Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Vierzigstes Kapitel.

Auf Julian's Erstaunen über die unerwartete Erscheinung Bridgenorth's folgte sogleich Besorgniß vor der Heftigkeit seines Vaters, die, wie er allen Grund zu glauben hatte, gegen einen Mann ausbrechen würde, den er selbst nicht umhin konnte, sowohl wegen seiner eignen Verdienste, als weil er Alexiens Vater war, zu verehren. In Bridgenorth's äußerem Wesen zeigte sich indessen nichts, das eine gewisse Empfindlichkeit wecken konnte. Seine Miene war gelassen, sein Gang langsam und gesetzt, sein Auge nicht ohne Anzeige einer tief liegenden Unruhe, jedoch ohne einen Ausdruck von Zorn oder Triumph. »Seid willkommen, Ritter Gottfried Peveril!« sagte er, »der Gastfreiheit eben so willkommen, als in den Tagen, da wir einander Nachbarn und Freunde nannten.«

»Hilf, Himmel!« sagte der alte Ritter, »hätt' ich gewußt, daß es Euer Haus wäre, lieber hätt' ich mein Herzensblut verspritzen, als meinen Fuß über Eure Schwelle setzen wollen.«

»Ich verzeihe Euch Eure Hartnäckigkeit,« sagte Bridgenorth, »aus Rücksicht auf Eure Vorurtheile.«

»Behaltet Eure Verzeihung,« antwortete der Ritter, »bis Euch selbst verziehen ist. Bei'm heiligen Georg hab' ich geschworen, wenn ich je aus meinem verwünschten Gefängniß loskommen würde, – wohin ich durch Euch gekommen bin, Herr Bridgenorth, – daß Ihr für mein schlechtes Logis die Rechnung bezahlen solltet. – Ich will Niemand in seinem eigenen Hause schlagen, wenn Ihr aber den Mann mein Schwert zurückbringen lassen, und hier unten in dem eingeschlossenen Hofe einen Gang mit mir machen wollt, so sollt Ihr bald sehen, was ein Verräther gegen einen aufrichtigen Mann, und ein Puritaner gegen Peveril vom Gipfel ausrichten kann.«

Bridgenorth lächelte mit vieler Gelassenheit. »Da ich noch jünger und warmblütiger war,« gab er zur Antwort, »schlug ich Eure Ausforderung aus, Ritter Gottfried; es ist also natürlich, daß ich sie jetzt nicht annehme, da jeder von uns dem Grabe nahe steht. Ich habe mein Blut nicht geschont, und werde es nicht schonen, wenn mein Vaterland es fordert.«

»Das heißt: wenn es eine Gelegenheit zum Verrath gegen den König gibt,« sagte Ritter Peveril.

»Nein, mein Vater,« sprach Julian, »laßt uns Herrn Bridgenorth hören! Wir haben in seinem Hause Schutz gefunden; und ob wir ihn gleich jetzt in London sehen, so sollten wir uns erinnern, daß er doch heute nicht gegen uns erschienen ist, wo vielleicht sein Zeugniß unserer Lage eine schlimme Wendung hätte geben können.«

»Ihr habt Recht, junger Mann,« sagte Bridgenorth, »und es sollte ein Unterpfand meines aufrichtigen Wohlwollens sein, daß ich heute von Westminster abwesend war, da wenige Worte aus meinem Munde die lange Geschlechtslinie Peveril's vom Gipfel geendigt haben würden. Aber hätt' ich dieß thun können, da ich weiß, was ich nun weiß, daß ich Euch, Julian Peveril, die Befreiung meiner Tochter, – meiner theuersten Alexie, – aus den Schlingen verdanke, welche Hölle und Lasterhaftigkeit rings um sie gelegt hatten?«

»Sie ist, hoff' ich,« sagte der junge Peveril lebhaft, und fast seines Vaters Anwesenheit vergessend, »in Sicherheit? Sie ist, hoff' ich, in Sicherheit, und unter Eurer eignen Obhut?«

