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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Nachdem Christian, voll von den tiefen und verrätherischen Entwürfen, mit denen er umging, die prächtige Wohnung des Herzogs von Buckingham verlassen hatte, eilte er nach der Stadt, wo er in einem anständigen, von einem Mann seines eignen Glaubens gehaltenen Wirthshause unerwartet zu einer Zusammenkunft mit Ralph Bridgenorth von Moultrassie-Hall eingeladen worden war. Er hatte sich nicht getäuscht – der Major war diesen Morgen angekommen, und erwartete ihn mit Ungeduld. Das gewöhnliche Düster seines Ansehens war in einen noch dunklern Schatten der Unruhe gehüllt, welche selbst kaum gemindert wurde, als Christian, auf Erkundigung nach seiner Tochter, ihm die günstigste Nachricht von ihrer Gesundheit und Munterkeit gab, und diese mit so natürlichen und ungezwungenen Lobreden auf ihre Schönheit und Gemüthsart begleitete, daß sie wohl dem Ohr eines Vaters sehr angenehm sein mußten.

Aber Christian hatte zu viel Verschlagenheit, um sich über diesen Gegenstand auszubreiten, so schmeichelnd er auch war. Er brach gerade bei dem Punkt ab, wo er als ein zärtlicher Verwandter genug gesagt zu haben scheinen konnte. »Die Dame,« sagte er, »bei welcher ich Alexien untergebracht, war entzückt über ihr Aeußeres und ihr Benehmen, und versprach, für ihre Gesundheit und Wohlfahrt verantwortlich zu sein. Ich hätte aber,« setzte er hinzu, »nicht so wenig Zutrauen von Seiten meines Bruders verdient, daß er, dem verabredeten Plane zuwider, nöthig gehabt hätte, vom Lande herbei zu eilen, als wenn seine Gegenwart zu Alexiens Schutze nothwendig wäre.«

»Bruder Christian,« sagte Bridgenorth, »ich muß mein Kind sehen – ich muß die Person sehen, der sie anvertraut ist.«

»Wozu das?« entgegnete Christian. »Hast du nicht oft bekannt, daß die Uebertreibung der sinnlichen Zärtlichkeit, die du für deine Tochter genährt hast, ein Fallstrick für dich gewesen ist? – Bist du nicht, mehr als einmal, auf dem Punkt gewesen, jene großen Pläne aufzugeben, welche die Rechtschaffenheit als eine Rathgeberin neben den Thron stellen sollten, weil du die kindische Leidenschaft deiner Tochter für diesen Abkömmling deines alten Verfolgers, diesen Julian Peveril, zu befriedigen wünschtest?«

»Ich gestehe es,« sagte Bridgenorth; »und Welten würde ich darum gegeben haben, und noch geben, diesen Jüngling an meine Brust zu drücken, und meinen Sohn nennen zu dürfen. Der Geist seiner Mutter blickt aus seinem Auge, und sein stattlicher Gang ist der seines Vaters, wann er täglich mir in meinem Kummer Trost zusprach, und sagte: das Kind lebt.«

»Aber der Jüngling,« sagte Christian, »wandelt nach seinem eignen Lichte, und verwechselt das Meteor des Sumpfes mit dem Polarstern. Ralph, ich will mit dir in freundlicher Aufrichtigkeit sprechen. Du darfst nicht zugleich der guten Sache und dem Baal dienen wollen. Gehorche, wenn du willst, deinen eignen fleischlichen Neigungen, lade diesen Julian Peveril in dein Haus, und laß ihn deine Tochter heirathen. – Aber merke auf die Aufnahme, die sie bei dem alten, stolzen Ritter finden wird, dessen Muth jetzt, selbst jetzt, so wenig unter seinen Ketten gebeugt ist, als nachdem das Schwert der Heiligen bei Worcester gesiegt hatte. Sieh deine Tochter gleich einer Verworfenen von seinen Füßen gestoßen.«

