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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Wir müssen den Leser nun nach dem prächtigen Hotel versetzen, das zu dieser Zeit von dem berühmten Georg Villiers, Herzog von Buckingham, bewohnt wurde. Unter den aufgeweckten und den ausschweifenden Personen am lachenden Hofe Carl's war der Herzog der ausschweifendste und aufgeweckteste. Während er aber ein fürstliches Vermögen, einen kräftigen Körper und vortreffliche Talente an nichtswürdige Vergnügungen verschwendete, unterließ er doch nicht, tiefern und umfassendern Entwürfen nachzuhängen, wobei ihm bloß der feste Vorsatz und die geordnete Beharrlichkeit mangelten, welche zu allen wichtigen Unternehmungen, besonders in der Politik, nothwendig sind.

Der Mittag war lange vorüber, und die regelmäßige Stunde des Lever des Herzogs, – wenn irgend Etwas regelmäßig genannt werden konnte, wo Alles unregelmäßig war, – hatte lange geschlagen. Sein Saal war mit Lakaien und andern Bedienten in den glänzendsten Livreen angefüllt; die innern Zimmer mit den Herren und Pagen seines Hofstaats, als Personen des ersten Ranges gekleidet, und in dieser Hinsicht den Herzog selbst an persönlichem Glanze eher übertreffend, als ihm nachstehend. Aber sein Vorzimmer insbesondere war ein Versammlungsort von Menschen der verschiedensten Gattungen.

Es war Alles im höchsten Zuströmen im Vorzimmer, und zwar schon seit mehr als einer Stunde, ehe der Kammerdiener des Herzogs sich in dessen Schlafzimmer (das sorgfältig verdunkelt war, um Mitternacht aus Mittag zu machen) wagte, um Seiner Durchlaucht Befehle zu erfahren. Sein sanftes, heiteres Flüstern, womit er fragte, ob Ihre Durchlaucht aufzustehen beliebten, wurde kurz und scharf mit den Gegenfragen beantwortet: »Wer da? – Welche Zeit ist's?«

»Es ist Jerningham, Euer Durchlaucht,« sagte der Diener. »Es ist ein Uhr Nachmittags; und Eure Durchlaucht bestellten einige von den Leuten nach eilf Uhr.«

»Wer sind sie? – Was wollen sie?«

»Eine Botschaft aus Whitehall, Eure Durchlaucht.«

»Ha! die wird keine Eile haben. Wer alle Andere auf sich warten läßt, wird am besten thun, auch wieder auf sie zu warten. Sollt' ich mich schlechter Lebensart schuldig machen, so wär' es eher gegen einen König, als gegen einen Bettler.«

»Die Herren aus der Stadt.«

»Ich bin ihrer satt, – satt alles ihres Gewäsches, und keine Religion – lauter Protestantismus und keine christliche Liebe. Sagt ihnen, sie sollen zu Shaftesbury – in die Aldersgate-Straße mit ihnen! – da ist der beste Markt für ihre Waaren.«

»Der Pferdehändler, gnädiger Herzog, aus Newmarket.«

»Laß ihn zum Teufel reiten. – Er hat ein Pferd von mir, und seine eigene Sporen. Wer sonst noch?«

»Das ganze Vorzimmer ist voll. Euer Durchlaucht – Ritter, Edelleute und Doktoren.«

Halb aus dem Bette sich erhebend – einen Arm in einen brocatnen, stark mit Zobel gefütterten Schlafrock, und einen Fuß in einen sammtnen Pantoffel steckend, während der andere nackt den reichen Fußteppich berührte, – begann der Herzog, ohne weiter an die Versammlung draußen zu denken, einige Zeilen eines satyrischen Gedichts niederzuschreiben; hielt dann plötzlich inne, – warf die Feder in den Kamin, – rief aus: die Laune sei vorüber, und fragte den Aufwartenden nach Briefen. Jerningham brachte ein ungeheures Packet hervor.

