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14

Im Krankenhaus ging alles wieder seinen gewohnten Gang.

Für Doktor Eggebrecht war ein neuer Arzt eingetreten, ein jüngerer Mann, der mit großem Eifer seinen Dienst übernahm. Die Lücke hatte sich geschlossen. Die Patienten Eggebrechts waren mit der Zeit entlassen worden, neue waren gekommen, die ihn nicht kannten.

Das Personal hatte seinen anstrengenden Dienst, der die Gedanken in Anspruch nahm und wenig Zeit zum Verweilen bei Erinnerungen und müßigen Vermutungen ließ.

Das Leben ging weiter und zeigte, daß niemand unentbehrlich ist.

»Sie sind seit des Doktors Tode entschieden ernster geworden, Magda«, sagte Schwester Anna. »Ich will es gerne verstehen. Sie haben mehr mit ihm zu tun gehabt als ich, und er hatte gewiß auch viel für Sie übrig.«

»Für das letztere haben Sie keinen Beweis«, antwortete sie in ruhiger Abwehr. »Wenn Sie zufällig Frau Herwegh in der Klinik gepflegt hätten, wären eben Sie zu der Familie ins Haus gekommen, und das ist das einzige, was mich dem Doktor vielleicht etwas nähergebracht hat.«

»Warum wollen Sie nicht zugeben, daß Ihnen sein Tod nahegeht? Glauben Sie, Sie seien die einzige? Wünschen wir nicht alle, daß man den Mörder bald findet? Ob es wohl dieser Herr Hermsdörffer ist, glauben Sie das?«

Magda schwieg eine Weile, dann antwortete sie, ohne Schwester Anna anzusehen:

»Das kann ich nicht wissen. Ich habe mich auch gewundert, daß man ihn verhaftet hat.«

Schwester Anna hatte recht. Magda war in letzter Zeit stiller geworden, ernster, verschlossener. Freilich stand das nicht in schroffem Gegensatz zu ihrem früheren Wesen; sie war ihrem Alter entsprechend immer anders gewesen als die lebhafte Zwanzigjährige. Aber es konnte doch auffallen, daß sie, wenigstens außerdienstlich, zurückhaltender geworden war, ihren Dienst zwar ohne Veränderung versah, aber in ihren freien Stunden ein stilles Dasein führte, kaum ausging und nie die Gesellschaft anderer suchte.

Im dritten Stockwerk des Seitenflügels hatte sie unter den Wohnräumen des anderen weiblichen Pflegepersonals ihr Zimmer, einen großen, luftigen Raum, mit Fenstern, die nicht so hoch und breit waren wie die der Krankensäle, aber dafür den Raum wohnlich und warm machten und eine schöne Sonne hereinließen.

Der Blick ging auf das Häusermeer der Stadt. Das Zimmer war mit Dienstmöbeln ausgestattet und hätte wohl nüchtern wirken können, wenn nicht eine sinnige Frauenhand überall ihre Spuren hätte fühlen lassen. Ein paar nette Kleinigkeiten auf den Möbeln und an den Wänden, vielfach Erinnerungen an liebe Menschen, die ihren Lebensweg gekreuzt hatten, hübsche Vorhänge an den Fenstern, nichts Geschmackloses, alles schlicht und klar seinem Zwecke entsprechend: die Zuflucht einer empfindsamen Seele aus der grausamen Welt und dem harten Dienst dieses Hauses.

Hier verbrachte sie ihre freien Stunden; aber nicht selten geschah es, daß ein Anruf Irene Herweghs sie aufstörte und sie bat, ins Haus an der Parkstraße zu kommen. Dann fuhr der Wagen vor und brachte sie später wieder heim.

An dem Tage, als Landgerichtsrat Karsten die Vorladung für Herbert Thiessen nach Hamburg gehen ließ, fragte im Büro des Krankenhauses eine Dame an, ob hier eine Pflegerin Magdalene Fromann angestellt sei.

Schwester Anna, die zufällig anwesend war, gab ihr Bescheid. Sie fügte aber hinzu, daß die Schwester gegenwärtig wohl kaum zu sprechen sei, da sie im Krankensaal Dienst verrichte. Es sei gegen die Vorschrift, sie abzurufen.

Die Dame wehrte ab: dies sei auch durchaus nicht ihre Absicht; aber vielleicht könne sie erfahren, wann die Schwester heute dienstfrei sei. Schwester Anna wußte es: von fünf Uhr nachmittags an.

Die Besucherin dankte. Sie werde wiederkommen, sagte sie; ob man vielleicht Schwester Magda benachrichtigen wolle?

»Gern.«

Damit verabschiedete sie sich; man hatte versäumt, sie nach dem Namen zu fragen.

