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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zum ersten Mal nach den Begebenheiten dieses unruhigen und abwechselnden Tages wenigstens ungestört, wenn auch nicht allein, warf sich Julian auf einen alten, eichenen Sitz neben der glühenden Asche eines Steinkohlenfeuers, und fing an, die elende Lage voll Angst und Gefahr, in der er sich befand, zu bedenken, wo, er mochte die Angelegenheiten seiner Liebe, die Neigungen zu seiner Familie oder seine Freundschaften betrachten, Alles eine solche Aussicht zu geben schien, wie die des Seefahrers, der vom Verdeck eines Schiffes, das nicht mehr dem Steuer gehorcht, rings von Brandungen sich umgeben sieht.

Während Peveril in Verzweiflung versunken saß, zog sein Unglücksgefährte einen Stuhl auf die entgegengesetzte Seite des Kaminwinkels, und fing an, ihn mit feierlichem Ernste anzusehen, der ihn endlich, obgleich fast wider Willen, nöthigte, der sonderbaren Gestalt, die so sehr mit seiner Betrachtung beschäftigt schien, einige Aufmerksamkeit zu widmen.

Gottfried Hudson (wir lassen bei dieser Gelegenheit den Titel der Ritterwürde weg, welchen ihm der König im Scherz verliehen hatte, der aber einige Verwirrung in unsere Geschichte bringen könnte), obgleich ein Zwerg von der kleinstmöglichen Gestalt, hatte nichts entschieden Häßliches in seinem Aeußern; auch waren seine Glieder nicht verdreht. Sein Kopf, seine Hände und Füße waren freilich groß und unverhältnißmäßig zu der Höhe seines Körpers, und sein Leib selbst war viel dicker, als sich mit dem Ebenmaaße vertrug, doch so, daß es mehr drollig als unangenehm anzusehen war. Seine Gesichtsbildung insbesondere würde, wenn er etwas länger gewesen wäre, in der Jugend für hübsch, und nunmehr im Alter für interessant und ausdrucksvoll gegolten haben; es war nur das ungemeine Mißverhältniß zwischen dem Kopf und dem Rumpf, welches die Züge seltsam und bizarr erscheinen ließ, – eine Wirkung, welche durch den Knebelbart des Zwergs beträchtlich verstärkt wurde, da er diesen so groß zu tragen beliebte, daß er sich hinten mit seinen graulichen Haaren verwickelte und vermischte.

Die Kleidung dieses sonderbaren Menschen verrieth, daß er nicht ganz frei von dem unglücklichen Geschmack war, welcher Menschen, die von der Natur durch persönliche Mißgestalt ausgezeichnet sind, verleitet, sich durch den Gebrauch auffallender Farben und fantastisch und außerordentlich geformter Kleidungsstücke bemerklich und zugleich lächerlich zu machen. Aber die Stickereien und Verbrämungen des armen Gottfried Hudson, und sein übriger Putz waren sehr abgenutzt und verblichen durch die Zeit, die er im Gefängniß wegen der unbestimmten und boshaften Anklage zugebracht hatte, daß er auf die eine oder die andere Art ein Mitschuldiger in diesem Alles an sich ziehenden, Alles verschlingenden Strudel einer papistischen Verschwörung wäre, – einer Beschuldigung, die, wenn sie auch vom Munde des Schlechtesten und Boshaftesten ausgesprochen wurde, zu jener Zeit übermächtig genug war, den lautersten Ruf zu beflecken.

Nachdem die Gefangenen einige Zeit einander stillschweigend angesehen hatten, hielt es der Zwerg, im Bewußtsein seiner Würde als erster Inhaber ihres gemeinschaftlichen Zimmers, für nöthig, den neuen Ankömmling in demselben zu bewillkommen. »Mein Herr,« sagte er, indem er die abwechselnd harten und kreischenden Töne seiner Stimme in so harmonische Accente stimmte, als sie annehmen konnten, »wie ich höre, seid Ihr der Sohn meines würdigen Namensverwandten und alten Bekannten, des tapfern Ritters Gottfried Peveril vom Gipfel. Es freut mich, Euch, seinen Sohn, zu sehen, und daß wir, obwohl durch ein Mißverständniß, diese Wohnung mit einander theilen sollen.«

Julian verbeugte sich, und dankte für seine Höflichkeit; und da Gottfried Hudson einmal die Bahn gebrochen hatte, fragte er Julian ohne weitere Umstände: »Ihr seid kein Hofmann, vermuth' ich, junger Herr?«

Julian verneinte es.