»Christian,« unterbrach ihn Bridgenorth, »du drängst mich hart; aber du thust es in Liebe, mein Bruder, und ich vergebe dir – Alexie soll nie verstoßen werden. – Allein dieser dein Freund – diese Dame – du bist der Onkel meines Kindes, nach mir bist du der nächste in Liebe und Zuneigung. Immer, bist du doch nicht ihr Vater – hast nicht ihres Vaters Besorgnisse. Bist du des Charakters derjenigen, denen mein Kind anvertraut ist, gewiß?«

»Bin ich meines eignen Charakters gewiß? – Bin ich gewiß, daß mein Name Christian, deiner Bridgenorth ist? – Hab' ich nicht viele Jahre in diesem Theile der Stadt gewohnt? – Kenn' ich nicht diesen Hof? – Und kann ich wahrscheinlich darüber getäuscht werden? – Denn ich will nicht glauben, daß du von mir getäuscht zu werden fürchtest.«

»Du bist mein Bruder,« sagte Bridgenorth – »Blut und Gebein von meiner geschiednen Heiligen – und ich bin entschlossen, dir in dieser Sache zu trauen.«

»Du thust wohl,« versetzte Christian, »und wer weiß, was für eine Belohnung dir aufgehoben ist? – Ich kann nicht auf Alexie sehen, ohne daß es meinem Geiste sich stark aufdrängt, daß hier für ein Andre ihres Geschlechts so sehr übertreffendes Geschöpf Etwas zu thun sei. Muthig befreite Judith Bethulia durch ihre Tapferkeit, und die lieblichen Züge der Esther machten sie zur Schutzwache und Vertheidigung für ihr Volk im Lande der Gefangenschaft, als sie Gunst fand in den Augen des Königs Ahasverus.«

»Komme es mit ihr, wie der Himmel will,« sagte Bridgenorth; »und nun erzähle mir, was für Fortschritt in dem großen Werk gemacht ist.«

»Das Volk ist der Ungerechtigkeit dieses Hofes müde,« erwiederte Christian; »und wenn dieser Mann zu regieren fortfahren will, so muß er zu seinem Geheimen-Rath Männer von anderm Schlage berufen. Die Unruhe, die durch die verdammungswürdigen Anschläge der Papisten erregt worden ist, hat die Seelen der Menschen aufgerufen, und ihre Augen für die Gefahren ihres Staats aufgeweckt. Er selbst – denn er will beide, Bruder und Weib, aufgeben, um sich zu retten – ist einer Veränderung der Maaßregeln nicht abgeneigt; und wiewohl wir für's Erste noch nicht den Hof wie mit einer Schwinge gereinigt sehen können, so wird es doch des Guten genug geben, um das Böse in Schranken zu halten – genug von der nüchternen Partei, um die Gewährung der allgemeinen Duldung zu erzwingen, nach der wir so lange geseufzet haben, wie ein Mädchen nach ihrem Geliebten. Zeit und Gelegenheit werden den Weg zu einer vollständigeren Reform zeigen; und das wird ohne Schwertstreich geschehen, was unsere Freunde auf einen sicheren Grund zu bauen verfehlten, selbst als ihre siegreichen Klingen in ihren Händen waren.«

»Gott gebe es!« sprach Bridgenorth; »denn ich fürchte, ich möchte mir ein Gewissen daraus machen, Etwas zu thun, was noch einmal das Bürgerschwert aus der Scheide zöge; aber willkommen sei Alles, was auf dem friedlichen und auf dem Wege des Parlaments kommt.«

»Ja,« sagte Christian, »und was die bittern Entschädigungen mit sich bringen wird, die unsere Feinde so lange aus unsern Händen verdient haben. Wie lange hat unsers Bruders Blut vom Altar um Rache geschrieen! – Nun soll die grausame Französin sehen, daß weder Verlauf der Jahre, noch ihre mächtigen Freunde, noch der Name Stanley, noch die Oberherrschaft der Insel Man, den ernsten Lauf ihres Bluträchers aufhalten wird. Der Adel soll von ihrem Namen losgerissen werden, und ihr Erbe soll ein Andrer nehmen.«