Als Magda später davon erfuhr, war sie erstaunt. Sie hatte keine Bekannten in der Stadt; wer konnte es gewesen sein? Vielleicht war es eine ihrer früheren Patientinnen, sagte sie sich dann. Es gab viele dankbare Menschen, die die Pflege mit Anhänglichkeit vergalten. Immerhin –

»Wie sah die Dame aus?« konnte sie sich nicht enthalten zu fragen. »Haben Sie sie gesehen?«

»Eine schöne Frau, schlank, nicht mehr jung, aber mit glattem, faltenlosem Gesicht und auffallend schönem Mund.«

»Gott, so sehen viele aus.«

»Sie hatte volles weißes Haar und war sehr schick gekleidet.«

Magda suchte in ihrer Erinnerung; Schwester Anna wollte ihr helfen:

»Sie sprach anders als wir, ich glaube norddeutsch.«

Magda horchte auf. »Norddeutsch?«

»Ich denke, das ist Norddeutsch, wenn man das ›s‹ so scharf spricht. Die Norddeutschen sind doch auch meist große, schlanke Menschen?«

»Möglich. Jedenfalls danke ich Ihnen, meine Liebe.«

Damit brach Magda das Gespräch plötzlich ab. Anna Hofer sah ihr ein wenig befremdet nach.

Die Dienststunden bis fünf Uhr verbrachte Magda in leiser Unruhe. Wer störte sie hier auf? Warum ließ man ihr nicht den Frieden? Wenn ihre Ahnung sie nicht täuschte – warum ließ man wiederauferstehen, was untergegangen und auch überwunden war? Eine schlanke Gestalt und volle Lippen, die ihr immer aufgefallen waren, weil sie dieses Gesicht so weich und gütig machten? Und die Sprache? Was wußte man von ihr? Was wollte man ihr sagen? Was es auch sein sollte – man würde sie jedenfalls nicht schwächlich finden. Das Leben war eine strenge Lehrmeisterin gewesen.

Und dann wird es Gewißheit. Sie sitzt der Frau gegenüber, die sie nicht wiederzutreffen geglaubt hat, als sie ohne Abschied von ihr ging. Sie ist noch dieselbe wie damals, eine vornehme Frau, gehalten, natürlich und von tiefer Innerlichkeit. Es ist ja auch noch nicht lange her.

Eine milde Wärme ist im Raum und ein feingetöntes Licht. Es ist beginnender Abend. Die Gegenstände im Zimmer strömen den Reiz der Wohnlichkeit aus, es ist alles hübsch und blitzblank. Frau Thiessen sieht sich nicht neugierig um, aber sie empfindet es. Das ist der Nährboden, auf dem die guten Gedanken erwachsen.

»Sie sind erstaunt, liebes Kind, daß ich Sie aufsuche, daß ich Ihnen nachgereist bin? Warum haben Sie uns so plötzlich verlassen?«

»Ich habe doch meine Stelle gewechselt«, antwortete Magda leise.

»Ohne ein Wort des Abschieds für Ihre Freunde? Aber nein – ich bin nicht gekommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen, um Gottes willen nicht! Nein, sprechen wir nicht davon. Ich bin doch so froh, daß ich Sie endlich gefunden habe.«

»War es denn so schwer?«

»Es ist immerhin nicht so einfach, einen Ausreißer zu suchen.« Sie überbrückte durch das Wort und ein gütiges Lächeln das, was noch zwischen ihnen stand. »Man mußte an manche Türen klopfen. Ja, es ist seltsam, so eine Suche. Ich mußte manchmal denken, daß die Polizei so einen Mörder sucht.«

Das Wort änderte die Stimmung mit einem Male; Magda fragte voll Ernst:

»Sie kommen um Hermann Eggebrecht, gnädige Frau?«

»Ja – und nein. Natürlich drehten sich alle unsere Gedanken lange Zeit um ihn – und auch heute noch – es hat Herbert – es hat meinen Sohn recht ergriffen. Das ist ja selbstverständlich. Aber Männer sind eben keine jungen Mädchen; es ist nun einige Zeit her; schließlich muß man ja auch einmal auf andere Gedanken kommen. Erinnern Sie sich noch der Zeit, als Sie gemeinsam mit ihm meinen Sohn pflegten?«

»Ob ich mich erinnere, gnädige Frau? Es war, abgesehen von dem traurigen Anlaß, meine schönste Zeit.«

»War es das? Das ist schön von Ihnen, Magda.«

»Das heißt, es war eine sorglose Zeit; es war noch nichts Erschütterndes geschehen. Es war alles gut und rein; man konnte – ach, liebe Frau Thiessen!« was soll ich sagen!«

»Sprechen Sie nicht so ernst, das klingt wie Schuld. Das steht Ihnen schlecht; das paßt nicht zu Ihrem guten Herzen. Davon lassen Sie mich erzählen.«


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