»Nicht unter meiner,« antwortete der gebeugte Vater, »aber unter der Obhut von Einem, auf dessen Schutz, nächst dem des Himmels, ich mich vollkommen verlassen kann.«

»Seid Ihr dessen gewiß? – dessen ganz gewiß?« wiederholte Julian mit Wärme. »Ich fand sie unter der Aufsicht einer Person, der sie anvertraut war, und welche doch –«

»Und welche doch die niederträchtigste der Frauen war,« antwortete Bridgenorth; »aber der, welcher sie zur Aufseherin erwählt hatte, hatte sich in ihrem Charakter getäuscht.«

»Sagt vielmehr, Ihr hattet Euch in dem seinigen getäuscht; entsinnt Euch, daß ich, als wir bei Moultrassie schieden, Euch vor jenem Ganlesse warnte – jenem –«

»Ich weiß, was Ihr sagen wollt,« unterbrach ihn Bridgenorth; »auch irrtet Ihr nicht, als Ihr ihn als einen weltklugen Mann beschriebet. Aber er hat seinen Irrthum wieder gut gemacht, indem er Alexien aus den Gefahren errettete, in die sie, als sie sich von Euch trennte, gerathen war; und überdieß hab' ich es nicht für rathsam gehalten, ihm wieder die Aufsicht des Wesens anzuvertrauen, das mir das theuerste ist.«

»Ich danke Gott, der Euch die Augen so weit geöffnet hat,« sagte Julian.

»Dieser Tag wird sie weit öffnen, oder für immer schließen,« antwortete Bridgenorth.

Während dieses Gesprächs, wobei die Beiden gar nicht auf die Gegenwart der Andern achteten, horchte Ritter Gottfried mit Verwunderung und Begierde, und suchte Etwas aufzufassen, das ihm ihre Unterredung verständlich machte; da es ihm aber gänzlich mißlang, einen solchen Schlüssel zu ihrer Bedeutung zu gewinnen, so brach er plötzlich aus: »Alle Wetter, Julian, was ist das für ein unnützes Gewäsch? Was hast du mit diesem Wicht mehr zu thun, als ihn durchzuprügeln, wenn du es der Mühe werth hieltest, so einen alten Schurken zu schlagen?«

»Mein theuerster Vater,« sagte Julian, »Ihr kennt diesen Herrn nicht. – Ich weiß gewiß, Ihr thut ihm Unrecht. Meine eignen Verbindlichkeiten gegen ihn sind mannigfach, und wenn Ihr sie erfahren werdet –«

»Ich hoffe, ich werde sterben, ehe dieser Augenblick kommt,« sagte der Ritter Peveril, und fuhr mit zunehmender Heftigkeit fort: »Ich hoffe von der Gnade des Himmels, daß ich im Grabe meiner Vorfahren sein werde, eh' ich erfahre, daß mein Sohn – mein einziger Sohn – die letzte Hoffnung meines alten Hauses – der letzte Sprößling des Namens Peveril – eingewilligt hat, Verbindlichkeiten von dem Mann anzunehmen, den ich auf Erden am meisten zu hassen gezwungen bin, wäre ich nicht noch mehr genöthigt, ihn zu verachten! – Entarteter Hund!« wiederholte er mit großer Heftigkeit. »Ihr entfärbt Euch, ohne zu antworten! Sprecht, und läugnet solche Schande, oder, bei dem Gott meiner Väter –«

Der Zwerg trat plötzlich hervor, und rief: »Halt ein!« mit einer zugleich so mißtönenden und gebieterischen Stimme, daß es übernatürlich klang. »Mann der Sunde und des Hochmuths,« rief er aus, »halt ein, und rufe nicht den Namen des heiligen Gottes zum Zeugen deiner unheiligen Rachgefühle an.«

Dieser so kühn und entschieden gegebene Verweis, und die Begeisterung, womit er sprach, gaben dem verachteten Zwerge für den Augenblick eine Ueberlegenheit über den feurigen Geist des Ritters. Dieser warf einen scheuen Seitenblick auf ihn, wie auf eine übernatürliche Erscheinung, und murmelte dann: »Was weißt du von der Ursache meines Grimms?«