»Aber, Bruder Christian,« bemerkte Bridgenorth, »bist du nicht zu heftig in der Verfolgung dieser Sache? – Es ist deine Christenpflicht, deinen Feinden zu vergeben.«

»Ja, aber nicht den Feinden des Himmels – nicht denen, die das Blut der Heiligen vergießen,« sprach Christian, dessen Augen jetzt von heftiger und wilder Leidenschaft flammten; »ich halte diesen Vorsatz der Rache heilig – ich betrachte ihn als ein Sühnopfer für das, was in meinem Leben böse gewesen sein mag. Ich habe mich den Schmähungen des Hochmüthigen unterworfen – ich habe mich wie ein Knecht gedemüthigt; aber in meiner Brust war der stolze Gedanke, ich, der ich dieß thue, thue es, damit ich meines Bruders Blut rächen könne.«

»Indessen, mein Bruder,« versetzte Bridgenorth, »ob ich gleich an deinem Vorhaben Theil nehme, und dir gegen dieß moabitische Weib geholfen habe, muß ich doch deine Rache mir mehr als Rache nach dem Gesetz Moses, als nach dem Gesetz der Liebe, denken.«

»Das steht dir gut an, zu sagen, Ralph,« sagte Christian, »dir, der nur eben über den Sturz deines eignen Feindes gelächelt hast.«

»Wenn du Ritter Gottfried Peveril meinst,« erwiederte Bridgenorth, »so lächelte ich nicht über seinen Fall. Es ist gut, daß er erniedrigt worden ist; aber so viel an mir liegt, kann ich wohl seinen Stolz demüthigen, werde aber nie sein Haus stürzen.«

»Du kennst dein Vorhaben am besten,« sprach Christian; »und ich lasse der Reinheit deiner Grundsätze Recht widerfahren, Bruder; aber Menschen, die nur mit weltlichen Augen sehen, würden wenig Mitleid in der strengen Magistratsperdon und in dem harten Gläubiger entdecken – und so hast du dich gegen Peveril erwiesen.«

»Und ich, Bruder Christian,« sagte Bridgenorth erröthend, »bezweifle weder deinen Vorsatz, noch läugne ich die ausnehmende Gewandtheit, womit du dir so vollkommene Belehrung über die Absichten jenes Weibes von Ammon verschafft hast. Aber es steht mir frei, zu denken, daß du in deinem Verkehr mit dem Hofe und den Hofleuten, in deiner fleischlichen und weltlichen Politik, den Werth jener geistigen Gaben, um derentwillen du einst unter den Brüdern so sehr berühmt warest, herabgesetzt haben magst.«

»Befürchte das nicht,« entgegnete Christian, der, durch die vorhergehende Bemerkung etwas gereizt, sich wieder faßte. »Laß uns nur gemeinschaftlich wirken wie zuvor; und ich bin sicher, jeder von uns soll sich in der Arbeit eines treuen Dieners jener alten Angelegenheit finden lassen, für die wir zuvor das Schwert gezogen haben.«

Bei diesen Worten nahm er seinen Hut, sagte Bridgenorth Lebewohl, und versprach, auf den Abend wiederzukommen.

»Leb' wohl,« sprach Bridgenorth; »für diese Angelegenheit wirst du mich immer als einen treuen und eifrigen Anhänger finden. Ich will nach deinem Rath handeln, und will dich sogar nicht einmal fragen – wenn es gleich mein Vaterherz bekümmern mag – bei wem oder wo du mein Kind unter Aufsicht gebracht hast. Ich will versuchen, selbst meine rechte Hand und mein rechtes Auge mir auszureißen und von mir zu werfen; aber, was dich betrifft, Christian, wenn du anders, als klüglich und ehrlich in dieser Sache verfährst, so wirst du vor Gott und Menschen darüber zur Verantwortung gezogen werden.«

»Fürchte nichts von mir,« versetzte Christian hastig, und verließ den Ort unter Betrachtungen, die von keiner angenehmen Art waren.