»Was der Teufel! Denkt Ihr, ich werde sie alle lesen? Ich bin wie Clarence, der ein Glas Wein forderte, und in ein Faß Sekt getaucht wurde. Ich meine, gibt es etwas Dringendes?«

»Diesen Brief, Euer Durchlaucht,« sagte Jerningham, »der die Yorkshirer Hypothek betrifft.«

»Hieß ich ihn Euch nicht zu dem alten Gatheral, meinem Haushofmeister, tragen?«

»Ich that es, gnädiger Herzog,« antwortete der Andere; »aber Gatheral sagt, es fänden sich Schwierigkeiten.«

»Laßt die Wucherer also die Hypothek für verfallen erklären – darin ist keine Schwierigkeit; und von hundert Landgütern werde ich kaum eins vermissen,« antwortete der Herzog. »Und hört, bringt mir meine Chokolade.«

»Nein, Euer Durchlaucht, Gatheral sagt nicht, es sei unmöglich – nur schwierig.«

»Und was nützt er, wenn er es nicht leicht machen kann?« erwiederte der Herzog. »Aber ihr seid alle dazu geboren, Schwierigkeiten zu machen.«

»Nein, wenn Euer Durchlaucht die Bedingung in dieser Urkunde gut heißen, und zu unterzeichnen belieben,« versetzte Jerningham, »so wird Gatheral die Sache annehmen.«

»Und konntet Ihr mir das nicht gleich anfangs sagen, Einfaltspinsel?« sagte der Herzog, indem er die Schrift unterzeichnete, ohne ihren Inhalt anzusehen. – »Was sonst für Briefe? Und hört, ich darf nicht mehr mit Geschäften geplagt werden.«

» Billets doux, gnädiger Herzog – fünf bis sechs. Dieses wurde bei dem Pförtnerhäuschen von einer Maske zurückgelassen.«

»Hm!« antwortete der Herzog, indem er sie über einander warf, während Jerningham ihm im Ankleiden behülflich war – »eine Bekanntschaft von einer Viertelstunde.«

»Dieß wurde einem der Pagen von Mylady's Kammerfrau übergeben.«

»Hol's der Henker – eine Jeremiade über Meineid und Verrath, und nicht eine einzige neue Zeile zu der alten Melodie,« sagte der Herzog, einen Blick über das Billet werfend. »Hier ist das alte Lied – grausamer Mensch – gebrochene Gelübde – die gerechte Rache des Himmels. Die Frau denkt wohl an Mord, aber nicht an Liebe. Niemand sollte sich herausnehmen, über einen so abgenutzten Gegenstand zu schreiben, ohne wenigstens einige Neuheit des Ausdrucks zu besitzen, die verzweifelnde Araminta – Liege dort, schöne Verzweifelte. – Und dieß – woher kommt das?«

»Wurde von einem Menschen, der in voller Eile fortlief, in das Saalfenster geworfen,« antwortete Jerningham.

»Das ist ein besserer Text,« sprach der Herzog; »und doch ist es auch ein alter – wenigstens drei Wochen alt. – Die kleine Gräfin mit dem eifersüchtigen Lord – ich würde mich nicht das mindeste um sie kümmern, außer wegen eben dieses eifersüchtigen Lord's. – Hol's der Henker, und er ist auf's Land gegangen – diesen Abend – in Ruhe und Sicherheit – geschrieben mit einer aus Cupido's Flügel gezogenen Feder. Die gnädige Frau hat ihm Federn genug zum Fortfliegen gelassen – besser, seine Flügel verschnitten, wenn Ihr ihn gefangen habt, meine Gnädige – und so voll Zutrauen auf ihres Buckinghams Treue – ich hasse Zutrauen bei einer jungen Person. – Sie muß sich besser belehren lassen. – Ich will nicht gehen.«

»Euer Durchlaucht werden nicht so grausam sein,« sagte Jerningham.

