergehenden, vor dem Geheimenrath angebrachten Berichte und anderwärts in Beziehung auf diesen Gegenstand schon erwähnt habe.

Oates schien ziemlich betroffen über diese Frage, und erröthete vor Zorn, als er in seiner eignen Aussprache zur Antwort gab, »o nain, main Härr Oberriechter.«

»Nun, so bitt' ich Euch, Herr Doctor,« sagte der Richter, »wie kommt es, daß ein so großer Entdecker von Geheimnissen, als Ihr Euch jüngst gezeigt habt, einen so wesentlichen Umstand, wie der Beitritt dieser mächtigen Familie zu dem Complot ist, bis jetzt hat verschweigen können?«

»Main Härr Oberriechter,« sagte Oates mit großer Unverschämtheit, »ich bin nicht hieher gekommen, um main Zeugniß über das Comploot in Zweifel ziehn zu laassen.«

»Ich bezweifle Euer Zeugniß nicht, Herr Doctor,« sagte Scroggs; denn die Zeit war noch nicht gekommen, da er wagte, ihn derb anzugreifen; »auch bezweifle ich nicht die Wirklichkeit des Complots, weil es Euch beliebt, es zu beschwören. Ich wollte nur, daß Ihr, um Eurer selbst willen, und zur Befriedigung aller guten Protestanten, Euch erklärtet, warum Ihr einen so wichtigen Punkt dem König und dem Lande vorenthalten habt.«

»Main Härr Oberriechter,« sagte Oates, »ich will Euch eine artige Fabel erzählen.«

»Ich hoffe,« antwortete der Richter, »es wird die erste und letzte sein, die Ihr an diesem Orte erzählet.«

»Main Härr,« fuhr Oates fort, »es war einmal ein Fuuchs, der eine Gaans über einen gefrohrnen Baach zu schleppen hatte, und aus Besorgniß, das Eis möchte ihn und seine Beute nicht traagen, erst ainen Stain darüber legte, um die Stärke des Eises zu probiren.«

»So war Euer voriges Zeugniß bloß der Stein, und nunmehr erst habt Ihr uns die Gans gebracht?« sagte Scroggs; »das heißt aus dem Gerichtshofe und den Geschwornen Gänse machen, Herr Doctor.«

»Ich bitte um eine billige Auslegung meiner Worte, gnädiger Härr Oberriechter,« sagte Oates, der nun sah, daß der Strom sich gegen ihn wandte, aber entschlossen war, mit Unverschämtheit sich durchzuschlagen. »Alle Leute wissen, um welche Kosten und um welchen Preis ich mein Zeugniß aabgelegt habe, und dieß ist allezeit, unter Gottes Beistande, das Mittel gewäsen, diese aarme Nation auf den gefährlichen Zustaand aufmerksam zu machen, in dem sie sich befindet. Hier wissen Viele, daß ich genöthigt gewäsen bin, meine Wohnung zu Whitehall gegen die blutigen Papisten zu befästigen. Es war nicht zu glauben, daß ich die gaanze Geschichte auf einmal vorbringen sollte. Ich denke, Eure Weisheit würde mir anders gerathen haben.«

»Nein, Herr Doctor,« sagte der Richter, »es kommt mir nicht zu, Euch in dieser Sache zu leiten; und es gehört für die Geschwornen, zu glauben oder nicht zu glauben; und was mich selbst betrifft, so sitz' ich hier, Beiden Recht zu sprechen. – Die Geschwornen haben Eure Antwort auf meine Frage gehört.«

Doctor Oates zog sich aus der Zeugenloge zurück, roth, wie ein Truthahn, da er gar nicht daran gewöhnt war, solche Berichte bezweifeln zu hören, als ihm den Gerichtshöfen vorzulegen beliebt hatte; und es entstand, vielleicht zum ersten Male, sowohl unter dem Sachwalter und den Advokaten, als unter den Juristencollegien und den Rechtsbeflissenen, welche gegenwärtig waren, ein deutliches und hörbares Murren.

Everett und Dangerfield, mit denen der Leser schon bekannt ist, wurden nunmehr nach der Reihe aufgerufen, die Anklage zu unterstützen.