»Das glaubte ich,« sagte der Zwerg, »denn ob ich gleich jetzt keine Amtsverrichtung am Hofe habe, als der Sphäre, in welcher ich meine früheren Jahre verlebte, und wo ich einmal ein ansehnliches Amt führte, so besuchte ich doch immer, da ich noch meine Freiheit hatte, die Audienz von Zeit zu Zeit, als vom ehemaligen Dienst an meine Pflicht gebunden; und ich bin, aus alter Sitte noch, gewohnt, einige Kenntniß von seinen Mitgliedern zu nehmen, jenen auserlesenen Geistern des Zeitalters, in deren Liste ich sonst aufgenommen war. Ihr, Herr Peveril, habt, ohne Schmeichelei gesagt, eine ausgezeichnete Figur, – doch etwas von der längsten Art, wie auch bei Eurem Vater der Fall war; ich glaube, ich könnte Euch kaum irgendwo gesehen haben, ohne mich Eurer nicht zu erinnern.«

Peveril dachte, er dürfte das Compliment mit gutem Fug zurückgeben, begnügte sich aber zu sagen: »er habe kaum den britischen Hof gesehen.«

»Das ist Schade,« sagte Hudson; »ein feiner Mann kann kaum gebildet werden, ohne ihn oft zu besuchen. Doch Ihr seid vielleicht in einer rauhern Schule gewesen; Ihr habt ohne Zweifel gedient –?«

»Meinem Schöpfer, hoff' ich,« sagte Julian.

»Pfui, Ihr mißverstehet mich. Ich meinte,« sprach Hudson, » à la Française, – Ihr habt in der Armee gedient?«

»Nein, ich habe noch nicht diese Ehre gehabt,« sagte Julian.

»Was? weder Hofmann, noch Soldat, Herr Peveril?« sagte der wichtige kleine Mann, »da ist Euer Vater zu tadeln. Wie soll ein Mann bekannt oder ausgezeichnet werden, außer durch sein Verhalten im Krieg und Frieden! Ich sage Euch, junger Herr, bei Newberry, wo ich mit meinen Truppen an der Seite des Prinzen Rupert angriff, und wo wir, wie Ihr vielleicht gehört habt, von jener elenden Bürgermiliz in London geschlagen wurden, – wir thaten, was Männer thun konnten, und ich denke, es war eine Sache von drei oder vier Minuten, nachdem die meisten unserer Herren vertrieben worden waren, daß Seine Hoheit und ich fortfuhren, mit unsern Schwertern nach ihren langen Piken zu hauen; und ich glaube, ich würde eingedrungen sein, wenn ich nicht eine große, langbeinige Bestie von Pferd gehabt hätte, und mein Schwert etwas kurz gewesen wäre, – endlich und zuletzt waren wir genöthigt, ihnen den Rücken zu zeigen, und dann, wie ich sagen wollte, waren die Kerle so froh, unser los zu werden, daß sie ein großes Jubelgeschrei erhoben: »da geht Prinz Robin und Cock Robin!« Ja, ja, jeder Schuft unter ihnen kennt mich recht wohl. Aber diese Tage sind vorbei. – Und wo wurdet Ihr erzogen, junger Herr?«

Peveril nannte den Hofstaat der Gräfin von Derby.

»Eine höchst achtungswerthe Dame, auf mein Wort als Edelmann,« sagte Hudson. – »Ich kannte die edle Gräfin wohl, als ich um die Person meiner königlichen Gebieterin, Henriette Maria, war. Sie war in der That eine von den fünfzehn Schönen am Hofe, denen ich erlaubte, mich Piccolomini zu nennen; – ein närrischer Scherz über meine etwas kleine Figur, die mich immer vor gewöhnlichen Wesen auszeichnete, selbst als ich jung war. – Ich habe nunmehr viel von meiner Größe durch Bücken verloren, aber beständig hatten die Damen ihren Scherz mit mir. – Vielleicht, junger Mann, hatte ich meine eigene Schadloshaltung bei einigen von ihnen irgendwo, und auf eine oder die andere Art, – ich sage nichts, hatt' ich sie oder nicht. Aber gewiß, den Damen zu dienen, und sich in ihre Launen zu schicken, selbst wenn sie etwas frei oder grillenhaft sind, ist die wahre Lebensart eines Mannes von edlem Geblüt.«