»Ich hätte ihn bereden sollen, zurückzureisen,« sagte er, als er auf die Straße trat. »Selbst sein Aufenthalt in dieser Gegend kann den Plan verderben, auf welchem das Steigen meiner Glücksumstände – ja, und seines Kindes beruht. Werden die Leute sagen, ich habe sie zu Grunde gerichtet, wenn ich sie zu der blendenden Höhe der Herzogin von Portsmouth erhoben, und vielleicht zur Mutter einer langen Reihe von Prinzen gemacht haben werde? Chiffinch hat sich für eine Gelegenheit verbürgt; und das Glück des Wollüstlings beruht darauf, daß er den Geschmack seines Herrn für Abwechslung befriedigt. Wenn sie einen Eindruck macht, so muß es ein tiefer sein; und einmal in seine Zuneigung gesetzt, wird sie, hoffe ich, nicht verdrängt werden. – Was wird ihr Vater sagen? Wird er, wie ein kluger Mann, seine Schande einstecken, weil sie gut vergoldet ist? Oder wird er es schicklich finden, einen moralischen Zorn und väterliche Wuth auszulassen? Ich fürchte das Letztere. – Er hat immer einen zu strengen Wandel geführt, um sich die Nachsicht gegen solche Ausschweifung zu erlauben. Aber was wird sein Zorn helfen? – Ich brauche bei der Sache mich nicht zu zeigen – die, welche es thun, werden sich aus der Empfindlichkeit eines Puritaners vom Lande wenig machen. Und am Ende ist das, was ich so zu Stande zu bringen suche, das Beste für ihn, für das Mädchen, und vornehmlich für mich, Eduard Christian.«

Mit solchen niedrigen Beruhigungsmitteln betäubte der Bösewicht sein Gewissen, indeß er die Schande der Familie seines Freundes und das Verderben einer nahen Verwandten im Geiste voraussah, welche man voll Vertrauen seiner Sorge übergeben hatte. Sein Charakter war nicht von gemeiner Art; auch war er nicht auf einem gewöhnlichen Wege zu einer solchen gefühllosen und niederträchtigen Selbstsucht emporgestiegen.

Eduard Christian war, wie der Leser weiß, der Bruder jenes Wilhelm Christian, welcher das Hauptwerkzeug zur Uebergabe der Insel Man an die Republik abgegeben hatte, und deßhalb das Schlachtopfer der Rache der Gräfin von Derby ward. Beide waren als Puritaner erzogen worden: aber Wilhelm war ein Soldat, was einigermaßen die Strenge seiner religiösen Meinungen mäßigte; Eduard, ein Civilist, schien diese Grundsätze äußerst streng zu behaupten. Aber es war bloßer Schein. Sein regelmäßiges Leben, das ihm große Ehre und Macht bei der nüchternen Partei, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, verschaffte, verhüllte seinen wollüstigen Sinn, dessen Befriedigung ihm so süß war, wie gestohlenes Wasser, und so angenehm, wie heimlich verzehrtes Brod. Während ihm daher seine scheinbare Frömmigkeit zeitlichen Gewinn brachte, entschädigten ihn seine heimlichen Genüsse für seine äußerliche Strenge, bis die Wiederherstellung des Königthums und das gewaltsame Verfahren der Gräfin gegen seinen Bruder den Fortgang von Beidem unterbrachen. Er entfloh von seiner heimathlichen Insel, entbrannt von Begierde, seines Bruders Tod zu rächen – der einzigen Leidenschaft, welche seinem immer genährten Lieblingshange fremd, aber auch wenigstens zum Theil selbstsüchtig war, weil sie die Wiederherstellung seiner Vermögensumstände betraf.