»Nichts,« sagte der Zwerg – »nichts, als dieß – daß keine Ursache den Eid rechtfertigen kann, den du schwören wolltest. Undankbarer Mann! Du wurdest heute von dem verschlingenden Grimm der Ruchlosen durch eine wunderbare Verbindung der Umstände errettet – ist dieß der Tag, meinst du, dich deinen Rachgefühlen zu überlassen?«

»Da steh' ich abgefertigt,« sagte Ritter Peveril, »und zwar von einem sonderbaren Zurechtweiser. – Julian, ich will nachher von diesen Sachen mit dir sprechen; und mit Euch, Herr Bridgenorth, wünsche ich weiter keinen Verkehr zu haben, es sei im Frieden oder im Zorn. Unsre Zeit vergeht schnell, und ich wollte gern zu meiner Familie zurückkehren. Lasset unsere Waffen zurückbringen, die Thüren aufriegeln, und uns ohne weitern Zank scheiden, der unsere Gemüther nur beunruhigen und beschweren kann.«

»Herr Ritter Peveril,« sagte Bridgenorth, »ich trage kein Verlangen, weder Euer noch mein Gemüth zu beunruhigen; was aber Eure baldige Entlassung betrifft, so kann sie schwerlich stattfinden, weil dieß sich mit dem Werk, das ich vorhabe, nicht vertragen würde.«

»Wie, Herr!« sagte der Zwerg. »Meint Ihr, wir sollten hier bleiben, wir möchten wollen oder nicht? Wär' ich nicht von Jemand Höherem verpflichtet, hier zu bleiben, ich wollte Euch zeigen, daß Riegel und Schlösser einen Mann, wie ich bin, nicht zurückhalten können.«

»Wahrhaftig,« sagte Ritter Peveril, »ich glaube, im Nothfall könnte der kleine Mann durch's Schlüsselloch entwischen.«

Bridgenorth's Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, er faßte sich aber schnell wieder und antwortete: »Meine Herren, ihr insgesammt müßt euch schon zufrieden geben. Glaubt mir, es soll euch kein Leid zugefügt werden; im Gegentheil wird euer Hierbleiben ein Mittel sein, euch in Sicherheit zu bringen. Es ist eure eigene Schuld, wenn euch ein Haar gekrümmt wird. Aber die stärkere Macht ist auf meiner Seite, und was für Leid euch auch treffen möchte, wenn ihr mit Gewalt durchzudringen suchtet, so werdet ihr es euch selber vorzuwerfen haben. Wenn ihr mir nicht glauben wollt, so will ich Herrn Julian Peveril mich begleiten lassen, wo er sehen wird, daß ich vollkommen mit den Mitteln ausgerüstet bin, Gewalt zurückzutreiben.«

»Verrath! – Verrath!« rief der alte Ritter aus. – »Verrath gegen Gott und König Carl! – Ach! nur eine halbe Stunde das Schwert, das ich so thörichterweise weggab!« –

»Still, Vater, ich beschwöre Euch!« sagte Julian. »Ich will mit Herrn Bridgenorth gehen, weil er es verlangt, und will mich selbst überzeugen, ob Gefahr ist, und von welcher Art. Es ist möglich, daß ich es über ihn vermag, von irgend einer gewaltsamen Maaßregel abzustehen, wenn eine solche wirklich im Werke wäre. Sollte dieß nöthig sein, so fürchtet nicht, daß sich Euer Sohn anders betragen werde, als er sollte.«

»Thu' nach deinem Belieben, Julian,« sagte sein Vater, »ich will mich auf dich verlassen. Wenn du aber mein Zutrauen täuschest, so wird der Fluch eines Vaters auf dir ruhen.«

Bridgenorth bewog nun den jungen Peveril, ihm zu folgen, und sie gingen durch die kleine Thüre, durch die er herein gekommen war.