Die Geschwornen hörten kaltblütig zu, und man merkte, daß die Anklage nur wenig Eingang fand, insbesondere da der Richter sie in einem fort erinnerte, daß bloße Voraussetzungen keine Beweise wären – daß Hörensagen kein Zeugniß abgäbe – daß diejenigen, die ein Gewerbe mit ihrer Entdeckung trieben, wahrscheinlich ihre Nachforschungen durch Erdichtungen unterstützten – und daß er, ohne die Schuld der unglücklichen Personen vor den Schranken zu bezweifeln, doch gern irgend ein Zeugniß von anderer Beschaffenheit gegen sie vorgebracht hören möchte. »Hier erzählt man uns von einem im Hause einer angesehenen, und, ich glaube, den meisten von uns bekannten Magistratsperson, durch den jungen Peveril angestifteten Aufstande, und seiner versuchten Entweichung. Warum, Herr Anwalt, bringt Ihr nicht Herrn Bridgenorth selbst herbei, die Thatsache zu beweisen, oder alle seine Hausgenossen, wenn es nöthig wäre? – Auf der andern Seite, ist hier ein ehrwürdiger alter Ritter; denn für einen solchen muß ich ihn halten, da er oft in der Schlacht für den König geblutet hat, – für einen solchen, darf ich sagen, halte ich ihn, bis das Gegentheil von ihm erwiesen wird. Und hier ist sein Sohn, ein hoffnungsvoller junger Edelmann – wir müssen sehen, daß sie Recht bekommen, Herr Anwalt.«

»Ohne allen Zweifel, Herr Oberrichter,« antwortete der Anwalt. »Gott bewahre uns vor etwas Anderm! Aber wir wollen die Sachen gegen diese unglücklichen Männer auf eine strengere Art durchführen, wenn Ihr uns erlauben wollt, unser Zeugniß anzubringen.«

»Hebet an, Herr Anwalt,« sagte der Oberrichter, indem er sich niedersetzte. »Der Himmel behüte, daß ich den Beweis der königlichen Klage hindern wollte! Ich sage bloß, was Ihr so gut wißt als ich: De non apparentibus et non existentibus eadem est ratio.«

»So wollen wir denn Herrn Bridgenorth, der, glaub' ich, darauf wartet, nach Eurem Rath herbei rufen, Herr Oberrichter.«

»Nein,« antwortete eine, wie es schien, weibliche Stimme aus der versammelten Menge; »er ist zu weise und zu edel denkend, um hier zu erscheinen.«

Die Stimme war sehr vernehmlich gewesen; aber die Nachforschungen, die man sogleich anstellte, um die Person, welche gesprochen hatte, zu entdecken, waren vergeblich.

Nachdem die durch diesen Umstand erregte kleine Störung gehoben war, fuhr der Anwalt fort: »Wem auch immer wir die Nachricht zu verdanken haben, mein Herr Oberrichter, sie wurde mit gutem Grunde gegeben. Herr Bridgenorth ist, wie ich höre, diesen Morgen plötzlich unsichtbar geworden.«

»Seht Ihr nun wohl, Herr Anwalt,« sagte der Richter – »so kommt es, wenn man nicht die Zeugen zusammen und in Bereitschaft hält – wahrhaftig, ich kann nicht für die Folgen stehen.«

»Auch ich nicht, Herr Oberrichter,« sagte der Anwalt verdrießlich. »Ich hätte durch diesen würdigen Mann, den Herrn Richter Bridgenorth, die alte Freundschaft zwischen Ritter Gottfried Peveril und der Gräfin von Derby, beweisen können, von deren Handlungen und Absichten Doctor Oates Zeugniß gegeben hat. Ich hätte beweisen können, daß er ihr auf seinem Schlosse Schutz gegen Verhaftung gewährte, und sie mit bewaffneter Macht von eben diesem Ritter Bridgenorth, nicht ohne wirkliche Gewaltthätigkeit, befreite. Ueberdieß hätte ich gegen den jungen Peveril den ganzen Aufstand beweisen können, der ihm von demselben ehrwürdigen Zeugen Schuld gegeben wird.«

Hier steckte der Oberrichter seinen Daumen in seinen Gürtel – was er bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich that – und rief: »Pfui, pfui, Herr Anwalt – saget mir nicht, daß Ihr dieß und das, oder jenes und dieses beweisen könnet. – Beweiset was Ihr wollet, aber beweiset es durch den Mund Eures Zeugen. Menschenleben dürfen nicht einer scharfen Advokatenzunge zur Beute werden.«

»Aber ein arges Complot sollte unterdrückt werden,« sagte der Anwalt, »bei allem Eurem Eifer, Herr Oberrichter. Ich kann auch Herrn Chiffinch nicht herrufen, da er in Angelegenheiten des Königs beschäftigt ist, wie ich diesen Augenblick von dem Hofe zu Whitehall aus versichert worden bin.«

»So zeigt denn die Papiere vor, Herr Anwalt, deren Ueberbringer dieser junge Mann gewesen sein soll,« sagte der Richter.