Bei aller Niedergeschlagenheit konnte sich Peveril doch kaum des Lächelns enthalten, als er auf das zwergartige Geschöpf hinsah, welches diese Geschichten mit unendlicher Selbstgefälligkeit erzählte, und geneigt schien, zu verkündigen, daß er ein wahres Muster der Tapferkeit und der Galanterie gewesen, obgleich Liebe und Waffen bei seinem runzligen und verwitterten Ansehen und seinen eingeschrumpften Gliedern ganz unvereinbare Bestrebungen zu sein schienen. Julian vermied es aber sorgfältig, seinem Gesellschafter wehe zu thun, vielmehr suchte er sich in seine Laune zu schicken, und sagte: »unstreitig müßte ein Mann, wie Ritter Gottfried Hudson, an Höfen und im Lager erzogen, genau wissen, wann er persönliche Freiheiten sich gefallen lassen, und wann er sie abweisen müsse.«

»Ihr habt Recht, Herr Peveril,« sagte der Zwerg, nachdem er seinen Sitz näher zu dem Peveril's geschleppt hatte, »und ich habe von Beidem, vom Ertragen und vom Entsagen, Proben gegeben. – Ja, mein Herr, da gab es nichts, was meine höchst-königliche Gebieterin, Henriette Maria, von mir hätte verlangen können, das ich nicht würde gewährt haben, mein Herr; ich war ihr geschworner Diener, im Kriege und bei Festen, in der Schlacht und im Schauspiel. Auf Ihrer Majestät Befehl ließ ich mich herab, – Damen haben, wie Ihr wißt, seltsame Einfälle, – eine Zeitlang der Bewohner einer Pastete zu werden.«

»Einer Pastete!« sagte Julian, etwas verwundert.

»Ja, mein Herr, einer Pastete. Ich hoffe, Ihr findet nichts Lächerliches in meiner Gefälligkeit?« erwiederte sein Gesellschafter etwas argwöhnisch.

»Nein, mein Herr,« sagte Peveril; »ich habe andere Dinge, als Lachen, jetzt im Kopfe«

»So war es mit mir auch,« sagte der Zwerg, »da ich mich als Gefangener in einer ungeheuren Schüssel befand, von nicht gewöhnlichem Umfange, wie Ihr Euch denken mögt, weil ich der Länge nach in ihr liegen konnte, und als ich gleichsam zwischen Wänden von stehender Rinde und einer ungeheuren Pastetendecke begraben wurde. Ungeachtet der Einrichtungen, die man gemacht hatte, mir Luft zu schaffen, mein Herr, glich ich doch völlig eher einem Lebendig-Begrabenen, als irgend sonst Etwas, das ich mir denken könnte.«

»Das begreife ich wohl, mein Herr,« sagte Julian.

»Ueberdieß, mein Herr,« fuhr der Zwerg fort, »wußten Wenige um das Geheimniß, welches zur Unterhaltung der Königin veranstaltet wurde, zu deren Beförderung ich in eine Lambertsnuß gekrochen sein würde, wäre es möglich gewesen; und da Wenige, wie gesagt, mit dem Plane vertraut waren, so war die Sache etwas gewagt. Ich zweifelte, während ich in meinem dunkeln Aufenthaltsorte war, ob mich nicht ein ungeschickter Aufwärter möchte fallen lassen, was ich bei einer Wildpretpastete gesehen habe; oder ob nicht irgend ein hungriger Gast dem Augenblick meiner Auferstehung zuvorkommen, und sein Messer in meine Oberrinde stecken möchte. Und ob ich gleich meine Waffen bei mir hatte, junger Mann, wie ich in jeder gefährlichen Lage zu thun pflegte, so würden doch, wenn so eine rasche Person tief in die Eingeweide dieser muthmaßlichen Pastete eingedrungen wäre, mein Schwert und Dolch bloß zur Rache, sicherlich aber nicht zur Verhinderung eines dieser Fälle haben dienen können.«

»Ganz gewiß, das begreif' ich,« sagte Julian, der jedoch zu fühlen anfing, daß die Gesellschaft des kleinen Hudson, bei seiner Geschwätzigkeit, das Unangenehme des Aufenthalts im Gefängnisse eher vermehren als mindern dürfte.

»Nein,« fuhr der kleine Mann fort, sich weiter über seinen vorigen Gegenstand verbreitend, »ich hatte andere Anlässe zur Besorgniß; denn es beliebte dem Lord Buckingham, dem Vater seiner jetzigen Durchlaucht, auf dem höchsten Gipfel der Hofgunst, zu befehlen, daß die Pastete hinunter in die Küche getragen, und von Neuem dem Ofen übergeben würde, aus dem widersinnigen Grunde, es wäre besser, sie warm, als kalt zu essen.«

»Und brachte Euch das nicht aus der Fassung?« fragte Julian.