Der Weg führte zu einer Hausflur oder einem Vorsaale, in welchem verschiedene andere Thüren und Gänge sich zu vereinigen schienen. Durch einen von diesen wurde Julian von Bridgenorth geführt, und, zufolge eines ihm deßhalb gegebenen Zeichens, ging er behutsam und stillschweigend weiter. Bald hörte er Töne, wie von einer Menschenstimme, in eindringlicher und nachdrücklicher Declamation. Mit langsamen und leisen Schritten geleitete ihn Bridgenorth durch eine Thüre, welche diesen Gang begränzte, und als er in eine kleine Gallerie trat, die vorn einen Vorhang hatte, wurde die Stimme des Predigers (denn ein solcher schien zu sprechen) deutlicher und vernehmlicher.

Julian zweifelte nun nicht, daß er in einem jener Conventikel sich befände, die, zwar den bestehenden Gesetzen zuwider, doch regelmäßig in verschiedenen Theilen Londons und der Vorstädte immerfort gehalten wurden. Viele derselben, welche Personen von gemäßigten politischen Grundsätzen, obgleich in ihren religiösen Meinungen Gewissens halber von der herrschenden Kirche abweichend, besuchten, duldete die Regierung aus Klugheit oder aus Furchtsamkeit. Allein andere, in welchen sich die stolzeren und mehr exaltirten Secten der Independenten, Wiedertäufer und anderer Sectirer versammelten, deren Schwärmerei so bedeutend zum Umsturz des Thrones des letzten Königs beigetragen hatte, wurden aufgesucht, unterdrückt und zerstreut, so bald sie nur entdeckt werden konnten.

Julian ward bald überzeugt, daß die Versammlung, in welche er so geheim eingeführt wurde, eine von der letztern Klasse war, und nach der Heftigkeit des Predigers zu urtheilen, war sie eine von der verwegensten Art. Er wurde noch mehr hiervon überführt, als er, auf ein Zeichen Bridgenorth's, behutsam einen Theil des Vorhangs, der vor der Gallerie hing, aufzog, und so, selbst ungesehen, auf die Versammlung herabsah, und den Prediger zu Gesicht bekam.

Gegen zweihundert Personen waren unten auf einem mit Bänken gefüllten Platze versammelt, sie waren alle vom männlichen Geschlecht, und mit Piken und Musketen sowohl, als mit Schwertern und Pistolen gut bewaffnet. Die meisten hatten das Ansehen alter Soldaten, die über das mittlere Lebensalter hinaus waren, jedoch noch einen Anschein von Kraft besaßen, die wohl den Verlust der jugendlichen Gewandtheit ersetzen konnte. Sie standen oder saßen in verschiedenen Stellungen ernster Aufmerksamkeit, und, auf ihre Spieße und Musketen gelehnt, hefteten sie die Augen fest auf den Prediger, der seinen heftigen Vortrag mit Entfaltung einer Fahne von der Kanzel herab endigte, auf welcher ein Löwe mit der Aufschrift abgebildet war: » Vicit leo ex tribu Judae« (es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Judä).

Als der Prediger eine Beschreibung der nahen Theokratie, welche er prophezeihte, anfing, schien Bridgenorth, der eine Zeit lang Julians Gegenwart vergessen zu haben schien, während er mit ernster und fester Aufmerksamkeit dem Prediger zuhörte, sich plötzlich zu besinnen, und führte Julian bei der Hand aus der Gallerie, deren Thüre er sorgfältig verschloß, in ein nicht weit entferntes Zimmer.

Als sie da anlangten, kam er Julians Erinnerungen mit der in ernsthaft triumphirendem Tone an ihn gerichteten Frage zuvor: »ob er glaube, daß diese Männer, die er gesehen, wohl ihr Werk nachlässig verrichten würden, oder ob es nicht gefährlich wäre, wenn sie ihren Weg gewaltsam aus einem Hause zu nehmen versuchten, dessen Zugänge alle von solchen Leuten, als er gesehen, bewacht wären – Kriegsmännern von ihrer Kindheit an.