»Sie sind dem Geheimenrath vorgelegt, mein Herr Oberrichter.«

»Nun warum stützt Ihr Euch hier auf sie?« sagte der Oberrichter. – »Das heißt beinahe mit dem Hofe Scherz treiben.«

»Weil Ihr dieß so zu nennen beliebt, Herr Oberrichter,« sagte der Anwalt, sich trotzig niedersetzend, »so mögt Ihr die Sache führen, wie es Euch gefällt.«

»Wenn Ihr kein Zeugniß mehr bringt, so bitt' ich Euch, die Geschwornen aufzurufen,« sagte der Richter.

»Ich werde mir nicht die Mühe geben, dieß zu thun,« erwiederte der Anwalt. »Ich sehe deutlich, was die Sache für einen Gang nimmt.«

»Nein, laßt Euch besser rathen,« sagte Scroggs; »bedenket, die Anklage ist in Ansehung der beiden Peverile nur halb bewiesen, und trifft den kleinen Mann ganz und gar nicht, ausgenommen, daß Doctor Oates sagt, er habe sich in einem gewissen Fall als ein Riese zeigen wollen, was kein sehr glaubliches papistisches Wunder zu sein scheint.«

Dieser Scherz erregte ein Gelächter im Saale, das der Generalfiscal sehr übel zu nehmen schien.

»Herr Anwalt,« sagte Doctor Oates, der sich immer in die Behandlung dieser Prozesse mischte, »dieß heißt offenbar und schlechthin die Sache aufgeben – ich muß es nothwendig sagen – das heißt das Complot ganz unterdrücken.«

»So mag der Teufel, der es ausbrütete, ihm wieder Leben einblasen, wenn er Lust hat,« antwortete der Generalfiscal; und seine Klagschrift hinwerfend, verließ er trotzig den Gerichtssaal mit Allen, die bei der Sache zu thun hatten.

Nachdem der Oberrichter Stille geboten hatte, fing er an, die Geschwornen auszufordern. Er betheuerte bei seiner Seligkeit, daß er eben so wenig an der Wirklichkeit der gräßlichen und verdammungswürdigen Verschwörung, das papistische Complot genannt, zweifelte, als an der Verrätherei des Judas Ischariot; und daß er den Doctor Oates als das Werkzeug der Vorsehung betrachtete, die Nation vor allem aus dem Meuchelmorde Seiner Majestät entstehenden Elende und vor einer zweiten St. Bartholomäusnacht auf den Landstraßen Londons, zu bewahren. Aber dann erklärte er, es sei die lautere Auslegung des englischen Gesetzes, daß, je schlimmer das Verbrechen wäre, um so stärker das Zeugniß sein müßte. Hier wäre der Fall der Mitschuldigen untersucht, während die Hauptschuldige (denn so müsse er die Gräfin von Derby nennen) noch nicht überführt sei; und was Doctor Oates betreffe, so habe er nur von Sachen gesprochen, welche diese edle Dame persönlich angingen, deren Worte, wenn sie solche in der Leidenschaft gebrauchte, nur ein Ausbruch weiblicher Empfindlichkeit gewesen sein möchten. – Was den dritten Gefangenen, Gotfridum minimum, betrifft (fuhr er fort), so müsse er sagen, daß er auch nicht einen Schatten von Argwohn gegen ihn finde. Man dürfe ihn nur ansehen, um das Gegentheil zu schließen – so ein Geschöpf sei, nach seinem Alter, reifer zum Grabe, als zu einer Verschwörung, – und passe, bei seiner Größe und Figur, eher für einen Guckkasten, als für die Geheimnisse eines Complots.

Hier erhob der Zwerg seine Stimme gegen den Richter, und schrie ihm die Versicherung zu, er sei, so einfältig, als er hier sitze, in sieben Complote zu Cromwells Zeit verwickelt gewesen, und zwar, wie er stolz hinzusetzte, nebst einigen der längsten Männer von England. Die unnachahmliche Miene und Geberde, womit Ritter Gottfried Hudson diese Prahlerei begleitete, brachte Alle zum Lachen, und vermehrte die Lachlust, so daß unter erschütterten Seiten und feuchten Augen der allgemeine Ausspruch Nichtschuldig erfolgte, und die Gefangenen von den Schranken entlassen wurden.

Aber ein wärmeres Gefühl erwachte unter denen, welche Vater und Sohn sich einander in die Arme werfen, und, nach einer herzlichen Umarmung, ihre Hände dem armen kleinen Leidensgefährten darreichen sahen, dem es endlich gelang, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.



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