»Ihr seid ein mitleidiger Mensch, Jerningham; aber Einbildung muß bestraft werden.«

Ein anderer Diener trat nun ein. »Ich bitte Euer Durchlaucht unterthänig um Verzeihung,« sprach er; »aber Herr Christian begehrt so zudringlich, sogleich eingelassen zu werden, daß ich genöthigt bin, Euer Gnaden Befehle einzuholen.«

»Sagt ihm, er soll drei Stunden später wieder anfragen. Verdammt ist so ein politischer Starrkopf, der alle Menschen nach seiner Pfeife möchte tanzen heißen.«

»Ich danke Euch für das Kompliment, mein gnädiger Herzog,« sagte Christian, der in etwas mehr hofmäßiger Tracht, aber mit derselben anspruchlosen und einförmigen Miene, und mit demselben gelassenen und gleichgültigen Wesen in's Zimmer trat, womit er Julian Peveril bei verschiedenen Gelegenheiten während seiner Reise nach London angeredet hatte. »Es ist gerade meine Absicht, Euch gegenwärtig zu pfeifen; und Ihr könnt zu Eurem eigenen Vortheil tanzen, wenn Ihr wollt.«

»Auf mein Wort, Herr Christian,« sprach der Herzog stolz, »die Angelegenheit muß sehr wichtig sein, die so ganz alle Ceremonie zwischen uns entfernt. Wenn sie sich auf den Gegenstand unserer letzten Unterredung bezieht, so muß ich Euch bitten, unser Gespräch bis auf eine künftige bequeme Zeit aufzuschieben. Ich bin mit einer Sache von einiger Bedeutung beschäftigt.«

Hierauf wandte der Herzog Christian den Rücken, und setzte seine Unterhaltung mit Jerningham fort. »Sucht die bewußte Person auf, und gebt ihm die Papiere; und hört, gebt ihm dieß Goldstück zur Bezahlung für den Schaft seines Pfeils – für die Stahlspitze und die Pfauenflügel haben wir schon gesorgt.«

»Dieß ist alles sehr gut, Euer Durchlaucht,« sagte Christian ruhig, indem er zugleich in einem Armstuhl in einiger Entfernung sich niedersetzte; »aber der Leichtsinn Euer Durchlaucht steht in keinem Verhältniß zu meinem Gleichmuth. Es ist nothwendig, daß ich Euch spreche; und ich will Euer Gnaden Muße in diesem Zimmer abwarten.«

»Sehr wohl, Herr,« sagte der Herzog verdrießlich; »doch wenn ein Uebel auszustehen ist, je früher, je besser. – Ich kann Maßregeln nehmen, dessen Erneuerung zu verhindern. So laßt mich Eure Botschaft ohne weitern Aufschub vernehmen.«

»Ich will warten, bis Euer Gnaden Toilette fertig ist,« sagte Christian in dem gleichgültigen Tone, der ihm natürlich war. »Was ich zu sagen habe, muß unter uns besprochen werden.«

»Geht, Jerningham, und wartet, bis ich rufe,« sagte der Herzog, »laßt mein Wams auf dem Sopha. – Was? Ich habe dieß Kleid von Silberstoff schon hundert Mal getragen.«

»Nur zwei Mal, mit Euer Gnaden Erlaubniß,« antwortete Jerningham.

»So gut als zwanzig Mal – behaltet es für Euch, oder gebt es meinem Kammerdiener, wenn Ihr zu sehr auf Euren Adel stolz seid.«

»Euer Durchlaucht haben schon bessere Leute, als ich Eure abgelegten Kleider tragen lassen,« sagte Jerningham ehrerbietig.

»Ihr seid spitzig, Jerningham,« sprach der Herzog – »in einem Sinne ist es wahr, und es kann wieder geschehen. Nun so, das perlfarbene Ding wird zum Bande und zu dem George passen. Geht nun Eurer Wege. – Und da er nun fort ist, Herr Christian, kann ich nochmals nach Eurem Anliegen fragen?«

»Mein gnädiger Herzog,« sagte Christian, »Ihr seid ein Verehrer von Schwierigkeiten in Staatssachen, wie in Liebesangelegenheiten.«

»Ich denke, Ihr seid doch kein Horcher gewesen, Herr Christian?« erwiederte der Herzog; »das beweist schwerlich die mir oder meiner Wohnung gebührende Achtung.«

»Ich weiß nicht, was Ihr meint, gnädiger Herr,« antwortete Christian.