Er fand bei Villiers, Herzoge von Buckingham, leichten Zutritt, da dieser, zufolge der Rechte seiner Gemahlin, große Ansprüche auf so viel von den Derby'schen Besitzungen machte, als seinem berühmten Schwiegervater vom Parlament zuerkannt worden war. Sein Einfluß am Hofe Carls, wo ein Scherz ein besserer Rechtsgrund war, als ein langer Beweis treuer Dienste, ward so glücklich ausgeübt, daß er zu der Unterdrückung jener rechtlichen und schlecht belohnten Familie bedeutend beitrug. Allein Buckingham war nicht im Stande, selbst für sein eigenes Beste, den festen Plan, den ihm Christian angab, zu verfolgen; und sein Schwanken rettete wahrscheinlich den Rest der großen Besitzungen des Grafen von Derby.

Unterdessen war Christian ein zu nützlicher Anhänger, um abgedankt zu werden. Vor Buckingham und Andern dieses Schlages gab er sich nicht das Ansehen, seine freie Denkungsart im Sittlichen zu verbergen; aber gegen die zahlreiche und mächtige Partei, zu der er gehörte, wußte er sie geschickt unter einem Scheine des äußerlichen Ernstes, den er nie ablegte, zu verhüllen. Er bedurfte oft der parteiischen Nachsicht seiner Freunde; aber er erfuhr sie auch; denn er war ihnen äußerst nützlich. Buckingham und andere Hofleute von derselben Klasse, so ausschweifend in ihrer Lebensart sie auch sein mochten, wünschten doch mit der dissentirenden oder puritanischen Secte, wie sie genannt wurde, einige Verbindung zu haben. In solchen Intriguen war Christian ein vorzüglicher Geschäftsführer; er hätte einmal beinahe einen vollständigen Verein zwischen einer Klasse, welche sich zu den strengsten Grundsätzen der Religion und Sittlichkeit bekannte, und zwischen den freidenkenden Höflingen, die allen Grundsätzen Hohn sprachen, zu Stande gebracht.

Unter den Abwechselungen eines den Ränken gewidmeten Lebens, während dessen Buckingham's und seine eigenen ehrgeizigen Entwürfe ihn zu wiederholten Malen über das atlantische Meer führten, rühmte sich Eduard Christian, daß er nie seinen Hauptgegenstand aus dem Gesichte verloren – die Rache an der Gräfin von Derby. Er unterhielt einen genauen und vertrauten Briefwechsel mit seiner heimathlichen Insel, so daß er von Allem, was da vorging, genau unterrichtet war; und bei jeder günstigern Gelegenheit reizte er die Begierde Buckingham's, sich dieses kleinen Königreichs dadurch zu bemächtigen, daß er die Verwirkung ihres Besitzes bei ihrem jetzigen Gebieter zuwege brächte. Es war nicht schwer, die ungezähmten Wünsche seines Gönners über diesen Punkt lebendig zu erhalten; denn seine eigene üppige Einbildungskraft knüpfte besondere Reize an den Gedanken, eine Art Souverän selbst auf dieser kleinen Insel zu werden; und er war, wie Catilina, eben so begierig nach fremdem Eigenthum, als verschwenderisch mit seinem eigenen.

Aber nicht eher, als bis zur vorgeblichen Entdeckung des papistischen Anschlags, konnten Christians Entwürfe zur Reife gebracht werden; und damals waren die Katholiken in den Augen des leichtgläubigen Volks von England so verhaßt, daß auf die Anklagen der ehrlosesten Menschen, gemeiner Angeber, des Auswurfs der Gefängnisse und des Schandpfahls, die gräßlichsten Beschuldigungen gegen Personen vom höchsten Range und redlichsten Charakter bereitwillig angenommen und geglaubt wurden.