»Mein junger Freund,« sagte Gottfried Hudson, »ich kann es nicht läugnen. – Die Natur will ihre Rechte behaupten bei dem Besten und Beherztesten von uns. – Ich dachte an Nebucadnezar und seinen feurigen Ofen, und mir ward warm vor Angst. Aber ich danke dem Himmel, ich dachte auch an meine beschworne Pflicht gegen meine königliche Gebieterin, und war dadurch verbunden und fähig zum Widerstand gegen alle Versuchung, mich vor der Zeit zu erkennen zu geben. Nichts desto weniger ging der Herzog – wenn aus Bosheit, so mag es ihm der Himmel vergeben – ging selbst mit in die Küche hinunter, und drang sehr scharf bei dem Oberkoch darauf, daß die Pastete, wäre es auch nur auf fünf Minuten, erwärmt würde. Allein der Küchenmeister, der von den Absichten meiner königlichen Gebieterin unterrichtet war, widersetzte sich höchst männlich diesem Befehl; und ich wurde wohlbehalten auf die königliche Tafel wieder zurückgebracht.«

»Und ohne Zweifel zu gehöriger Zeit aus Eurer Gefangenschaft erlöst?« sagte Peveril.

»Ja, mein Herr; dieser glückliche, und ich kann sagen, glorreiche Augenblick kam endlich heran,« fuhr der Zwerg fort. »Die Oberrinde wurde abgenommen – ich fuhr empor beim Schall der Trompeten und Zinken, gleich der Seele eines Kriegers, wann der letzte Aufruf erschallen wird. – Damals war es, da ich, mit meinem Schilde am Arm, und mit meinem treuen Bilbao-Degen in der Hand, einen kriegerischen Tanz ausführte, worin ich mich durch meine Geschicklichkeit und Gewandtheit vorzüglich auszeichnete, indem ich zugleich meine Stellungen sowohl zur Vertheidigung, als zum Angriff, auf eine so ganz unnachahmliche Art sehen ließ, daß ich von dem Beifall Aller um mich her fast betäubt, und durch die wohlriechenden Wasser, mit denen mich die Hofdamen aus ihren Spritzflaschen überschwemmten, fast erstickt wurde.«

Der Zwerg hielt hier einen Augenblick inne, und fuhr dann fort: »Ihr möget in Eurer Aufrichtigkeit geglaubt haben, daß das hübsche Schauspiel, das ich erwähnte, bloß zu meinem Vortheil hätte angeführt werden können, und doch boten die Höflinge, die mir übel wollten, und mich beneideten, aus Bosheit ihren Witz auf, und erschöpften ihren Scharfsinn, die Sache falsch und lächerlich auszulegen. Kurz, meine Ohren wurden mit Anspielungen auf Pasteten, Backöfen und dergleichen so sehr beleidigt, daß ich gezwungen war, unter Strafe meines unausbleiblichen und ernsten Mißfallens, einen solchen Gegenstand des Scherzes zu verbieten. Aber da traf sich's, daß ein stattlicher Mann am Hofe war, ein Mann von gutem Stande, Sohn eines Ritters und Baronets, und bei denen, die es am Aergsten trieben, in hohem Ansehen, auch einer meiner eignen vertrauten Freunde, von dem ich also keinen Grund haben konnte, irgend einen solchen Spott zu erwarten, den ich für beleidigend zu halten erklärt hatte. Dessen ungeachtet, beliebte es ihm eines Abends bei dem vornehmsten königlichen Thürsteher, als er vom Wein berauscht, und voll muthwilliger Streiche war, diesen abgedroschenen Gegenstand auf's Tapet zu bringen, und Etwas von einer Gänsepastete fallen zu lassen, das ich nur als auf mich gemünzt nehmen konnte. Nichts destoweniger aber bat ich ihn, nur gelassen und ernsthaft, einen andern Gegenstand zu wählen; widrigenfalls ich ihn wissen ließ, daß ich meine Empfindlichkeit keinen Augenblick zurückhalten würde. Dessen ungeachtet fuhr er in demselben Tone fort, und vermehrte selbst die Beleidigung, indem er von andern unnöthigen und anstößigen Vergleichungen sprach; worauf ich genöthigt war, ihm eine Herausforderung zuzuschicken, und wir fanden uns dieser zufolge mit einander ein. Da ich nun den jungen Mann wirklich liebte, so war es meine Absicht, ihn nur durch eine oder zwei leichte Wunden zu züchtigen, und ich wollte gern, daß er das Schwert zu seiner Waffe erwählte, dennoch fiel seine Wahl auf Pistolen; und als er nun zu Pferde war, brachte er, neben seinem eigenen Gewehr, ein sonderbares Werkzeug hervor, welches Kinder in ihrer Schelmerei zum Wasserspritzen zu gebrauchen pflegen; eine – eine – kurz, ich habe den Namen vergessen.«

»Eine Spritze, unstreitig,« sagte Peveril, der sich besann, etwas von diesem Abenteuer gehört zu haben.

