Autorenseite

 << zurück weiter >> 

19

Landgerichtsrat Karsten war an demselben Tage von Hamburg zurückgekehrt.

Er saß am nächsten Vormittag in seinem Dienstzimmer, als nach flüchtigem Klopfen der Gerichtsbote eintrat und meldete, daß man ihn zu sprechen wünsche.

»Wer ist es?«

»Eine Frau. Fromann nennt sie sich. Offenbar die Zeugin in der Sache Eggebrecht.«

Karsten ließ auch jetzt seine Ueberraschung nicht merken. »Einen Augenblick«, sagte er, »ich werde klingeln.«

Draußen wartete Magda in dem langen Korridor des nüchternen, freudlosen Landgerichtsgebäudes.

Sie stand am Fenster und nahm den Bescheid des Gerichtsdieners stumm entgegen. Der verschwand in seinem vom Korridor abgegrenzten Raum und ließ sie allein. Magda sah in den Hof hinab, einen der trostlosen, viereckigen Innenhöfe des riesigen, vielteiligen Baues. Schmutzige Schneeflecke bedeckten den Boden; in einer Ecke lag ein Berg Feuerungsmaterial, Kohlen, grobe Holzscheite und anderes. Kahle, gardinenlose Fenster mündeten auf ihn. Es war ein Sinnbild der Öde und Verlassenheit.

Sie sah es, ohne daß es ihr zum Bewußtsein kam. Sie wollte es auch nicht sehen. Sie hatte mit ihrer Umgebung abgeschlossen, mit allem, was da geschah und was hinter ihr lag. Sie hatte ihrem Chef gemeldet, daß sie zum Gericht müsse. Darüber hinaus hatte sie geschwiegen. Es war ihr auch nicht allzu schwer geworden. Nur die Sache mit Irene hatte ihr das Herz zerrissen.

Den Weg hierher war sie mit furchtbarer Entschlossenheit gegangen; jetzt stand sie und kämpfte darum, daß diese Stärke sie nicht verließ. Es war unmöglich, so weiter zu leben, durch die Tage mit ihrer großen Lüge und durch die Nächte mit ihrer Qual. Dann lieber dieser Gang! Lieber hier stehen, gedemütigt, vor den Augen der Welt mit einer Schuld beladen, von der sie trotz allem, was gegen sie zeugte, nichts wußte ... lieber das, als die ungeheure Last dieses Scheins auf sich fühlen, jedes Wort jeden Blick, jede Bewegung meistern müssen, sich ins Gesicht sagen lassen müssen, daß man niemand ein Leid anzutun vermöchte. Mochte kommen, was wollte, nur los von dieser Bürde!

Gedämpfte Schritte gingen vorüber, die von wortlosen Menschen kamen. Sie sah nicht auf. Aber sie erschrak, denn sie brachten sie in die Gegenwart zurück. Was sollte werden? Sie hatte nicht darüber nachgedacht, sie wollte es auch nicht wissen. Sie wollte ja nur das eine, daß der bisherige Zustand ein Ende nähme, komme, was da wolle, und wenn es die Sintflut war. Nur stark bleiben ... Nein, nicht unnütz die Kraft vergeuden mit Hingabe an das Vergangene oder Reue über das, was nun einmal geschehen war. Und weg mit aller weichlichen, törichten Furcht vor dem Kommenden!

Sie hatte das leise Schnarren nicht gehört, das dem Gerichtsdiener das Zeichen gab; sie hatte ihn auch nicht kommen sehen. Sie hörte nur eine Stimme, die »Bitte!« sagte, sah eine Tür geöffnet und stand dem Richter gegenüber. Sie grüßte stumm durch eine Bewegung des Kopfes, und Karsten tat das gleiche. Ebenso wortlos lud er sie zum Sitzen ein.

Er saß, wie es hier üblich war, gegen das Fenster; der Schein des Tageslichts fiel auf die Besucherin.

Seine geübten Augen fanden sie verändert. Er stellte einen gequälten Zug um den Mund fest, Linien von den Mundwinkeln abwärts, die ihm früher nicht aufgefallen waren. Die Lider waren umschattet.

»Sie kommen, als wenn Sie es gewußt hätten.« Er zeigte auf ein Papier, das vor ihm auf dem Tische lag. »Wollen Sie, bitte, lesen: eine Vorladung für morgen.«

Sie sah nicht hin und fragte, nur um zu antworten: »Für mich?«

»Allerdings. Es ist Anlaß vorhanden, Sie aufs neue zu vernehmen.«

»Und worüber sollte ich befragt werden?«

»Gut«, sagte er, »beginnen wir damit. Warum haben Sie mir nicht die Wahrheit gesagt?«

»Ich habe Sie nicht belogen.«

»Der Begriff ›Wahrheit‹ ist hier ein anderer, als Sie ihn offenbar auszulegen belieben. Die Formel wird Ihnen nicht unbekannt sein: ›nichts verschweigen und nichts hinzufügen‹. Bleiben wir bei beim ›Nichts verschweigen‹. Warum haben Sie nicht gesagt, daß Sie mit Doktor Eggebrecht von früher her bekannt waren, daß Sie mit ihm gemeinsam in Hamburg angestellt gewesen sind?«

»Sie haben mich nicht danach gefragt.«

»Es war dennoch Ihre Pflicht. Sie hatten sich über Ihre gesamten Beziehungen zu ihm auszusprechen.« Er sah scharf zu ihr hinüber, seine Augenbrauen spannten sich zu Bogen. »Ich will dabei absichtlich vermeiden, das Wort ›Verhältnis‹ anzuwenden.« Und dann fuhr er ganz langsam und betont fort: »Es liegt begründeter Anlaß vor, anzunehmen, daß in diesem Falle die Antwort noch anders zu lauten hätte.«


 << zurück weiter >>