Dieß war ein Zeitpunkt, den Christian zu benutzen nicht unterließ. Er knüpfte seine Vertraulichkeit mit Bridgenorth, die wirklich nie unterbrochen worden war, noch enger, und gewann ihn leicht für seine Entwürfe, welche in den Augen seines Schwagers gleich rühmlich und patriotisch waren. Allein während er Bridgenorth mit Vollbringung einer völligen Reform im Staate – mit Verbannung der Zügellosigkeit des Hofes – mit Befreiung der Gewissen der Andersdenkenden vom Druck der Strafgesetze – und endlich mit Abhülfe der schreienden Beschwerden der Zeit schmeichelte – während er ihm auch die Aussicht auf Rache an der Gräfin von Derby, und auf eine demüthigende Verfügung gegen das Haus von Peveril, von dem Bridgenorth so Unwürdiges erlitten, zeigte, versäumte doch Christian unterdessen nicht, zu überlegen, wie er bei dem von seinem arglosen Verwandten genossenen Zutrauen sich selbst am besten in Vortheil setzen könnte.

Alexiens ausnehmende Schönheit – der große Reichthum, welchen Zeit und Wirthschaftlichkeit auf ihren Vater gehäuft hatten – ließen sie als eine höchst erwünschte Partie betrachten, um die zerrütteten Vermögensumstände gewisser Personen am Hofe wieder emporzubringen; und er schmeichelte sich, eine solche Unterhandlung so einleiten zu können, daß sie ihm selbst zum höchsten Vortheil gereichte. Er fand, es würde nicht viel Schwierigkeit haben, den Major zu vermögen, ihm seine Tochter zur Aufsicht anzuvertrauen. Der Unglückliche hatte sich gewöhnt, schon von der Zeit ihrer Geburt an, die Gegenwart seines Kindes als ein zeitliches Glück zu betrachten, das zu groß wäre, um ihm vergönnt zu sein; und Christian hatte wenig Mühe, ihn zu überzeugen, daß die starke Neigung, die er fühlte, ihre Hand dem jungen Peveril zu geben, wofern dieser nicht zu seinen eignen politischen Gesinnungen gebracht werden könnte, eine tadelnswerthe Abweichung von seinen strengen Grundsätzen sei. Neuere Umstände hatten ihn von der Unfähigkeit der Wärterin Deborah zur einzigen Pflege eines so theuern Pfandes belehrt; und bereitwillig und voll Dank nahm er den gütigen Antrag Christians, ihres mütterlichen Oheims, an, Alexie unter die Aufsicht einer Dame von Rang in London zu bringen, während er selbst in die unruhigen und blutigen Auftritte verwickelt werden konnte, die er mit allen guten Protestanten, bei einem allgemeinen Aufstande der Papisten, sehr bald erwartete, wofern sie nicht durch die thätigen und kraftvollen Maaßregeln des Volks von England verhindert würden.

So versichert, der weltliche Aufseher seiner Nichte für einen hinreichend langen Zeitraum zur Ausführung seines Plans, wie er sich schmeichelte, zu werden, suchte Christian sich den Weg durch Berathung mit Chiffinch zu bahnen, dessen bekannte Gewandtheit in der Hofpolitik ihn am meisten zum Rathgeber bei dieser Gelegenheit geschickt machte. Aber dieser, der in der That für die Vergnügungen des Königs zu sorgen hatte, und deßhalb in großer Gunst stand, glaubte, es gehöre in den Bereich seines Amtes, einen andern Plan anzugeben, als den, über welchen ihn Christian zu Rathe zog. Ein Mädchen von so ausnehmender Schönheit, als Alexie beschrieben worden war, hielt er für würdiger, eine Theilnehmerin der Neigungen des muntern Monarchen, dessen Geschmack an weiblicher Schönheit so ausgezeichnet war, als die Frau eines heruntergekommenen Verschwenders von vornehmem Stande zu werden.

Chiffinch fand, nachdem er Christian vorsichtig erforscht hatte, daß die nahe Aussicht auf Vortheil für ihn selbst ihn wirklich abhielt, sein Befremden über diesen heillosen Plan zu erkennen zu geben, entwickelte ihn ihm vollständig, behielt sorgfältig das endliche Resultat zurück, und sprach von der Gunst, welche die schöne Alexie erlangen würde, als von keiner vorübergehenden Laune, sondern als einer eben so langen und unbeschränkten Herrschaft, wie die der Herzogin von Portsmouth gewesen, deren Habsucht und herrschsüchtiger Charakter jedoch, so viel man wisse, dem König Carl endlich Ueberdruß erregten, ob ihn gleich die Macht der Gewohnheit unfähig mache, sich von ihrem Joche zu befreien.