»Nein, es kümmert mich nicht,« versetzte der Herzog, »wenn die ganze Welt hörte, was ich nur eben zu Jerningham sagte. – Aber zur Sache.«

»Euer Gnaden sind so sehr mit Eroberungen im Gebiet des Schönen und des Witzigen beschäftigt, daß Ihr vielleicht vergessen haben könnt, was Ihr auf der kleinen Insel Man auf dem Spiele stehen habt.«

»Nicht im Geringsten, Herr Christian. Ich erinnere mich recht wohl, daß mein rundköpfiger Schwiegervater, Fairfax, die Insel von dem langen Parlament hatte, und Esel genug war, den Besitz derselben bei der Wiederherstellung des Königthums fahren zu lassen, da er, wenn er seine Klauen geschlossen und festgehalten hätte, sie für sich und die Seinigen hätte behalten können. Es wäre eine seltene Sache gewesen, ein kleines Königreich zu besitzen – meine eignen Gesetze zu geben – meinen Kanzler mit Siegel und Scepter zu haben – ich würde Jerningham in einem halben Tage unterwiesen haben, so weise auszusehen, so steif einher zu gehen, und so einfältig zu sprechen, als Heinrich Bennet.«

»Ihr hättet dieß und mehr thun können, wenn es Euer Durchlaucht gefallen hätte.«

»Ja, und wenn es meiner Durchlaucht gefallen hätte, so hättet Ihr, Eduard Christian, der Scharfrichter meiner Ländereien sein sollen.«

»Euer Scharfrichter, gnädiger Herzog?« sagte Christian mehr im Tone der Verwunderung, als des Mißvergnügens.

»Nun ja, Ihr habt immerwährend Anschläge gegen das Leben der Gräfin unterhalten. Es wäre für Euch ein Königreich, Eure böse Laune mit Euren eigenen Händen zu befriedigen.«

»Ich suche bloß Gerechtigkeit gegen sie,« sagte Christian.

»Und das Ende der Gerechtigkeit ist allemal ein Galgen,« entgegnete der Herzog.

»Das mag sein,« sprach Christian. »Und die Gräfin ist in dem Complot.«

»Der Teufel hole das Complot, der es auch, wie ich glaube, zuerst erfunden hat,« erwiederte Buckingham. »Ich habe Monate hindurch von nichts anderem gehört. Wenn Einer in die Hölle kommen muß, so wünscht' ich, es geschähe auf irgend einem neuen Wege, und in Gesellschaft von Herren. Es würde mir nicht gefallen, mit Oates, Bedlow und den übrigen von dem berüchtigten Schwarm Zeugen zu reisen.«

»Euer Gnaden sind also entschlossen, alle Vortheile, die sich darbieten können, aufzugeben? Wenn das Haus Derby unter Confiscation fiele, so lebte die Verleihung an Fairfax, der jetzt so würdig durch die gnädige Frau Herzogin repräsentirt wird, wieder auf, und Ihr würdet der Herr und Souverän von Man.«

»Den Rechten einer Frau zu Folge,« sagte der Herzog; »aber in Wahrheit, meine gottselige Frau ist mir einigen Dank dafür schuldig, daß ich das erste Jahr unserer Ehe mit ihr und dem alten Black Thomas, ihrem mürrischen, streitenden, puritanischen Vater, gelebt habe. Ein Mann möchte eben so gut des Teufels Tochter geheirathet, und die Haushaltung mit seinem Schwiegervater geführt haben.«

»So viel ich verstehe, gnädiger Herzog, seid Ihr also geneigt, Euch für eine Erhebung in dem Hause Derby zu interessiren?«

»Da sie das Königreich meiner Frau unrechtmäßig besitzen, so können sie gewiß keine Gunst aus meiner Hand erwarten. Aber Ihr wißt, zu Whitehall überwiegt ein gewisses Interesse das meinige.«

»Das geschieht bloß, weil Ihr es duldet, gnädiger Herzog,« sagte Christian.