»Um des Himmels willen,« sagte Julian, ohne Bridgenorths Frage zu beantworten, »zu welchem Zweck habt Ihr so viele verzweifelte Männer versammelt? Ich weiß wohl, daß Eure religiösen Grundsätze von besonderer Art sind; aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht selbst täuscht. – Keine Ansichten der Religion können Aufruhr und Mord rechtfertigen; und von solcher Art sind die nothwendigen Folgen der Lehre, die wir eben fanatischen, erhitzten Schwärmern in die Ohren schallen gehört haben.«

»Mein Sohn,« sagte Bridgenorth gelassen, »in den Tagen meiner Unmündigkeit dacht' ich eben so, wie Ihr. Gepriesen sei der Himmel, die Schuppen sind mir von den Augen gefallen; und nach vierzigjährigen Wanderungen in der Wüste Sinai's bin ich endlich in dem gelobten Lande angelangt – Meine verderbte menschliche Natur hat mich verlassen – ich habe meinen Balg abgeworfen, und kann nun mit gutem Gewissen meine Hand an den Pflug legen, gewiß, daß keine Schwäche in mir übrig geblieben ist, wodurch ich auf das Vergangene zurücksehen möchte. Die Furchen,« setzte er mit gerunzelter Stirne, während seine großen Augen sich mit düsterm Feuer füllten, hinzu, »müssen lang und tief gezogen, und mit dem Blute des Mächtigen getränkt werden.«

Es war eine Veränderung in Bridgenorths Ton und Wesen, als er sich dieser sonderbaren Ausdrücke bediente, welche Julian überzeugte, daß sein Geist, der seit so vielen Jahren zwischen seinem natürlichen gesunden Verstande und der unsinnigen Schwärmerei der Zeit hin und her geschwankt, endlich der letztern sich überlassen hatte; und die Gefahr vor Augen, in die der unglückliche Mann selbst, die unschuldige und schöne Alexie, und sein eigner Vater wahrscheinlich gesetzt werden würden – nichts zu sagen von der allgemeinen Bedrohung des gemeinen Wesens durch einen Aufstand, – fühlte Julian zugleich, daß mit vernünftigen Vorstellungen gegen einen Mann nichs auszurichten wäre, der seine innere Ueberzeugung allen Gründen entgegenstellen würde, mit welchen die Vernunft seine wilden Entwürfe bestreiten könnte. Sein Gefühl zu rühren schien eine annehmlichere Auskunft; Julian beschwor daher Bridgenorth, zu bedenken, wie sehr die Ehre und Sicherheit seiner Tochter davon abhinge, daß er sich der gefährlichen Maaßregeln enthielte, die er zu ergreifen Willens war. »Wenn Ihr fallt,« sagte er, »muß sie nicht unter die Gewalt und Vormundschaft ihres Onkels kommen, der, wie Ihr eingesteht, sich des gröbsten Irrthums in der Wahl ihrer Beschützerin schuldig gezeigt hat, und der, wie ich aus guten Gründen glaube, diese schändliche Wahl mit offenen Augen traf?«

»Junger Mann,« antwortete Bridgenorth, »Ihr erregt in mir ein Gefühl, wie in dem armen Vogel, um dessen Flügel ein muthwilliger Knabe eine Schnur gebunden hat, um den sich sträubenden Unglücklichen nach Belieben zur Erde zu ziehen. So wißt, weil Ihr diese grausame Rolle spielen und mich von höheren Betrachtungen herabziehen wollt, daß diejenige, welcher Alexie übergeben worden, und welche in Zukunft volle Macht hat ihre Bewegungen zu leiten, und ihr Schicksal zu entscheiden, trotz Christian und jedem Andern, – ich will Euch nicht sagen, wer sie ist – genug – Niemand – am wenigsten von Allen Ihr, dürft für ihre Wohlfahrt besorgt sein.«

In diesem Augenblick öffnete sich eine Seitenthür, und Christian selbst trat in das Zimmer. Er stutzte und entfärbte sich, als er Julian Peveril sah; dann wandte er mit einer angenommenen gleichgültigen Miene sich zu Bridgenorth und fragte: »Ist Saul unter den Propheten? – Ist ein Peveril unter den Heiligen?«