»Ihr habt Recht,« sagte der Zwerg. »Nun gut, mein Herr, dieses Zeichen von Geringschätzung nöthigte mich, gegen den Herrn eine solche Sprache zu führen, welche es für ihn bald nothwendig machte, zu ernsthafteren Waffen zu greifen. Wir fochten zu Pferde, und sprengten auf ein gegebenes Zeichen auf einander los, und wie ich nie ein Ziel verfehle, so hatt' ich hier das Mißgeschick, den achtbaren Herrn Crofts auf den ersten Schuß zu tödten. Ich wollte meinem ärgsten Feinde den Schmerz nicht wünschen, den ich fühlte, als ich ihn in seinem Sattel wanken, und zu Boden fallen sah; – und als ich wahrnahm, daß sein Lebensblut schnell dahin strömte, konnt' ich nur wünschen, daß es mein eigenes statt des seinigen gewesen sein möchte. So fielen Jugend, Hoffnungen und Tapferkeit, als Opfer eines unüberlegten Scherzes; doch ach! was blieb mir für eine Wahl, da die Ehre gleichsam der Athem unserer Brust ist, und da wir in keinem Sinne zu leben wünschen können, wenn wir uns derselben berauben lassen?«

Der Ton, in welchem der Zwerg seine Geschichte schloß, gab Julian eine bessere Meinung von seinem Herzen, und selbst von seinem Verstande, als er sich aus seinem vorherigen Gespräche gebildet hatte. Er war allerdings nun im Stande, zu vermuthen, daß der kleine Held zu solchen Darstellungen und Leistungen, wie die mit der Pastete, durch die an seine Lage geknüpfte Nothwendigkeit, durch seine eigene Eitelkeit, und durch die ihm von denen, die in handgreiflichen Späßen Vergnügen suchten, bewiesene Schmeichelei, verleitet worden war. Das Schicksal des unglücklichen Crofts eben sowohl, als verschiedene Heldenthaten des kleinen Hudson, während der bürgerlichen Kriege, in welchen er wirklich und mit großer Tapferkeit einen Trupp Reiterei anführte, machten die Meisten vorsichtig, ihn öffentlich aufzuziehen, und dieß war um so weniger nöthig, da er, wenn man ihn gehen ließ, selten ermangelte, sich von einer scherzhaften Seite zu zeigen.

Um ein Uhr Nachmittags versorgte der Schließer, seinem Worte getreu, die Gefangenen mit einem sehr leidlichen Mittagessen, und einer Flasche schmackhaftem, doch leichtem Claretwein, die, wie der alte Mann, der gut zu leben gewohnt war, mit Bedauern bemerkte, fast so klein war, als er selbst. Der Abend verstrich auch, jedoch nicht ohne fortdauernde Beweise der Redseligkeit von Seiten Gottfried Hudson's. Seine Gespräche waren nun zwar anderer Art, als bisher; denn, als die Flasche leer war, sagte er ein langes lateinisches Gebet her. Aber die religiöse Handlung, mit der er sich beschäftigt hatte, gab bloß seiner Unterredung eine ernstere Richtung, als seine vorherigen Thema's von Krieg, Frauenliebe und Hofglanz gehabt hatten.

Der kleine Ritter hielt für's Erste eine Rede über streitige Punkte der Theologie, und lenkte von diesem dornigen Pfade auf die nahe und dämmerige Gegend des Mysticismus hin. Er sprach von geheimen Warnungen – von den Vorhersagungen der trübäugigen Propheten – von den Besuchen warnender Geister; – lauter Gegenstände, die er mit solcher scheinbarer Ueberzeugung, ja, mit so mancher Berufung auf persönliche Erfahrung behandelte, daß man ihn hätte für ein Mitglied der Brüderschaft der Gnomen oder Feen halten mögen, denen er an Größe so sehr ähnlich war.

Eine volle Stunde sprach er in diesem Tone unausgesetzt, daß Peveril bestimmt wurde, auf alle Fälle eine abgesonderte Wohnung zu suchen. Nachdem Hudson sein Abendgebet, wie vorher, lateinisch hergesagt hatte (denn er war ein Katholik), fing er, während sie sich auskleideten, von Neuem seine Reden an, und fuhr fort zu plaudern, bis er sich und seinen Gesellschafter ganz artig in Schlaf geschwatzt hatte.



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