»Nein, nein, ich sage Euch hundert Mal, nein,« antwortete der Herzog, der bei der Erinnerung in Zorn gerieth. »Ich sage Euch, die niedrige Buhlerin, die Herzogin von Portsmouth, nahm sich unverschämt heraus, mir entgegen zu sein und zu widersprechen; und Carl hat mir sowohl finstere Blicke, als harte Worte bei Hofe gegeben. Ich wollte, er könnte muthmaßen, worin die Beleidigung zwischen ihr und mir besteht! Ich wünschte, daß er nur das wüßte! Aber die Federn sollen ihr ausgerupft werden, oder ich will nicht Villiers heißen. Ein nichtswürdiges französisches Freudenmädchen kann mir so trotzen! Christian, Ihr habt Recht; keine Leidenschaft regt den Muth so auf, als Rache. Ich will das Complot beschützen, wenn es auch nur wäre, um ihr zu trotzen, und es dem König unmöglich zu machen, sie aufrecht zu erhalten.«

Als der Herzog sprach, kam er allmälig in Leidenschaft, und durchschritt das Zimmer mit eben so viel Heftigkeit, als wäre es sein einziger Zweck auf Erden, die Herzogin um ihre Macht und Gunst bei dem Könige zu bringen.

Christian lächelte innerlich, ihn dem Gemüthszustande sich nähern zu sehen, in welchem man am leichtesten auf ihn wirken konnte, und schwieg klüglich still, bis der Herzog in Verdruß zu ihm ausrief: »Nun, kluger Rathsherr, Ihr, der Ihr so manche Entwürfe gemacht habt, diese gallische Wölfin zu überlisten, wo sind nun alle Eure Kunstgriffe? – Wo ist die ausnehmende Schönheit, die das Auge des Monarchen beim ersten Anblick fesseln sollte? – Hat sie Chiffinch gesehen? Und was sagt er, dieser auserlesene Richter über Schönheit und Mandelsuppe, Weiber und Wein?«

»Er hat sie gesehenund ihr seinen Beifall geschenkt, hat sie aber noch nicht gehört; und ihre Rede entspricht allem Uebrigen. Wir kamen gestern hierher; und heute will ich Chiffinch zu ihr führen, sobald er vom Lande ankommt; und ich erwarte ihn alle Stunden. Ich bin nur wegen der grämlichen Tugend des Mädchens in Besorgniß; denn sie ist nach der Weise unserer Großmütter erzogen worden; – unsere Mütter hatten mehr Verstand.«

»Was? so schön, so jung, so sinnreich, und doch so spröde?« sagte der Herzog. »Mit Eurer Erlaubniß, Ihr sollt mich eben sowohl bei ihr einführen, als Chiffinch.«

»Damit Euer Durchlaucht sie von ihrer unbeugsamen Sittsamkeit heilen möge?« sagte Christian.

»Ei, ich will sie nur lehren, sich in ihrem eigenen Lichte zu zeigen. Könige lieben es nicht, den Hof zu machen und zu werben; die Beute soll vor ihnen schon nieder gejagt sein.«

»Mit Euer Durchlaucht Verlaub, dieß kann nicht geschehen – Non omnibus dormio – Euer Durchlaucht kennen die klassische Anspielung. Wenn dieß Mädchen der Liebling eines Prinzen wird, so vergoldet der Rang die Schande und die Sünde. Aber vor Jemandem unter der Majestät darf sie die Segel nicht streichen.«

»O über Euern thörichten Argwohn,« sagte der Herzog, »ich scherzte nur. Glaubt Ihr, ich wollte mich selbst einmischen, um einen mir so vortheilhaften Plan zu verderben, wie der ist, den Ihr mir vorgelegt habt?«