»Nein, Bruder,« erwiederte Bridgenorth; »seine Zeit ist noch eben so wenig gekommen, als die deinige. – Du steckst zu tief in den ehrgeizigen Intriguen des Mannesalters, und er in den schwindligen Leidenschaften der Jugend, um die stille, ruhige Stimme zu hören – Ihr Beide werdet sie hören, wie ich hoffe und bete.«

»Herr Ganlesse, oder Christian, oder wie Ihr sonst heißet,« sagte Julian, »Euch kann keine Idee eines unmittelbaren göttlichen Befehls bestimmen, Feindseligkeiten gegen den Staat zu beginnen. Indem wir also für jetzt alle Gegenstände der Erörterung zwischen uns, worin sie immer bestehen mögen, bei Seite setzen, bitte ich Euch dringend, als einen Mann von Klugheit und Verstand, mit mir gemeinschaftlich dem Herrn Bridgenorth das bedenkliche Unternehmen, das er im Sinne hat, auszureden.«

»Junger Herr,« sagte Christian mit großer Gelassenheit, »als wir uns im Westen trafen, war ich geneigt, Eure Freundschaft zu suchen, aber Ihr verwarfet die Einleitung dazu. Ihr konntet jedoch selbst damals genug von mir gesehen haben, um versichert zu sein, daß ich nicht leicht zu rasch mich in irgend ein verzweifeltes Unternehmen stürzen werde. Was dieses betrifft, das vor uns liegt, so bringt mein Bruder Bridgenorth zu demselben die Einfalt, obgleich nicht die Harmlosigkeit der Taube, und ich die List der Schlange. Er hat die Anführung der Heiligen, welche von dem Geiste bewegt werden; und ich kann zu ihren Anstrengungen eine mächtige Schaar hinzufügen, die zu ihren Antreibern die Welt, den Teufel und das Fleisch hat.«

»Und könnt Ihr,« sagte Julian, Bridgenorth ansehend, »einem so unwürdigen Verein beitreten?«

»Ich vereinige mich nicht mit ihnen,« sagte Bridgenorth; »aber ich kann nicht, ohne Schuld, die Hülfe verwerfen, welche die Vorsehung sendet, ihren Dienern beizustehen. Wir selbst sind wenige, jedoch entschlossen; – diejenigen, deren Schwerter kommen, den Schnittern der Ernte zu helfen, müssen willkommen sein – Wann ihr Werk gethan ist, werden sie bekehrt oder zerstreut werden. – Seid Ihr am York-Place gewesen, Bruder, bei jenem unbeständigen Wollüstling? Wir müssen seine letzte Entschließung haben, und zwar binnen einer Stunde.«

Christian sah Julian an, als wenn seine Gegenwart ihn hinderte, eine Antwort zu geben; worauf Bridgenorth aufstand, und den jungen Mann aus dem Zimmer in dasjenige führte, in welchem sie seinen Vater zurückgelassen hatten. Auf dem Wege versicherte er ihn, daß entschlossene Wachen überall, wo eine Entweichung bewirkt werden könnte, ausgestellt wären, und daß er wohl thun würde, seinen Vater zu bereden, auf wenige Stunden sich in die Gefangenschaft zu ergeben.

Julian gab ihm keine Antwort, und er entfernte sich sogleich. Auf die Fragen seines Vaters und Hudsons konnte er bloß die kurze Antwort geben, er fürchte, sie wären überlistet, weil sie mit wenigstens zweihundert, völlig bewaffneten, und dem Ansehen nach zu einem verwegenen Unternehmen gerüsteten Schwärmern in einem Hause sich befänden. Ihr eigner Mangel an Waffen machte ihnen offne Gewalt unmöglich; und so unangenehm es sein möchte, in einem solchen Zustande zu bleiben, so schiene es doch, bei den starken Befestigungen der Thüren und Fenster, schwierig, eine geheime Flucht zu unternehmen, ohne augenblicklich entdeckt zu werden.«

Doch wir müssen sie jetzt über ihre Pläne in Muße nachdenken lassen, von denen keiner mit schnellem Erfolg ausführbar schien.



 << zurück weiter >>