So entworfen, war die vorbereitete Scene nicht mehr die Intrigue eines Hofkupplers und ein niederträchtiger Entschluß zum Verderben eines unschuldigen Mädchens, sondern ward eine Staatsintrigue zur Entfernung einer übelberüchtigten Favoritin, und zu der daraus folgenden Veränderung der Gesinnungen des Königs über verschiedene wesentliche Punkte, in welchen er gegenwärtig unter dem Einflusse der Herzogin von Portsmouth stand. In diesem Lichte wurde die Sache dem Herzog von Buckingham vorgestellt, welcher, entweder um seinen Charakter als unternehmender Liebhaber zu behaupten, oder um irgend einer schwärmerischen Laune zu huldigen, zu einer gewissen Zeit der Herzogin Liebesanträge gemacht, und eine Zurückweisung erfahren hatte, die er nie verzeihen mochte.

Aber ein Plan war zu wenig, den thätigen und unternehmenden Geist des Herzogs zu beschäftigen. Ein Anhang zu dem papistischen Complot wurde leicht so ausgedacht, daß die Gräfin von Derby darein verwickelt ward, welche, nach ihrem Charakter und ihrer Religion, gerade die Person war, die der leichtgläubige Theil des Publikums geneigt war für eine wahrscheinliche Mitschuldige einer solchen Verschwörung anzunehmen. Christian und Bridgenorth übernahmen den gefährlichen Auftrag, sie selbst in ihrem kleinen Königreiche Man zu verhaften, und hatten Vollmachten zu diesem Zweck, die nur, im Fall ihr Plan zur Ausführung käme, vorgezeigt werden sollten.

Er mißlang aber, wie der Leser weiß, durch die schleunigen Vertheidigungsanstalten der Gräfin; und weder Christian noch Bridgenorth hielt es für gesunde Politik, selbst unter parlamentarischer Autorität, gegen eine Dame offen zu verfahren, welche über die dienlichsten Maaßregeln zur Sicherung ihrer Lehnsoberherrschaft so wenig verlegen zu sein pflegte.

Auf dem festen Lande Britanniens war jedoch kein Widerstand zu befürchten; und so gut bekannt war Christian mit allen Bewegungen im Innern des kleinen Hofstaats oder der Hausverfassung der Gräfin, daß Peveril den Augenblick, als er den Fuß an's Ufer setzte, verhaftet worden sein würde, wenn nicht der Wind das Schiff, das er bestiegen hatte, nach Liverpool zu gehen genöthigt hätte. Hier traf Christian, unter dem Namen Ganlesse, unerwartet mit ihm zusammen, und bewahrte ihn vor den Klauen der unermüdlichen Zeugen der Verschwörung, in der Absicht, sich seiner Depeschen oder im Nothfall auch seiner Person zu versichern, und zwar auf solche Art, daß er ihn seinem eigenen Verfügen unterwürfe.

Chiffinch, der aus Begierde, sich mit eigenen Augen von jener so hoch gepriesenen unvergleichlichen Schönheit zu überzeugen, absichtlich in die Grafschaft Derby gereist war, freute sich unendlich, als er, während einer zweistündigen Predigt in der Kapelle der Dissenters zu Liverpool, die ihm reichliche Muße zu einer bedächtigen Betrachtung gab, am Ende zu dem Ergebniß gelangte, daß er nie eine einnehmendere Gestalt oder Gesichtsbildung gesehen habe. Da seine Augen bestätigten, was ihm gesagt worden, eilte er zurück in das kleine Wirthshaus, den Ort ihrer Zusammenkunft, und erwartete da Christian und seine Nichte mit einem Grade von Zuversicht auf den glücklichen Erfolg ihres Plans, als er zuvor nicht genährt hatte; und mit verschwenderischen Vorbereitungen, welche, nach seiner Meinung, einen günstigen Eindruck auf das Gemüth eines Mädchens vom Lande machen müßten. Er war etwas betreten, als, statt Alexie, bei welcher er in jener Nacht eingeführt zu werden erwartet hatte, Christian in Begleitung Julian Peverils erschien.