Christian lächelte, und schüttelte den Kopf. »Gnädiger Herzog,« sprach er, »ich kenne Euer Durchlaucht so gut, oder vielleicht besser, als Ihr Euch selbst kennt. Einen wohl überlegten Liebeshandel durch einen Querstrich von Eurer eigenen Erfindung zu verderben, würde Euch mehr Vergnügen machen, als ihn zu einer glücklichen Ausführung nach den Plänen Andrer zu bringen. Allein Shaftesbury und alle damit Betheiligte haben beschlossen, daß unser Entwurf wenigstens ungestört in's Werk gesetzt werde. Wir rechnen daher auf Eure Hülfe; und – verzeiht mir, wenn ich so spreche – wir werden uns nicht durch Euren Leichtsinn und Wankelmuth hindern lassen.«

»Was? – Leichtsinn und Wankelmuth?« sagte der Herzog. »Ihr seht mich hier so entschlossen, als irgend Einen von Euch, die Maitresse zu verdrängen und das Complot zu befördern; dieß sind die beiden Sachen allein, für die ich auf dieser Welt lebe. Niemand kann den Geschäftsmann spielen, wie ich, wann mir's beliebt, bis zum Ordnen und Beschriften meiner Briefe. Ich bin sorgfältig, wie ein Kanzellist.«

»Ihr habt Chiffinch's Brief vom Lande; er sagte mir, er habe Euch über einige Vorfälle zwischen ihm und dem jungen Lord Saville geschrieben.«

»Ja, das hat er – das hat er gethan,« sagte der Herzog, und sah unter seinen Briefen nach; »aber ich finde gerade jetzt seinen Brief nicht. – Ich habe kaum auf den Inhalt gemerkt. – Ich hatte Geschäfte, als er kam – aber ich habe ihn aufgehoben.«

»Ihr hättet darnach verfahren sollen. Der Thor ließ sich um sein Geheimniß betrügen, und bat Euch, dafür zu sorgen, daß der Bote des Lords nicht zur Herzogin einige Depeschen brächte, die er aus Derby schickte, und welche unser Geheimniß verriethen.«

Der Herzog war nun beunruhigt, und zog hastig die Klingel. Jerningham erschien. »Wo ist der Brief,« fragte er, »den ich vor einigen Stunden von Chiffinch erhielt?«

»Wenn er nicht unter denen ist, die Euer Durchlaucht vor sich haben, so weiß ich nichts davon,« sagte Jerningham. »Ich habe keinen solchen Brief ankommen sehen.«

»Ihr lügt, Schurke,« sagte Buckingham; »habt Ihr ein Recht, Euch besser zu besinnen, als ich?«

»Wenn Euer Durchlaucht mir die Erinnerung verzeihen, Ihr habt diese Woche kaum einen Brief eröffnet,« sagte Jerningham.

»Hörte man je einen so erbitterten Schurken?« sagte der Herzog. »Er könnte bei dem Complot einen Zeugen abgeben. Er hat meinen Ruf, als ordnungsliebend, mit seinem verwünschten Gegenzeugniß ganz zu Boden geschlagen.«

»Das Talent und die Fähigkeit Eurer Durchlaucht werden wenigstens unbestritten bleiben,« sagte Christian; »und diese sind es, die Euch und Euren Freunden dienen müssen. Wenn ich rathen darf, so eilt an den Hof, und legt einigen Grund zu dem Eindrucke, den wir zu machen wünschen. Wenn Euer Durchlaucht das erste Wort nehmen, und einen Wink hinwerfen können, um Saville zu hintergehen, so wird es gut sein. Aber vor Allem haltet das Ohr des Königs immer in Beschäftigung, und das kann Niemand so wohl, als Ihr. Laßt Chiffinch sein Herz mit einem passenden Gegenstande erfüllen. Eine andere Sache, da ist ein einfältiger alter Ritter, der muß nothwendig zum Besten der Gräfin von Derby geschäftig sein; – er ist in Hast mit der ganzen Zunft Zeugen hinter ihm her.«

»Nun also, greif' ihn, Topham.«

»Topham hat ihn schon ergriffen, mein Herzog,« sagte Christian; »und außerdem ist da ein junger Stutzer, ein Sohn des erwähnten Ritters, der in dem Hofstaate der Gräfin erzogen wurde, und Briefe von ihr an den Provinzial der Jesuiten und an Andere in London mitgebracht hat.«

»Wie heißen sie?« fragte der Herzog trocken.

