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26

Er warf einen Blick nach den Plätzen der Geschworenen; er stellte mit Genugtuung fest, daß die Frau, die dort saß, wachsam und bereit schien. Unwillkürlich kam es ihm vor, als müßte er seine Worte vornehmlich an sie richten, als hingen von ihrem Verstehen und ihrem Einfühlen Erfolg und Schicksal ab.

Doktor Hiller begann. Er sagte, daß er nicht hier stehe, um eine Mörderin zu verteidigen, geschweige, um einen Mord romantisch zu verklären. Für das letztere sei in einem gesunden Staatswesen und bei einer verantwortungsbewußten Rechtspflege kein Raum. Er wolle von vornherein feststellen, daß er weit entfernt sei von Humanitätsduselei, für die das gesunde Volksempfinden kein Verständnis habe, und man möge ihn nicht im Verdacht haben, mit seiner Verteidigung einer solchen Auffassung Vorspanndienste zu leisten.

Er stehe hier, um darzulegen, daß das, was hier abzuurteilen sei, überhaupt kein Mord war, keine grausige, schuldhafte Tat, sondern ein Verhängnis, ein unglückliches Geschehen, für das niemand die schwere Verantwortung treffe. Mathematisch beweisen läßt sich das freilich nicht; es gibt auch keine Zeugen dafür; aber dem Seelenkenner, dem nichts Menschliches fremd ist, muß sich diese Tatsache aus den psychologischen Indizien folgerichtig ergeben.

Es ist lautlose Stille. Alle Augen im Saale hängen an seinen Lippen. Seine hohe, musikalische Stimme beherrscht den Raum. Er spricht von Magdas freudloser Jugend, der die Liebe fehlt. Liebe tritt erst in ihr Leben, als sie längst eine reife Frau ist, hinausgewachsen über die Schwärmerei der Jugend, vertraut mit den Nöten des Lebens und erfüllt von der Erkenntnis, daß das größte Glück die Liebe ist: hier die Mutterliebe, die so selbstlos und rein ist, daß ihr nichts auf Erden an die Seite gestellt werden kann, dort die Liebe zum anderen Menschen, die naturgewollt ist, weil sie Erfüllung bedeutet.

Doktor Hiller greift nach den Blättern, die vor ihm auf dem Tisch liegen. »Meine Mandantin bittet, sie nicht zu verkennen. Sie wird zu ihren Richtern offen sein. Sie verweigert ihre Aussage nicht, auch dort nicht, wo es ihre physischen Kräfte übersteigt, mit gesprochenem Wort ihre Seele freizulegen.«

Er nimmt die Blätter auf; ohne Uebergang von seinen Worten zu den ihren, aber vernehmlich und sichtbar für alle fährt er fort:

»Am Leidenslager jenes hartgeprüften Mannes lernte ich ihn kennen. Er pflegte den Freund mit Hingebung und, wie ich oft beobachtete, mit verzweifelter Angst um den Ausgang. Ich kannte die Ursachen und die letzten Hintergründe dieser angstgefolterten Sorge nicht; ich rechnete sie allein einem großen, reichen Herzen zugute. Ich flehte um die Heilung; nicht allein um des Unglücklichen willen, der in seiner fürchterlichen Nacht sehnsüchtig nach Licht verlangte, sondern um seinetwillen, der mit dem Schicksal verzweifelt um die Genesung rang. Warum hat man mir damals den Schleier nicht gelüftet?! Oh, es wäre vieles anders gekommen, als es nun kommen mußte.

Ich sah ihn dann allmählich zuversichtlicher und fast heiter werden und schrieb es wieder einzig der selbstlosen Anteilnahme zu, bis es endlich sichtlich wie Erlösung über sein ganzes Wesen kam, als das unverletzte, aber schwer gefährdete Auge doch noch gerettet wurde. Ich war selbst so glücklich darüber – warum im letzten Grunde, das empfand ich nicht klar. War es nun dieses Frohgefühl über den Erfolg unserer Pflege und über das Wunder der Natur: als ich einmal am Tische saß und meine Listen führte, trat er hinter mich und legte mir leise die Hand aufs Haar und sagte innig: ›Liebe Schwester Magda!‹ Ich war betreten, aber maßlos beglückt über seinen lieben, warmen Ton und stand unwillkürlich auf. Da drückte er mir sanft die Hände auf die Wangen und sah mir in die Augen und sagte: ›Ich weiß nicht, ich habe Sie so liebgewonnen in diesen Tagen – sind Sie mir böse deshalb?‹ ›O nein,‹ sagte ich, und dann sah er mich lange an und küßte mich auf die Stirn ...«

Doktor Hiller wirft ein Blatt herum; in der kurzen Pause hört man nichts als das leise Knistern des Papiers.

»... Er bat mich, ihn auf Abendspaziergängen zu begleiten, und ich tat es gern. Wir gingen durch stille Parkanlagen, fuhren oft auch ein Stück ins Freie: immer waren es Stunden voll Beglücktheit und Harmonie, die mich ein liebearmes Leben vergessen ließen. Es war, als käme eine späte Blüte über mich, die ich in der Jugend versäumt hatte, und der sie erweckte, wurde mir lieb und teuer. Ich war ein im Schatten wandelnder Mensch gewesen und trat nun ins Licht, und mein Leben war wie begnadet von Sonne und Liebe. Hermann Eggebrecht sagte mir in diesen Tagen, daß auch sein Leben einen erhöhten Schmuck empfangen habe. Das beglückte mich tief ...«


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