Wenige Worte zwischen den würdigen Verbündeten vereinigten sie zu dem Plan, dem jungen Peveril die Depeschen der Gräfin abzunehmen, indem Chiffinch eine Theilnahme an dessen Verhaftung schlechthin verweigerte, als einer Sache, auf deren Billigung bei seinem Herrn nur sehr ungewiß zu rechnen wäre. Christian hatte auch seine eigenen Gründe, sich eines so entschiedenen Schrittes zu enthalten. Ein solcher durfte wahrscheinlich dem Major Bridgenorth keinesweges angenehm sein, den er doch nothwendig bei guter Laune erhalten mußte; – er war auch nicht nöthig; denn die Depeschen der Gräfin waren von weit größerer Wichtigkeit, als Julians Person. Endlich war es auch in dieser Hinsicht überflüssig, da Julian auf dem Wege nach seines Vaters Schlosse sich befand, wo er wahrscheinlich, dem Lauf der Dinge zufolge, mit den andern verdächtigen Personen, die unter Tophams Verhaftsbefehl und die Anklagen seiner verrufenen Gehülfen fielen, ergriffen werden würde. Entfernt von aller Gewaltthätigkeit gegen Peveril, nahm er daher einen so freundlichen Ton gegen ihn an, der ihn vor Schaden von Seiten Anderer zu warnen scheinen, und ihn selbst von irgend einer Theilnahme an der Entwendung seiner Briefschaften freisprechen möchte. Dieser letztere Betrug wurde mittelst Eingießen eines Tranks in Julians Wein ausgeführt, der ihn in so festen Schlaf brachte, daß die Verbündeten leicht im Stande waren, ihren Zweck zu erreichen.

Die Begebenheiten des folgenden Tages sind dem Leser bereits bekannt. Chiffinch reisete weiter, um mit dem Packet nach London zurückzukehren, welches er so bald als möglich in Buckinghams Hände gebracht wünschte; während Christian nach Moultrassie ging, um Alexien von ihrem Vater zu empfangen, und sicher nach London zu bringen – da sein Mitschuldiger es sich gefallen ließ, seine Neugierde, sie zu sehen, so lange unbefriedigt zu lassen, bis sie in dieser Stadt ankommen würden.

Ehe Christian von Bridgenorth schied, hatte er seine höchste Kunst angewandt, ihn in Moultrassie zurück zu halten; er hatte sogar die Grenzen der Klugheit überschritten, und durch sein Dringen einigen unbestimmten Verdacht erweckt. Bridgenorth folgte daher seinem Schwager nach London; und der Leser ist schon mit den Künsten vertraut gemacht worden, die Christian gebrauchte, um seine fernere Einmischung in die Bestimmung seiner Tochter oder in die heillosen Pläne seines übelgewählten Aufsehers zu verhindern. Doch sah der Letztere, als er in tiefem Nachdenken die Straße entlang schritt, immer die tausend Gefahren, die sein Unternehmen begleiteten; und die Tropfen standen wie Perlen auf seiner Stirne, als er den anmaßenden Leichtsinn und den Wankelmuth Buckinghams – die Sittenlosigkeit und Unmäßigkeit Chiffinchs – den Argwohn des schwermüthigen und frömmelnden, doch scharfsichtigen und ehrlichen Bridgenorth überlegte. Es mag auffallen, daß Christian nie daran dachte, die Tugend Alexiens könne die Klippe sein, an der seine Plane scheiterten. Aber er war ein abgefeimter Bösewicht und Lüstling, und hatte den Glauben an weibliche Tugend längst aufgegeben.



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