»Ritter Gottfried Peveril auf dem Schloß Martindale in der Grafschaft Derby, und sein Sohn Julian.«

»Was! Peveril vom Gipfel?« rief der Herzog aus; »ein alter, tapferer Kavalier, wie je einer einen Eid schwor – in Wahrheit ein tüchtiger Mann, wenn es was zu thun gab. Ich will nicht zu seinem Untergange stimmen, Christian.«

»Es ist indessen für die Beförderung unsers Plans nicht unwichtig,« sagte Christian, »daß Ihr durch Euer Dazwischentreten eine Zeit lang die Gunst des Königs von ihnen abhaltet. Der Jüngling gilt Etwas bei dem Mädchen, und wir dürften das schwerlich unsern Absichten vortheilhaft finden; überdieß schätzt ihn ihr Vater so hoch, als nur irgend Jemand kann, der kein so puritanischer Narr ist, wie er selbst.«

»Gut, allerchristlichster Christian,« sagte der Herzog, »ich habe Eure Befehle endlich gehört. Ich will mich bemühen, den Erdboden unter dem Throne zu verstopfen, daß weder der Lord, noch der Ritter, noch der Junker, von denen hier die Rede ist, es möglich finden, sich da einzugraben. Was das schöne Mädchen betrifft, so muß ich es Chiffinch und Euch überlassen, ihre Einführung zu ihren hohen Bestimmungen zu besorgen, weil ich damit nicht beauftragt werden soll. Lebt wohl, allerchristlichster Christian.«

Er heftete die Augen auf ihn, und rief dann, als er die Thüre des Zimmers schloß, aus: »Höchst ruchloser und verdammungswürdiger Bube! und was mich am meisten von Allem erbittert, ist die gelassene Unverschämtheit des Schurken. Euer Durchlaucht werden dieß thun – und Euer Durchlaucht werden geruhen, das zu thun. – Eine hübsche Puppe soll ich sein, die zweite oder vielmehr die dritte Rolle in einem solchen Plane spielen! Nein, sie sollen Alle nach meinem Vorsatze zu Werke gehen, oder ich werde ihnen in den Weg treten. Ich will dieß Mädchen wider ihren Willen ausfindig machen, und sehen, ob ihr Plan glücklichen Erfolg verspricht. Wäre dieß, so soll sie mein sein – ganz mein, ehe sie dem Könige zu Theil wird; und ich will ihr befehlen, wer Carl zu leiten hat. – Jerningham!« – dieser trat wieder herein – »laßt Christian nachspüren, wohin er geht, für die nächsten vierundzwanzig Stunden, und ausfindig machen, wo er ein neulich in die Stadt gekommenes Frauenzimmer besucht. – Ihr lächelt, Schelm?«

»Ich vermuthete nur eine frische Nebenbuhlerin zu Araminta und der kleinen Gräfin,« sagte Jerningham.

»Fort zu Eurem Geschäft, Schurke,« sagte der Herzog, »und laßt mich an meines denken. – Einen Puritaner in Esse – eine Geliebte des Königs in Posse – das wahre Muster westlicher Schönheiten – zu überwältigen – das ist der erste Punkt. Die Unverschämtheit dieses Manenser Hundes zu züchtigen – den Stolz der Madame la Duchesse niederzuschlagen – eine wichtige Staatsintrigue zu befördern oder zu vereiteln, wie die Umstände es am meisten zu meiner Ehre und meinem Ruhm erfordern, der zweite – ich wünschte nur eben Beschäftigung, und ich habe genug erhalten. Aber Buckingham wird seinen eignen Weg durch Untiefen und Ungewitter hindurch steuern.«



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